Uriya Shavit (; * 22. Juni 1975 in Tel-Aviv) ist ein israelischer Autor und Professor für Islamwissenschaften an der Universität Tel Aviv (TAU). Seit 2016 leitet er dort das Institut für Arabistik und Islamwissenschaft und das Graduiertenprogramm für Religionswissenschaft. Seit 2021 ist Shavit einer von zwei Leitern des Shandong-Tel Aviver Instituts für israelische und jüdische Studien und er leitet das Kantor Zentrum für Studien zum zeitgenössischen europäischen Judentum. Shavit spezialisiert sich auf zeitgenössisches islamisches Recht, Theologie, Politik, sowie auf Studien zu muslimischen Minderheiten in der westlichen Welt. In der Vergangenheit arbeitete Shavit als leitender Journalist für Haʾaretz und andere israelische Zeitungen. Shavit ist Autor von Romanen und Kinderbüchern.

Biografie Uriya Shavit ist in Tel Aviv geboren und aufgewachsen. Seine Eltern sind die Kulturwissenschaftlerin Zohar Shavit (* 1951) und der Historiker Yaʿacov Shavit (* 1944). Sein jüngerer Bruder Avner (* 1983) ist Schriftsteller. Nach der Schule diente Shavit in einer Elite-Einheit des Militärgeheimdienstes der israelischen Armee. Nach dem Studium der Orientalistik und Islamwissenschaft an der Universität Tel Aviv hat Shavit seine Doktorarbeit mit dem Titel „Arab Regimes between the End of History and the Clash of Civilizations“ (Arabische Regierungssysteme zwischen dem Ende der Geschichte und dem Kampf der Kulturen) verfasst. Die Arbeit wurde 2005 angenommen und von Yosef Kostiner und Eyal Zisser betreut. Seine postdoktorale Forschungsarbeit absolvierte Shavit 2006–2007 an der Universität Frankfurt am Main unter Leitung von Ursula Apitzsch.

Forschung Islam und Demokratie Shavit forscht zur Entwicklung islamischer Ansichten zu westlicher Demokratie und Liberalismus seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Dabei untersucht er Argumente muslimischer Theologen – insbesondere solcher, die mit den Muslimbrüdern in Verbindung stehen. Diese behaupten, dass der Ursprung westlicher Demokratie im Koran und in Begegnungen des Westens mit dem Islam liege, sowie dass es keinen Widerspruch zwischen „positiven“ Elementen liberaler Demokratie und islamischen Normen gebe. Shavits Studien belegen, dass islamistische Denker der Frage ausweichen, wer die höchste Autorität in einer islamistischen Demokratie darstellt: (nicht gewählte) religiöse Gelehrte oder gewählte Volksvertreter? Nach Meinung von Shavit haben islamistische Ideologen dadurch den Weg für eine Theokratie bereitet, die behauptet demokratisch zu sein.

Islamisches Recht ʿfür muslimische Minderheiten Shavit gehört zu den Pionieren in der Forschung von islamischem Recht für muslimische Minderheiten (Fiqh al-Aqalliyyat al-Muslima). Seine Recherchen basieren auf der Analyse tausender islamischer Rechtsauskünfte (fatwas), sowie auf Feldstudien in dutzenden von Moscheen in Europa und den Vereinigten Staaten.

Shavit führt an, dass arabisch-sunnitische Rechtsgelehrte seit den 1990er Jahren vordergründlich zwei religionsrechtliche Doktrinen für muslimische Minderheiten entwickelt haben: Die pragmatische Wasatiyya, geleitet vom Ägypter Yusuf al-Qaradawi und verbreitet vom Europäischen Rat für Fatwa und Recherche; und die dogmatische Salafiyya, geleitet von Mitgliedern des saudi-arabischen religiösen Establishments und ihrer Anhänger. Beide Doktrinen legitimieren den permanenten Aufenthalt von Muslimen in Europa mit der Hoffnung, dass diese den Kontinent islamisieren werden. Ironischerweise legitimiert die missionarische Euphorie der Wasatis die Aussetzung von religionsrechtlichen Verboten und befördert die Integration der Muslime in die europäischen Gesellschaften als Mittel, um diese zu islamisieren.

