mini|hochkant|Tahir Jalaluddin (Ende des 19. Jhd.) Muhammad Tahir Jalaluddin al-Falaki (geb. 7. November 1869 in Bukit Tinggi; gest. 1956 in Kuala Kangsar), auch bekannt als Sheikh Tahir, war ein islamischer Gelehrter aus der Ethnie der Minangkabau, der den Kaum Muda zugerechnet wird und als der erste Vertreter von Salafīya-Ideen in der malaiisch-indonesischen Welt gilt.Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 51. Sein Hauptanliegen war die Bekämpfung von religiösen Neuerungen, die er als unrechtmäßig betrachtete. Besonders bekannt wurde Tahir Jalaluddin durch seine Tätigkeit als erster Herausgeber der Reformzeitschrift al-Imām, die vom Juli 1906 bis Dezember 1908 in Singapur erschien. Er beschäftigte sich auch mit Astronomie und war der erste malaiische Gelehrte, der bei der Berechnung des Islamischen Kalenders auf den Logarithmus zurückgriff.
Wie die anderen Kaum Muda wurde Tahir Jalaluddin von den Lehren Muhammad ʿAbduhs und Raschīd Ridās beeinflusst. Da er in seiner Jugend die Lehrzirkel von Mekka besucht und an der Azhar in Ägypten studiert hatte, besaß er aber etwas, das vielen anderen Reformern der Kaum-Muda-Bewegung fehlte, nämlich eine solide Qualifikation in islamischer Gelehrsamkeit. Deswegen mussten die Traditionalisten, die seine reformistischen Ideen ablehnten, diese dennoch ernst nehmen, da sie nicht von irgendeinem gewöhnlichen Muslim, sondern von einem Gelehrten von hohem Ansehen stammten.Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 108.
Familiärer Hintergrund Tahir Jalaluddin stammte aus einer Familie, die seit drei Generationen nicht nur in der islamischen Gelehrsamkeit, sondern auch in der islamischen Reformbewegung engagiert war. In der Phase vor dem Ausbruch der militanten Padri-Bewegung spielten Tahirs Großvater und Urgroßvater väterlicherseits eine führende Rolle bei der Reform der Minangkabau-Gesellschaft. Tuanku nan Tua, Tahirs Urgroßvater väterlicherseits, war ein Schüler von Scheich Burhanuddin in Ulakan. Auch Tahirs Vater, Tuanku Muhammad (gest. 1871), besser bekannt als Tuan Shaykh Cangking, war ein bedeutender muslimischer Gelehrter.Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 90. Er war ein einflussreicher Naqschbandīya-Scheich der Minangkabau.Werner Kraus: Islamische mystische Bruderschaften im heutigen Indonesien. Mitteilungen des Instituts für Asienkunde, Hamburg 1990. S. 22.
mini|hochkant|Tahirs älterer Cousin Ahmad al-Khatib Auch Tahirs Familie mütterlicherseits nahm eine wichtige Stellung in der Minangkabau-Gesellschaft ein. Sie brachte neben Tahir noch zwei weitere bedeutende Persönlichkeiten hervor, die eine führende Rolle bei der Förderung islamischer Reformaktivitäten in der malaiisch-indonesischen Welt spielten, nämlich Scheich Ahmad al-Khatib (gest. 1916) und den indonesischen Politiker Agus Salim (gest. 1954).Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 91.
Leben Kindheit in Westsumatra Tahir Jalaluddin wurde am 7. November 1869 in Kota Tua Empat Angkat, einem Bezirk in Bukit Tinggi, West Sumatra geboren. Im Alter von zwei Jahren wurde Tahir zum Waisen, als sein Vater starb. Anschließend wurde der junge Tahir von seiner Mutter aufgezogen, bis auch sie sechs Jahre später starb. Danach kümmerte sich Limbak Urai, die jüngere Schwester seiner Mutter, um Tahir. Seine Beziehung zu ihr war sehr eng, so eng, dass Limbak sich ihm gegenüber selbst als Biyai (Mutter) bezeichnete. Limbak Urai war eine gute Koranrezitatorin und wiegte Tahir oft mit dem Rezitieren der Sure Yā-Sīn in den Schlaf. Bei Limbak Urai erhielt Tahir auch seinen ersten Koranunterricht. Dadurch konnte er bereits mit fünf Jahren den Koran rezitieren, wenn auch unvollständig. Abends pflegte Tahir in einem nahegelegenen Surau weiterhin den Koran zu studieren und dort die Gemeinschaftsgebete zu verrichten.Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 91–92. Tahir besuchte drei Jahre lang eine niederländische Schule für Einheimische im Minangkabau-Gebiet.
