Incel (Abkürzung aus involuntarily celibate, englisch für ‚unfreiwillig sexuell enthaltsam‘; wörtlich: ‚unfreiwillig zölibatär‘) ist die Selbstbezeichnung einer in den USA entstandenen Internet-Subkultur heterosexueller Männer, die nach Eigenaussage unfreiwillig keinen Geschlechtsverkehr bzw. keine romantische Beziehung haben und der Ideologie einer hegemonialen Männlichkeit anhängen. Von Incels ausgedrückte Überzeugungen und Gefühle sind geprägt von Misogynie (Frauenfeindlichkeit), dem Anspruch, ein Recht auf Sex zu haben, Selbstmitleid und in Teilen der Billigung und Anwendung von Gewalt gegen Frauen und gegen sexuell aktive Männer.
Geschichte Ursprung Der Terminus „Incel“ war ursprünglich rein beschreibend und wertungsfrei. Er geht zurück auf eine kanadische Studentin, die 1997 mit der Online-Selbsthilfegruppe „Alana’s Involuntary Celibacy Project“ schüchternen Menschen aller sexuellen Orientierungen ein Forum geben wollte. Nachdem sie es im Jahr 2000 verlassen hatte, entwickelte es sich zu einem Hassforum heterosexueller Männer, die den Terminus als Selbstbezeichnung übernahmen. Nur noch selten wird in der Gegenwart die AbkürzungWas ist ein "Incel"?DWDS: Incel Incel als Synonym für „unfreiwillig ohne eine intime Beziehung und ohne sexuelle Betätigung Lebende(r)“ benutzt.
Der ideologische Ursprung der heutigen, frauenfeindlich ausgerichteten Incel-Subkultur wird in Boards wie 4chan gesehen, dort insbesondere im Subboard „ROBOT 9001“ (/r9k/) und „politically incorrect“ (/pol/).
Der Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach (2019) zufolge arbeitet die Szene in den USA zunehmend mit rechtsnationalen Bewegungen zusammen,Inga Barthels: Frauenhass und Rechtsnationalismus. Die Rache verunsicherter Männer. In: Der Tagesspiegel. 20. März 2019 (tagesspiegel.de). die sich dort vor allem in der Alt-Right-Bewegung formieren. Laut dem Southern Poverty Law Center ist Frauenfeindlichkeit mehr und mehr zur „Einstiegsdroge für Extremisten“ geworden. Auch Elliot Rodger, den Amokläufer von Isla Vista, rechnet das Institut aufgrund seiner Misogynie und Abneigung gegen inter-ethnische Paare der Alt-Right zu.Keegan Hankes, Alex Amend: The Alt-Right is Killing People, Southern Poverty Law Center, 5. Februar 2018. Der in den USA bekannte Alt-Right-Vlogger Nick Fuentes bezeichnet sich selbst als „incel“, was jedoch von Teilen der Szene abgelehnt wird.Claire Goforth: ‘Wannabe incel’: Nick Fuentes fans revolt over admission he’s voluntarily celibate, The Daily Dot, 9. Februar 2022.
Anschläge und Anschlagspläne In den Fokus der Medien geriet die Incel-Szene erst nach der Amokfahrt in Toronto 2018, bei der 10 Menschen ums Leben kamen: Der Attentäter war ein bekennendes Mitglied der Incel-Subkultur. Er hatte zuvor auf Facebook von der „Incel Rebellion“ geschrieben und auf den Täter des Amoklaufs von Isla Vista verwiesen, der von Teilen der Incel-Community als Held gefeiert wird.Michael Schilliger: Der Amokfahrer von Toronto war ein Incel – aber was ist das eigentlich? Eine Erklärung. In: Neue Zürcher Zeitung, 25. April 2018 (nzz.ch).Tilman Richter: Der Hass der „Incels“. Männer ohne Sex. In: FAZ, 29. April 2018 (faz.net).
Im November 2018 drang ein 40-jähriger Mann in ein Yoga-Studio in Florida ein und erschoss zwei Frauen, bevor er sich selbst tötete. In Youtube-Videos hatte er sich als „Incel“ bezeichnet, sich dazu bekannt, Sympathisant des Täters von Isla Vista zu sein und sowohl Hass auf Frauen als auch rechtsextreme Ansichten geäußert.Steve Hendrix: How male supremacy fueled an incel attack on a florida yoga studio. In: The Washington Post. 7. Juni 2019 (washingtonpost.com).
