Das Regentschaftskönigreich Polen () bestand im Ersten Weltkrieg vom 5. November 1916 bis zum 29. November 1918 auf dem unter der Kontrolle der Mittelmächte stehenden Gebiet der seit dem Wiener Kongress 1815 zum Russischen Kaiserreich gehörenden Provinz Weichselland bzw. „Kongresspolens“. Nachfolger war ab dem 29. November 1918 die Zweite Polnische Republik.

Vorgeschichte mini|Mitglieder des Regentschaftsrates des Regentschaftskönigreichs Polen, v. l.: Józef Ostrowski, Erzbischof Kakowski und Fürst Lubomirski (September oder Oktober 1917) mini|Erzherzog Karl Stephan mit seiner Familie (um 1895) Bereits zu Beginn des Ersten Weltkrieges fasste der Deutsche Kaiser Wilhelm II. den Entschluss, das eventuell zu erobernde Gebiet Kongresspolens bei einem etwaigen Friedensschluss nicht an Russland zurückzugeben, sondern einen eng mit dem Königreich Preußen verbundenen polnischen Staat zu schaffen. Die Verwaltung des Landes sollte in polnischen Händen liegen, der Deutsche Kaiser und preußische König sollte jedoch das militärische Oberkommando über die Armee ausüben. Das neue Polen sollte eine Eisenbahngemeinschaft mit Preußen bilden und durch Handels- und Schifffahrtsverträge den Absatz seiner Waren über Danzig garantiert bekommen. Eine Annexion des Gebietes von Kalisch (Kalisz) durch Preußen wurde erwogen, ebenso kleinere Gebietsabtretungen an Österreich-Ungarn. Polen sollte ein Königreich sein. Die aussichtsreichsten Thronkandidaten waren Erzherzog Karl Stephan von Österreich, der in Saybusch (Żywiec) wohnte, sowie dessen ältester Sohn Erzherzog Karl Albrecht von Habsburg-Altenburg, der von seinem Vater auf den polnischen Thron vorbereitet worden war. Beide sprachen fließend Polnisch.

Nach der Eroberung ganz Kongresspolens durch deutsche und österreichisch-ungarische Truppen im Spätsommer 1915 wurde das Land von den Mittelmächten in zwei zivil verwaltete Generalgouvernements aufgeteilt, ein deutsch verwaltetes mit Sitz in Warschau unter Generaloberst Hans von Beseler und in ein österreichisch-ungarisch verwaltetes mit Sitz in Lublin und General Karl Kuk an der Spitze. Kleinere nördliche Gebiete Polens um Suwałki und Augustów kamen zum Gebiet Ober Ost, das deutscher Militärverwaltung unterstellt war.Vejas Gabriel Liulevicius: Besatzung (Osten). In: Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. 2., durchgesehene Auflage. Schöningh, Paderborn u. a. 2004, ISBN 3-506-73913-1, S. 379–381.

Beseler verfasste in den Jahren 1915 und 1916 mehrere Denkschriften, in denen er zwar die Errichtung eines unabhängigen polnischen Staates befürwortete, aber gleichzeitig – unter dem Einfluss Ludendorffs – nicht unbedeutende Gebietsabtretungen an Preußen: das Industriegebiet Zagłębie Dąbrowskie in Kleinpolen (östlich von Oberschlesien) und das Gebiet um Łomża (unweit der ostpreußischen Grenze) sowie an Litauen und Österreich-Ungarn postulierte. Gegen diese Vorschläge wandte sich der bedeutende Diplomat Gerhard von Mutius, Vetter des deutschen Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg und Vertreter des Auswärtigen Amtes bei Beseler, indem er betonte: „[…] Teilung und selbst Abtrennungen, soweit irgend mit den militärischen Interessen vereinbar, sind zu vermeiden. […] Nur so kann die antirussische Tendenz des neuen Polen für absehbare Zeit festgelegt werden.“ Gleichzeitig zeigten sich starke Habsburger Tendenzen, das Land in seiner Ganzheit zu übernehmen und in Vereinigung mit Galizien als polnisches Königreich in Personalunion mit Cisleithanien zu regieren; diese Überlegungen riefen jedoch wegen einer befürchteten Übermacht der Slawen in einer dann trialistisch gewordenen Doppelmonarchie die heftige Gegnerschaft der Deutschösterreicher und der Ungarn hervor.