Studienaufenthalt im Nahen Osten In der zweiten Hälfte seines dritten Schuljahres jedoch erhielt Limbak einen Brief von ihrem Sohn Ahmad aus Mekka, in dem er sie bat, Tahir zum Studium dorthin zu schicken. So reiste Tahir 1881 mit einem älteren Familienmitglied nach Mekka.Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 92. Dort lebte er zwölf Jahre lang bei seinem älteren Cousin, Scheich Ahmad al-Chatib, einem angesehenen Lehrer der malaiischen Gemeinde. Zusammen mit anderen Studenten aus der malaiischen Welt studierte Tahir arabische Grammatik, Fiqh und andere religiöse Fächer. Sein wichtigster Lehrer war dabei Ahmad al-Khatib selbst. Zwei Lehrer, Scheich Husain Zaid und Muhammad ʿAnbābī, erteilten ihm außerdem Unterricht in islamischer Astronomie.Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 96–97. Während seiner Jahre in Mekka arbeitete Tahir auch immer wieder als Pilgervermittler und Pilgerführer für die malaiischen Muslime, die den Haddsch vollzogen. In diesem Zusammenhang unternahm er drei kurze Besuche in Sumatra und Malaya (1886, 1890 und 1892), bei denen er teilweise auch aus Mekka mitgebrachte Bücher verkaufte.Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 97.
Im Dezember 1892 reiste Tahir von Singapur nach Ägypten, um seine religiöse Ausbildung in Kairo fortzusetzen. Von 1893 bis 1897 studierte Tahir an der Azhar-Moschee Arabische Sprache, Fiqh und Astronomie.Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 97–98. Während seiner Zeit in Kairo besuchte er auch die Vorträge ägyptischer Reformdenker und hatte wahrscheinlich auch Kontakt zu Muhammad ʿAbduh. Nachdem er 1897 an der Azhar einen ʿālimīya-Abschluss erworben hatte,Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 98–99. kehrte er nach Mekka zurück, um Scheich Ahmad al-Chatib beim Unterrichten malaiisch-indonesischer Studenten zu unterstützen. Dort gehörten die jungen Minangkabau-Studenten Jamil Djambek, Karim Amrullah und Abdullah Ahmad, die später in ihren Heimatländern zu bedeutenden Reformern werden sollten, zu seinen Schülern. Ihnen vermittelte er das Gedankengut von Dschamāl ad-Dīn al-Afghānī und Muhammad ʿAbduh.Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 55.
Als Astronom in Perak 1899 kehrte Tahir in den malaiischen Raum zurück.Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 52. Perak, der malaiische Staat, in dem sich Tahir zu dieser Zeit niederließ, stand unter indirekter britischer Herrschaft. Der malaiische Herrscher dieses Staates, Sultan Idris (gest. 1916), der Tahirs Ruf und Expertise in islamischer Astronomie erkannte, beauftragte ihn damit, alle Moscheen und Gebetsorte Perak zu untersuchen und die Qibla zu korrigieren, wo immer sie falsch ist.Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 100, 103. Im Jahr 1901 heiratete Tahir eine einheimische malaiische Frau namens Aishah Haji Mustafa. Im Jahr 1902 wagte Tahir den Einstieg ins Textilgeschäft in der Hauptstadt des Bundesstaates, musste es aber nach einem Jahr wegen Verlusten wieder aufgeben.Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 100.
Reisen durch den malaiischen Raum und im Nahen Osten Von 1903 bis 1905 bereiste Tahir verschiedene Teile der malaiischen Welt, Java, Bali, Sembawa und Celebes. Im August 1904 erhielt Tahir die Gelegenheit, in den Nahen Osten zu reisen. Diese Gelegenheit bot sich ihm durch das Königshaus von Riau-Lingga, das ihn einlud, die Familienmitglieder bei ihrer Einschulung in eine ägyptische Schule zu begleiten. Da Tahir Kairo sehr gut kannte, war er für diese Aufgabe bestens geeignet. So reiste er im August 1904 zusammen Sayyid Shaykh al-Hadi und Mitgliedern des Königshauses von Riau-Lingga nach Kairo. Nach Erfüllung seiner Pflichten in Kairo blieb Tahir im Nahen Osten, um die Pilgerfahrt zu vollziehen, und kehrte etwa im September 1905 nach Malaya zurück.
