mini|Weinheimer Kriegerdenkmal 2009 Das Weinheimer Kriegerdenkmal wurde am 18. Oktober 1936 eingeweiht. Der gestaltende Bildhauer war Wilhelm Kollmar. Eingraviert sind die Namen von in den beiden Weltkriegen getöteten oder vermissten Soldaten der Stadt. Es befindet sich im Zentrum unterhalb des Anwesens Bahnhofstraße 14 in Weinheim und steht im Bürgerpark.

Beschreibung der Skulptur

Drei überlebensgroße Reichswehrsoldaten (ca. 3,15 Meter hoch) schreiten entschlossen voran. Hinter ihnen sind Namen gefallener Soldaten des Ersten Weltkrieges auf Tafeln in halbrund angeordneten Mauern eingraviert. Gewehre sind geschultert, auf den Köpfen tragen sie Stahlhelme. Eine Trommel wird geschlagen. Sie tragen lange schwere Soldatenmäntel und Patronentaschen an ihren Koppeln. Ihr Blick wirkt leer und streng, er ist in die Ferne gerichtet. Überdimensionierte Soldatenhände sind zu Fäusten geballt. Durch ein Podest unter ihnen sind die Figuren zusätzlich erhöht worden. In der vereinfachenden Formensprache entsprachen sie unbesiegbaren und heldenhaften Kämpfern. Sie sind stereotyp und ohne menschliche Individualität als heroisierende Symbolfiguren eines bestimmten Kriegertypus dargestellt, der in bedingungslosem Gehorsam in den Krieg zieht. Der Historiker Meinhold Lurz ordnet diesen Typus der Denkmalsskulptur unter „aggressiver Sturmtrupp im Kampf“ ein.Meinhold Lurz: Kriegerdenkmäler in Deutschland. Band 5: Drittes Reich, Esprint Druckerei und Verlag, Heidelberg, 1986, S. 155.

Die Historikerin Behrenbeck schreibt zum Motiv Trommel und Nationalsozialismus:

mini|Der gute Kamerad, Uhland-Fassung, Druck 1815 Die vollplastisch ausgeführte Figurengruppe zeigte laut der Zeitschrift Hakenkreuzbanner „zwei Musketiere und einen Tambour“, welche das „hohe Lied vom guten Kameraden“Hakenkreuzbanner Nr. 286, 15. Oktober 1936. versinnbildlichten. Die betreffenden Zeilen – des bis heute allgemein bekannten Liedes von Ludwig Uhland Der gute Kamerad aus der Zeit der Deutschen Romantik – lauten unter anderem: – Die Trommel schlug zum Streite, – Er ging an meiner Seite, – Im gleichen Schritt und Tritt. -.Meinhold Lurz: Kriegerdenkmäler in Deutschland. Band 5: Drittes Reich, Esprint Druckerei und Verlag, Heidelberg, 1986, S. 156.

Bei der Denkmalseinweihung sprach der badische Ministerpräsident Köhler und stellte die übliche Verbindung zwischen den ehemaligen Weltkriegssoldaten und dem Dritten Reich her:

Zur Deutung des Motivs „aggressiver Sturmtrupp“ ist es bedeutsam, dass der realistisch wiedergegebene Soldatentrupp dem Germanenkult sowie der NS-Rassentheorie genügen sollte. Damit wird die Verfügbarkeit der Stile offenbar: Wichtig war dem NS-Staat nicht vorrangig die Wahl einer Stillage. Vielmehr war elementar, dass der jeweilige Stil einen Ausdruck der Rassentheorie bildete und die Rassentheorie wiederum ihrerseits über ein Schönheitsideal mit der figürlichen Skulptur oder Plastik vermittelt war.Meinhold Lurz: Kriegerdenkmäler in Deutschland. Band 5: Drittes Reich, Esprint Druckerei und Verlag, Heidelberg, 1986, S. 157.

Der Autor Wilkendorf interpretierte das Weinheimer Kriegermal in entsprechender Richtung:

Am Aufsatzende bewertete Wilkendorf das Weinheimer Ehrenmal als „Zeuge[n] deutschen Unsterblichkeitswillens“ und „Markenzeichen germanischer Wahrhaftigkeit“, das für eine „menschliche Ewigkeit geschaffen“ wurde.

Das Stadtgebiet Weinheims weist eine Auffälligkeit auf, die bei der Deutung der Skulpturengruppe in Richtung „Sturmtrupp“ zu Hilfe genommen werden kann. Am Marktplatz befindet sich gleichsam eine stürmende Kriegerfigur als Denkmal für den Sieg von 1870/71. Dieser Denkmalstyp stand sozusagen 1934 Pate und war eine erste frühe Variante des Typus „Sturmtrupp“. So gesehen sagte die Skulpturengruppe des Weinheimer Kriegerdenkmals in der Bahnhofstraße den erhofften Sieg quasi voraus – vergleichbar mit einer Prophezeiung eines Kriegsgewinns.

