Das Jüdische Landschulheim Coburg entstand nach 1933 in der Hohen Straße 30 in Coburg aus einem Internat, das der Prediger Herrmann Hirsch nach dem Ersten Weltkrieg für jüdische Jungen gegründet hatte, die vom Land kamen und in der Stadt eine weiterführende Schule besuchten. Es ist eins der drei in den 1930er Jahren in Deutschland existierenden Jüdischen Landschulheime.Hildegard Feidel-Mertz: Jüdische Landschulheime im nationalsozialistischen Deutschland. In dem von Rebecca Heinemann am 13. Mai 2014 auf der Webseite Historisches Lexikon Bayerns veröffentlichten Beitrag Jüdisches Schulwesen in Bayern (1918/19-1945) findet das Jüdische Landschulheim Coburg weder unter diesem noch unter einem anderen Namen Erwähnung.
Hermann und Berta Hirsch in der Zeit bis 1933 Hermann Hirsch (* 19. Juni 1885 in Hanau – † 29. Januar 1942 in Pardess Chana)Kurzbiografie Hermann Hirsch. Auf dem in ist 1883 als Geburtsjahr angegeben. 1885 stimmt allerdings überein mit einer für Hirsch ausgestellten städtischen Bescheinigung aus dem Jahr 1939. (Hubert Fromm: Die Coburger Juden. 2001, S. 244) besuchte nach dem Abitur von 1906 bis 1910 das Musik-InstitutChronik des Musik-Instituts Koblenz in Koblenz und lässt sich zusätzlich noch zum Religionslehrer ausbilden. Seine erste Anstellung als Lehrer findet er in Andernach, bevor er 1914 Prediger der Israelitischen Kultusgemeinde in Coburg wird.Die Familie des Predigers Hermann Hirsch. In: Hubert Fromm: Die Coburger Juden. 2001.
Zu dieser Zeit war Hermann Hirsch bereits mit Berta Daniel (* 16. Mai 1891 in Bendorf – † 1972) verheiratet, die aus einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie stammte.. In der Datenbank des BLLV gibt es allerdings eine davon abweichende Darstellung: „Am 24. Dezember 1913 heiratete er in Bendorf am Rhein Sophie Drach. Während Hermann Hirsch ‚im Feld‘ war, gebar seine Frau am 24. August 1915 in Bendorf die erste Tochter: Leonore, genannt Lore.“ (Kurzbiografie Hermann Hirsch) Über den Zeitpunkt der Eheschließung mit Berta Daniel wird in dieser Datenbank nichts ausgesagt. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor: Leonore („Lore“, * 24. August 1915 in Bendorf) hat in Coburg das Gymnasium besucht und ging 1933 nach Holland. Von hier aus wanderte sie 1934 über die Schweiz nach Palästina aus. Sie wurde in Jerusalem zur Lehrerin ausgebildet und war mit einem in Palästina geborenen Mann verheiratet. Kurzzeitig hat sie wohl auch als „Haustochter“ im Internat des Vaters gearbeitet.Kurzbiografie Leonore Hirsch Esther (* 1920 in Coburg) besuchte von 1937 bis 1939 die Ecole Superieure de Commerce in Lausanne. In einer Anzeige in der Jüdischen Rundschau stellte sich diese Schule folgendermaßen dar: „Staatsschule mit Handelsdiplom und Maturität. Alle modernen Unterrichtsfächer und Sprachen. Töchter-Abteilung. Dreimonatige Kurse mit achtzehn Stunden Französisch wöchentlich. Mäßiges Schulgeld. Auskunft erteilt der Direktor Prof. Ad. Weitzel.“Jüdische Rundschau. Allgemeine jüdische Zeitung, Heft 5 (17. Januar 1936). Eine ausführliche Geschichte der Ecole Superieure de Commerce ist über das ARCHIVES CANTONALES VAUDOISES abrufbar. Zu Adolphe Weitzel siehe: , Band 5, Juli 1951, Nr. 3, S. 154–155.Als Esther Hirsch hier ihr Abschluss-Diplom erhielt, waren ihre Eltern bereits nach Palästina ausgereist, und um ihnen folgen zu können, musste sie eine Scheinehe mit einem Mann eingehen, der einen palästinensischen Pass besaß. Dies gelang durch die Vermittlung ihrer Schwester. Esther arbeitete zunächst zusammen mit ihren Eltern in dem von Clara Weimersheimer gegründeten Kinderdorf »Meschek Jeladim« in Pardess Chana, bevor sie für einige Zeit nach Tel Aviv und Jerusalem ging. Aufgrund der Krankheit ihres Vaters und dessen anschließendem Tod kam sie 1942 wieder nach »Meschek Jeladim« zurück. Clara Weimersheimer schloss 1944 das Kinderheim, worauf Berta und Esther Hirsch ihre Arbeit im Kinderheim Neve Hayeled in Naharija fortsetzten. Esther lernte hier ihren Mann Gideon Hirschfeld kennen und gründete ein Jugend-Blasorchester.Klaus Kreppel: Nahariyya und die deutsche Einwanderung nach Eretz Israel. Die Geschichte seiner Einwohner von 1935 bis 1941. Nahariyya zum 75. Jahr seiner Gründung gewidmet. Das offene Museum, Industriepark Tefen (Israel), 2010, ISBN 978-965-7301-26-5, S. 386–387.