Singapur: Herausgabe der Zeitschrift al-Imām mini|Titelblatt der Zeitschrift al-Imām vom Mai 1908 Im darauffolgenden Jahr (1906) zog Tahir nach Singapur, wo im Vergleich zu anderen malaiischen Staaten als britische Kronkolonie relative Gedankenfreiheit herrschte. Zusammen mit einigen Freunden gründete Tahir hier ein Pilgerreisebüro. Außerdem ergriff er die Initiative, eine islamische Reformzeitschrift zu gründen, nämlich al-Imām. Mitherausgeber waren Sayyid Shaykh al-Hadi, Sayyid Muhammad Aqil, Haji Abbas, Sayyid Muhammad Salim und Shaykh Awad. Die erste Ausgabe erschien am 23. Juli 1906 und wurde auf Tahirs Namen registriert.Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 101.
Zwischen Perak und Johor 1909 wurde Tahir als Berater an die Magistratsgerichte in Taiping und Ipoh berufen, um sie in Scharia-bezogenen Fällen zu unterstützen. Im Juli 1909 bot ihm der Oberste Richter des Staates Johor an, Richter und Magistrate in Johor in islamischem Recht zu unterrichten.Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 69. Tahir wurde anschließend Mufti im Sultanat Johor und begleitete in dieser Funktion 1911 Sultan Idris zur Inthronisierung von König Georg V. nach London.Ali: Islam and colonialism: Becoming modern in Indonesia and Malaya. 2003, S. 60. Nach sechs Jahren als Ausbilder für Richter und Magistrate in Johor reichte Tahir am 3. Juli 1912 seinen Rücktritt ein und kehrte in seine Heimatstadt in Perak zurück. 1914 wurde ihm aber eine Stelle als Lehrer an einer religiösen Schule in Johor Bahru, der Hauptstadt von Johor, angeboten. Während seiner Zeit in Johor soll Tahir versucht habe, den Posten des Muftis des Staates zu erlangen, jedoch ohne Erfolg.Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 104.
In Penang an der Schule von al-Hadi Um 1920 zog Tahir nach Penang, wobei bereits sein früherer Weggefährte Sayyid Shaykh al-Hadi tätig war und eine neue Schule, die Madrasa al-Mashhur al-Islamiya. Um den Einfluss reformistischer Ideen in der Schule auszuweiten, lud al-Hadi Tahir im Jahr 1920 ein, an der Schule zu unterrichten. So verbrachte Tahir die nächsten drei Jahre in Penang.Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 105.
Besuche in Westsumatra und Inhaftierung Nach dem Ende des Schuljahres 1923 verließ Tahir die Schule, um seine Heimat Westsumatra zu besuchen. Ziel war es, seinem früheren Schüler Karim Amrullah, der auch unter dem Namen Haji Rasul bekannt war, bei einer Führungskrise in dessen lokaler Reformbewegung Sumatra Thawalib zu Hilfe zu kommen. Während seines Aufenthalts bei den Minangkabau bereiste Tahir verschiedene Teile des Gebietes, um Reden zu halten, in denen er für die Reformideen warb. Im Gegensatz zu seinem Großvater, der mit den Niederländern kollaborierte, zeigte Tahir seine Abneigung gegen die Kolonialherrschaft. In dieser Zeit heiratete er auch eine einheimische Frau aus Padang Panjang und praktizierte somit Polygamie. Nach sechs Monaten kehrte Tahir nach Malaya zurück.
Tahirs Aufenthaltsort und Aktivitäten nach seiner Rückkehr aus Minangkabau im Jahr 1923 sind unklar. H. Zakaria vermutet, dass er diese Jahre an seinem Hauptwohnsitz in Kuala Kangsar verbrachte. 1925 ging er jedenfalls nach Johor, um eine Stelle als Religionslehrer an einer privaten islamischen Schule in Muar, der Madrasa Haji Taib, anzunehmen. Während seiner Tätigkeit als Lehrer an dieser Madrasa verbreitete Tahir seine reformistischen Ideen in Alor Gajah, einer Stadt in Malakka, indem er dort öffentliche Predigten hielt.Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 105–106.