Xizambi (Xitsonga), auch zambi, tshizambi, chizambi, chimazambi, ist ein Mundbogen bei den Tsonga und bei benachbarten Ethnien im Süden von Mosambik und im Norden von Südafrika, dessen mit Kerben versehener Saitenträger mit einem Stab gestrichen wird. Nach der Tonerzeugung wie bei einem Schrapinstrument ist der xizambi ein Schrapbogen oder Reibebogen (englisch friction bow), nach der Form ein Musikbogen, dessen Saite mit dem Mund verstärkt wird, also der einfachste Typ eines Saiteninstruments. Zugleich werden am Stab befestigte Gefäßrasseln in Schwingungen versetzt, was den Musikbogen zugleich zu einem mittelbar angeregten Idiophon macht. Der xizambi gilt als das beliebteste traditionelle Musikinstrument der Tsonga und ist für deren Musik charakteristisch.Thomas F. Johnston, 1982, S. 897
Bauform und Stimmung miniatur|Mundbogenspieler im Bundesstaat Cross River in Nigeria um 1910. Die Spielhaltung ist ähnlich wie beim xizambi. Ein Musikbogen besteht aus einem biegsamen und gebogenen Stab, der eine an beiden Enden festgebundene Saite unter Spannung hält. Ähnlich einfach konstruiert ist eine Stabzither, über deren starren Saitenträger parallel eine Saite gespannt ist. In beiden Fällen ist zur Klangverstärkung ein Resonanzkörper seitlich am Stab angebracht. Beim Mundbogen ersetzt der Mundraum des Spielers, mit dem die Saite oder der Bogenstab an einem Ende umschlossen wird, den Resonanzkörper. Häufig wird die Saite durch regelmäßige Schläge mit einem Stäbchen direkt angeregt, bei den Schrapbögen gibt der Trägerstab die Schwingungen an die Saite weiter.
Der leicht gekrümmte Saitenträger des xizambi ist 36 bis 48 Zentimeter lang, hat einen Durchmesser von 1,5 Zentimetern und besteht aus einem Zweig von Brachylaena discolor (Xitsonga mphata). Zwischen beiden Enden des Saitenträgers (mphonwani) wird als Saite ein gut ein Zentimeter breiter Blattstreifen der Rohrkolbenart Typha capensis oder der Doumpalmenart Hyphaene petersiana (Xitsonga nala, Shona murara) gespannt. Der Spieler hält ein Ende des Mundbogens mit der linken Hand seitwärts von seinem Kopf und drückt das andere Ende so gegen Kinn und Backen der rechten Gesichtshälfte, dass die Saite zwischen seinen Lippen verläuft. Die leicht geöffneten Lippen sollten die Saite nicht berühren. Mit einem oder mehreren Fingern der linken Hand kann er durch seitlichen Druck die Saite verkürzen. An der in dieser Haltung vom Spieler abgewandten Seite ist der Saitenträger im mittleren Bereich gleichmäßig gekerbt. Um den Saitenträger in Schwingungen zu versetzen, streicht er mit dem Schrapstab in schnellen Bewegungen über die Einkerbungen. Die Kerben, deren Abstand dem Durchmesser des Schrapstabes entspricht, werden mit dem Messer senkrecht eingeschnitten, jedoch nicht über die gesamte Breite des Stabes, um dessen Stabilität nicht zu gefährden.
Der Schrapstab (fahlwana) besteht aus einem etwa 36 Zentimeter langen, geraden Holzstab, auf den in der Mitte zwei oder drei mit Rasselkörpern (Bohnensamen oder Steinchen)C. T. D. Marivate: South Africa, Republic of. 4. Tsonga music (i) Musical instruments. In: Oxford Music Online gefüllte Fruchtschalen als Gefäßrasseln (maronge)Sibyl Marcuse: Musical Instruments: A Comprehensive Dictionary. A complete, autoritative encyclopedia of instruments throughout the world. Country Life Limited, London 1966, S. 597, „Zambi“ aufgespießt sind. Auf das obere, ausgedünnte Viertel des Stabs wird ein aufgebohrtes Holzrohr mit einer geriffelten Oberfläche aufgesteckt. Mit diesem streicht der Spieler über den Bogenstab, während das andere Ende des Schrapstabs als Handgriff dient.Scraped mouth bow (xizambi). Museum of Fine Arts Boston (Xizambi aus dem 19. Jahrhundert, Bogenlänge 58 Zentimeter. Ein auf den Schrapstab aufgestecktes, geriffeltes Holzrohr ist hier nicht vorhanden.) Zambi, xizambi. Percival Kirby Musical Instruments (Abbildung eines mit Pflanzenfaser umwickelten Schrapstabs) Mit der rechten Hand führt er den Stab von unten und bewirkt mit der Pendelbewegung zugleich ein prasselndes Geräusch der Samen in den Rasselkörpern. Instrumentenkundlich wird der Schrapstab den mittelbar geschlagenen Idiophonen zugeordnet.