Deutschland stand nach dem Scheitern des Angriffs auf Verdun und dem Beginn der Somme-Schlacht seit Mitte 1916 an der Westfront unter schwerem Druck der Entente, und die Truppen der Donaumonarchie hatten in der Südtiroloffensive 1916 Misserfolge an der italienischen Front hinzunehmen. Zusätzlich zur bedrohlichen Lage an der Ostfront musste das Reich den Kriegseintritt Rumäniens hinnehmen. Deshalb änderte die Oberste Heeresleitung (OHL) ihre ursprüngliche Einstellung – Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff wären nämlich bereit gewesen, Kongresspolen um den Preis eines Sonderfriedens an Russland zurückzugeben – und postulierte von nun an die Schaffung eines unabhängigen Polens, wohl in der Hoffnung, dass die neu zu schaffende polnische Armee zur Unterstützung der Mittelmächte herangezogen werden könne. Schließlich einigte man sich im Oktober 1916 während der Verhandlungen mit Österreich-Ungarn im Großen Hauptquartier in Pleß, den Prozess der Proklamation des neuen Staates zu beschleunigen. In der Zwischenzeit gelang es Beseler, eine pro-deutsche polnische Partei zu schaffen, den Klub der Anhänger des polnischen Staatswesens unter Władysław Studnicki, der sich entschieden zur Errichtung eines an das Deutsche Kaiserreich angelehnten polnischen Staates bekannte.

Anfangs gewann er sogar die austrophilen (österreich-ungarisch-freundlichen) Kräfte und die Anhänger von Józef Piłsudski für seine Ideen. Nach dem Besuch einer polnischen Delegation unter der Führung des Gelehrten Józef Brudziński in Berlin beim Kaiser und Reichskanzler Ende Oktober 1916 wurden schließlich die letzten Einzelheiten festgelegt.

Chronik der Ereignisse 1914 28. Juli: in Lemberg bildet sich das Zentrale Nationalkomitee (Centralny Komitet Narodowy), eine vorläufige politische Vertretungsgremium der Polen in Österreich-Ungarn, 16. August: Zusammenschluss des in Lemberg ansässigen Zentralen Nationalkomitees mit der Provisorischen Kommission der Konföderierten Unabhängigkeitsparteien in Wien (Komisja Tymczasowa Skonfederowanych Stronnictw Niepodległościowych) unter Beteiligung der polnischen Mitglieder des österreichischen Parlamentes; infolge der Fusion entsteht in Krakau das Oberste Nationalkomitee (Naczelny Komitet Narodowy), eine überparteiliche polnische Vertretungsgremium für den österreichischen Teil des dreigeteilten Polens, und schlägt die austropolnische Lösung (Vereinigung Kongresspolens mit Galizien, Wolhynien und der Provinz Posen unter österreichischer Kaiserkrone) vor. Die Polnischen Legionen (polnisch: ) – selbständige Formationen innerhalb der k.u.k. Armee – werden gegründet.

1915 Das Oberste Nationalkomitee gründet viele polnische Informationsbüros im Ausland sowie schafft Vertretungen in zahlreichen Landkreisen des österreichischen Königreiches Galizien und Lodomerien.

1916 mini|hochkant=1.5|Staatenbildung auf dem Gebiet des Russischen Reiches mini|Zehn Polnische Mark aus der Zeit des Regentschaftskönigreiches 12./13. August: Die Oberste Heeresleitung (OHL) schlägt die Angliederung eines polnischen Grenzstreifens an Preußen vor. 19. September: die Polnischen Legionen sind in das Polnische Hilfskorps übergegangen. 5. November: Im Säulensaal des Warschauer Königsschlosses gibt von Beseler den Beschluss der Kaiser Deutschlands und Österreich-Ungarns zur Einrichtung eines Königreichs Polen bekannt – ohne einen König und ohne genauere Bestimmung der Grenzen. Auf dem Schloss werden zum ersten Mal seit 1831 polnische Fahnen ausgehängt. Gleichzeitig veröffentlicht der österreichische Generalgouverneur Kuk dieselbe Proklamation in Lublin. Die ausgesprochen deutschfeindliche Bewegung Narodowa Demokracja (Nationale Demokratie), die ihre Hochburg in der Provinz Posen hat, und deren Führer Roman Dmowski in Paris weilt, lehnt nach wie vor jede Zusammenarbeit mit den Mittelmächten ab. Die Oberste Heeresleitung verordnet die zwangsweise Einreihung der polnischen Arbeitslosen in Arbeiterbataillone, die nach Deutschland gehen sollen, um dort deutsche Arbeiter zu ersetzen, die zum Kriegsdienst einberufen worden waren. Unter dem Eindruck der polnischen Proteste gibt Beseler nach, aber nur in Warschau. Im Lande gibt es eine rücksichtslose Zwangseintreibung der Arbeitslosen. 9. November: Die Behörden machen den ersten Versuch, eine Armee aufzustellen. Ein Werbeaufruf wird in den beiden Generalgouvernements angeschlagen. Große Proteste der polnischen Unabhängigkeitsorganisationen, da der Aufruf vor der Bildung einer polnischen Regierung ergangen ist. 1. Dezember: Die Polnischen Legionen (aber nicht ihre 1., sondern die 2. Brigade unter General Szeptycki) ziehen in Warschau ein. Die Legionen sollen das Offizierskorps der neuen Polnischen Armee stellen, aber Beseler will das Oberkommando selbst führen. In diesem Monat wird auch eine provisorische Regierung des Regentschaftskönigreiches ins Leben gerufen, der Provisorische Staatsrat mit 25 Mitgliedern, dessen Vorsitzender den Titel Kronmarschall tragen soll. 9. Dezember: Der Verwaltungschef Wolfgang von Kries gründet die Polnische Landes-Darlehnskasse, eine polnische Notenbank, die eine neue Währung, die polnische Mark, einführt.

