Zeze, auch sese, seze, zenze, nzenze, enzenze, dzenze, lunzenze, ist der Swahili-Name für mehrere Stabzithern (Musikstäbe) in Ostafrika und in Teilen Zentralafrikas, darüber hinaus regional für Schalenspießlauten und Musikbögen. Die (i)zeze der Wagogo in Zentraltansania ist eine Variante der in West- und Ostafrika vorkommenden Schalenspießlauten vom Typ der goge; die Sandawe in Zentraltansania nennen ihren einsaitigen Musikbogen ebenfalls zeze.

mini|Plattstabzither zeze aus dem Kongo mit einer Melodie- und einer Bordunsaite. Vor 1930. Tropeninstitut, Amsterdam. Für den Osten Afrikas charakteristischer und für die musikethnologische Forschung bedeutender ist die mit dem Wortumfeld zeze bezeichnete, ein- oder mehrsaitige Plattstabzither mit einer Kalebasse als Resonanzkörper, mit der Lieder und Tänze begleitet werden. Der im 19. Jahrhundert von der ostafrikanischen Küste ins Landesinnere verbreitete Instrumententyp ist vermutlich von in Südostasien vorkommenden Stabzithern abgeleitet, die wiederum einen indischen Kultureinfluss erkennen lassen. Einer allgemein akzeptierten Ausbreitungtheorie zufolge brachten Seefahrer Musikinstrumente ab dem 1. Jahrtausend von den Malaiischen Inseln an die ostafrikanische Küste und nach Madagaskar. Die ältesten Abbildungen dieses Stabzithertyps finden sich an indischen Tempelreliefs aus dem 7. Jahrhundert, sie entsprechen der heute in Indien nur noch in einem kleinen Gebiet vorkommenden tuila.

Bauform Eine Stabzither besteht im Unterschied zum biegsamen Musikbogen aus einem annähernd starren, geraden Saitenträger, über den eine oder mehrere Saiten parallel verlaufen. Die Übergänge von Stabzither und Musikbogen sind fließend, einen fast geraden Saitenträger besitzt beispielsweise der nur von Frauen im Norden von Malawi gespielte Mundbogen mtyangala. Die einfachen Stabzithern mit meist einer Saite sind an flachen, an den Enden untergeschobenen Hölzchen oder Stegen erkennbar, welche die Saiten auf Abstand halten und die bei Musikbögen fehlen. Stabzithern können ohne konstruktive Erweiterung auch mit mehreren Saiten bespannt sein, bei mehrsaitigen Musikbögen (Pluriarcs) wird dagegen üblicherweise für jede Saite ein eigener Bogenstab benötigt. Während bei Röhrenzithern wie der valiha auf Madagaskar der röhrenförmige Saitenträger selbst als Resonanzkörper fungiert, benötigen Stabzithern einen unterhalb der Saite am Stab befestigten Resonator. Häufig wird hierfür eine Kalebasse verwendet. Vollröhrenzithern kommen auf dem afrikanischen Festland nicht vor und Halbröhrenzithern wie die obsolete tshidzholo ohne separaten Resonator oder die segankuru mit einem Blechkanister anstelle der Kalebasse blieben auf das südliche Afrika beschränkt. Sie stehen am Übergang zur Gruppe der ostafrikanischen Schalenzithern, die vielfältiger als diejenige der Plattstabzithern ist.

Nach der Form des Saitenträgers werden für Afrika Rundstabzithern von Plattstabzithern unterschieden und nach der Saitenzahl mono- von poly-heterochorden Musikstäben. Die ostafrikanischen Plattstabzithern bestehen aus einem flachen, hochkant gestellten Stab, über dessen Schmalseite eine Melodiesaite führt und an dessen gegenüber liegenden Schmalseite der Resonanzkörper befestigt ist. Die Plattstabzithern bilden aufgrund ihrer ähnlichen Formgebung und ornamentalen Gestaltung des Saitenträgers im gesamten Verbreitungsgebiet eine einheitliche Gruppe. Üblich ist ein langer gerader oder leicht geschwungener mittlerer Bereich, der sich an einem Ende gabelt und am anderen Ende von rautenförmigen Mustern und quer gestellten Zapfen strukturiert wird. Meist bilden drei runde oder vierkantige, zapfenartige Fortsätze an einem Ende die Auflage, um mit den Fingern die knapp darüber hinweg verlaufende Saite zu verkürzen. Manchmal erweitern als Bünde dienende, aufgesteckte Zapfen den Stab in der Breite. Der Saitenträger ist weitgehend oder gänzlich symmetrisch gestaltet. Die im Ethnologischen Museum in Berlin katalogisierten, „zeze“ genannten Plattstabzithern sind durchschnittlich 55 bis 65 Zentimeter lang und im geraden Bereich 2 bis 3 Zentimeter hoch.Ulrich Wegner, 1984, Katalog S. 203–209