Shavits Feldstudien unterstreichen die Wichtigkeit von maslaha (Schutz der Hauptrechtsgüter im Islam) als religionsrechtlichem Mechanismus in der modernen religiösen Rechtsprechung.

Die Feldstudien in dutzenden von Moscheen in Europa, vor allem in Deutschland, England, Schweden, Frankreich und Island, haben gezeigt, wie flexibel Muslime – auch Salafisten – mit fatwas umgehen. Außerdem konnte Shavit den geringen sozialen Einfluss des Europäischen Rates für Fatwa und Recherche belegen.

Die Geschichtsschreibung der Muslimbrüder Shavits Forschung zu den Muslimbrüdern unterstreicht die Vordergründigkeit dreier historiographischer Konzepte in der Werken ihrer Mitglieder und deren Vorliebe zur Weltanschauung des modernistisch-apologetischen Ansatzes, welcher hauptsächlich im Ägypten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts entwickelt wurde.

Die Wahrnehmung, dass die Ursprünge der westlichen Renaissance im Zusammentreffen des Westens mit dem Islam liegen. Die Wahrnehmung, dass der Western seit dem 19. Jahrhundert einen Kulturkrieg gegen die arabische Welt führt, mit dem Ziel den Glauben der Muslime zu vernichten und dadurch dem Westen ohne militärische Gewalt zur Vorherrschaft über den Nahen Osten zu verhelfen. Die Wahrnehmung, dass der Westen sich in einem kontinuierlichen Niedergang befindet, und dass der Islam dessen Hegemonie bald übernehmen wird.

Zionismus in arabischen Diskursen Shavit argumentiert, dass sich im arabischen Denken seit Ende des 19. Jahrhunderts eine zweidimensionale Herangehensweise an den Zionismus entwickelt hat. Einerseits wird Zionismus als Feind angesehen und seine Legitimität abgestritten. Andererseits dient er als Vorbild. Shavits Untersuchungen verdeutlichen, dass arabische Islamisten die Errungenschaften des Zionismus kontextualisieren um den Bedarf einer auf Islam basierenden politischen Ordnung für arabische Gesellschaften zu belegen. Arabische Liberale kontextualisieren die Errungenschaften des Zionismus, um damit den Bedarf einer liberalen Revolution zu belegen.

Shavit hat islamische Werke auf Vergleiche zwischen der Vergangenheit und Gegenwart von Juden in Europa mit der von Muslimen untersucht.

Evolutionstheorie Als Fallstudie für das übergeordnete Thema der wissenschaftlichen Freiheit im modernen islamischen Denken hat Shavit dessen Konzepte des Darwinismus untersucht. So konnte er belegen, dass frühe modernistisch-apologetische Autoren zu Ende des 19. Jahrhunderts keinen Widerspruch zwischen Evolutionstheorie und Koran gesehen haben. Erst der Einfluss von christlichen amerikanischen Fundamentalisten im späten 20. Jahrhundert hat die islamischen Denker dazu verleitet, Darwinismus abzulehnen und als Häresie und westlichen Exzeptionalismus zu beschreiben.

Generationswechsel in der Führung der arabischen Welt Shavit hat die Annahme untersucht, nach der ein Generationswechsel in der politischen Führung von Syrien, Bahrain, Jordanien, Qatar und Marokko im späten 20. Jahrhundert für den „Anbruch einer neuen Epoche“ steht. Anhand einer Analyse von Interviews und Reden argumentiert Shavit, dass die neue Generation trotz einer reformistischen Rhetorik den Status quo vorzieht.

Theologie der Migration Gemeinsam mit Galia Sabar hat Shavit theologische Werke, welche Migration mit religiösen Begriffen rechtfertigen, vergleichend untersucht. Er verweist auf Gemeinsamkeiten zwischen der Rechtfertigung von Chabad für die Migration und den permanenten Aufenthalt seiner Führung in New York und der Rechtfertigung zeitgenössischer muslimischer Theologen für die Migration und andauernde Präsenz von Muslimen in Europa und den Vereinigten Staaten.