1917 14. Januar: Der Staatsrat kommt erstmals auf dem Warschauer Königsschloss zusammen und konstituiert sich mit Waclaw Niemojowski, einem Großgrundbesitzer, als Kronmarschall. Seine Mitglieder erhielten dort von den Generalgouverneuren ihre Ernennungsurkunden. Zu den Mitgliedern gehört auch Józef Piłsudski, der von den Österreichern berufen wurde. In seiner ersten Proklamation bekennt sich der Staatsrat zur monarchischen Staatsform und fordert eine Ausdehnung nach Osten und eine Freiwilligenarmee. In diesem Monat setzt sich Ernst Scholtz, Oberbürgermeister von Danzig, im preußischen Herrenhaus für die Schaffung eines polnischen Freihafens in seiner Stadt ein. 22. Januar: Präsident Woodrow Wilson spricht sich im amerikanischen Senat für ein geeinigtes, unabhängiges und selbständiges Polen aus. Diese Botschaft stärkt diejenigen polnischen Kräfte, die jedes Zusammenwirken mit den Mittelmächten ablehnen. 8. März: Ausbruch der Februarrevolution in Russland. 10–11 März: die noch nicht offizielle Versammlung der Polnischen Bischofskonferenz, einberufen zum ersten Mal seit 1811 aus den drei besetzten Teilen Polens vom Erzbischof von Warschau Aleksander Kakowski. 15. März: Abdankungsmanifest von Zar Nikolaus II. in eigenem Namen und Namen seines Sohnes, zugunsten seines Bruders, des Großfürsten Michail. 16. März: Thronverzicht von Großfürst Michail. Das Interregnum führt in Polen die Stimmung des Neutralismus herbei. Die Liquidationskommission für die Angelegenheiten des Königreichs Polen wird in Russland gebildet, um eine endgültige Scheidungsfolgenvereinbarung zwischen Polen und Russland zu vorbereiten. 21. April: Beseler übergibt dem Staatsrat das Schulwesen, die Justiz und die Propaganda. Dieser entschließt sich mit großer Mehrheit, den deutscherseits dringend geforderten Werbeaufruf zur Polnischen Wehrmacht zu erlassen. Piłsudski und Niemojowski enthalten sich der Stimme. Zum Chef der Inspektion des Meldewesens wird Oberst Władysław Sikorski ernannt. In den in Polnisches Hilfskorps umbenannten Legionen sollen nur ehemalige russische Untertanen, genannt Nationalpolen, bleiben, die österreichisch-ungarischen sollen in die k. u. k. Armee einverleibt werden. Dies ruft größte Unruhe hervor. 3. Mai: Am polnischen Nationalfeiertag bricht ein Studentenstreik an den beiden Warschauer Hochschulen und fünf kleineren Privathochschulen aus. Die Studenten fordern wirkliche Übergabe der Schulverwaltung an polnische Behörden und innere Autonomie der Hochschulen. Am 1. Juni werden alle Hochschulen bis auf Abruf geschlossen. 2. Juli: Piłsudski und drei linksstehende Mitglieder des Staatsrats legen ihre Mandate nieder wegen falscher Behandlung der Heeresfragen.