Über dem nicht hörbaren Grundton produziert die leere Saite eine Reihe von Obertönen. Der zweite harmonische Oberton ist ständig zu hören, auch wenn der Spieler mit einem Finger die Saite verkürzt, um ein bis vier Tonstufen (etwa 200 bis 500 Cent) höhere Töne zu produzieren. Über dem zweiten Oberton erzeugt der Spieler eine mit seinem Mundraum beeinflussbare Klangverstärkung vom dritten bis zum siebten (oder neunten) Oberton. Die Saite darf für die gewünschte Tonhöhe nicht zu lose gespannt sein, bei zu fester Spannung reißt sie jedoch. Die einschränkenden Eigenschaften der Saite und die begrenzten Griffmöglichkeiten mit der linken Hand ergeben einen relativ standardisierten Tonvorrat des xizambi. Hauptsächlich zu hören ist der vierte Oberton, der zwei Oktaven über dem unhörbaren Grundton liegt. Für bestimmte Melodien passen manche Musiker die Saitenspannung an oder verwenden ein Instrument von anderer Größe. Durch die ständige Vor-und-zurück-Bewegung des Schrapstabs entsteht ein andauernder Saitenton. Der Schrapstab ergänzt ein rhythmisches Muster, das gleichmäßig, abgehackt, laut oder unbetont sein kann. Die Töne und Tonfolgen werden durch inhaltsleere Silben memoriert und unterrichtet, etwa durch die Silbenfolge hlawa-hlawa.Thomas Johnston, 1970, S. 82
Verbreitung Der xizambi wird traditionell nur von Männern gespielt und ist außer bei den Tsonga von Mosambik und Südafrika bei den Hlengwe, Karanga und Ndau im Südosten von Simbabwe sowie bei den Ndau, Chopi und Tswa im Süden von Mosambik verbreitet. Die in Angola, Namibia und Botswana verwenden den häufig etwas größeren Schrapbogen nxoronxoro (nxonxoro), der jedoch mit der linken Hand mehr nach vorne gehalten wird, weshalb der Spieler mit dem Stab über den Bogen auf der ihm zugewandten Seite reibt. Dieser Stab hat keine Rasseln. Anstatt mit den Fingern kann der Spieler des nxoronxoro die Saite mit einem kurzen Stab in der linken Hand verkürzen.David K. Rycroft, Andrew Tracey, 2014, S. 342f Die Musikbögen der stammen entweder aus der eigenen Tradition oder wurden, wie der mit dem Mund verstärkte Schrapbogen kawayawaya der Mbwela und Ng’kangela in Angola, von den Bantu übernommen.Gerhard Kubik: Theory of African Music. Band 1. (Chicago Studies in Ethnomusicology) Chicago University Press, Chicago 1994, S. 223 Der früher verwendete Schrapbogen der in Angola war ein dem xizambi ähnlicher Mundbogen, der aus einem feuchten Zweig hergestellt wurde.Gerhard Kubik: Das Khoisan-Erbe im Süden von Angola. Bewegungsformen, Bogenharmonik und tonale Ordnung in der Musik der ’ und benachbarter Bantu-Populationen. In: Erich Stockmann (Hrsg.): Musikkulturen in Afrika. Verlag Neue Musik, Berlin 1987, S. 82–196, hier S. 134
Bei den südafrikanischen Zulu ist der seltene, mit dem Mund verstärkte Schrapbogen isizembe bekannt, dessen Form und Name auf eine Herkunft vom xizambi der Tsonga hinweist. Ein entsprechender Schrapbogen bei den Venda heißt tshizambi. Die Herstellungsmethoden des Schrapbogens unterscheiden sich bei den drei Ethnien. Während Percival Robson Kirby (1934)Percival Robson Kirby: The Musical Instruments of the Native Races of South Africa. Oxford University Press, London 1934 beschreibt, dass der xizambi-Saitenträger zuerst über dem Feuer erhitzt und dann an den Enden ausgedünnt wird, sodass sich die Enden unter der Saitenspannung biegen, wird beim isizembe ein grüner Zweig von der Rinde befreit, an den Enden ausgedünnt und mit einer Saite aus