Albert Buesche (* 13. März 1896 in Hannover; † 1976) war ein deutscher Kunsthistoriker und NS-Mitglied. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er Kunstkritiker des Tagesspiegels und Präsident der Deutsch-Französischen Gesellschaft in Berlin.
Leben Lehrtätigkeit Albert Buesche war zunächst als Studienrat am Französischen Gymnasium in Berlin tätig. 1920 promovierte er in Hamburg mit einer Arbeit über die Dramaturgie August Graf von Platens,Albert Buesche: Platens Dramaturgie, des Dichters Verhältnis zu Drama und Bühne. Im Auszug gedruckt Hannover 1920. Zitiert nach Fritz Redenbacher: Platen-Bibliographie. 2., bis 1970, ergänzte Auflage, Hildesheim 1972 (zuerst Erlangen 1936), S. 90. wurde dann Regisseur in verschiedenen deutschen Theater und Lektor in Paris.Ingrid Galster (Hrsg.): Sartre devant la presse d’Occupation: Le dossier critique des Mouches et Huis clos, Rennes 2005, S. 339 f. Dort besuchte er 1932 den Schriftsteller André Gide.Albert Buesche: Ein Besuch bei André Gide. [?], 1932. gidiana.net (PDF; 0,1 MB) Als die DAAD-Zweigstelle in Paris den Versuch unternahm, deutsche Theaterstücke wie Faust I und Hanneles Himmelfahrt zu zeigen, lag die künstlerische Leitung sowie die Vorbereitung und Durchführung bei Buesche. Auch wenn es sich nur um studentische Theateraufführungen handelte, behauptete er im Jahr 1933, zusammen mit dem Leiter der DAAD-Zweigstelle Hans Göttling, Kulturpropaganda zu betreiben: „Das Ziel: im anderen Volke Achtung und Verständnis, Teilnahme und Sympathie zu erwecken. Für Frankreich kommt noch mehr als für andere Länder dafür der Weg der Kunstdarbietung hauptsächlich in Betracht.“Dr. Hans Göttling und Dr. Albert Buesche an RMVP, Abteilung VII, Entwurf für Kunstveranstaltungen der Zweigstelle Paris des Deutschen Akademischen Austauschdienstes Winter 1933/34, Abschrift, 6. 9. 1933. Zitiert nach Kathrin Engel: Deutsche Kulturpolitik im besetzten Paris 1940–1944: Film und Theater. München 2003, S. 93: „Die Ursprünge dieser Initiativen gingen also auf die Zeit vor 1933 zurück, was den Schluß nahelegt, daß deren Motivation eher in dem Wunsch gewurzelt haben dürfte, das Aufgabengebiet der Zweigstelle zu erweitern und nicht in dem Grundsatz, Kulturpropaganda im Sinne des ‚neuen Deutschlands‘ zu betreiben.“ Zum 1. Dezember 1935 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 3.525.127).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/5060068
Besatzungsoffizier in Paris mini|Eröffnung der Breker-Ausstellung in Paris am 15. Mai 1942 Während der deutschen Okkupation in Paris war Buesche Leutnant der WehrmachtFrançois Pédron: Max Jacob, le fou de Dieu. Paris 2008, S. 125. und NSDAP/AO-Mitglied.Manuela Schwartz: ‚Eine versunkene Welt‘. Heinrich Strobel als Kritiker, Musikpolitiker, Essayist und Redner in Frankreich (1939–1944). In: Isolde v. Foerster, Christoph Hust, Christoph-Hellmut, Mahling (Hrsg.): Musikforschung, Faschismus, Nationalsozialismus. Referate der Tagung Schloss Engers (8. bis 11. März 2000), Mainz 2001, S. 291–318, hier 304. Er wohnte im 7. Pariser Arrondissement, neben der Galerie de Beaune (in der rue de Beaune),Patricia Sustrac: Arrestation. La mort de Max Jacob. In: Association des Amis de Max Jacob: Buesche fréquentait la galerie en voisin. wo er als „Anti-Nazi“ galt und den Mahler Roger Toulouse kennenlernte, der Verbindungen zur Résistance hatte.Roger Toulouse. In: André Peyre: Max Jacob quotidien. Paris 1976, S. 107: „Le marchand de tableaux [Georges Maratier], qui connaissait mes attaches avec la Résistance, me signala que Buesche était antinazi et bien introduit auprès de l’ambassadeur Abetz.“ Auf Anfrage von Toulouse habe sich Buesche bei Otto Abetz (NSDAP) für den im Sammellager Drancy 1944 gestorbenen Dichter Max Jacob eingesetzt, den er in Saint-Benoît-sur-Loire besucht hatte:Olga Rosenbaum: Max Jacob: The Integrity of the Writer. In: Nicole Thatcher, Ethel Tolansky (Hrsg.): Six Authors in Captivity: Literary Responses to the Occupation of France during World War II. Lang, Bern 2006, S. 85–110, hier 90; Moishe Black/Maria Green in: Ders. (Hrsg.): Hesitant Fire: Selected Prose of Max Jacob, Nebraska 1991, S. 226; Annie Marcoux, Didier Gompel-Netter (Hrsg.) in: Max Jacob: Les propos et les jours: Lettres 1904-1944. Paris 1989, S. 521; Maria Green (Hrsg.) in: Max Jacob: Lettres à Michel Manoll, 1937-1944, Mortemart: Rougerie, 1985, S. 161, Anm. 1: „Ce protecteur mystérieux est probablement Albert Buesche, officier allemand antinazi“.
