mini|Ulrich Hofmann (2015)
Ulrich Max Richard Hofmann (* 26. Juni 1931 in Dolsthaida, Kreis Liebenwerda) ist ein deutscher Physiker auf dem Gebiet Festkörperphysik. Er war von 1970 bis 1990 Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften der DDR. Nach der Abwicklung der Akademie war er als Firmenberater tätig.
Leben und Ausbildung mini|hochkant|Ulrich Hofmann als Maschinenbau-Student vor dem Hauptgebäude des Moskauer Energetischen Instituts (Technische Universität), 1952 Ulrich Hofmann ist der Sohn des Industriekaufmanns und Magazinverwalters Max Hofmann und dessen Frau Marta Hofmann geborene Pohle. Seit 1958 war er mit der Museumspädagogin Oktjabrina Wartanowna Hofmann geborene Abgarjan verheiratet, die 2018 verstorben ist. Der Ehe entstammen die beiden Töchter Ilona-Carmen Leisenberg geborene Hofmann (* 1959) und Simone Hofmann (* 1964).
Von 1937 bis 1941 besuchte er die Volksschule Dolsthaida. Daran anschließend war er Schüler an der Privaten Oberschule in Lauchhammer bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges.
Im Juni 1945 trat er bei der damaligen Sowjetischen Aktiengesellschaft Kombinat „Friedländer“, Mückenberg, in die Lehre ein, die er 1948 als Bergmaschinenmann und Betriebsschlosser mit dem Facharbeiterbrief abschloss. Danach war er sechs Monate als Monteur bei der Errichtung eines Kraftwerkes im Braunkohlenkombinat „Pfännerhall“ in Braunsbedra bei Merseburg tätig.
Im 1. Halbjahr 1949 nahm Hofmann an einem Vorbereitungslehrgang für das Ingenieurstudium in der Kreisberufsschule Bad Liebenwerda in Elsterwerda teil. Von 1949 bis 1951 besuchte er die Arbeiter- und Bauern-Fakultät (ABF) der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg in Halle (Saale) und bestand dort das Abitur.
Anschließend studierte er ein Jahr an der Technischen Hochschule Dresden das Fach Physik und danach ab 1952 ein Jahr am Moskauer Energetischen Institut das Gebiet Energiemaschinenbau. Von 1953 an studierte er Physik an der Lomonossow-Universität Moskau. Zu einem besonderen Höhepunkt seines Studiums gestalteten sich die Vorlesungen über theoretische Physik bei Lew Dawidowitsch Landau (Nobelpreis für Physik 1962). Mit einer experimentellen Arbeit Untersuchung der Temperaturabhängigkeit der Sättigungsmagnetisierung von Nickel-Kupfer-Legierungen und deren Suszeptibilität in starken Feldern schloss Ulrich Hofmann dort 1958 als Diplomphysiker sein Studium ab.Ulrich Hofmann: Untersuchung der Temperaturabhängigkeit der Sättigungsmagnetisierung von Nickel-Kupfer-Legierungen und deren Suszeptibilität in starken Feldern. Moskauer Staatliche Universität (MGU; Lomonossow-Universität), Physikalische Fakultät, Diplomarbeit, Moskau 1958. Sein akademischer Lehrer war Jewgeni Iwanowitsch Kondorski.
Während seiner Studentenjahre in Moskau entwickelte sich eine enge Freundschaft zu seinem deutschen Kommilitonen der Physik Hardwin Jungclaussen, einem nahen Verwandten der weltbekannten Physiker Heinrich Hertz und Gustav Hertz, die ein Leben lang bestand.Hardwin Jungclaussen: Frei in drei Diktaturen. Wie ich mein Leben erlebte und wie ich mein Glück fand. Reihe Autobiografien, Band 48. trafo Verlagsgruppe Dr. Wolfgang Weist, trafo Literaturverlag, Berlin 2015, S. 112–125, ISBN 978-3-86465-050-5.
Forschungsinstitut für Spezialwerkstoffe Dresden an der Akademie der Wissenschaften mini|hochkant|Ulrich Hofmann (rechts) mit seinem Doktorvater Günther Rassmann vor einem Grenzstein Europa-Asien bei Jekaterinburg im Ural (Mitte der 1960er Jahre)
Von 1958 bis 1969 war Hofmann am Forschungsinstitut für metallische Spezialwerkstoffe Dresden der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (DAW) tätig, das im Jahr 1952 von Friedrich Eisenkolb und Günther Rassmann gegründet worden war. Bis 1967 war er wissenschaftlicher Assistent, Oberassistent und Arbeitsgruppenleiter, ab 1967 Leiter des Bereiches „Physikalische und Chemische Grundlagen der Spezialwerkstoffe“ und Stellvertretender Institutsdirektor. 1969 wurde das Forschungsinstitut Teil des Zentralinstituts für Festkörperphysik und Werkstoffforschung und ist heute Teil des Leibniz-Instituts für Festkörper- und Werkstoffforschung.
