hochkant|mini|Die Jüngerin Tabita-Dorkas zeigt eine von ihr gefertigte Tunika (Kirchenfenster, St. John the Evangelist, Sidcup) Tabita, auch unter ihrem griechischen Namen Dorkas bekannt, war eine christliche Wohltäterin, die in der Apostelgeschichte des Lukas als Jüngerin Jesu in der Stadt Joppe erwähnt wird. Auf das Gebet des Simon Petrus hin habe Gott Tabita von den Toten erweckt.
Tabita von Joppe wird in den orthodoxen Kirchen als Heilige verehrt. In einigen evangelischen Kirchen gilt sie als Glaubenszeugin.
Name Der Name ist aramäischen Ursprungs (). Er wird von Lukas korrekt mit „Gazelle“ übersetzt. Aramäisch-griechische Doppelnamen wie Tabita-Dorkas kamen öfter vor. Der griechische Frauenname war gängig, sein aramäisches Äquivalent dagegen selten.Craig S. Keener: Acts: An Exegetical Commentary, Grand Rapids 2013, S. 1715.
Die Vulgata enthält den Namen in der Form Tabita bzw. Dorcas. In der Lutherbibel lautete der Name der Jüngerin bis zur Revision des Jahres 1975 Tabea; dies geht auf eine Variante der lateinischen Handschriftentradition zurück und hat keinen Anhalt bei den griechischen Textzeugen.Jürgen Roloff Die Apostelgeschichte, Göttingen 2010, S. 161.
Tabita in der Apostelgeschichte Gemäß war Tabita eine vorbildliche Christin; im Neuen Testament wird nur sie explizit als „Jüngerin“ () bezeichnet. Sie lebte in der griechisch geprägten Hafenstadt Joppe (heute Tel Aviv-Jaffa). Tabita widmete sich der Fürsorge für arme Witwen, insbesondere fertigte sie ihnen Tuniken und Mäntel an.
Dass jemand aufgrund eigener guter Werke eines Wunders gewürdigt wurde, ist ein typischer Zug der Wundergeschichten im Lukanischen Doppelwerk und trifft auch auf Tabita zu.Susanne Luther: Hafen von Jerusalem, Hafen zur Welt: Jaffa in den Erzählungen der Apostelgeschichte. Mainz 2013, S. 71; Wilfried Eckey: Die Apostelgeschichte. Der Weg des Evangeliums von Jerusalem nach Rom, Neukirchen-Vluyn 2000, S. 304. Als sie nämlich krank wurde und starb, wurde Petrus geholt, der sich im nahen Lydda (heute Lod) aufhielt. Petrus traf im Obergemach des Hauses die für die Beisetzung bereits vorbereitete LeicheRudolf Pesch: Die Apostelgeschichte, Band 1., Zürich u. a. 2005, S. 323. und eine trauernde Witwen-Gruppe an, die ihm die von Tabita gefertigten Kleider zeigte. Der Apostel schickte alle hinaus und betete kniend bei dem Leichnam.Dass Petrus vor der Totenerweckung betet, bildet einen markanten Unterschied zu der ansonsten ähnlichen, von Jesus erzählten Auferweckung der Tochter des Jaïrus, vgl. Craig S. Keener: Acts: An Exegetical Commentary, Grand Rapids 2013, S. 1722. Dann sagte er: „Tabita, steh auf!“ Anders als bei den Totenerweckungen, die in der Hebräischen Bibel von Elija und Elischa erzählt werden, vermied Petrus jeden Körperkontakt mit der Leiche.Wilfried Eckey: Die Apostelgeschichte. Der Weg des Evangeliums von Jerusalem nach Rom, Neukirchen-Vluyn 2000, S. 305. Tabita öffnete die Augen, setzte sich und stand mit Hilfe des Petrus auf. Erst jetzt, als sie zweifellos lebte, reichte er ihr die Hand. Wie es für den Abschluss biblischer Auferweckungserzählungen typisch ist, gab Petrus die lebendige Tabita ihrer Gemeinschaft zurück – hier allerdings nicht ihrer Familie, sondern der ganzen Ortsgemeinde.Vgl. Craig S. Keener: Acts: An Exegetical Commentary, Grand Rapids 2013, S. 1724: “Tabitha had cared for these widows as if they belonged to her family …; Peter understood that they would now receive her as a part of their family.”
Die Nachricht von diesem Wunder verbreitete sich in Joppe und hatte, so Lukas, viele Bekehrungen zur Folge.
Es sei an dieser Stelle auch noch erwähnt, dass in einem kleinen Seitenarm der Textüberlieferung des Neuen Testaments, nämlich dem Codex Bezae Cantabrigiensis, der Name Tabitha bereits in Mk 5,41 auftaucht (der große Hauptstrang der neutestamentlichen Textüberlieferung schreibt dagegen Talitha, das aramäische Wort für Mädchen, dass an dieser Stelle als hapax legomenon Eingang gefunden hat in die altgriechischen Grundtexte).
