mini|Marktfrauen in Maubisse
Frauen machen in Osttimor 49,2 % der Einwohner aus (2022).Institutu Nasionál Estatístika Timor-Leste: Final Main Report Census 2022, abgerufen am 18. Mai 2022. Während man versucht, ihre Beteiligung in der nationalen Politik sicherzustellen und auch traditionell ihnen wichtige Rollen zugedacht wurden, leiden heute in Osttimor viele Frauen im alltäglichen Leben unter Gewalt und Missbrauch. Häusliche Gewalt ist im Land ein großes Problem.
Der 3. November wird in Osttimor offiziell als Nationaler Tag der Frau begangen.
Geschichte mini|Figur aus Atauro von Mutter und Kind (19. oder 20. Jahrhundert) mini|Timoresinnen um 1900
Nach dem Konzept des Luliks im timoresischen Glauben wird zwischen der maskulinen, realen Welt und der spirituellen, weiblichen Welt unterschieden, weswegen Frauen seltener politische, dafür aber große spirituelle/rituelle Macht in der Gesellschaft innehatten. Nach dem timoresischen Verständnis steht dabei die spirituelle über der politischen Macht. Ohne Absprache zwischen diesen beiden Ebenen konnten daher keine Entscheidungen gefällt werden. Das göttliche Wesen und Schöpfer wird Maromak genannt, ein Wort das die katholische Kirche für ihre Liturgie in Tetum übernommen hat. Im Gegensatz zum christlichen Gott (Aman Maromak) ist Maromak aber nach dem alten Glauben der Timoresen weiblich. Nach dem osttimoresischen Anthropologen Josh Trindade zeugt dies von der Bedeutung der Frau in der alten timoresischen Gesellschaft. Die Frauen wurden für ihre Fähigkeit verehrt neues Leben hervorzubringen und das Leben spielte sich um die Frau im Zentrum ab. Ein timoresisches Sprichwort lautet „zeige Respekt, Frauen sind heilig“ (). Dies steht im Widerspruch zum christlich-abendländischen Bild, bei dem Eva aus einer Rippe Adams entstand, so dass der Mann der Ursprung des Lebens ist. Die Frau ist nach Analyse von Trindade so dem Mann unterstellt und von ihm abhängig, womit er dem Christentum eine Mitschuld an der heutigen Situation der Frau in Osttimor gibt. Noch heute ist zum Beispiel bei den Naueti im Südosten des Landes keine Einschränkung des Mitspracherechts der Frauen bei Verhandlungen zu bemerken. Auch noch in der portugiesischen Kolonialzeit trugen Frauen zu politischen Entscheidungen im Clan bei und führten manchmal die Männer im Krieg an. Auch führten manche Frauen Verhandlungen mit anderen Herrscherfamilien. Die heutige Unterrepräsentanz der Frauen sieht Trindade in der Zeit der Fremdherrschaft begründet, nicht in der traditionellen Kultur.Josh Trindade: Lulik: The Core of Timorese Values, S. 11 ff., abgerufen am 6. November 2017.
Während der japanischen Besetzung Timors (1942–1945) wurden Frauen Opfer der Soldaten der Besatzungsmacht. Wie auch in anderen Ländern mussten einheimische Frauen zwangsweise japanischen Soldaten als sogenannte Trostfrauen sexuell zu Diensten sein.Testimony Shows Comfort Women Were Forcibly Sent to Brothels, Donga, 23. April 2007
Am 28. August 1975 wurde von der FRETILIN als erste Frauenorganisation einer Partei, die Organização Popular da Mulher Timorense (OPMT) gegründet, mit Rosa Bonaparte als erste Generalsekretärin. Bonaparte war in ihrem Studium in Portugal Mitglied einer maoistischen Bewegung geworden und gehörte mit Maria do Céu Pereira (Bi Lear), Dulce Maria da Cruz (Wewe) und Guilhermina Araújo zu den wenigen Frauen in der Führung der FRETILIN. Die OPMT bot im kurzen Zeitraum bis zur Besetzung durch Indonesien eine politische Beteiligungsmöglichkeit für die osttimoresische Frau im