Am 26. Januar 1915 wird Hermann Hirsch zum Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg einberufen und im anschließenden Frühjahr in Frankreich eingesetzt. Er diente zunächst bei der Infanterie und wurde dann Feldprediger für die jüdischen Soldaten der 9. Landwehr-Division. mini|Haus Hohe Str. 30, Coburg 1917 kehrte Hermann Hirsch aus dem Krieg zurück und gründete das Internat Prediger Hirsch. Ob sich dieses Internat bereits in der Hohe Straße 30 (Coburg) befand, ist unklar. Hermann Hirsch wurde im Januar 1919 Eigentümer der repräsentativen Villa.Das ergibt sich aus der auf der Webseite Forum Jüdische Schule Coburg zitierten Archivauskunft: «Eine schriftliche Auskunft vom 31.3.2015 des Staatsarchivs Coburg, über die Akte 234 aus dem Finanzamt Coburg besagt: ‚Das Grundbuch Coburg, Band 4, Blatt 307 und die dazugehörigen Grundbuchakten – Blatt 1387f – weisen nach, dass das Eigentum an der Immobilie [im Jahr, JG] 1919 von Oberleutnant Jenö Egan-Krieger aus Charlottenburg an Hermann Hirsch überging. In den Grundbuchakten ist vermerkt, dass Hermann Hirsch den fälligen Reichsstempel nach Ausweis einer vorgelegten Quittung am 23. 1. 1919 an den Notar Hirsch in Coburg bezahlt hat.‘ Über den Erwerb dieser Immobilie gibt es widersprüchliche Aussagen, sowohl hinsichtlich des Kaufzeitpunkts als auch des Käufers: vielfach wird behauptet, Berta Hirsch habe das Haus erworben. Da sie aus einer wohlhabenden Familie gestammt haben soll, ist zumindest naheliegend, dass von ihr bzw. ihrer Familie der Kaufpreis aufgebracht wurde.»
Das Internat sollte Knaben vom Lande eine Heimstatt bieten, die in Coburg eine weiterführende Schule besuchten. Der Schulbetrieb des Internats scheint sich bis 1933 weitgehend auf den durch Hirsch erteilten Religionsunterricht beschränkt zu haben.Baruch Z. Ophir und Falk Wiesemann (Hrsg.): Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918–1945. S. 125–129. Dafür spricht auch, dass Hirsch weiterhin als jüdischer Religionslehrer an Coburger Schulen unterrichtete. Außerdem war er bis 1933 als Musikkritiker für das Coburger Tageblatt tätig und war Mitglied des Jugendamtasusschusses und des Wohlfahrts-Hauptausschusses der Stadt Coburg. Sowohl als Journalist als auch als Kommunalpolitiker geriet Hirsch von Mitte der 1920er Jahre in zunehmendem Maße ins Kreuzfeuer der Nationalsozialisten.