Gewalt und politische Legitimität im politischen Islam Mehrere Forschungsarbeiten Shavits untersuchen Einstellungen zur politischen Gewalt in den Doktrinen der Muslimbrüder und al-Qaidas. Shavit konnte den enormen Einfluss etablierten saudi-arabischen Denkens auf die Entwicklung von Osama Bin Ladens Ideologie und Arbeitsweise belegen. Außerdem zeigt Shavit, wie die Muslimbrüder über das 20. Jahrhundert hinweg mittelalterliche religionsrechtliche Konzepte aufgegriffen haben, welche Gewalt gegen eine islamische politische Autorität nur im äußersten Falle und nur wenn der Erfolg der Revolution von vornherein garantiert ist erlauben.

Typen der Migration Shavit hat den Einfluss von modernen Kommunikationstechnologien auf Migration generell und auf muslimische Migranten im Besonderen untersucht. Er behauptet, dass Internet und Satelliten-TV zum ersten Mal in der Geschichte eine Trennung zwischen der territorialen Gemeinschaft und der „eingebildeten“ oder „vorgestellten Gemeinschaft“ („imagined community“) erlauben, und dass dadurch neue Typen von Beziehungen zwischen Migranten und deren Herkunftsländern entstanden sind. Shavit hat den Typus des „passiven Trans-Nationalen“ („passive trans-national“) eingeführt. Dabei handelt es sich um Menschen, die sich – mithilfe moderner Kommunikationstechnologien – intensiv mit ihrem Heimatland auseinandersetzen, ohne dabei physische transnationale Kontakte zu pflegen. Außerdem zeigen Shavits Studien, dass islamische TV-Sender und Internetseiten im Großen und Ganzen daran gescheitert sind, eine „globale eingebildete islamische Nation“ zu erschaffen.

Scharia und Sport Shavit hat islamische religionsrechtliche Herangehensweisen an Sport und deren Annahme durch muslimische Athleten im Westen untersucht. Er verweist dabei auf die gegensätzlichen Ansichten von Wasatis und Salafisten zur Legitimität modernen Sports und zeigt, wie in vielen Fällen islamisches Recht flexibler ist als die Regularien von Sportvereinen. Shavits Feldstudien in Deutschlands erstem Fitnessstudio für muslimische Frauen und in muslimischen Fußballmannschaften haben gezeigt, dass ethnische Zugehörigkeiten wichtiger als religiöse sind, wenn es darum geht, Scharia-freundliche Sport-Enklaven zu gründen.

Der Israel-Palästina-Konflikt Shavit hat die geläufige Annahme untersucht, nach der die Herangehensweise der Palästinenser an den Konflikt konsequent irrational ist, und nach der die Palästinenser „keine Möglichkeit auslassen, eine Möglichkeit auszulassen“. Shavit lehnt die Annahme ab und schlägt stattdessen vor, dass der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern besonders schwierig zu lösen ist, weil er ein „doppeltes Ungleichgewicht“ aufweist.

Islam in Island Shavit hat die Entwicklung von Islam in Island seit den 1970er Jahren analysiert. Die dortige Rivalität dreier Moscheen diente als Fallstudie in mehreren Untersuchungen zur Dynamik muslimischer Gemeinschaften im Westen und warum diese sich spalten.

Journalismus Zwischen 1997 und 2008 arbeitete Shavit für mehrere israelische Zeitungen in leitenden Positionen. Er war Redakteur und Experte für internationale Politik bei Haʾaretz, schrieb Kolumnen für die Freitagsausgabe von Haʾaretz, diente als leitender Redakteur für die Wochenendbeilage von Haʾaretz, und als Chefredakteur für die Wochenendausgaben von Maʿariv und Maqor Rischon. Für letztere schrieb er auch politische Kolumnen. Außerdem verfasste Shavit Literaturkritik für die Tageszeitung Jediʿot Acharonot.

Öffentliches Engagement Shavit ist ein häufiger Interviewpartner für israelische und internationale Medien zu Themen des Nahen Ostens und des Islams. Seit 2011 organisiert Shavit die Winter-Ringvorlesung an der Universität Tel Aviv, in Kooperation mit den „Freunden der Universität Tel Aviv“. Die Einnahmen aus den Vorlesungen gehen zu Gunsten von Stipendien und sozialen Aktivitäten des jüdisch-arabischen Zusammenlebens.

Akademische Bücher (englisch)