mini|Kevin Kühnert (2024) Kevin Kühnert (* 1. Juli 1989 in West-Berlin) ist ein ehemaliger deutscher Politiker (SPD) und heutiger Lobbyist. Er war von Oktober 2021 bis März 2025 Mitglied des Deutschen Bundestages und von Dezember 2021 bis Oktober 2024 Generalsekretär seiner Partei. Von Dezember 2019 bis Dezember 2021 war er einer der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der SPD und von November 2017 bis Januar 2021 Bundesvorsitzender der Jusos. Bei der Bundestagswahl 2025 kandidierte er nicht mehr und zog sich aus der Politik zurück. Seit Dezember 2025 arbeitet er als Bereichsleiter für Steuern, Verteilung und Lobbyismus beim Verein „Bürgerbewegung Finanzwende“.
Leben Herkunft und Privates Kühnerts Vater ist Beamter in einer Bezirksverwaltung in Berlin und seine Mutter arbeitet in einem Jobcenter. Seinen Vornamen erhielt er nach dem englischen Stürmer Kevin Keegan, da seine Mutter ein Fan des Spielers war. In der Jugend spielte er Handball beim VfL Lichtenrade.„Sie waren froh, als jemand Junges kam“. In: tagesspiegel.de. 12. März 2018. Das Abitur erlangte er 2008 am Beethoven-Gymnasium in Berlin-Lankwitz, an dem er auch Schülersprecher war. Anschließend absolvierte er ein Freiwilliges Soziales Jahr im Kinder- und Jugendbüro Steglitz-Zehlendorf.
Ein im Jahr 2009 begonnenes Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin, in das er sich nach eigenen Angaben zuvor mit einer Studienplatzklage eingeklagt hatte, brach er 2010 ab und arbeitete anschließend bis 2014 im Callcenter von myToys.de. In den Jahren 2014 bis 2016 arbeitete er im Abgeordnetenbüro von Dilek Kalayci und von 2016 bis 2019 im Büro von Melanie Kühnemann-Grunow.Bürgerbüro Kühnemann im John-Locke-Kiez eröffnet! In: lichtenrade-berlin.de, 22. April 2017. Ein 2016 begonnenes Studium der Politikwissenschaft an der Fernuniversität in Hagen ruht seit seiner Wahl zum Bundesvorsitzenden der Jusos.Hat der überhaupt studiert?! In: taz.de. 24. September 2018. Er ist Fan der Fußballvereine Tennis Borussia Berlin, Arminia Bielefeld und FC Bayern München.Der Juso-Chef und seine drei Vereine In: spiegel.de. 10. Juli 2020. Von Juni 2013 bis Mai 2017 war er Mitglied des Aufsichtsrats von Tennis Borussia Berlin.TeBe absolvierte Mitgliederversammlung mit Wahlen. In: tebe.de. 19. Juni 2013.Verwerfungen in Lila-Weiß. In: tagesspiegel.de, 30. Januar 2019.
2018 äußerte er sich in einem Interview mit der Zeitschrift Siegessäule erstmals öffentlich zu seiner Homosexualität. 2019 lebte er in einer Wohngemeinschaft in Berlin-Schöneberg.Kevin Kühnert: „Die Jusos sind der öffentlich wahrnehmbare Teil des linken Flügels in der SPD“. In: vorwaerts.de. 22. November 2019. Er hat einen Partner, der FDP-Mitglied ist. In einem Interview mit dem Spiegel berichtete Kühnert 2024 von homophoben Erfahrungen mit „muslimisch gelesenen Männergruppen“, von denen es häufiger zu einem homophoben Spruch komme, „als man es sonst auf der Straße“ erlebe. „Natürlich“ sei der Großteil der Muslime in seinem Wahlkreis „nicht homophob. Aber die, die es sind, schränken meine Freiheit ein und haben kein Recht darauf. Und darüber werde ich nicht aus taktischen Gründen schweigen.“
Partei mini|hochkant|Kevin Kühnert bei der Veranstaltung „160 Jahre SPD“ im Willy-Brandt-Haus (2023) Kühnert trat 2005 in die SPD ein und war von 2012 bis 2015 Vorsitzender der Jusos Berlin. Ab 2015 fungierte er als stellvertretender Juso-Bundesvorsitzender und war für die Themen Steuerpolitik, Rentenpolitik, Strukturpolitik, Rechtsextremismus und Migrationspolitik sowie für die Social-Media-Arbeit zuständig. Nachdem Johanna Uekermann nicht noch einmal zur Juso-Wahl angetreten war, wählte ihn der Bundeskongress in Saarbrücken am 24. November 2017 mit 225 von 297 Stimmen zum Bundesvorsitzenden der Jusos. Am 22. November 2019 wurde er auf dem Bundeskongress in Schwerin für zwei weitere Jahre im Amt bestätigt. Er erhielt 264 von 298 abgegebenen Stimmen. Nachdem er das Amt wegen seiner Bundestagskandidatur vorzeitig niedergelegt hatte, wurde am 8. Januar 2021 Jessica Rosenthal mit 207 von 266 Stimmen zu seiner Nachfolgerin gewählt. Innerhalb der Jusos gehörte er dem Netzwerk Linkes Zentrum (NwlZ), einem der zwei linken Flügel des Verbands, an.