einem Blattstreifen der Doumpalme gespannt.Tandile Mandela: The Revival and Revitalization of Musical Bow Practice in South Africa. (Dissertation) University of Cape Town, 2005, S. 18f In Namibia wurde ein kaholoholo genannter, mit dem Mund verstärkter Schrapbogen beobachtet, der von Männern gespielt wird. Sein Saitenträger ist im Bereich der Einkerbungen in der Mitte gerade und an den Enden beinahe rechtwinklig aufgebogen.Minette Elaine Mans: Namibian Music and Dance as Ngoma in Arts Education. (Dissertation) University of Natal, 1997, S. 22, 420 Des Weiteren sind Schrapbögen im Süden des Kongo verbreitet.Ulrich Wegner: Afrikanische Saiteninstrumente. Museum für Völkerkunde, Berlin 1984, S. 24
Neben Schrapbögen kommen im südlichen Afrika auch gestrichene Musikbögen vor. Der umrhubhe der Xhosa ist ein Mundbogen, der vor dem Körper senkrecht nach unten gehalten und dessen Saite mit einem dünnen Stab gestrichen wird. Der Spieler umfasst beim umrhubhe mit den Lippen den Bogenstab, nicht die Saite.Vgl. David Dargie: The Xhosa “Umrhubene” Mouthbow: An Extraordinary Musical Instrument. In: African Music, Bd. 9, Nr. 1, 2011, S. 33–55 Ferner gibt es einsaitige Zithern, deren Saite mit einem Bogen gestrichen wird. Zu den Stabzithern gehört die in Südafrika gespielte isankuni, deren gerader Saitenträger aus einem Blechkanister herausragt, der als Resonator dient. Etwas aufwendiger konstruiert ist die Schalenzither segankuru, die aus einem schalenförmig ausgehöhlten Holzstab als Resonator und zusätzlich einem Blechkanister besteht und vermutlich aus der mit dem Mund verstärkten Zither tshidzholo hervorgegangen ist. Durch Reibung lassen sich auch Membranophone anregen, etwa die von den Humbi und Handa im Südwesten Angolas gespielte Reibtrommel pwita, deren kratziger Ton einem Musikbogen ähnelt.Gerhard Kubik: Musical Bows in South-Western Angola, 1965. In: African Music, Bd. 5, Nr. 4, 1975/1976, S. 98–104, hier S. 99, 103
Die Art der Kombination zweier grundverschiedener Instrumentengruppen – Saiteninstrument und Idiophon – ist zwar eine Besonderheit des xizambi, in der afrikanischen Instrumentaltradition werden jedoch zahlreiche Methoden angewandt, um den Melodieton durch einen geräuschhaften Ton zu verändern oder zu ergänzen. Der gewünschte Klangeffekt bei Xylophonen entsteht durch an den Resonanzkörpern angebrachte Mirlitone, also aus der Kombination von Idiophon und Membranophon. Solche Mirlitone finden sich auch an den Resonatoren von Stabzithern. Häufig werden bei Stabzithern und Musikbögen zusammen mit dem Schlagstab Gefäßrasseln in der Hand gehalten. Separate Rasseln, die der Musiker während des Musikbogenspiels schüttelt, sind besonders im ostafrikanischen Zwischenseengebiet verbreitet. Diese Spielweise gelangte mit dem Kalebassen-Musikbogen berimbau nach Brasilien. Berimbau-Spieler halten mit dem Schlagstab ein geflochtenes Körbchen in der Hand, das mit Samen, Steinchen oder Muscheln gefüllt ist.Ulrich Wegner: Musikbogen. V. Spieltechniken. 5. Idiophone Elemente im Stabzitherspiel. In: MGG Online, November 2016 (Musik in Geschichte und Gegenwart, 1997)
In einer abgelegenen Region in Zentralindien verwenden Frauen die Kombination aus Musikbogen und Schrapinstrument dhankul zur rhythmischen Begleitung epischer Gesänge, indem sie mit der linken Hand die Saite zupfen und mit einem Bambusbesen in der rechten Hand über den geriffelten Bogen streichen.
Spielweise mini|Tsonga-Tänzerinnen und Trommlerinnen