mini|Das Museum Fridericianum kurz vor einer der vielen Aktionen und Sonderveranstaltungen mini|Das ruruHaus in einem ehemaligen Kaufhaus am Rande des Friedrichsplatzes mini|Die documenta-Halle am Friedrichsplatz Die documenta fifteen war die 15. Ausgabe der documenta, die als weltweit bedeutendste Reihe von Ausstellungen für zeitgenössische Kunst gilt. Sie fand vom 18. Juni bis zum 25. September 2022 an 32 Standorten in Kassel statt.Termin für die nächste documenta steht fest. In: Hessische/Niedersächsische Allgemeine vom 9. November 2017 Die künstlerische Leitung wurde dem Kollektiv ruangrupa aus Indonesien übertragen. Nach einem Antisemitismus-Eklat zu Beginn der documenta fifteen und dessen Folgen legte Sabine Schormann, die Generaldirektorin der veranstaltenden gemeinnützigen GmbH, am 16. Juli 2022 ihr Amt nieder. Ihr folgte am 18. Juli 2022 Alexander Farenholtz als Interims-Geschäftsführer nach. Zum 1. März 2023 wurde der Kulturmanager Andreas Hoffmann als neuer Geschäftsführer der documenta eingesetzt.
Vorplanungen Im Juli 2018 wurde die Zusammensetzung der Findungskommission bekanntgegeben.
Zum Geschäftsführer wurde im April 2018 – als Nachfolger von Annette Kulenkampff – kommissarisch der Musikmanager Wolfgang Orthmayr berufen. Am 1. November 2018 übernahm Sabine Schormann als documenta-Generaldirektorin die Leitung.
In Anbetracht der COVID-19-Pandemie wurde eine Verschiebung auf das Jahr 2023 erwogen, im Sommer 2021 aber verworfen.
Findungskommission und künstlerische Leitung Bis Ende 2018 hatte die Findungskommission den Auftrag, einen Vorschlag für die künstlerische Leitung der kommenden documenta zu erarbeiten. Die Findungskommission setzte sich zusammen aus: Ute Meta Bauer – Internationale Kuratorin, Gründungsdirektorin des NTU Centre for Contemporary Art (CCA), Singapur Charles Esche – Direktor des Van Abbemuseum, Eindhoven Amar Kanwar – indischer Dokumentarfilmer und Künstler, Neu-Delhi Frances Morris – Direktorin des Tate Modern, London Gabi Ngcobo – Kuratorin der 10. Berlin Biennale 2018 Elvira Dyangani OseDie englischsprachige Wikipedia beschreibt :en:Elvira Dyangani Ose – Kuratorin Creative Time, New York Philippe Pirotte – Rektor an der staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule, Frankfurt Jochen Volz – Direktor der Pinacoteca do Estado, Sao Paulo
Wie am 22. Februar 2019 bekannt wurde, entschied sich die Kommission für das Künstlerkollektiv ruangrupa aus Indonesien, das 2000 in Jakarta gegründet wurde. Die Kommission begründete ihre einstimmige Wahl wie folgt: „Wir ernennen ruangrupa, weil sie nachweislich in der Lage sind, vielfältige Zielgruppen – auch solche, die über ein reines Kunstpublikum hinausgehen – anzusprechen und lokales Engagement und Beteiligung herauszufordern. Ihr kuratorischer Ansatz fußt auf ein internationales Netzwerk von lokalen Community-basierten Kunstorganisationen. Wir sind gespannt, wie ruangrupa ein konkretes Projekt für und aus Kassel heraus entwickeln wird. In einer Zeit, in der innovative Kraft insbesondere von unabhängigen, gemeinschaftlich agierenden Organisationen ausgeht, erscheint es folgerichtig, diesem kollektiven Ansatz mit der documenta eine Plattform zu bieten.“
Die Gruppe besteht aus einem festen Kern aus 10 Künstlern, insgesamt gehören zu dem Kollektiv rund 80 Menschen, von Journalisten über Architekten bis zu Videokünstlern.
