mini|Existenzweisen, Titeldesign der englischen Ausgabe (2013)|alt= Frontcover von An Inquiry into Modes of Existence Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen (französisches Original: 2012, deutsche Übersetzung 2014 von Gustav Roßler) ist der deutsche Titel eines Werks des französischen Soziologen, Ethnologen und Philosophen Bruno Latour und kann als eines seiner Hauptwerke betrachtet werden. Nach Angaben des Autors stellt Existenzweisen eine Anknüpfung und Erweiterung der Akteur-Netzwerk-Theorie dar, an deren Konzeption er maßgeblich beteiligt war. Latour tritt als Anthropologe auf, der die moderne westliche Welt einer neuen Beschreibung unterzieht, aber auch als Philosoph, der einen ontologischen Pluralismus rechtfertigt und begründet. Dabei werden institutionelle Werte verschiedener Bereiche des Seins, wie Religion, Politik und Technik, unterschieden und anhand eines Kriterienkatalogs systematisch beschrieben. Die Werte der Existenzmodi sind fragil und stehen in einem dauerhaften Spannungsverhältnis, da sie dazu neigen, die Werte der anderen nach eigenen Maßstäben zu beurteilen. Gleichzeitig können die Werte ohne die anderen nicht existieren, da sie wechselseitig aufeinander beruhen. Das Buch stellt einen Zwischenbericht dar, weil es auf einer interaktiven Online-Plattform unter dem Projektnamen AIME (An Inquiry into Modes of Existence)http://modesofexistence.org fortgeführt wird; wer sich registriert, kann an der Online-Diskussion über das Buch teilnehmen und so zum Co-Autor einer neuen Version werden.
Titel Der Begriff und Haupttitel Existenzweisen verweist auf eine Schrift von Étienne Souriau namens Die verschiedenen Modi der Existenz. Beiden wohnt das gemeinsame Interesse inne, den Entwurfscharakter von Entitäten und der Gesellschaft zu betonen. So schreibt Michael Schillmeier: „Im Sinne Souriaus können Existenzweisen als ein soziologisches Kunstwerk verstanden werden, dem jeglicher Anspruch auf Finalität fremd ist.“Michael Schillmeier: [DK] Vom Seelentöter der Differenz. Doppelklick in den Existenzweisen. In: Henning Laux (Hrsg.): Bruno Latours Soziologie der Existenzweisen – Einführung und Diskussion. transcript, Bielefeld 2016, S. 207 Des Weiteren bezieht sich Latour auf Gilbert Simondons Monographie Die Existenzweise technischer Objekte, die bereits vorher als Pate für Latours Technikverständnis diente.Emanuel Herold: [TEC] Die Existenzweise der Technik. In: Henning Laux (Hrsg.): Bruno Latours Soziologie der Existenzweisen – Einführung und Diskussion. transcript, Bielefeld 2016, S. 171 Der von dem Semiotiker Algirdas Greimas stammende Begriff des Auskuppelns, den Simondon auf die Technik anwendet, konkretisiert den Entwurfscharakter Souriaus und dient Latour als zentrales Konzept zur Analyse von Vernetzungsvorgängen beziehungsweise Handlungsabläufen über die Technik hinaus.Henning Laux: Von der Akteur-Netzwerk-Theorie zur Soziologie der Existenzweisen. In: Henning Laux (Hrsg.): Bruno Latours Soziologie der Existenzweisen – Einführung und Diskussion. transcript, Bielefeld 2016, S. 22
Der Untertitel Eine Anthropologie der Modernen verdeutlicht zum einen die anthropologische Perspektive, die Latour in seinem Buch einnimmt, zum anderen den räumlichen sowie geistigen Gegenstand, der untersucht wird. Auf Grundlage einer Kritik – bei gleichzeitiger Würdigung – der konventionellen Kultur- und Sozialanthropologie, bezichtigt er das Fehlen einer Anthropologie der modernen Menschen. Die Anthropologie musste stets die Differenz vom kultivierten/wissenschaftlichen Denken und vom wilden Denken ziehen, wobei sie vom ersteren ausging, so Latour. Dadurch konnten die Modernen archaische Elemente im Inneren ausfindig machen und beseitigen.Bruno Latour: Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2014, S. 47 Die anthropologische Untersuchungsmethode wird also umgekehrt, wodurch nicht die Ferne, sondern die eigene westliche Welt in den Fokus gerät, wobei so getan wird, als sei die eigene Welt fremd. Nicht kulturelle Randerscheinungen, wie Folklore und Traditionen sollen untersucht werden, sondern die großen modernen Institutionen, wie Wissenschaft, Ökonomie und Politik. Dabei soll die Untersuchung nicht einem Okzidentalismus erliegen, also den theoretischen Berichten und den Aussagen vertrauen, die die Modernen über sich selbst machen.Bruno Latour: Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2014, S. 66 Stattdessen, so der Anspruch, werden die Praxen und Handlungsverläufe empirisch erfasst und dahingehend analysiert, dass sich die Werte der Institutionen herauskristallisieren (können).