Im Jahr 1966 wurde er an der Fakultät für Technologie der Technischen Universität Dresden mit der Dissertation Die Anfangspermeabilität hochpermeabler Legierungen auf Nickel-Eisen-Basis zum Doktoringenieur (Dr.-Ing.) promoviert.Ulrich Hofmann: Die Anfangspermeabilität hochpermeabler Legierungen auf Nickel-Eisen-Basis. Dissertation, Technische Universität Dresden, Fakultät für Technologie, Dresden 1966. Seine Betreuer waren Akademiemitglied Friedrich EisenkolbFriedrich Eisenkolb im Professorenkatalog der Technischen Universität Dresden. und Günther Rassmann, der ursprünglich Fabrikbesitzer war sowie Kunstliebhaber und Kunstkenner, daher zu jener Zeit auch zahlreiche Bilder von Lea Grundig und Hans Grundig kaufte. Im Jahr 1947 ist er enteignet worden, danach war er in der Lehre und Forschung tätig.Günther Rassmann im Professorenkatalog der Technischen Universität Dresden. Mitte der 1960er Jahre folgte Rassmann einer Einladung des hochdekorierten russischen theoretischen Physikers Sergei Wonsowski nach Jekaterinburg (damals Swerdlowsk) und wurde hierbei von Ulrich Hofmann begleitet, um dort das Akademie-Institut für Metallphysik zu besuchen und wissenschaftliche Erfahrungen auszutauschen. Wonsowski weilte später auch in Dresden, und der wechselseitige wissenschaftliche Meinungsaustausch wurde über viele Jahre postalisch fortgeführt.
Zu den Aufgaben von Hofmann im Institut gehörte der Aufbau eines Laboratoriums für Untersuchungen der magnetischen Grundgrößen wie Curie-Temperatur, Magnetisierung, Kristallenergie und Magnetostriktion an poly- und monokristallinen homogenen Stoffen. Diese Untersuchungen wurden in Abhängigkeit von verschiedenen Größen wie Temperatur, Magnetfeld, chemische Zusammensetzung und Ordnungszustand vorgenommen.
So ist es ihm gelungen, allgemein gültige Beziehungen zwischen der chemischen Zusammensetzung und den magnetischen sowie elektrischen Eigenschaften höchstpermeabler Nickel-Eisen-Zusatzmetall-Legierungen herzustellen und elektronentheoretisch zu deuten (Aufstellung einer Valenz-Regel).G. Rassmann and U. Hofmann: Classification of High-Permeability Nickel-Iron-Alloys. Journ. Appl. Phys. Vol. 39, No. 2 (Part I) 603–605, 1. Februar 1968. Auf diese Weise konnte eine ganze Werkstoffgruppe klassifiziert werden. Überdies konnte der eindeutige Beweis erbracht werden, dass die zweite magnetokristalline Anisotropiekonstante von Nickel negativ ist.Ulrich Hofmann: Zur Temperaturabhängigkeit und Vorzeichenbestimmung der magnotokristallinen Anisotropiekonstanten K2 von Nickel. Phys. stat. Sol. 7 (1964) K 145–150.
Weitere Untersuchungen betrafen z. B. die magnetischen Grundkonstanten von Kobalt, die Wärmeausdehnung von Eisen-Nickel-Legierungen (Invar) und von Eisen-Platin-Legierungen, die Dickenabhängigkeit der Sättigungsmagnetisierung dünner Nickel-Schichten bis hinab in den Nanometerbereich und magnetische Eigenschaften pulvermetallurgisch hergestellter Legierungen.
Als Leiter des Bereiches Physikalische und Chemische Grundlagen der Spezialwerkstoffe oblag ihm unter anderem die Betreuung folgender Arbeitsgebiete: Strukturuntersuchungen (Elektronenmikroskopie, Röntgenographie, Neutronenstreuung, Mößbauerspektroskopie), Texturuntersuchungen, Theorie (magnetische, elektrische und mechanische Eigenschaften), metallkundliche Analyse, Untersuchungen bei tiefen Temperaturen sowie spezielle Probleme der Pulvermetallurgie.