"Da seine Büros voller Wanzen waren, sprachen wir über Malerei. Buesche steckte mir einen Zettel in die Hand. Er verabredete sich mit mir in einem Restaurant. […] Als Buesche die Nachricht erfuhr, war er fassungslos: ‚Noch so eine Dummheit der Hitlerleute. Das ist skandalös.‘ Unverzüglich wandte er sich an Otto Abetz, einen überzeugten Europäer. Dieser sollte den Entlassungsschein unterzeichnen."Roger Toulouse in André Peyre: Max Jacob quotidien. Paris 1976, S. 108f.: „Ses bureaux étant truffés de micros, nous parlâmes de peinture. Buesche me glissa un billet dans la main. Il me donnait rendez-vous dans un restaurant. […] En apprenant la nouvelle, Buesche était défait: ‚Encore une sottise des hitlériens. C’est scandaleux.‘ Il entreprit sans tarder une démarche auprès d’Otto Abetz, européen convaincu. Celui-ci devait signer le bon d’élargissement.“ Brief von Albert Buesche an Roger Toulouse vom 4. März 1944 in: Max Jacob: Lettres à Roger Toulouse. 1937-1944. (Hrsg. von Patricia Sustrac, Christine Van Rogger-Andreucci) Troyes 1992, S. 101: „J’ai fait la démarche dont je vous avais parlé et on m’a dit que votre ami a bonne chance.“
Gleichzeitig war Buesche für die nationalsozialistische Propaganda tätig.Laut Ingrid Galster war Buesche „actif dans la section de propagande du bureau de la NSDAP où il s’occupa des questions d’art.“ Als „Kenner der französischen Literatur und Kultur“ wurde er 1941 von Rudolf Sparing als Theaterkritiker und Ressortleiter des Kulturteils der Pariser Zeitung eingestellt,Andreas Laska: Presse et propagande allemandes en France occupée: des Moniteurs officiels (1870–1871) à la Gazette des Ardennes (1914–1918) et à la Pariser Zeitung (1940–1944). Herbert Utz Verlag-Wissenschaft, München 2003, S. 262. die als Organ der Propagandastaffel bezeichnet wird.Albert Betz: Die „geistige Führung in Europa“ erringen? Selbstinszenierungen des Dritten Reichs im Paris der Okkupation. In: Frankreich und Deutschland im Krieg. S. 649–657, hier 655: „Die Pariser Zeitung, das Organ der Propagandastaffel“. Rainer Franke, Wolfgang Osthoff (Hrsg.): Pfitzner und das musikalische Theater. Tutzing 2008, S. 164: „Die ‚Pariser Zeitung‘, das deutschsprachige Organ der Propagandastaffel“. Ingrid Galster (Hrsg.): Sartre devant la presse d’Occupation: Le dossier critique des Mouches et Huis clos. Rennes 2005, S. 339 f. Carole Seymour-Jones, A Dangerous Liaison: A Revelatory New Biography of Simone De Beauvoir and Jean-Paul Sartre. Overlook, New York 2008: „Albert Buesche, the German critic in the Pariser Zeitung, organ of the Propaganda office.“ Er war mit Hitlers Lieblingsbildhauer Arno Breker befreundet und schrieb die Einführung zum Katalog der Breker-Ausstellung, die 1942 im Pariser Musée de l’Orangerie stattfand.Rainer Heckel: Der andere Breker. Engagement für politisch Verfolgte. In: Rudolf Conrades (Hrsg.): Zur Diskussion gestellt: der Bildhauer Arno Breker, Begleitband zur Ausstellung. 3. Auflage. Schwerin 2006, S. 155.