Theoretischer Hintergrund mini|links|Bruno Latour (2015) Das Buch enthält wesentliche Elemente der vorangegangenen Arbeiten Bruno Latours und kann so als Erweiterung und Zusammenfassung seines bisherigen Werks betrachtet werden; er schreibt selbst: „Dieses Werk resümiert eine Untersuchung, die ich seit einem Vierteljahrhundert mit einer gewissen Hartnäckigkeit verfolge.“Bruno Latour: Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2014, S. 21 Aus der (empirischen) Beschäftigung in den 1980er Jahren mit den Science and Technology Studies, die er selbst mitgeprägt hat, gehen seine erkenntnistheoretischen Grundannahmen hervor, die in Existenzweisen eine maßgebliche Rolle spielen. Anfänglich gelten seinem Interesse ethnografische Beobachtungen naturwissenschaftlicher Forscher in Laboren oder die Untersuchungen der praktischen Bedingungen und institutionellen Infrastrukturen zur Erzeugung wissenschaftlicher Tatsachen. Dies führt zum Verständnis, dass die praktischen und materiellen (technische Geräte) Entstehungsbedingungen nach Abschluss der Arbeit der Forscher größtenteils ignoriert werden.Andreas Braun: Latours Existenzweisen und Luhmanns Funktionssysteme. Ein soziologischer Theorienvergleich. Springer VS, Wiesbaden 2017, S. 31 Erkenntnissubjekt und Erkenntnisobjekt sind nicht zu trennen beziehungsweise Erkenntnis wird durch die „Verlängerung und Intensivierung“ von „Referenzketten“Bruno Latour: Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2014, S. 134 hervorgebracht. Über die Untersuchung der Praxis der Naturwissenschaft hinaus entwickelt Latour eine dem Anspruch nach allgemein gültige Sozialtheorie, die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT), die ontologisch nicht zwischen Menschlichem und Materiellem unterscheidet und so garantieren soll, heterogene Elemente der Wirklichkeit assoziativ und netzwerkartig zu verbinden. Latour bricht nach eigenen Angaben in den Existenzweisen weniger mit der ANT, vielmehr will er sie fortsetzen und vervollständigen; so dient sie als methodisches Teilfundament. In dem zeitdiagnostischen Essay Wir sind nie modern gewesen postuliert Latour die Unmöglichkeit der Trennung von Gesellschaft und Natur und erteilt damit der klassischen Unterteilung in Vormoderne und Moderne eine Absage. Dabei attestiert er den Modernen eine Abweichung ihres theoretischen Selbstbildes von ihren tatsächlichen Praktiken.Henning Laux: Von der Akteur-Netzwerk-Theorie zur Soziologie der Existenzweisen. In: Henning Laux (Hrsg.): Bruno Latours Soziologie der Existenzweisen – Einführung und Diskussion. transcript, Bielefeld 2016, S. 14 Daraus entstehen einige Studien, die versuchen, jene Abweichung in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen wie Wissenschaft, Wirtschaft, Politik etc. aufzuzeigen. In den Existenzweisen spielen diese Bereiche eine entscheidende Rolle, denn ihnen werden Werte zugewiesen, die spezifische Logiken aufweisen und so verschiedene Weisen des Seins darstellen.