Gesellschaftssystem auf nationaler Ebene, jenseits der traditionellen Ebene. Laut Bonaparte sollte die OPMT die Frauen ertüchtigen, die Jugend für die „Fortführung der Revolution“ auszubilden und die passiven Frauen für die Selbstbefreiung aufwecken (kore a’an). Sie sollten sich der „Repressionen unter Kolonialismus und Patriarchat“ bewusst werden. Frauen, die in dieser Zeit der OPMT angehörten, sehen im Gegensatz zu Trindade Unterdrückungen der Frau auch aus der Kultur, den Bräuchen und der Tradition heraus. Die OPMT organisierte in der kurzen Zeit, in der sie bis Dezember 1975 frei arbeiten konnte, im ganzen Land verteilt, Kinderkrippen und Kindergärten. Frauen brachte man Lesen und Schreiben bei und unterrichtete sie politisch über die „koloniale Unterdrückung“ und wie sie zu überwinden sei. Man kann dies eine anti-koloniale Form des Feminismusses nennen, wobei auch in anderen Dritte-Welt-Staaten der Feminismus zusammen mit dem auflebenden Nationalismus in den Kolonien einherging. Sexuelle Ausbeutung der timoresischen Frauen durch die Kolonialherren wurde ebenso angeprangert wie die Vielehe. Die Emanzipierung der osttimoresischen Frau wurde zum Symbolziel der Unabhängigkeitsbewegung. So erklärte der Rogério Lobato, ein FRETILIN-Aktivist, der während der Besatzung im Ausland arbeitete, 1978 in einem Interview, Osttimor könne nicht befreit werden, ohne dass auch die Frauen Osttimors befreit werden würden. Der spätere Friedensnobelpreisträger José Ramos-Horta nannte die Frauen der Kolonialzeit die „doppelten Sklaven“, Sklavin der Kolonialherren und Sklavin der Ehemänner und der anderen männlichen Verwandten. Die Unterdrückung der Frau wurde zum Sinnbild der rückwärtsgewandten portugiesischen Kolonialgesellschaft.Irena Cristalis und Catherine Scott: Independent women: The story of women’s activism in East Timor Trotz der Beteiligung der Frauen in der Partei, war nach eiliger, einseitiger Ausrufung der Unabhängigkeit Osttimors durch die FRETILIN am 28. November 1975 im Kabinett nur Guilhermina Araújo als stellvertretende Außenministerin die einzige Frau. Neun Tage später landeten indonesische Truppen in Osttimors Hauptstadt Dili.James J. Fox: FRETILIN (Frente Revolucionária do Timor-Leste Independente). In: Southeast Asia. A Historical Encyclopedia, from Angkor Wat to East Timor. Abc-Clio, 2005, ISBN 1-57607-770-5, S. 522–523.ETAN East Timor's Premier Has Arab Ancestry Frauen beteiligten sich im Kampf gegen die Invasoren. Teils auch direkt im Gefecht, oft aber in der Unterstützung der Guerilla. In der Zeit der Widerstandsbasen bis 1978 trugen vor allem Frauen zur Versorgung mit Nahrungsmitteln aus de Wildnis bei. Dabei zeigten sie sich als sehr erfinderisch, bei der Suche nach neuen Nahrungsquellen in der Wildnis und deren Zubereitung. Viele nahmen das Risiko auf sich, unbekannte Pflanzen auf ihre Giftigkeit zu prüfen. Sie testeten vorsichtig mit der Zungenspitze den Geschmack von Blättern. War er nicht bitter, ging man davon aus, dass sie essbar waren. Auch bei Pflanzen, die Tiere aßen, vermutete man, dass auch Menschen sie essen konnten. Kochen in Wasser einweichen oder die Zubereitung mit neutralisierenden Mitteln konnte die Giftigkeit von Wildpflanzen entfernen. Als die Widerstandsbasen verloren gingen und die Kämpfer sich in den Busch zurückzogen, fehlte bei vielen Männern das Wissen der Frauen, über die Nahrungssuche und das Kochen. Auch die medizinische Behandlung von Kranken und Verwundeten mit Naturhausmitteln wurde vor allem von Frauen geleistet.