Während seiner Tätigkeit im Institut und danach betreute Hofmann zahlreiche Ingenieurpraktika, Beleg- und Staatsexamensarbeiten sowie Doktorarbeiten.
Wertvolle Erfahrungen in der Wissenschaftsleitung und -organisation sammelte er von 1962 bis 1967 während seiner Tätigkeit als nebenamtlicher wissenschaftlicher Referent für Physik in der Forschungsgemeinschaft der mathematischen, naturwissenschaftlichen und medizinischen Institute der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin unter den Akademiemitgliedern Hans Frühauf und Robert Rompe. In dieser Zeit entstanden auch vielfältige Arbeitsbeziehungen zu in Dresden ansässigen Akademieinstituten, zum Beispiel zur wissenschaftlichen Schule für Regelungstechnik und Technische Kybernetik von Heinrich Kindler, dem Gründer des ersten Instituts für Regelungstechnik im deutschsprachigen Raum – in diese Beziehungen waren auch Kindlers Schüler und spätere Professoren Karl Reinisch und Heinz Töpfer eingebunden –, oder zum Institut für angewandte Physik der Reinststoffe, dessen Gründer und Direktor Ernst Rexer war.
Zu Beginn des Jahres 1969 wurde Hofmann zum Leiter des Forschungsbereiches Werkstoffwissenschaften der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (DAW) berufen, an dessen Konzipierung und Entwicklung er wesentlichen Anteil hatte. Im selben Jahr erfolgte seine Berufung zum Honorarprofessor für Festkörperphysik an der Technischen Universität Dresden und nachfolgend 1983 seine Ernennung zum Professor an der Akademie der Wissenschaften der DDR (AdW) durch den damaligen Präsidenten Werner Scheler.
Akademie der Wissenschaften in Berlin mini|hochkant|Ulrich Hofmann während seiner Zeit als 1. Vizepräsident der AdW (1980er Jahre) mini|Im Lebedew-Institut für Physik 1973 in Moskau. Von rechts: Nikolai Gennadijewitsch Bassow, Institutsdirektor (Physik-Nobelpreis 1964); Ulrich Hofmann, Vizepräsident und Hermann Klare, Präsident der AdW der DDR mini|Ulrich Hofmann mit Ehefrau Oktjabrina Wartanowna Hofmann in der VR China, Akademie der Wissenschaften (1989)
Im Jahre 1970 wurde Hofmann zum Ordentlichen Mitglied der Gelehrtengesellschaft der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin gewählt. Im September 1970 erfolgte seine Ernennung zum Stellvertreter des Präsidenten Hermann Klare für die Gebiete Forschung und Planung, 1972 die Wahl zum Vizepräsidenten der DAW und 1980 zum 1. Vizepräsidenten der AdW. Zu seinen Aufgaben gehörten insbesondere: Prognose und Profil der Forschung; Planung und Organisation der Forschung; innerstaatliche Kooperation; materielle, technische und finanzielle Voraussetzungen der Forschung; Patent- und Lizenzwesen; wissenschaftliche Information und Bibliothekswesen.
Hofmann hatte Anteil an der Ausarbeitung der Prinzipien zur Leitung, Planung und Finanzierung der Forschung der Akademie der Wissenschaften der DDR und des Ministeriums für Hoch- und Fachschulwesen der DDR (Forschungsverordnung), wie sie 1972 in Kraft gesetzt wurden. Beide Institutionen führten nach der Hochschul- und Akademiereform von 1968/1972 die Grundlagenforschung wieder in eigener Verantwortung und Auftraggeberschaft aus.
Intensiv befasst hat sich Hofmann mit der Ausarbeitung einer Konzeption zur langfristigen Entwicklung der mathematischen und naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung sowie der Grundlagenforschung ausgewählter technischer Richtungen im Bereich der Akademie der Wissenschaften und des Ministeriums für Hoch- und Fachschulwesen, die erstmals für den Zeitraum 1975 bis 1990 beschlossen und dann alle fünf Jahre präzisiert und fortgeschrieben wurde.Ulrich Hofmann: Zur Forschungskooperation zwischen den Hochschulen und der Akademie. Erfahrungen eines Zeitzeugen und Mitgestalters. Abhandlungen der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin, Band 29, S. 133–153. trafo Wissenschaftsverlag Dr. Wolfgang Weist, Berlin 2010. In: Akademie und Universität in historischer und aktueller Sicht, Jahreskonferenz der Leibniz-Sozietät 2010. Herausgegeben von Herbert Hörz und Hubert Laitko. S. 146–152.