Von 2019 bis 2022 leitete er zusammen mit Melanie Kühnemann-Grunow die SPD-Abteilung Lichtenrade-Marienfelde.
Bei der Wahl zum SPD-Vorsitz 2019 unterstützte Kühnert Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans. Auf dem Bundesparteitag am 6. Dezember 2019 wurde er mit 70,4 Prozent der Delegiertenstimmen zu einem der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der SPD gewählt. Im Februar 2020 wurde er Verantwortlicher des SPD-Parteivorstands für den Bereich Immobilien, Bauen und Wohnen. Auf dem Bundesparteitag am 11. Dezember 2021 wurde er zum Nachfolger von Lars Klingbeil als Generalsekretär der SPD gewählt. 77,8 Prozent der Delegierten stimmten für ihn. Am 8. Dezember 2023 wurde er auf dem SPD-Bundesparteitag mit 92,6 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt.
Abgeordneter Von 2016 bis 2021 war Kühnert Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg.
Am 16. Dezember 2020 wurde er als Direktkandidat im Wahlkreis Berlin-Tempelhof – Schöneberg bei der Bundestagswahl 2021 nominiert und am 24. April 2021 wurde er auf Platz 3 der Berliner Landesliste gewählt. Bei der Wahl gewann er mit 27,1 Prozent der Erststimmen das Direktmandat und zog in den Deutschen Bundestag ein. Dort wurde er Mitglied im Ausschuss für Wohnen, Stadtentwicklung, Bauwesen und Kommunen. Er hielt am 11. Februar 2025 seine letzte Rede im 20. Deutschen Bundestag. Bei der Bundestagswahl 2025 kandidierte er nicht erneut.
Rückzug aus der Politik Am 7. Oktober 2024, knapp vier Wochen vor dem Ende der Ampel-Regierung am 6. November 2024, trat Kühnert vom Amt des SPD-Generalsekretärs zurück, was mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen begründet wurde. Ihm folgte kommissarisch Matthias Miersch nach. Sein Bundestagsmandat übte Kühnert jedoch bis zum Ende der Legislaturperiode aus, am 11. Februar 2025 hielt er seine Abschiedsrede im Bundestag.
Im April 2025 gab Kühnert gegenüber der Wochenzeitung Die Zeit an, sich aus mehreren Gründen aus der Politik zurückgezogen zu haben. Neben einem ständigen Gefühl der Bedrohung aus dem rechtsextremistischen Spektrum habe er auch nicht mehr den Eindruck gehabt, dass die Gesellschaft eine ausreichende „Wehrhaftigkeit“ demgegenüber zeige. Der „parlamentarische Arm für all das“ erhalte mittlerweile „enorm viel Zuspruch“. Außerdem monierte er den politischen Diskurs, in dem es zunehmend an Respekt für die Meinungen Andersdenkender fehle.
Nach der Politik Seit November 2025 schreibt Kühnert in der deutschen Ausgabe des Rolling Stone die zweiwöchentliche Kolumne „Teilnehmende Beobachtung“ und kommentiert darin gesellschaftliche und politische Entwicklungen.
Mitte Dezember 2025 meldete die Bürgerbewegung Finanzwende, Kühnert werde zukünftig als „Bereichsleiter für Steuern, Verteilung und Lobbyismus“ für die Organisation arbeiten.
Seit Februar 2026 fungiert Kühnert als einer der Gastgeber des Talkformats Missverstehen Sie mich richtig!.
Politische Positionen Kühnert bezeichnet sich als Sozialist: „Was unser Leben bestimmt, soll in der Hand der Gesellschaft sein und demokratisch von ihr bestimmt werden.“ Bei Internetkonzernen beispielsweise sei zu hinterfragen, ob sie Privateigentum sein sollten. Er wirbt für eine Polarisierung zwischen den großen Volksparteien, damit sich Rechtspopulisten nicht als vermeintliche Alternative darstellen könnten. Er fordert die Besteuerung von Vermögen, einen höheren Mindestlohn und die Bekämpfung von Leiharbeit.