Deutung der Gesamtanlage

Ort, Anlage und Gestaltung weisen typische Merkmale von Denkmalen der NS-Ideologie auf. Diese sollte den öffentlichen Raum dominieren, es wurde daher an diesem zentralen Platz an einer Hauptverkehrsader der Stadt in monumentaler und antikisierender Erscheinung errichtet.rnz.de Die Symbole Faust, Kriegsgerät und Trommel, die dem Denkmal seine Aggressivität verliehen, entstammten altbekanntem Denkmal-Fundus. Faustballende Krieger standen seit Ende des Ersten Weltkriegs als Motiv zum Beispiel auf folgenden deutschen Kriegerdenkmalen: Gefallenen-Denkmal Baerwaldstraße in Berlin-Kreuzberg (1924),kudaba.de Ehrenmal des Infanterie-Regiments Nr. 82 Göttingen (1925),webdoc.sub.gwdg.de 31er Kriegerdenkmal Hamburg-Altona (1925),gedenkstaetten-in-hamburg.de Gefallenendenkmal Stuttgart-Feuerbachschule-bw.de (1929), Amtskriegerehrenmal Engerwiki.genealogy.net (1929), Kriegerehrenmal Hüllhorsthuellhorst-erleben.de (1930), in Göttingen (1931), Gefallenendenkmal Wuppertal-Nächstebreck (1931), Kriegerdenkmal „Der Soldat“ neben der St. Johannis-Kirchegedenkstaetten-in-hamburg.de Hamburg-Harburg (1932), „Der steinerne Infanterist in der Paderborner Paderaue“ (1934), in Rüthen/Kneblinghausen (1934–1938) und in Rostock (1936).Loretana de Libero: Rache und Triumph. Krieg, Gefühle und Gedenken in der Moderne. Beiträge zur Militärgeschichte. Band 73, De Gruyter Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH, München 2014, Abbildungen 27–39, S. 74–81. Die Faust stellte die „Ohnmacht der Geschlagenen“, die Wut über den Versailler Vertrag, Rachegefühle, Entschlossenheit und Bereitschaft zu Kampf und Krieg plastisch dar und diente „als Zeichen von Trotz und Revancheabsichten“.Loretana de Libero: Rache und Triumph. Krieg, Gefühle und Gedenken in der Moderne. Beiträge zur Militärgeschichte. Band 73, De Gruyter Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH, München 2014, Abbildungen 27–39, S. 144.

Auf der flachen bogenförmigen Mauer in der Mitte stehen seitlich als Flammschalen identifizierbare Metallteile. Feuerschalen, Pechpfanne, Rauchpfannen, Opferschalen und die Altarmotivik waren in der Zeit des Nationalsozialismus ein beliebtes und nutzbares Motiv. Somit lässt sich dieser Teil auch unschwer als eine Art Opferaltar deuten. Diese Schalen galten schon länger als nationaler, aber auch gleichsam anonymer, Ausdruck der Trauer um tote „Volkshelden“ und stellen sie in eine Reihe mit den „gefallenen Helden“ einer mystisch verklärten, vorgeblich germanischen Vergangenheit, heben sie sozusagen auf eine beinah sakrale Ebene. Solche Schalen wurden im Nationalsozialismus besonders im Rahmen von Totenfeiern verwendet und galten in der NS-Zeit als „Sinnbild des Opfertodes“ oder „Zeichen des ewig Kämpferischen“.ediss.sub.uni-hamburg.de

Auch die Dinge, die dieses Mal nicht darstellt, sind zur Deutung wichtig. Jüdische Kriegsteilnehmer wurden ausgegrenzt. Das Andenken an sie und ihre Namen wurde weggelassen.morgenweb.de „Es blendet die grausame und unmenschliche Realität des Krieges völlig aus“, schreibt die Fachautorin Dinah Wijsenbeek in einer Abhandlung. „Es verschweigt die Schmerzen der Verwundeten und ihren qualvollen Tod ebenso wie das Leid der Hinterbliebenen.“

Funktion zur NS-Zeit Das Denkmal entsprach der seinerzeit vorausgreifenden Kriegspropaganda der Nationalsozialisten. Ein derartiges Mal in der NS-Zeit war kein bloßes steinernes Objekt. Nach Meinhold Lurz ist „für das Denkmal des Dritten Reichs […] der Vermittlungsvorgang der Feierstunden konstitutiv“. „Die wesentlichen Motive der eigentlichen Kriegerehrung bestanden nicht im Denkmal als solchem, sondern im Aufmarsch und der Rede. Insofern besaßen die Feuerschalen […] die gleiche Bedeutung wie das Ehrenmal. Erst die lebende Architektur der aufmarschierten Kolonnen erfüllte das Denkmal mit seinem funktionalen Sinn“.Meinhold Lurz: Kriegerdenkmäler in Deutschland. Band 6: Bundesrepublik, Esprint Druckerei und Verlag, Heidelberg, 1987, S. 36.