Buesche war auch Feuilletonkorrespondent der NS-Wochenzeitung Das Reich und veröffentlichte öfter in den Vierteljahresheften des Pariser Deutschen Institutes Artikel zu Kunst und Musik. Darin habe er sich als „guter Kenner der literarischen Szene“ erwiesen und „sichtlich darum bemüht, kulturelle Normalität vorzutäuschen und sich dem üblichen Ton von Feuilletons anzupassen“, beispielsweise 1944 in seiner Besprechung von Jean Anouilhs Antigone, in der „der Repräsentant der Besatzungsmacht die deutlich als Polizisten oder Milizionäre stilisierten Repräsentanten von Creons Staatsmacht als Gangster empfindet“, ohne „die mögliche politische Bedeutungen“ zu erwähnen.Manfred Flügge: Jean Anouilhs „Antigone“. Symbolgestalt des französischen Dilemmas 1940-1944. Ein Beitrag zur Theatergeschichte. 3. Auflage. Rheinfelden / Berlin 1995, S. 213: „Dies entspricht vom Stil her auch den anderen Artikeln von Buesche in dieser Zeitung oder an anderen Stellen.“ Albert Buesche: „Ewig spielen die Wachhabenden Karten.“ In: Pariser Zeitung, 16. Februar 1944: „Es sind strammstehende verdächtige Individuen in kriminalistisch wirkenden Gummimänteln und gangstermäßig aufgesetzten Filzhüten.“ 1943 hatte er die kathartische Rolle des Theaters betont, das den ungefährlichen Ausdruck von politischen Gefühlen ermöglicheAlbert Buesche: Der Pariser und sein Theater. Diskussion zu romantischen Stücken. In: Das Reich, 12. September 1943. Zitiert nach Ingrid Galster (Hrsg.): Sartre devant la presse d’Occupation: Le dossier critique des Mouches et Huis clos. Rennes 2005, S. 22. – eine Auffassung, die die Sicherheitspolizei zu einem ähnlichen Bericht „wohl inspirierte“.Der Chef der SIPO und des SD Berlin - Geheim! 25. Oktober 1943. Zitiert nach Ingrid Galster: Le théâtre de Sartre devant la censure (1943–1944). In: Cahiers de l’Association internationale des études francaises, 2010, n°62, S. 395–418, hier 418. mini|Redaktionsgebäude der Pariser Zeitung in der Rue Réaumur im 2. Arrondissement (Paris)
Verhältnis zur NS-Ideologie Albert Buesche habe „eine gewisse Unabhängigkeit“ gegenüber der offiziellen deutschen Kulturpolitik gezeigt.Ingrid Galster: Le théâtre de Sartre devant la censure (1943–1944). In: Cahiers de l’Association internationale des études francaises, 2010, n°62, S. 395–418, hier 417; Kathrin Engel: Deutsche Kulturpolitik im besetzten Paris 1940–1944: Film und Theater. München 2003, S. 318. (PDF) Die Propaganda-Staffel fand seine Besprechung des „Iphigenien“-Gastspiels 1942Albert Buesche: ‚Iphigenie‘ auf Deutsch, Gastspiel des Bayerischen Staatsschauspiels in Paris. In: Pariser Zeitung, 16. April 1942. „ausgesprochen peinlich“Kathrin Engel: Deutsche Kulturpolitik im besetzten Paris 1940–1944: Film und Theater. München 2003, S. 310. und Wilhelm Knothe (NSDAP) hielt 1943 seine Ausführungen über Gerhart Hauptmanns Rose Bernd auf FranzösischAlbert Buesche: Grenzen des Verstehens, Gerhart Hauptmanns ‚Rose Bernd‘ auf Französisch. In: Pariser Zeitung, 26. Januar 1943. „kulturpolitisch eher für unangebracht“, Kathrin Engel zufolge:Kathrin Engel: Deutsche Kulturpolitik im besetzten Paris 1940–1944: Film und Theater. München 2003, S. 316. Buesches Ansicht nach wäre „die sogenannte Umschmelzung der deutschen Dichtung durch das ‚französische Wesen‘ notwendig, denn er sah darin einen Schritt zum Europäertum der Zukunft. In dieser Vorstellung waren die deutsche und französische Kultur gleichberechtigte Partner, deren Begegnung die Vorstufe zu einem geistigen Europäertum bildete. Mit dem von den Nationalsozialisten verfolgten sogenannten Sieg der deutschen Kultur über die französische waren solche Gedanken nicht vereinbar“.Kathrin Engel: Deutsche Kulturpolitik im besetzten Paris 1940–1944: Film und Theater. München 2003, S. 318 (PDF): „Mit seinen kritischen Reflexionen stellte Buesche die gedanklichen Grundlagen der hier verfolgten deutschen Kulturpropaganda in Frage, was die Verärgerung Knothes erklärt. Allerdings stimmte Knothe trotzdem mit Buesches Kritik überein.“