Lumbung-Konzept Das Künstlerkollektiv ruangrupa entwickelte die documenta fifteen in Anlehnung an die indonesische lumbung-Architektur (auf Deutsch eigentlich: Reisscheune) für die Lagerung von kollektiv verwalteten Lebensmitteln. Überschüssiger Reis der eigenen Ernte wird in der Reisscheune für die Dorfgemeinschaft gesammelt. Dies dient dem langfristigen Wohl der Gemeinschaft durch gemeinsame Nutzung von Ressourcen und gegenseitige Fürsorge. Lumbung baut auf bestimmten gemeinsamen Werten, kollektiven Ritualen und Organisationsprinzipien auf.documenta homepage ruangrupa über ihr lumbung-Konzept für die documenta fifteen (news vom 18. Juni 2020), abgerufen am 7. März 2021. Diese Idee wurde als Organisationsprinzip aufgegriffen. Hierfür wurden im Juni 2020 und im Februar 2021 eine Reihe von Initiativen und Organisationen als lumbung-member ausgewählt, den Entstehungsprozess der documenta fifteen zu begleiten:
Ausstellungsorte mini|hochkant|Die gestalteten Säulen am Eingangsportal des Fridericianums
Ausstellungen und Veranstaltungen der documenta finden an verschiedenen Ausstellungsorten statt, die über die Innenstadt von Kassel verteilt sind. Dabei wurden sowohl die bereits in den Vorjahren genutzten Museen wie auch weitere Orte in Kassel genutzt:
Partnerausstellungen Mit einer Sonderausstellung im Forum Wissen Göttingen und einer Gruppenausstellung im Kunsthaus Göttingen (u. a. mit. Dayanita Singh und Jim Dine) wurden in Göttingen zwei Partnerausstellungen der documenta fifteen realisiert. Ursprünglich waren zahlreiche weitere Partnerausstellungen außerhalb Kassels vorgesehen.
Teilnehmende Künstler und Kollektive
Antisemitismus-Eklat Vor Ausstellungsbeginn mini|Verhülltes Banner von Taring Padi am 21. Juni 2022 mini|Das leere Gerüst am 22. Juni 2022
Bereits im Vorfeld gab es heftige Diskussionen über einen möglichen antisemitischen Charakter der Veranstaltung. Das Kassler Bündnis gegen Antisemitismus warf den Verantwortlichen bereits im Januar 2022 vor, die Kunstschau als Plattform zur Verbreitung israelfeindlicher und antisemitischer Positionen zu missbrauchen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kritisierte in seiner Rede zur Eröffnungsfeier am 18. Juni 2022 die Ausstellung für ihren Umgang mit den Antisemitismus-Vorwürfen. Er hob das Fehlen jüdisch-israelischer Beiträge hervor und erklärte, er empfinde die verbreitete Weigerung von Vertretern des „globalen Südens“, gemeinsam mit Israelis an Veranstaltungen teilzunehmen, als „verstörend“. Eine Infragestellung der Existenz Israels sei nicht hinnehmbar. Er habe erwogen, der Eröffnung nicht beizuwohnen.
Das Kunstmagazin Monopol sah keine antisemitischen Bezüge der Ausstellung, es gebe auch sonst viele Ausstellungen, bei denen israelische Künstler nicht vertreten seien. Niklas Maak war der Ansicht, dass der Verdacht eines Zusammenhangs mit den Boykottforderungen des BDS wohl nicht mehr auszuräumen sei.
Ade Darmawan, Mitglied des Kuratorenteams ruangrupa, erklärte vor dem Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestags am 6. Juli 2022 die Tatsache, dass niemand aus dem Kuratorenteam die antisemitische Bildsprache des Banners erkannt habe, mit technischen Problemen beim Aufbau, deretwegen es beim Preview noch nicht zu sehen war, sowie mit der Geschichte Indonesiens: In der Kolonialzeit Indonesiens hätten niederländische Offiziere antisemitische Stereotype auf die chinesische Minderheit übertragen, um sie auszugrenzen. Darmawan bedauerte, dass der Vorfall nicht als Anlass genommen werde, respektvoll voneinander zu lernen, sondern als „ein Impuls zum Verhör, zum Ausschluss und zur Zensur“. Vorwürfe eines Boykotts gegen Israelis oder Juden wies er zurück. Tatsächlich zeige die documenta fifteen sowohl israelische als auch jüdische Künstler, die aber nicht namentlich genannt werden wollten. Der Journalist Thomas E. Schmidt vertrat dagegen die Meinung, die documenta fifteen sei ein „praktizierter Boykott jüdischer Künstler aus Israel, wie ihn die ‚Boycott, Divestment and Sanctions‘-Bewegung […] seit Jahren betreibt.“Thomas E. Schmidt: Die Gesellschaft hat geantwortet. In: Die Zeit, 21. Juli 2022, S. 49.