Die Saite wird an beiden Enden an herausstehenden Ecken festgebunden. Sie besteht aus glattem oder gedrehtem Pflanzenmaterial, das etwa aus der Blattrippe einer bestimmten Palmenart (Swahili mwali, Plural miwali) herausgeschnitten wurde. Der Musiker hält das Instrument quer vor seinem Oberkörper und verkürzt die Saite mit den Fingern der linken Hand, mit der er von unten um den Stab greift. Einsaitige Plattstabzithern produzieren vier Töne: einen auf der leer gezupften Melodiesaite und jeweils einen durch Verkürzen dieser Saite auf den drei Bünden. Bei manchen Stabzithern sind zusätzlich eine oder mehrere Saiten über die Mitte der dem Spieler zugewandten (inneren) Breitseite gespannt, die als Bordunsaiten unverkürzt gezupft werden. Häufig ist nur die Innenseite des Stabs durch eingekerbte geometrische Muster verziert. Ob der Saitenträger rein aus gestalterischen Gründen spiegelsymmetrisch ist oder ob, worauf Gebrauchsspuren an manchen Instrumenten hindeuten, auch die umgedrehte Unterkante früher als die Seite der aufgespannten Melodiesaite dienen konnte, lässt sich nicht eindeutig feststellen.

mini|Mitte links: Madagassische Kastenhalslaute kabosy, deren Vorläufer vermutlich wie bei der südafrikanischen ramkie aus Indonesien kamen. Mitte rechts: Plattstabzither jejy mit drei Saiten auf dem Griffbrett und fünf Saiten seitlich. Ny Malagasy Orkestra beim Weltmusikfestival Horizonte in Koblenz, 2013. Der aus einer aufgeschnittenen Kalebasse bestehende Resonanzkörper wird auf eine für den Instrumententyp charakteristische Weise befestigt. Falls passend wird das bei einer birnenförmigen Kalebasse abgeschnittene Halsende der entsprechende Abschnitt einer anderen Kalebasse auf den breiten Boden aufgesetzt und bildet so eine Art Kragen, die als Übergang zum Saitenträger dient. Dieser wird in einen U-förmigen Schlitz am Halsende eingesetzt. Eine um den Saitenträger herumgelegte Schnur wird durch ein Loch im Scheitel der Kalebasse gezogen und innen an einem Querhölzchen fixiert. Die Kalebasse befindet sich an der der linken Hand gegenüberliegenden, glatten Hälfte des Saitenträgers.Ulrich Wegner, 1984, S. 29–32

Neben den ostafrikanischen Instrumenten mit einer Melodiesaite kommen auf Madagaskar auch Plattstabzithern (Swahili jejy, auch jejo, von zeze, oder Malagasy lokanga voatavo) mit vier bis elf Saiten vor.Norma McLeod: Musical Instruments and History in Madagascar. In: Nino Pirrotta (Hrsg.): Essays for a Humanist. An Offering to Klaus Wachsmann. The Town House Press, New York 1977, S. 189–215, hier S. 198 Wie in Ostafrika werden auch auf Madagaskar bei manchen Instrumenten Saiten mit Holzwirbeln gespannt.

Bei einer 1982 im Süden von Malawi beschriebenen zeze ist der obere Kürbisteil nicht lose aufgesetzt, sondern angeleimt und wie weiter nördlich mit einer Schnur am Saitenträger festgebunden. Diese malawische zeze hat vier Saiten, die aus gedrehter Palmblattfaser bestehen. Nur die vierte Saite verläuft über die Schmalseite und kann an drei rechteckigen Zapfen abgegriffen werden. Die drei übrigen Saiten sind über die Breitseite des Stabs gespannt und werden durch kleine bewegliche Stege auf Abstand gehalten, die an dem zu einer kreisrunden Scheibe ausgestalteten linken Ende untergeschoben werden. Durch Verschieben der Stege lassen sich die Saiten stimmen.