Sozialer Status der Tabita Daniel Marguerat schreibt: „Insgesamt wird Tabita als bekannte, gläubige und wohlhabende Frau dargestellt, die die karitative Funktion des patronus (besser gesagt: der matrona) der griechisch-römischen Gesellschaft ausübt.“Daniel Marguerat: Die Apostelgeschichte, Göttingen 2022, S. 393 f.
Da sie die Mittel für wohltätiges Handeln hatte, kann Tabita nicht zu den ganz Armen gehört haben. Aber ihr sozialer Status muss darum nicht hoch gewesen sein. Dorkas ist epigrafisch als Name von Prostituierten und in der rabbinischen Literatur von Sklavinnen bezeugt. Dies lässt sich gut mit der Kleiderherstellung verbinden: In archäologischen und ikonographischen Quellen wurden Prostituierte bei Textilarbeiten dargestellt, und zwar nicht als Alibibetätigung, sondern weil Wollarbeiten und Prostitution sich in der Lebensrealität von Frauen der frühen Kaiserzeit oft ergänzten.Friederike Erichsen-Wendt: Tabitha - Leben an der Grenze: ein Beitrag zum Verständnis von Apg 9,36-43, 2005, S. 77 f.
Jedoch sind das Spinnen von Wolle und das Weben in der Antike auch ein geradezu charakteristisches Merkmal tugendhafter Hausfrauen aus allen sozialen Schichten, sogar die Tochter und die Enkelinnen des römischen Kaisers Augustus stellten Kleidung für den Herrscher her.Wissenschaftsblog des archäologischen Freilichttmuseums Oerlinghausen.
Möglich, aber nicht zwingend, ist die soziale Einordnung auch bei der lukanischen Charakterisierung der Tabita. Ihr Name lässt an eine aus dem Sklavenstand stammende Prostituierte denken, zur Sprache kommt aber nur ihre Textilarbeit.Friederike Erichsen-Wendt: Tabitha - Leben an der Grenze: ein Beitrag zum Verständnis von Apg 9,36-43, 2005, S. 77 f.
Rezeptionsgeschichte Bibelauslegung Einige frühe Bibelausleger nahmen an, dass Lukas den Namen Tabita nicht grundlos übersetzt habe, und suchten darin eine Symbolik. Diese Christin sei so flink und aufmerksam wie eine Gazelle gewesen, erläuterte Johannes Chrysostomos in einer Homilie. Beda Venerabilis zufolge halten sich Gazellen auf hohen Bergen auf und haben eine weite Sicht; die Heiligen hätten gute Werke, so groß wie Berge, und richteten ihre Kontemplation auf Höheres.Heidi J. Hornik, Mikeal C. Parsons: The Acts of the Apostles through the Centuries, Chichester / Malden 2017, S. 122.
Von Tabita, die sich der Fürsorge für arme Witwen gewidmet hatte, wurde schon früh angenommen, dass sie selbst Witwe gewesen sei. So kombinierte Basilius von Caesarea in den Regulae morales mit , um Tabita zur vorbildlichen Witwe zu machen, die für andere Witwen Verantwortung übernahm.Daniel Marguerat: Die Apostelgeschichte, Göttingen 2022, S. 395 und Anm. 33.
Johannes Calvin übersetzte Dorkas mit „Wildziege“, die Heiligkeit ihres Lebens sei aber wichtiger als der unpassende Name. Für Calvin war Tabita-Dorkas das Ideal einer reformierten Christin, die aus ihrem Glauben heraus gute Werke vollbringt.Janice Capel Anderson: Reading Tabitha: A Feminist Reception History, Sheffield 1994, S. 118 f. Auf der Linie Calvins interpretierte der presbyterianische Bibelkommentator Matthew Henry Tabita als Modell eines praktischen Christentums: groß in Taten, nicht in Worten.
Die Frauenrechtlerin Elizabeth Cady Stanton kommentierte die Tabita-Erzählung in The Women’s Bible (1898): „Was Männer von ihrer Höhe herab lehren, verwirklichen Frauen wie Dorkas in ihrem Leben.“Janice Capel Anderson: Reading Tabitha: A Feminist Reception History, Sheffield 1994, S. 119–122. Die afroamerikanische baptistische Missionarin Virginia Broughton (1856–1934) interpretierte Tabita und Phoibe () als frühchristliche Missionarinnen.Janice Capel Anderson: Reading Tabitha: A Feminist Reception History, Sheffield 1994, S. 124.