mini|Marktfrauen in Atsabe in den späten 1960er Jahren
Gerade bei Frauen hat die indonesische Besatzungszeit (1975–1999) viele Spuren hinterlassen. Neben den Gewaltverbrechen (systematische Vergewaltigungen, sexuelle Sklaverei) wurden der indonesischen Besatzungsmacht auch Zwangssterilisationen, Zwangsabtreibungen und Zwangsverhütung zur Bevölkerungskontrolle und Indonesierung vorgeworfen. Die spätere Empfangs-, Wahrheits- und Versöhnungskommission von Osttimor (CAVR) konnte zwar keinen organisierten Genozid mit diesen Methoden nachweisen, doch weist die Verbreitung des Gerüchts auf das tiefe Misstrauen der Osttimoresen gegen das indonesische Bevölkerungskontrollprogramm hin. (englisch)J. Atticus Ryan, Christopher A. Mullen: Unrepresented Nations and Peoples Organization: Yearbook 1997. S. 75.Louise Olsson: Gender Equality and United Nations Peace Operations in Timor Leste. 2009, ISBN 978-90-04-17549-5, S. 66–67. Die Serious Crimes Unit der UNTAET berichtete von sogenannten Rape Houses in Suai, Bobonaro, Lolotoe, Gleno und im Hauptsitz der Aitarak-Miliz in Dili. Wurden Frauen in der Besatzungszeit als Aktivisten oder Angehörige der Freiheitskämpfer Opfer sexueller Gewalt, so gelten sie heute als sozial gebrandmarkt. Ihre Familien fühlen sich beschämt, Ehemänner weisen sie zurück, Kindern aus diesen Vorfällen wird oft die katholische Taufe und der Kirchenbesuch verwehrt. (PDF; 1,2 MB) aus dem Abschlussbericht der Empfangs-, Wahrheits- und Versöhnungskommission von Osttimor (englisch)
Auch Frauen nahmen im Widerstand gegen die indonesische Besatzung eine aktive Rolle ein. Manchmal auch im bewaffneten Kampf, meist aber als „Clandestino“, im Netzwerk, das die Kämpfer mit Informationen, Vorräten, Medikamenten und Waffen versorgte. 60 % dieser Clandestinos waren Frauen.The Diplomat: Timor-Leste’s Forgotten Female Rebels, 16. Mai 2018, abgerufen am 17. Mai 2018. So war Maria Olandina Isabel Caeiro Alves eine Sprecherin in Radio Maubere, dem Radiosender der Widerstandsbewegung, bis sie von den Indonesiern gefasst und inhaftiert wurde. Weitere Beispiele für Frauen im osttimoresischen Widerstand sind die Spionin Maria Gorete Joaquim, die OPMT-Vorsitzende Ilda Maria da Conceição, Olinda Morais und Maria Rosa da Câmara. Das Alphabetisisierungsprogramm für Erwachsene und Kinder in den ländlichen Gebieten führte die OPMT auch in der Zeit des Guerillakrieges weiter. Zu den Brigadistas, den freiwilligen Lehrern, gehörten Aicha Bassarewan und Maria Maia dos Reis e Costa. Oft wurde gerade sexualisierte Gewalt als Waffe gegen die Frauen im Widerstand angewandt.
Am 6. Januar 2007 wurden drei Frauen in Maubaralissa beschuldigt Hexen zu sein. Die Frauen im Alter von 25, 50 und 70 Jahren wurden ermordet und ihr Haus angezündet. Drei Verdächtige wurden von der UN-Polizei verhaftet. Es war der schlimmste von mehreren Fällen von moderner Hexenverfolgung im mehrheitlich katholischen Osttimor.
Während der UN-Verwaltung versuchte man die Lage der Frau durch Gender-Mainstreaming zu verbessern. Allerdings konnte die gesteigerte Beteiligung der Frauen in der Politik nicht alte, patriarchale Strukturen überwinden, die in Bräuchen und Traditionen tief verwurzelt sind. In den ersten Jahren der Unabhängigkeit entstanden ungeschriebene Regeln, die den alternden, männlichen Befreiungskämpfern gegen die indonesische Besatzung in der osttimoresischen Gesellschaft eine zentrale Rolle in der Hierarchie zusprachen. Jungen Menschen und Frauen wird dadurch Gehorsam und Unterordnung abverlangt, die zu Passivität und Abhängigkeit führt. Ein Zustand, der sich auch in den ersten 20 Jahren bei den führenden politischen Köpfen ablesen ließ. Die Feministin Berta Antonieta Tilman Pereira bezeichnet diese Regeln als „Maunbootizmu“, abgeleitet vom Tetum-Wort für „großer Bruder“ (Maun Bo'ot). Einige Vordenker nahmen sich zur Schaffung einer nationalen Identität vor, sich an die Zeit vor indonesischer Besatzung und portugiesischer Kolonialherrschaft zu orientieren, was aber der Rückschritt in eine feudale Gesellschaft bedeuten würde. Pereira sieht daher Frauen immer noch als Bürgerinnen zweiter Klasse. Ältere Männer werden im Allgemeinen als kompetenter angesehen, als Frauen oder junge Männer. Dies lässt sich auch im Amt des Lian Nain (Herr der Worte) sehen, einem gewählten Mitglied in den kommunalen Räten, der das traditionelle Wissen symbolisiert und als Problemlöser agiert. Diese Rolle wird meistens einem älteren Mann übertragen. Im Gegensatz zu Trindade (siehe oben) sieht Pereira im System des Luliks ein Hemmnis der Partizipation junger Menschen und Frauen an der Macht.Berta Antonieta Tilman Pereira: Die Emanzipation der Frauen und der Maunbootizmu, In: Watch Indonesia – Themenheft Demokratie in Indonesien und Timor-Leste 2021, S. 36, abgerufen am 13. August 2022.
Heutige Situation Ehe und häusliche Gewalt mini|Marktfrauen in Dili