Ein besonderes Merkmal der Plattstabzithern ist eine an dem vom Spieler aus gesehen rechten Ende an der Oberkante des Saitenträgers angebundene Feder. Ihr Kiel ist U-förmig gebogen und exakt so positioniert, dass der Kiel mit einem Abstand von etwa einem Millimeter um die vierte Saite führt, ohne diese zu berühren. Wenn die Saite angeschlagen wird, schwingt sie gegen die Feder und produziert einen schnarrenden Ton. Der Effekt entspricht dem von Mirlitonen, die an Xylophonen über die kleinen seitlichen Öffnungen der Resonatoren geklebt sind oder den an Lamellophonen angebrachten Kronkorken.Gerhard Kubik, S. 112f

Verbreitung Im 19. Jahrhundert war die Plattstabzither an der ostafrikanischen Küste bekannt und verbreitete sich von mehreren Küstenstationen zwischen Bagamoyo (Tansania) im Norden und Quelimane (Mosambik) im Süden in das Landesinnere. Den Namen zeze kannten zunächst in Tansania die Luguru (Region Morogoro), die Makonde, Wayao (im Süden Tansanias) und andere Sprachgruppen. Für die Ausbreitung sorgten arabische Händler und ihre Swahili sprechenden Träger (wapangajii) und Soldaten, die im Zuge des Ostafrikanischen Sklaven- und Elfenbeinhandels auf Handelsrouten bis in den Kongo vordrangen. Auf einer der Hauptrouten, von Bagamoyo über Tabora und Ujiji bis nach Kisangani, gelangte die Plattstabzither gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den Osten des Kongo. Ein südlicher Ausbreitungsweg führte am Sambesi entlang flussaufwärts und im Süden von Tansania durch das Gebiet der Wayao bis nach Malawi. Reiseberichten zufolge kam die zeze über Malawi hinaus nach Westen bis Sambia und zu den Baluba in der Provinz Katanga.Gerhard Kubik, 1982, S. 112 Zeze-Plattstabzithern sind oder waren in den Ländern Kenia, Tansania, Uganda, Kongo, Ruanda, Burundi, Malawi, Sambia und Mosambik verbreitet.Roger Blench: The Morphology and Distribution of Sub-Saharan Musical Instruments of North-African, Middle Eastern, and Asian, Origin. In: Laurence Picken (Hrsg.): Musica Asiatica. Band 4. Cambridge University Press, Cambridge 1984, S. 167

Neben den Formübereinstimmungen belegen die verwandten Namen eine gemeinsame Herkunft. Für den Kongo sind dies unter anderem: nzenze bei den Bashi in der Provinz Sud-Kivu, enzenze bei den Bira in der Provinz Ituri, luzenzu bei den Baluba, nzeze bei den Bali im Nordosten, dizeze in der Zela-Sprache (Luban-Sprachgruppe), dzendze bei den Budu um Wamba (Provinz Haut-Uele), djendje und djedji bei den Mongo im Nordwesten, nsense bei den Kumu (Komo-Sprache im Osten), nzensi bei den Hunde in der Region Kivu, isese bei den Kele in der Provinz Tshopo und idjendje oder zenze in der Kusu-Sprache (Provinz Maniema).Ulrich Wegner, 1984, S. 30 Andere Namen für Plattstabzithern in der Region sind njenje um den Tumbasee an der Westgrenze des Kongo,Allan P. Merriam: Musical Instruments and Techniques of Performance among the Bashi. (1955) In: Ders.: African Music in Perspective. (Critical Studies on Black Life and Culture, Band 6) Garland, New York 1982, S. 175. mongole bei den Saka in der Provinz Kasaï-Oriental,Sibyl Marcuse: Musical Instruments: A Comprehensive Dictionary. A complete, autoritative encyclopedia of instruments throughout the world. Country Life Limited, London 1966, S. 342 kinanda mit sieben Saiten bei den Moliro in der Provinz Katanga,Sibyl Marcuse, 1966, S. 289 dyedye bei den Holoholo am kongolesischen Ufer des Tanganjikasees,Sibyl Marcuse, 1966, S. 163 bongele, bonguele und bongwele bei den Ngando (Ngandu) und Mongo im Norden des Kongo, ferner akende, ifata, ikole, keke und oda.K. A. Gourlay, Ferdinand J. de Hen, 2014, S. 375 Ferdinand J. de Hen listet in seiner Dissertation von 1958Ferdinand J. de Hen: Beitrag zur Kenntnis der Musikinstrumente aus Belgisch Kongo und Ruanda-Ururundi. (Dissertation) Universität Köln 1958, geringfügig erweiterte Fassung veröffentlicht: Selbstverlag, Tervuren 1960 allein für den Kongo von 40 Ethnien Plattstabzithern, die sich in westeuropäischen Museen befinden, davon mindestens 30, die mit dem Wortumfeld zeze benannt werden.