Der Bergwald-Baumschliefer (Dendrohyrax validus), auch Östlicher Baumschliefer genannt, ist eine Art der Baumschliefer innerhalb der Säugetierordnung der Schliefer. Er kommt in einem stark zersplitterten Verbreitungsgebiet im östlichen Afrika vor und bewohnt Mittel- und Hochlagen des Kilimandscharo, des Meru und der Eastern Arc Mountains sowie die Küstengebiete von Kenia und Tansania einschließlich einiger vorgelagerter Inseln. Die Lebensräume setzen sich aus ungestörten Wäldern zusammen. Hier kann der Bergwald-Baumschliefer mitunter eine hohe Bestandsdichte erreichen. Wie alle Baumschliefer zeichnet sich die Art durch ein meerschweinchenartiges äußeres Erscheinungsbild ohne sichtbaren Schwanz aus. Die Tiere können gut klettern und verbringen einen Großteil ihres Lebens in Bäumen. Sie sind nachtaktiv, weswegen sie eher selten gesichtet werden. Außerdem leben sie einzelgängerisch und nutzen Baumhöhlen als Unterschlupf. Charakteristisch sind die nächtlichen Lautgebungen, die sich zwischen den einzelnen Populationen deutlich unterscheiden können. Die Nahrung besteht überwiegend aus weicher Pflanzenkost. Der Bergwald-Baumschliefer wurde im Jahr 1890 wissenschaftlich eingeführt. Es sind bis zu vier Unterarten anerkannt, deren Abgrenzung zueinander nicht immer eindeutig ist. Teilweise wird der Bergwald-Baumschliefer auch innerhalb des Steppenwald-Baumschliefers geführt. Der Bestand gilt als gefährdet.
Merkmale Habitus Der Bergwald-Baumschliefer ist ein kleines Säugetier, er erreicht eine Kopf-Rumpf-Länge von 47 bis 58,8 cm und ein Körpergewicht von 2,5 bis 3 kg, Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen bestehen nicht. Die Tiere ähneln äußerlich einem Meerschweinchen, der Körperbau ist robust, ein Schwanz nicht sichtbar. Das Fell zeigt eine weiche Textur, die Haare stehen dicht und sind lang. Es liegt eine bestimmte Variabilität in der Fellfärbung vor. In der Regel ist der Rücken zimtbraun, er kann aber zum Kopf hin dunkler braun bis schwärzlich werden. Die charakteristische Farbgebung entsteht durch Haare mit schokoladenbraunen Basen, zimtbraunen Schäften und schwarzen Spitzen. Am Rücken ist ein Fleck aus gelblich weißen, aufrichtbaren Haaren ausgebildet, der eine Drüse von 20 bis 40 mm Länge einrahmt. Die Körperunterseite hebt sich heller ab, die Haare hier haben ebenfalls eine schokoladenbraune Basis, gehen aber zur Spitze hin in ein gelbliches Braun über. Der gesamte Kopf ist ebenfalls mit Haaren bedeckt, lediglich ein schmaler Streifen an der Nase und der Oberlippe bleibt nackt. Seitlich treten hellere Flecken auf, so dass der Kopf insgesamt grauer wirkt. Rund um die Ohren und die Augen befinden sich dunkelbraune Bereiche. Die Ohren sind kurz und gerundet, 12,5 bis 15,5 mm lang und innen mit einem Büschel aus gelblich weißen Haaren besetzt. Über den gesamten Körper verteilt kommen lange Tasthaare vor. Die Vorderfüße bestehen aus vier, die Hinterfüße aus drei Zehen. Alle Zehen tragen hufartige Nägel, lediglich der jeweils innerste Zeh der Hinterfüße weist eine Kralle auf. Die Hinterfußlänge beträgt 58 bis 64 mm. Weibchen besitzen ein Zitzenpaar im Leistenbereich.
Schädel- und Gebissmerkmale Die Schädellänge variiert von 77,9 bis 98,3 mm. Der Schädel ist an der Stirnlinie deutlich eingedellt und am Hinterhauptsbein leicht ausgezogen. Die Nasenbeine sind im Umriss rechteckig. Die Orbita wird durch den jeweiligen Fortsatz des Stirn- und Jochbeins geschlossen (Postorbitalbogen). Das Os interparietale (ein Schädelknochen zwischen dem Hinterhauptsbein und den Scheitelbeinen) ist im Gegensatz zum Steppenwald-Baumschliefer (Dendrohyrax arboreus) nie mit dem Hinterhauptsbein verwachsen. Die Temporalleisten sind flach und im hinteren Abschnitt breiter als im vorderen. Am Unterkiefer ragt der Kronenfortsatz schräg nach vorn und bildet einen 45°-Winkel zur Zahnreihe. Sein hinterer Rand verläuft parallel zum ebenfalls hinteren Rand des aufsteigenden Astes. Das Gebiss besteht aus insgesamt 34 Zähnen mit folgender Zahnformel: . Wie bei allen Baumschliefern ist die obere Reihe der Prämolaren in etwa gleich lang wie die obere Reihe der Molaren. Die Mahlzähne zeichnen sich durch niedrige (brachyodonte) Zahnkronen aus.
Verbreitung mini|hochkant|Verbreitungsgebiet des Bergwald-Baumschliefers Der Bergwald-Baumschliefer kommt endemisch im östlichen Afrika vor. Von allen drei Vertretern der Baumschliefer hat er das am stärksten beschränkte Verbreitungsgebiet. Es ist fleckenhaft auf bergige Regionen wie den Kilimandscharo, den Meru und auf die Eastern Arc Mountains verteilt. Letztere bestehen aus verschiedenen Höhenzügen, der Bergwald-Baumschliefer kommt hier unter anderem in den Taita-, Usambara-, Udzungwa-, Rubeho und Nguru-Bergen sowie im Uluguru- und im Pare-Gebirge vor. Des Weiteren tritt die Art in den Küstenwäldern vom südlichen Kenia etwa 30 km nördlich von Mombasa bis nach Tansania auf, ebenso wie auf den Inseln Pemba und Sansibar und einigen kleineren vorgelagerten Inseln. Möglicherweise ist sie auch in Äthiopien anwesend. Das gesamte Verbreitungsgebiet umfasst gegenwärtig nicht mehr als 3070 bis 4250 km².
Der bevorzugte Lebensraum besteht aus ungestörten Tiefland- und Bergwäldern, die Höhenverbreitung reicht vom Meeresspiegelniveau bis in Hochgebirgslagen. Am Kilimandscharo wurde der Bergwald-Baumschliefer im Höhenbereich von 1700 bis 3070 m nachgewiesen. Er bewohnt dort Wälder, die mit Ocotea usambarensis, Schefflera colkensii und Ficus thonningii bestanden sind. Die höchste Populationsdichte wird in etwa 2310 m Höhe erreicht. Auffälligerweise sind der Süd- und am Westhang mit 23 beziehungsweise 13 Tieren je Hektar dichter besiedelt als der Nord- und der Osthang, wo nur maximal 7 Individuen auf einer vergleichbar großen Fläche vorkommen. In den Eastern Arc Mountains lebt der Bergwald-Baumschliefer generell in Höhen von 900 bis 2000 m, es gibt aber Unterschiede in den einzelnen Gebirgszügen. So sind die Tiere in den östlichen Usambara-Bergen in Höhenlagen von etwa 900 bis 1300 m häufiger als in rund 1500 m. Die Individuendichte beträgt im ersteren Bereich 10 bis 14 Tiere je Hektar, im letzteren 4 bis 6. Ähnliche Ergebnisse erzielten Beobachtungen in den Nguru-Bergen, hier treten ebenfalls bis zu 6 Tiere je Hektar in rund 1300 m Höhe auf. Im Pare-Gebirge beläuft sich die Höhenverbreitung auf 1500 bis 1800 m. In vielen Gebieten stellt nicht das Nahrungsangebot einen limitierenden Faktor dar, sondern die Anzahl der bewohnbaren Baumhöhlen.
Lebensweise Territorialverhalten Wie alle Baumschliefer ist auch der Bergwald-Baumschliefer sekundär an ein nachtaktives Leben angepasst. Dies zeigen unter anderem der verstärkte Geruchssinn und die intensive Lautkommunikation, Augen und Ohren sind dagegen nicht vergrößert ausgebildet. Die Tiere leben überwiegend in Bäumen (arborikol) und können gut klettern. Einen Großteil ihres Tagespensums verbringen sie über dem Erdboden. Sie sind außerdem einzelgängerisch, mehrere Individuen zusammen finden sich nur in Mutter-Jungtier-Gruppen. In den Bäumen zieht sich der Bergwald-Baumschliefer in Höhlen und Öffnungen im Stamm zur Ruhe zurück. Jedes Individuum bewohnt eine eigene Baumhöhle, es kann aber vorkommen, dass ein Baum mit mehreren Öffnungen von verschiedenen Tieren gleichzeitig genutzt wird. Zum defäzieren steigt der Bergwald-Baumschliefer auf den Boden und setzt sowohl den Kot als auch den Urin an gut einsehbaren Stellen ab. Dadurch entstehen größere Haufen von mehreren Quadratmetern Größe, teilweise ist der Grund und die Vegetation so von einer stark riechenden, asphaltartigen, weißlichen Substanz bedeckt, die viel Kalziumkarbonat enthält. Zum Komfortverhalten gehören Sonnenbäder in den frühen Morgenstunden. Sie unterstützen ähnlich wie der Rückzug in Baumhöhlen und die recht langen Ruheperioden die Thermoregulation. Als Anpassung an die mitunter harschen Bedingungen in den Hochgebirgslagen hat der Bergwald-Baumschliefer ein dichtes Fell ausgebildet. Informationen zu den Reviergrößen der einzelnen Individuen liegen nicht vor.