Feministische Exegese Ivoni Richter Reimer charakterisiert Tabita als Judenchristin, die mit ihrer Kleiderherstellung „Gerechtigkeitswerke“ (nicht Almosen) im Sinne jüdischer Armenfrömmigkeit vollbringe. Ihre eigene Arbeit und somit ein Teil ihrer selbst stecke in den von der Witwen-Gruppe vorgezeigten Kleidern. Mit der von Petrus vollbrachten Auferweckung sage Gott Ja zum Lebensstil der Tabita, die als Christin ihre jüdischen Wurzeln bejahe.Ivoni Richter Reimer: Frauen in der Apostelgeschichte des Lukas: Eine feministisch-theologische Exegese, Gütersloh 1992, S. 89 f.
Gail O’Day kritisiert im Women’s Bible Commentary, dass Tabitas Fürsorge für Witwen von Lukas nur als „Wohltätigkeit“ bezeichnet wird; die Bezeichnung „Dienst“ bleibe dem Tun von Männern vorbehalten. Auch gebe die Apostelgeschichte Frauen wie Tabita keine Stimme. Wörtliche Rede ist in der Apostelgeschichte stets Rede von Männern.Gail O’Day: Acts. In: Carol A. Newsom, Sharon H. Ringe (Hrsg.): Women’s Bible Commentary. 2. Auflage. Westminster John Knox Press, Louisville 1998, S. 394–402, hier S. 309 f.
Margaret Aymer urteilt, dass Tabita „selbstverständlich“ eine reiche Frau von hohem sozialem Status gewesen sei, deren Tod der Ortsgemeinde einen finanziellen Verlust zugefügt hätte. Doch habe die Erzählung von ihrer Totenerweckung „dekolonialisierenden Biss“, denn obwohl Tabita zu Lebzeiten von Rom kolonisiert worden sei und sogar ihren Namen geändert habe, rufe Petrus die verstorbene Christin mit ihrem „präkolonialen, aramäischen Namen“ ins Leben zurück.Margaret Aymer: Acts of the Apostles. In: Carol A. Newsom, Sharon H. Ringe, Jacqueline E. Lapsley (Hrsg.): Women’s Bible Commentary. 3. Auflage. Westminster John Knox Press, Louisville 2012, S. 536–546, hier S. 542.
Bildende Kunst mini|Heilung des gelähmten Äneas und Auferweckung der Tabita (Masolino da Panicale, Brancacci-Kapelle) mini|Auferweckung der Tabita (Guercino, Palazzo Pitti) Die Auferweckung der Tabita wurde mehrfach künstlerisch dargestellt.
In der Kirche Santa Maria del Carmine (Florenz) malte Masolino da Panicale 1425/27 die Brancacci-Kapelle mit einem Zyklus von Wundertaten des Petrus aus. Entgegen den biblischen Angaben findet die Erweckung der Tabita im Erdgeschoss statt; der Künstler wählte den Moment, in dem sich die Jüngerin im Bett aufsetzt. Am Kopfende des Bettes knien zwei Witwen und zeigen von Tabita gefertigte Kleider.Heidi J. Hornik, Mikeal C. Parsons: The Acts of the Apostles through the Centuries, Chichester / Malden 2017, S. 122 f.
Der Entstehungskontext von Guercinos Ölgemälde Auferweckung der Tabita (1617) ist unbekannt. Dargestellt ist ein dramatisches Geschehen um die in perspektivischer Verkürzung leblos auf ihrem Bett liegende Frau: Witwen trauern und klagen, ein Jünger weist auf die Leiche, Petrus zeigt mit gebieterischer Geste zum Himmel und befiehlt Tabita so, aufzustehen.Heidi J. Hornik, Mikeal C. Parsons: The Acts of the Apostles through the Centuries, Chichester / Malden 2017, S. 123 f.
Judy Chicago wählte Tabita (hier bezeichnet als Dorcas) als eine der 999 Frauen des Heritage Floor aus, die der Installation The Dinner Party zugeordnet sind.
Heiligenverehrung Tabita wird in den orthodoxen Kirchen als Heilige verehrt. Ihr Gedenktag ist der 25. Oktober.
In der Evangelical Lutheran Church in America und der Episkopalkirche der Vereinigten Staaten ist der 27. Januar gemeinsamer Gedenktag für drei im Neuen Testament erwähnte Glaubenszeuginnen (witnesses to the faith): Lydia, Dorkas und Phoibe.Gail Ramshaw: Keeping Time: The Church’s Years. Using Evangelical Lutheran Worship. Augsburg Fortress, Minneapolis 2006, S. 200; Church Publishing: Holy Women, Holy Men: Celebrating the Saints, 2010, S. 193. Die Lutheran Church – Missouri Synod gedenkt dieser drei gläubigen Frauen (faithful women) am 25. Oktober.
Im Martyrologium Romanum wird Tabita nicht erwähnt.
mini|Russisch-orthodoxes Grab der Tabita in Jaffa
Grab