Am 17. Juni 2022 sagte der israelische Soziologe Natan Sznaider in einem TV-Interview, wenn man postkoloniale Künstler einlade, postkoloniale Kunst zu machen, dann machten sie genau das. Vieles davon sei kritisch gegenüber dem Westen und gegenüber Israel. Diese Widersprüche müsse die documenta thematisieren, selbst wenn das schwierig sei.Nina Schedlmayer: Kontroverse um Documenta 15: In der Reisscheune. In: Profil, 17. Juni 2022, abgerufen am 25. Juli 2022.
Entwicklung während der Ausstellung Am 20. Juni 2022 kam es zu einer lebhaften und breiten Debatte über ein großformatiges, dreiteiliges Banner mit dem Titel People’s Justice (Die Gerechtigkeit des Volkes) des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi auf dem Friedrichsplatz, weil darauf unter anderem eine Figur dargestellt ist, die eine „Art ‚Judenhut‘ mit SS-Runen … Schläfenlocken, blutunterlaufene Augen, spitze Zähne …“ hat. Ebenfalls gezeigt wird ein Soldat mit Schweinsgesicht, der „ein Halstuch mit einem Davidstern und einen Helm mit der Aufschrift ‚Mossad‘“ trägt. Das Banner war nach einer Reparatur erst am Freitagnachmittag, also am Ende des Presserundgangs aufgehängt worden, weshalb es in den Kommentaren zu Steinmeiers Rede nicht berücksichtigt worden sei.
Die hessische Kunst- und Wissenschaftsministerin Angela Dorn äußerte ihre „große Besorgnis“ darüber, und die Kulturstaatsministerin der Bundesregierung Claudia Roth forderte die documenta-Leitung dazu auf, „die notwendigen Konsequenzen“ zu ziehen. Am Abend erklärte die Künstlergruppe, die Darstellungen seien nicht antisemitisch gemeint, sondern „‚kulturspezifisch auf unsere Erfahrungen‘ während der Militärdiktatur in Indonesien bezogen.“ Das Werk stamme aus dem Jahr 2002 und sei außerhalb Europas bereits mehrfach ausgestellt worden, so 2002 auf dem South Australia Art Festival in Adelaide. Es wurde später in unterschiedlichen Kontexten gezeigt, insbesondere bei gesellschaftspolitischen Veranstaltungen wie dem Jakarta Street Art Festival 2004, der retrospektiven Ausstellung von Taring Padi in Yogyakarta im Jahr 2018 und bei der Polyphonic Southeast Asia Art Ausstellung in Nanjing 2019.Verdeckung einer Arbeit von Taring Padi auf der documenta fifteen, documenta-fifteen.de, 20. Juni 2022, abgerufen am 21. Juni 2022. Das Werk werde aber von nun an abgedeckt. Tags darauf wurde entschieden, es zu entfernen, wie es auch ausdrücklich von Kulturstaatsministerin Roth gefordert wurde.Kulturstaatsministerin fordert Entfernung von Documenta-Werk, wdr.de, 21. Juni 2022, abgerufen am 21. Juni 2022. Bundeskanzler Olaf Scholz lehnte einen Besuch der documenta fifteen ab. Er fand es „völlig richtig und angemessen“, das „abscheuliche“ Werk zu entfernen, und forderte Konsequenzen für die documenta-Leitung. Das kuratierende Kollektiv ruangrupa entschuldigte sich schriftlich am 23. Juni 2022 für die antisemitischen Darstellungen: „Wir haben alle darin versagt, in dem Werk die antisemitischen Figuren zu entdecken“ […] „Wir nutzen diese Gelegenheit, um uns über die grausame Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus weiterzubilden und sind schockiert, dass diese Figur es in das fragliche Werk geschafft hat.“ Sabine Schormann kündigte eine systematische Untersuchung der auf 32 Standorte verteilten Werke an. Als externer Experte wurde unter anderem der Leiter der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, hinzugezogen. Einen Rücktritt als documenta-Generaldirektorin, der von verschiedenen Seiten gefordert wurde, lehnte Schormann zunächst ab.