Ein wichtiges Element der sozialen Interaktion bei den Baumschliefern stellt die Lautkommunikation dar. Der Bergwald-Baumschliefer gibt lange Schreie von sich, die oft mehrere hundert Meter weit getragen werden. Entsprechend seiner Aktivitätszeit sind die Rufe in den Dämmerungsphasen von 19:00 bis 21:00 und von 04:00 bis 06:00 Uhr zu hören. Sie variieren kaum über das Jahr, so dass unklar ist, ob sie eventuell durch jahreszeitliche Klimazyklen oder Mondphasen beeinflusst werden. Lediglich bei nebeligen Wetter stellen die Tiere gelegentlich ihre Rufe ein. Im gesamten Verbreitungsgebiet lassen sich anhand der Rufprofile bisher drei unterschiedliche Zonen unterscheiden. Auf den Inseln vor der Küste Tansanias dominieren klopfende Rufe mit einer klar unterscheidbaren lauten und leisen Phase, die durch eine Einheit aus zwei bis vier hohen Tönen eingeleitet werden. Von Tieren aus dem Uluguru-Gebirge sowie den Rubeho- und den Udzungwa-Bergen, alle im zentralen Abschnitt der Eastern Arc Mountains gelegen, sind wiederum mehrere Ruftypen bekannt. Eine monotone Folge von fünf bis sechs hackenden Lauten wird möglicherweise spontan ausgestoßen. Ein weiterer Ruf besteht ebenfalls aus hackenden Lauten, die dann in Töne übergehen, welche an schnell aufschlagende Tischtennisbälle erinnern. Er ist typisch für erregte Tiere. Zwei weitere Rufe, einerseits hohe Schreie, andererseits komplexe Hacklaute aus sechs bis zwölf einfachen und einzelnen doppelten Tönen, lassen sich bei Kämpfen vernehmen beziehungsweise sind Ausdruck starker Konkurrenz bei hoher Populationsdichte. Die Tiere in den Taita-Bergen, im Pare-Gebirge und in den Usambara-Bergen im nördlichen Bereich der Eastern Arc Mountains verfügen über ein umfangreiches Lautrepertoire. Typisch hier ist ein Schrei, der an einen würgenden Schluck erinnert.
Trotz der mitunter recht hohen lokalen Verbreitungsdichte wird der Bergwald-Baumschliefer selten gesichtet, was mit der nachtaktiven Lebensweise in Verbindung steht. In der Regel geben seine Rufe und Kothaufen Hinweise auf seine Anwesenheit, beides geht in stark gestörten Gebieten deutlich zurück. Nach Untersuchungen in weitgehend ungestörten Bereichen in den Udzungwa-Bergen mittels Kamerafallen tritt die Art in der Regenzeit deutlich weniger in Erscheinung als in der Trockenzeit. Es wird vermutet, dass die Tiere während der feuchten Jahreszeit ihre Bodenaktivitäten weitgehend einschränken, während dies ihre Tätigkeiten in den Bäumen, etwa ihre nächtlichen Rufe, kaum beeinflusst.
Ernährung Der Bergwald-Baumschliefer ernährt sich pflanzenfresserisch von weichem Pflanzenmaterial (browsing). Er bevorzugt Blätter, Zweige, Früchte und Knospen. Die Nahrung sucht er überwiegend in den Bäumen, nur gelegentlich steigt ein Tier auch auf den Boden, und dort an Kräutern oder Reben zu fressen. Überwiegend frisst der Bergwald-Baumschliefer nachts, nur selten am Tag. Bemerkenswert ist, dass das Usambaraveilchen in den Hochlagen der Udzungwa-Berge nicht von der Schlieferart verzehrt wird. Sie wächst vermehrt in den nährstoffreichen Fäkalien der Tiere und profitiert so in der Koexistenz mit ihnen.
Fortpflanzung Zur Fortpflanzung des Bergwald-Baumschliefers wurden bisher kaum Untersuchungen getätigt. Es gibt eine vermehrte Anzahl von Geburten im August, die Paarungszeit findet wahrscheinlich während der Trockenzeit statt. Die Tragzeit wird mit etwa 7,5 Monaten beziehungsweise 220 bis 240 Tagen angegeben. In der Regel kommen eins bis zwei Junge zur Welt, die als frühreif beschrieben werden. Angaben zur Dauer der Säugezeit, zur Entwicklung und sexuellen Reife beziehungsweise zur Lebenserwartung bestehen nicht.
Fressfeinde und Parasiten Die bedeutendsten Fressfeinde stellen der Leopard, Ginsterkatzen, der Pardelroller, der Serval, die Afrikanische Zibetkatze, der Kronenadler und der Nördliche Felsenpython dar. Untersuchungen zu Parasiten liegen nicht vor.
Systematik