Auch Stephan B., der am 9. Oktober 2019 ein Attentat auf eine Synagoge und einen Döner-Imbiss in Halle (Saale) beging, hatte laut NDR Bezüge zur „Incel“-Ideologie: Während seiner Tat hörte er ein Lied, das der „Incel“-Szene gewidmet ist und sich auf die Amokfahrt von Toronto bezieht.Susanne Kaiser: Rechtsextrem und Sexist. Zeit online, 23. Februar 2020
Forschende zählten im April 2020 fast 50 Opfer von durch Incels begangenen Tötungsdelikten und insgesamt 90 Gewaltdelikte, die in Zusammenhang mit der Ideologie stehen.
Am 11. September 2020 fuhr in Amriswil ein 27-Jähriger absichtlich zwei Frauen an und verletzte sie. Der Fall gilt als erstes Attentat eines Incel in der Schweiz.
Im Juli 2021 wurde in Ohio eine 21-jährige verdächtige Person festgenommen, die laut monatelanger Ermittlungen regelmäßig auf einschlägigen Seiten der Incel-Community postete und einen „Incel“-Terroranschlag geplant hatte. Die Person strebte dabei an, bis zu 3.000 Menschen zu töten und besaß illegal ein Maschinengewehr.
Eine Analyse, welche die Attentäter aus dem Incel-Umfeld untersuchte, fand bei ihnen ein Gefühl der Hilf- und Hoffnungslosigkeit, welches dabei mit Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt, aber auch mit fehlenden sozialen Beziehungen und zum Teil familiären Problemen verbunden war; sie projizierten dieses Gefühl jedoch primär auf ihre Ablehnung durch Frauen. Kontrovers wird die Frage diskutiert, ob die von „Incel“-Anhängern begangenen Gewalttaten als Terrorismus eingestuft werden sollen. Während dies in Kanada der Fall ist, gibt es in den USA Vorbehalte gegen eine solche Einstufung. Kritik gegen eine solche Einstufung verweist darauf, dass die Gewalttaten und Befürwortung von Gewalt von einer kleinen Minderheit ausgehe, während in der Incel-Community vor allem psychische Probleme vorherrschend seien, für deren Adressierung eine Einstufung als Terrorismus nicht hilfreich sei. Es besteht allerdings weitestgehende Einigkeit darüber, dass Incel-Communities zur Radikalisierung ihrer Mitglieder beitragen.
Anhänger und Verbreitung Ausgehend von den USA und Kanada hat sich das Phänomen mittlerweile über den gesamten englischsprachigen Raum verbreitet. In Online-Communitys haben sich tausende Incels zusammengeschlossen, wie in „The Red Pill“, einem Kanal der Forengemeinschaft Reddit, dem Subforum „PhilosophyOfRape“, wo „korrektive Vergewaltigung von Feministinnen“ diskutiert wurde, oder auf 4chan und weiteren. Wird ein Forum geschlossen, finden sich die „Incels“ in einem anderen zusammen.Frauenhass: Reddit schließt „Männergruppe“ mit 40.000 Mitgliedern. In: Der Standard, 9. November 2017, abgerufen am 3. Juli 2021. Laut einer Recherche des Senders CBC News vom März 2021 sind in den drei größten Incel-Foren 60.000 Nutzer aktiv.
Demographie und Statistisches Eine Studie von 2019 geht von einer „rassischen“ Diversität innerhalb der Szene aus.Jaki et al.: Online hatred of women in the Incels.me Forum. In: Journal of Language Aggression and Conflict. 2019. Laut einer Umfrage eines der größten Szene-Foren ist fast jedes zweite Mitglied nicht weiß, obwohl 85 Prozent angaben, in den USA oder Europa zu leben. In der Szene existiert für Angehörige, die der Meinung sind, dass ihr „Incel“-Status auf ihre ethnische Herkunft bzw. ihre Herkunft als People of Color zurückzuführen sei, die Bezeichnung „ethnicel“.Zaron Burnett III: Inside the World of Black Incels, MelMagazine.com. In diesem Zusammenhang kursieren, auch vonseiten der Betreffenden, spezielle Ethnophaulismen wie „Currycels“ (Inder bzw. Südasiaten)Ketaki Desai: Can’t get a date? These Indians think it’s their race women hate, The Times of India, 6. Juni 2018. oder „Ricecels“ (Ost- und Südostasiaten) sowie die „JBW“ („just be white“) genannte Ansicht, dass es für weiße Männer leichter sei, bei Frauen Erfolg zu haben.Fraser Myers: Incels: the ugly truth, Spiked-online.com, 6. Juli 2018.
Der Altersschnitt in der Szene liegt zwischen 15 und 25, die Gruppe der 18- bis 21-Jährigen macht nach Recherchen von Veronika Kracher mit 31,3 Prozent den größten Anteil aus.
Laut einer Studie der Psychologen William Costello, Vania Rolon, Andrew G. Thomas und David Schmitt identifizieren sich 44,7 Prozent der befragten Szeneangehörigen als politisch links, gefolgt von 38,85 und 17,47 Prozent, die sich selbst jeweils als rechts und mittig verorten.William Costello, Vania Rolon, Andrew G. Thomas u. David Schmitt: Levels of Well‑Being Among Men Who Are Incel (Involuntarily Celibate), in: Evolutionary Psychological Science 8 (2022); S. 375–390. Die Autoren der Studie kritisieren daher und im Hinblick auf die ethnische Diversität innerhalb der Szene die oft anzutreffende Behauptung einer politischen Nähe dieser zur Ideologie der White Supremacy.
Verbreitungswege Soziale Medien und insbesondere YouTube spielen eine große Rolle bei der Verbreitung der Subkultur. Die automatisierten, algorithmengestützten Empfehlungen des Webvideoportals stehen hierbei in der Kritik, die Nutzer systematisch zu extremistischen Inhalten zu führen. Eine im Oktober 2021 veröffentlichte Studie fand heraus, dass YouTube-Nutzern mit 6,3 Prozent Wahrscheinlichkeit innerhalb von fünf „Sprüngen“ ein Video mit Incel-Bezug vorgeschlagen werde, wenn man von einem Video ohne Incel-Bezug ausgeht. Hierbei gelten insbesondere die Videos von bzw. mit Jordan Peterson als „Gateway“ zu den Inhalten der Manosphere.
Ideologie und Diskurse mini|Ein bekanntes Meme der Incel-Szene, wonach die sexuelle Revolution zu einem Ungleichgewicht bei der Partnersuche geführt habe (Hypergamie)Tamara Wernli: Die Wahrheit über Hypergamie 1:30 Erklärung in Deutsch
„Incels“ betrachten sich oft als Männer dritter Klasse, die sich von Frauen sexuell und romantisch zurückgewiesen fühlen und jene hassen, die Sex haben.Zoe Williams: ‘Raw hatred’: why the ‘incel’ movement targets and terrorises women. In: The Guardian, 25. April 2018; theguardian.com Sie glauben, dass sowohl Dating als auch die komplette soziale Hierarchie durch das äußere Erscheinungsbild determiniert wird (Lookismus). Man könne die Attraktivität angeblich an einer Skala, der sogenannten „sexual marketplace value“, kurz „SMV“, zu Deutsch „sexueller Marktwert“, messen. An der Spitze stünden dabei die Männer, die von Frauen als besonders körperlich attraktiv empfunden würden, die sogenannten „Chads“ oder „Alphas“. Diese würden rund 20 Prozent der Männer ausmachen. Durchschnittlich attraktive und sexuell aktive Männer werden als „Normies“ bezeichnet. Incels würden – bedingt durch ihr physisches Erscheinungsbild – ganz unten in der Hierarchie stehen. Frauen werden wiederum in „Stacies“ (hyperfeminin, attraktiv) und nach Meinung der „Incels“ weniger attraktive „Beckies“ unterteilt. Unter Incels wird zudem unterstellt, besonders junge (und minderjährige) Frauen seien attraktiv und diese Attraktivität sei evolutionsbiologisch begründet. Nach Ansicht der „Incels“ streben Frauen – ungeachtet ihrer eigenen Attraktivität – nur nach Partnerschaften mit den o. g. „Chads“ (was in der Ideologie als „Hypergamie“ bezeichnet wird). Dating-Apps würden diese Tendenz verstärken. Sie selbst hätten daher keine Chance, eine Partnerschaft mit einer Frau zu begründen. Diese nihilistische Einstellung bezeichnen sie selbst als „Blackpill“. Dabei gehen sie davon aus, dass die Partnerwahl vor der sexuellen Revolution nach dem Prinzip des sogenannten „Looks-Matching“ funktioniert habe, wonach Menschen Partner mit einer ähnlichen „Attraktivitätsstufe“ gehabt hätten.Interview mit Veronika Kracher von Nicholas Potter: „Incels sind die Spitze des patriarchalen Eisbergs“, Belltower.News, 22. September 2020. Dieses Prinzip sei aber durch Feminismus bzw. der sexuellen Revolution aufgehoben worden, was nun zu einem Ungleichgewicht geführt habe.