Am 26. März 1926 forderte die Stadtratsfraktion der NSDAP Hermann Hirschs Ausschluss von seinen kommunalpolitischen Ämtern: Dem Begehren der NSDAP wurde nicht stattgegeben, doch die Angriffe gingen weiter. Ende Oktober 1926 hatte Hermann Hirsch eine harte Kritik im Coburger Tageblatt über die Aufführung der Oper Der Evangelimann von Wilhelm Kienzl im Landestheater Coburg verfasst. Diese Kritik führte zu einer erneuten scharfen Attacke der NSDAP im Coburger Stadtrat, vorgetragen von deren Fraktionsvorsitzendem Franz Schwede, der später Oberbürgermeister der Stadt wurde: Hirsch kann sich dieser Anfeindung noch erwehren. Er schreibt eine weitere Kritik über die zweite Aufführung des Stückes, in der er dieser ein besseres Gelingen als bei der Premiere attestiert. Gerade dies wiederum nimmt ihm Schwede übel und unterstellt ihm „bestimmte Gründe“ bei der Abfassung seiner ersten Kritik an dem Stück. Der Stadtrat, der die erste Kritik als „Entgleisung“ seitens des Kritikers verurteilte, lehnte ein weiteres Vorgehen gegen Hirsch, wie von der NSDAP gefordert, jedoch ab.
Schwede blieb auch im Juli 1929 mit einem Versuch erfolglos, Hirschs Wiederwahl in den Wohlfahrts-Hauptausschuß zu verhindern, doch im März 1933 zählt Hirsch zu den ersten Opfern der Judenverfolgung in Coburg. Er kann sich zwar einer Verhaftung anlässlich einer Hausdurchsuchung durch die Flucht nach Bayreuth entziehen, er wird aber aufgespürt, verhaftet und nach Coburg zurückgebracht. Er wird für eine Woche inhaftiert, misshandelt und am Ende gezwungen, eine Erklärung abzugeben, dass den Juden in Coburg kein Leid geschehen sei.
Die Jüdische Schule zwischen 1933 und 1938 Das Haus der Familie Hirsch entwickelte sich nach der nationalsozialistischen Machtergreifung zwangsläufig zum Zentrum des jüdischen Lebens in Coburg. Nachdem der Coburger Stadtrat bereits im September 1932 auf Drängen der NSDAP die Nutzung der Nikolauskapelle als Synagoge gekündigt hatte, fand deren endgültige Schließung am 16. März 1933 statt. Hirsch richtete darauf die Diele seines Hauses als Betraum her, in dem bis zum Novemberpogrome 1938 die religiösen Feiern der verbliebenen Juden stattfanden.Die jüdische Schule. In: Hubert Fromm: Die Coburger Juden. 2001, S. 207–223.
Das Internat aber blieb bestehen und sollte zu einer höheren Lehranstalt ausgebaut werden, wie aus einer Anzeige Hirschs in der Jüdischen Rundschau vom 7. November 1933 hervorgeht. Die äußeren Voraussetzungen seiner Schule beschreibt er ausführlich in der Anstaltssatzung vom 7. Mai 1935. Dort ist von einem stattlichen Heim in einem 7.000 m² großen Park die Rede, das mit „allen neuzeitlichen gesundheitlichen Einrichtungen versehen [sei]. Spiel- u. Turnplätze geben den Schülern Gelegenheit zu sportlicher Betätigung. Im Nutzgarten sollen sie zur Gartenarbeit angeleitet werden.“Anstaltssatzung vom 7. Mai 1935, abgedruckt in: Die jüdische Schule. In: Hubert Fromm: Die Coburger Juden. 2001, S. 207–223.
Im April 1934 wurden von Hirsch und zwei weiteren Lehrkräften 15 Schüler privat unterrichtet, und ab dem Schuljahr 1934/35 war die eigentlich inoffizielle Schule die einzige Schule für die vom Besuch der staatlichen Schulen ausgeschlossenen jüdischen Kinder Coburgs. Seinem Gesuch vom April 1934 um Genehmigung einer Umwandlung seines Internats in eine Privatschule stellte sich die Stadt Coburg allerdings entgegen, weil sie insbesondere durch eine höhere Schule den Zuzug auswärtiger jüdischer Kinder befürchtete. Die Regierung von Oberfranken setzte sich über diese Bedenken teilweise hinweg. Sie genehmigte die Einrichtung einer privaten Volksschule, untersagte aber die Einrichtung einer höheren Schule. So, wie das Jüdische Landschulheim Herrlingen offizielle nie eine jüdische Schule sein durfte, durfte Hirschs also keine höhere Schule werden. Sie „blieb – entgegen seiner Absicht und womöglich sogar der tatsächlich geübten Praxis – bis zum Schluß offiziell lediglich eine private jüdische Volksschule, der zwei ‚Fortbildungsklassen‘ angegliedert waren.“Hildegard Feidel-Mertz: Nachwort
Erziehungsziele und Aufgaben der Erziehung