Besonderheiten der Publikationsform Gliederung Das Buch, das in drei Teile und 16 Kapitel unterteilt ist und 666 Seiten in der deutschen Ausgabe umfasst, weist die Besonderheit auf, den Kapiteln im Inhaltsverzeichnis Kapitelbeschreibungen in Form zusammenhängender Texte unterzuordnen. Innerhalb dieser Beschreibungen befinden sich Seitenzahlen jeweils am Ende eines Satzteils; umgekehrt können die Satzteile auf den jeweiligen Seiten neben dem eingerückten Haupttext gelesen werden. Diese Satzteile haben nicht die Funktion, Unterkapitel in abstrakte, logische Einheiten zu gliedern, denn sie können nur durch das Lesen des ganzen Textes verstanden werden und bieten so der Leserin zwar mehr Information, dafür weniger Abstraktion. Das daraufhin 14 Seiten aufweisende Inhaltsverzeichnis ist somit sehr textlastig und weniger übersichtlich. Auf den letzten Seiten befindet sich eine Übersichtstabelle, in der die Existenzweisen anhand der fünf ontischen Dimensionen stichpunktartig dargestellt sind. Außerdem weist das Buch ein Glossar auf, in dem die im Buch in Kapitälchen formatierten Hauptbegriffe in deutscher, französischer und englischer Sprache tabellarisch aufgelistet sind. Das Buch verzichtet vollständig auf ein Literatur- und Quellenverzeichnis und weitgehend auf Fußnoten.Bruno Latour: Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2014
Augmented publication (erweiterte Veröffentlichung) Die Veröffentlichung des Buchs wird von verschiedenen Projekten begleitet und wurde als Forschungsprojekt 2011 bis 2015 innerhalb des 7. Forschungsrahmenprogramm von dem europäischen Forschungsrat der europäischen Kommission gefördert.https://cordis.europa.eu/project/rcn/98860_en.htmlBruno Latour: Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2014, S. 21 Es wurde eine Internetseite namens AIMEhttp://modesofexistence.org/#support ins Leben gerufen von einem Team aus Informatikern, Künstlern und Geisteswissenschaftlern unter der Leitung Bruno Latours, des Forschungszentrum Medialab der (Universität) in Paris. Das Buch ist somit noch nicht fertiggestellt, denn auf der Online-Plattform wird kollektiv an der inhaltlichen Weiterentwicklung des Textes durch eine Arbeitsgruppe und assoziierte Kollegen gearbeitet. Nach Anmeldung können generell alle Interessierte teilnehmen und an der Neugestaltung des Textes mitwirken. Seit dem Relaunch der Seite im Jahr 2015 wurde sie vermehrt dazu genutzt, Deutungs- und Verständnisprobleme zu bereinigen. Die Seite bietet außerdem eine digitale Version des Buches, ein Glossar, Fotos, Videos und Zitate in englischer oder französischer Sprache. Die Mitwirkenden sind aber dazu aufgefordert, den Quellenbestand stetig zu erweitern. Als multimediales Projekt und als Experiment einer kollektiven Online-Redaktion ist es im weiteren Kontext der anzusiedeln und löst sich so schrittweise von Bruno Latour als Autor.Henning Laux: Von der Akteur-Netzwerk-Theorie zur Soziologie der Existenzweisen. In: Henning Laux (Hrsg.): Bruno Latours Soziologie der Existenzweisen – Einführung und Diskussion. transcript, Bielefeld 2016, S. 10 Weitere Teile des Projekts beziehen außerdem eine Serie von Workshops und Seminare mit Experten aus verschiedenen Ländern ein; außerdem bemühte sich eine Kunstausstellung, Reset Modernity!, innerhalb des polyphonen Kunstformats GLOBALE im ZKM Karlsruhe, die Inhalte künstlerisch darzustellen.https://zkm.de/event/2016/04/globale-reset-modernity Globale
Inhalt Erkenntnistheorie