Große Koalition Nach seiner Wahl zum Juso-Bundesvorsitzenden sprach sich Kühnert gegen die Bildung einer erneuten Großen Koalition aus („#NoGroKo“). Unter anderem führte er gegen eine Fortsetzung an, dass im Kabinett Merkel III die Glyphosat-Entscheidung gegen einen klaren Kabinettsbeschluss erfolgt sei. Hinsichtlich einer in der SPD diskutierten „Kooperationskoalition“, also einer Tolerierung einer Minderheitsregierung, sagte er in einem Interview im Dezember 2017: „Viele Menschen, die eine große Koalition nicht wollen, haben ein sehr feines Gespür dafür, wenn versucht wird, ihnen ein alternatives Modell zu verkaufen, […]“Nico Fried: Koalition – Kooperation – Krabbelgruppe. In: Süddeutsche Zeitung. 13. Dezember 2017, abgerufen am 19. Januar 2018. Während der Sondierungsgespräche über die Bildung einer Großen Koalition im Januar 2018 bekräftigte er seine Position und sprach sich stattdessen für eine Minderheitsregierung aus.
mini|hochkant|Kühnert bei einer #NoGroKo-Veranstaltung (2018) Nach dem SPD-Parteitag vom 21. Januar 2018 in Bonn intensivierten die Jusos ihre Kampagne #NoGroko und forderten Unterstützer unter dem Motto „Tritt ein, sag’ Nein“ zum Eintritt in die SPD auf, um die Große Koalition bei der Urwahl zu verhindern. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil kritisierte die Juso-Aktion: „Wenn man jetzt sagt, ‚Tritt ein: Für 10 Euro bleibst du zwei Monate Mitglied, stimmst gegen die Große Koalition und gehst dann wieder raus‘, das entspricht nicht dem, wie ich Partei-Arbeit verstehe. Das reduziert auch den Wert einer Mitgliedschaft. Da sollten wir klar vereinbaren, dass sowas nicht geht.“ Kühnert seinerseits betonte, dass die Jusos Neumitglieder werben wollten, die aus Überzeugung in die SPD eintreten, „weil sie unsere Grundwerte teilen. Wenn diese Mitglieder anschließend unserer Argumentation folgen, die Große Koalition abzulehnen, ist daran nichts anrüchig.“ Am 1. Februar 2018 wiederholte er im Interview mit Jan Böhmermann im Neo Magazin Royale seine Kritik an den Koalitionsverhandlungen und warf der CSU „rassistischen Bullshit“ vor, den die SPD als Anlass für den Abbruch der Gespräche nutzen sollte.Gereon Asmuth: Kevin Kühnert bei Jan Böhmermann: „Rassistischer Bullshit der CSU“. In: taz.de. 1. Februar 2018, abgerufen am 19. Februar 2018.Yannik Buhl: Juso-Chef Kevin Kühnert im „Neo Magazin Royale“. Der Anfang von Angela Merkels Ende? In: Stuttgarter Zeitung. 2. Februar 2017, abgerufen am 19. Februar 2018.
Wie schon 2013 ließ die SPD per Mitgliederentscheid über die Frage abstimmen, ob die Partei eine Koalition mit der CDU/CSU bilden solle. Bis zum 2. März mussten die entsprechenden Stimmzettel zurückgesandt werden. Zuvor tourte Kühnert durch die Bundesrepublik, um vor Mitgliedern und der interessierten Öffentlichkeit für die Ablehnung einer Großen Koalition zu werben. Bei Podiumsdiskussionen hatte er jeweils einen Vertreter der Pro-Position als Gegenüber. Begleitet wurde die Kampagne durch Radio- und TV-Interviews sowie die Teilnahme an Sendungen wie Markus Lanz. Hierdurch erlangte Kühnert Bekanntheit, auch über Deutschland hinaus.
Wirtschaftspolitik Kevin Kühnert forderte zum Tag der Arbeit am 1. Mai 2018 in der Rheinischen Post eine deutliche Erhöhung des Mindestlohns von 8,84 Euro auf mindestens 12 Euro je Stunde noch in der laufenden Wahlperiode: Juso-Chef Kühnert fordert zwölf Euro Mindestlohn – mindestens. In: spiegel.de. 1. Mai 2018, abgerufen am 1. Mai 2018.