Vorgeschichte mini|hochkant|Das ältere Denkmal, errichtet 1890, vor der St.-Laurentius-Kirche mini|Kundgebung gegen das „Versailler Diktat“ im Lustgarten in Berlin, 1932 Bereits bei dem „Siegesmal 1870/71“ am Marktplatz in Weinheim wurde der Schmerz der Angehörigen völlig ausgeblendet. Es wurden die Namen aller 196 aus Weinheim stammenden Kriegsteilnehmer auf der Nord- und Südseite des Denkmalsockels eingraviert.journals.ub.uni-heidelberg.de Nach der Proklamation von Wilhelm I. wurde das ganze Deutsche Kaiserreich von einer Siegeseuphorie ergriffen. Die errichteten Denkmäler transportierten nahezu ohne Ausnahme, geziert mit monarchischen Abzeichen – wie Adler, Krone – das Pathos von Siegerstolz, Heldenverehrung und nationaler Begeisterung.

1890 wurde die Befugnis zur Errichtung von Denkmalen den politischen Gemeinden übertragen, was die „aus der kraftmeierischen Nationalbesoffenheit Deutschlands hervorgegangene Denkmalseuche“Gerhard Armanski: „… und wenn wir sterben müssen“. Hamburg, VSA-Verlag, 1988. noch mehr beförderte. Das Kriegerdenkmal stellte nun die zahlenmäßig größte Gruppe öffentlicher Monumente in Deutschland. Die enormen Totenzahlen und Massen an Kriegsversehrten, welche durch Stellungskrieg und Massentöten 1914–1918 zu Stande kamen, lösten in den ersten Jahren der Weimarer Republik zudem eine Diskussion um den Sinn von Denkmalen aus. Nachdem sie – einige Jahre lang – durch den verlorenen Ersten Weltkrieg und den als Schmach empfundenen Friedensvertrag von Versailles keine Siegesdenkmale sein konnten, begannen die Kriegerdenkmale um die Mitte der 1920er-Jahre – sowohl in Darstellung wie auch Aussage – wieder aggressiver zu werden. Aber Ansätze für neue Denkmalformen, welche an die Schrecknisse des Krieges mahnen konnten, um vor zukünftigen militärischen Auseinandersetzungen zu warnen, kamen dennoch nicht allgemein zum Tragen. Der aus Stein gemeißelte Krieger avancierte zum Prototyp des Kriegerdenkmals. In der kantigen Darstellung seiner Gesichtszüge und seiner muskulösen Gestalt verkörperte er den kampfbereiten und unbesiegbaren Frontsoldaten. Als ein Beispiel für eine solche zudem auf Vergeltung ausgerichtete Darstellung können die von Kollmar geschaffenen Steinkrieger gesehen werden.

Kriegermale wie dieses spiegelten unter anderem das Erstarken des völkischen und nationalistischen Denkens in der Spätphase der Weimarer Republik wider, auch wenn Kriegerdenkmale, deren Aussage weit entfernt von jeglichem Heimzahlungsdenken lag, vereinzelt errichtet wurden. Als Beispiel dafür können die Mäler des Bildhauers Curt Liebich (1868–1937), die vor allem dem Schmerz der Angehörigen Raum gaben, gesehen werden.journals.ub.uni-heidelberg.deupgr.bv-opfer-ns-militaerjustiz.de Ein stark umstrittenes Mahnmal war das mit einem Relief von dem bekannten Künstler Ernst Barlach versehene Hamburger Ehrenmal mit dem Titel Trauernde Mutter mit Kind.hamburg.de Es bestimmten aber immer die Stifter und Auftraggeber darüber, was dargestellt wurde, die ausgewählten Künstler führten nur aus. In Weinheim gab es in der Zwischenkriegszeit kein Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. 1933 ergriff die Bäckerinnung Weinheim die Initiative, um das zu ändern. Als Ort wurde ein Park im Ortskern Weinheims ausgewählt, um ein Denkmal mit passendem Aufmarschplatz zu schaffen. Im Jahre 1934 wurde ein Wettbewerb für ein Kriegerdenkmal an der Bahnhofstraße unter den Architekten Badens ausgeschrieben. Zugelassen waren nur Mitglieder der nationalsozialistischen Reichskammer der bildenden Künste. In der Gestaltungsvorgabe für das Mal stand unter anderem, dass dieses „nicht abstrakt gewünscht, sondern volks- und bodenverbunden“ ausgeführt werden sollte. Dies war grundsätzlich eine Abkehr vom Denkmalsstil der Weimarer Demokratie. Das zu verwendende Material sollte „germanisch“ sein und daher Granit oder Porphyr enthalten. Zu den 62 Teilnehmern zählte der 63-jährige Kollmar. Der Denkmalentwurf dieses erklärten Widersachers der Moderne fand Anklang beim Preisgericht: