Der nasse Fisch ist ein historischer Roman des deutschen Autors Volker Kutscher, der 2007 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschien. Es handelt sich um den ersten Kriminalroman in der Serie um den Kriminalkommissar Gereon Rath und er spielt 1929 zur Zeit des sogenannten Blutmai in Berlin. Der Roman wurde 2016 unter dem Titel Babylon Berlin als deutsche Fernsehserie verfilmt sowie 2018 als Hörspielserie in acht Folgen veröffentlicht.
Neben der vordergründigen Kriminalhandlung in der Tradition der amerikanischen Hardboiled Detectives zeichnet das Buch ein anschauliches Sittengemälde der Goldenen Zwanziger in Berlin. Die politischen Entwicklungen in der späten Weimarer Republik einschließlich des aufkommenden Nationalsozialismus sind für den Leser klar erkennbar dargestellt, aber für die handelnden Personen in ihrer Tragweite noch nicht zu erfassen. Neben fiktiven und zeitgeschichtlichen auftretenden Personen werden aus der Sicht der Hauptfigur auch historische Ereignisse geschildert.
Handlung Der Kölner Kommissar Gereon Rath wird durch die Beziehungen seines Vaters nach Berlin versetzt, nachdem er im Einsatz den Sohn eines einflussreichen Zeitungsverlegers erschossen hat. Dort arbeitet er im Polizeipräsidium Alexanderplatz, auch als „Rote Burg“ bekannt, zunächst für die Sittenpolizei unter Oberkommissar Bruno Wolter als Vorgesetztem. Sein Ziel ist es jedoch, zur Mordkommission zu wechseln, die von dem bekannten Kriminalrat Ernst Gennat geleitet wird, der nach modernsten wissenschaftlichen kriminalistischen Methoden arbeitet und eine der höchsten Aufklärungsraten vorweisen kann. Rath sieht seine Chance, als eine unidentifizierte Leiche aus dem Landwehrkanal geborgen wird, und schaltet sich ungefragt in die stagnierenden Ermittlungen der Mordkommission ein.
Bei seinen Nachforschungen stößt Rath auf eine Verbindung zu einem Kreis militanter Exilrussen, die mit geschmuggeltem Gold Waffen kaufen wollen, um einen Putsch vorzubereiten. Auch das organisierte Verbrechen und Paramilitärs wie die SA sind hinter dem Gold und den Waffen her. Rath verliebt sich in Charlotte Ritter, die als Stenotypistin bei der Mordkommission arbeitet, und nutzt ihr Insiderwissen für seine Ermittlungen. Im Rahmen seiner Nachforschungen stößt er auch auf den halbseidenen Drahtzieher des Ringvereins Berolina Johann Marlow, genannt Dr. M., und macht sich erpressbar, nicht zuletzt weil er in einem von dessen illegalen Nachtclubs Kokain konsumiert. Dabei verstrickt er sich immer weiter in den Fall und gerät selbst unter Verdacht, nachdem er einen Mann versehentlich erschossen und dessen Leiche hat verschwinden lassen, die jedoch wenig später wiedergefunden wird.
Wegen Personalmangel wird Rath zur Mordkommission versetzt, um den von ihm selbst verursachten Todesfall zu bearbeiten. Er nutzt die Gelegenheit, um seine Beteiligung zu vertuschen. Als er herausfindet, dass Bruno Wolter in den illegalen Waffenhandel verstrickt ist und einen jungen Kollegen ermordet hat, der ihm im Auftrag der Politischen Polizei auf der Spur war, Gereon Rath aber den Mord anhängen will, offenbart sich Rath dem Berliner Polizeipräsidenten und kann mit dessen Hilfe Wolter erfolgreich durch eine fingierte Waffenübergabe eine Falle stellen, wobei Wolter tödlich verletzt wird. Offiziell wird dessen Tod jedoch als in Erfüllung seiner Dienstpflicht dargestellt. Am Ende gelangt das Gold in die Hände von Johann Marlow, der Rath einen bescheidenen Anteil zukommen lässt.
Historischer Hintergrund Berliner Blutmai mini|Straßenbarrikade im Rollbergviertel (Neukölln)
Als Blutmai (zeitgenössisch auch Mai-Unruhen) werden die Unruhen vom 1. bis 3. Mai 1929 in Berlin bezeichnet, bei denen die Polizei hart gegen verbotene, von der KPD organisierte Demonstrationen vorging und 32 Zivilisten tötete sowie zahlreiche Demonstranten und Unbeteiligte verletzte. Die Bezeichnung Blutmai geht auf den Streikaufruf der KPD vom 2. Mai 1929 zurück, in dem es hieß: „Zörgiebels Blutmai – das ist ein Stück Vorbereitung des imperialistischen Krieges! Das Gemetzel unter der Berliner Arbeiterschaft – das ist das Vorspiel für die imperialistische Massenschlächterei!“ In der Folge wurde im November 1930 der damalige Berliner Polizeipräsident Karl Friedrich Zörgiebel in den einstweiligen Ruhestand versetzt.
Ernst Gennat und die Inspektion A mini|Die Funktionsweise der Mordkommissionen in der Inspektion A ab 1926
Durch Ernst Gennats Bemühungen wurde aus dem Mordbereitschaftsdienst eine organisatorisch fest eingerichtete „Zentrale Mordinspektion“ in der Inspektion A, die am 1. Januar 1926 offiziell ihre Arbeit aufnahm und deren Leitung er übernahm. Die Mordinspektion bestand aus einer „aktiven“ und zwei „Reserve-Mordkommissionen“. Zur aktiven Mordkommission gehörten ein älterer und ein jüngerer Kommissar, vier bis zehn Kriminalbeamte, eine Stenotypistin sowie nach Bedarf (am Tatort) ein Hundeführer und der Erkennungsdienst. Sie bearbeitete alle Berliner Mord- und Totschlagssachen. Die Mitarbeiter setzten sich aus Beamten verschiedener Inspektionen zusammen, die turnusmäßig alle vier Wochen wechselten, da jeder einmal diese wertvollen Berufserfahrungen sammeln sollte. Um eine gründliche und schnelle Ermittlungsarbeit zu ermöglichen, ließ Gennat nach eigenen Plänen von der Daimler-Benz AG einen Mordbereitschaftswagen, umgangssprachlich „Mordauto“ genannt, anfertigen, einen mit Büro- und Kriminaltechnik ausgestatteten Personenkraftwagen (auf Basis der Benz-Limousine 16/50 PS). Bei Bedarf konnte das Mordauto in ein behelfsmäßiges Büro umfunktioniert werden. Zu Weltruhm gelangte auch die von Gennat geschaffene „Zentralkartei für Mordsachen“ oder „Todesermittlungskartei“, in der systematisch alle bekannt gewordenen gewaltsamen Todesfälle, nicht nur aus Berlin, dokumentiert wurden. Durch seine Popularität war Gennat Pate für Filmkommissare und taucht als Figur in historischen Kriminalromanen auf.
Die Rote Burg mini|Der Alexanderplatz um 1900 (v. l. n. r.: Lehrervereinshaus, Polizeipräsidium, Aschinger). Durch die Umgestaltungen des Platzes sind außer dem Bahnhof und dem Berolinahaus (1932 fertiggestellt) keine Orientierungspunkte erhalten geblieben.
Das Polizeipräsidium Alexanderplatz war der Sitz des Berliner Polizeipräsidenten und Teil der Zentralverwaltung der Berliner Polizei am Alexanderplatz und war auch als „Rote Burg“ bekannt. Bereits 1885 plante die Reichshauptstadt diese Einrichtung als ein „deutsches Scotland Yard“.Jürgen Thorwald: Die Stunde der Detektive. Werden und Welten der Kriminalistik. Droemer Knaur, Zürich / München 1966, S. 31–33. 1886–1890 wurde der Ursprungsbau unter der Leitung des Berliner Stadtbaurats Hermann Blankenstein errichtet. Dieser Bau war damals neben dem Berliner Stadtschloss das größte Gebäude Berlins. 1900 folgte eine Erweiterung unter der Leitung von Paul Thoemer. 1933 wurde der Komplex auch Sitz der Berliner Gestapo. Bereits 1896 verfügte das Präsidium über einen Erkennungsdienst, eine Bertillonsche Messkartei, ein Vermissten- und Vergehensregister und ab 1899 über ein eigenes Fotoatelier.Jürgen Thorwald (1966), S. 33 f. Der Polizeipräsident von Berlin war in Preußen mit der praktischen Führung sämtlicher polizeilichen und angegliederten Verwaltungsstrukturen beauftragt. Im Gebäude am Alexanderplatz befanden sich also nicht nur kommunale Polizeistrukturen, sondern auch Spezialabteilungen wie zum Beispiel die preußische Zensurbehörde. Die Aufgabenverteilung der Berliner Polizei war somit der Standard für Preußen und das spätere Deutsche Reich. Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Gebäude in den Jahren 1944 und 1945 bei den Luftangriffen der Alliierten und der Schlacht um Berlin schwere Schäden und wurde nicht wiederaufgebaut. 1957 wurden die letzten Reste abgetragen, und ein Parkplatz entstand. Seit 2007 befindet sich auf dem Areal das Einkaufszentrum Alexa.
Aschinger Aschinger, wo auch Gereon Rath gerne einkehrt, war ein 1892 gegründeter Gastronomiebetrieb in Berlin, der insbesondere durch seine großen Stehbierhallen bekannt wurde. Die Brüder August und Carl Aschinger gründeten in Berlin ab 1892 „Bierquellen“, die Stehbierhallen und später auch Restaurants waren, in denen man schnell, gut und preiswert essen konnte. Die verschiedenen Biersorten wurden anfangs zum Einheitspreis von 10 Pfennig angeboten. Die erste „Bierquelle“ öffnete am 1. September 1892 in der Neuen Roßstraße 4 am Köllnischen Markt beim U-Bahnhof Märkisches Museum. Weitere folgten an verkehrsreichen Orten wie in der Leipziger Straße (Nummern 60/61, 79, 85), der Potsdamer Straße (Nummern 3 (Weinhaus Rheingold), 57/58 und 101/102) sowie der Friedrichstraße (Nummern 79a, 97 und 191), am Rosenthaler Platz (Rosenthaler Straße 72a), am Alexanderplatz und am Hackeschen und Werderschen Markt. Bei Aschinger gab es günstige Mahlzeiten und nach Belieben Schrippen zu den Speisen, wodurch der Name Aschinger relativ schnell – gerade bei ärmeren Bevölkerungsschichten – populär wurde. Besonders bekannt und beliebt waren Aschingers Bierwürste oder die Erbsensuppe. „Beste Qualität bei billigstem Preis“ lautete das Motto des rasch expandierenden Unternehmens, das alle Speisen im eigenen Zentralbetrieb herstellte, somit also eine vollständige Qualitätskontrolle besaß. Weitere Konditoreien und Bäckereiverkaufsstellen kamen zu Beginn des 20. Jahrhunderts hinzu. Die Einrichtung der Lokale sollte keineswegs ärmlich, sondern vornehm wirken, weshalb die Bierquellen aufwendig mit Kronleuchtern, Spiegeln und einladenden Schaufenstern ausgestattet waren. Trotz des aufwendigen Interieurs waren sie nicht gemütlich, weder bezüglich der Einrichtung noch der Sauberkeit. Die Stehbierhallen galten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als „Berlin-typisch“.
Hauptpersonen Gereon Rath Aus Köln stammender Kriminalkommissar, der in seiner Heimat ein erfolgreicher Mordermittler war, bis ein tödlicher Schuss aus seiner Dienstwaffe und eine daraus resultierende Pressekampagne seine Karriere zerstört. Auf Vermittlung seines einflussreichen Vaters wechselt Gereon Rath im März 1929 in die Reichshauptstadt zur dortigen Kriminalpolizei, wo er der Inspektion E zugeordnet wird.
Charlotte Ritter Stenotypistin bei der Berliner Inspektion A, womit sie ihr Jurastudium finanziert. Danach möchte sie als Kriminalbeamtin arbeiten. In der Mordinspektion lernt sie Gereon Rath kennen, zu dem sie sich zunächst hingezogen fühlt, bis dieser sie hintergeht.
Wilhelm Böhm Oberkommissar bei der Inspektion A, genannt die „Bulldogge“ und einer der wichtigsten Mitarbeiter von Ernst Gennat. Er pflegt einen sehr ruppigen Umgangston, nicht nur im Umgang mit Verdächtigen und Zeugen, sondern auch mit Kollegen und Untergebenen. Böhm mag Gereon Rath nicht.
Reinhold Gräf Kriminalassistent bei der Inspektion A. Er freundet sich mit Gereon Rath an.
Stephan Jänicke Kriminalassistent bei der Inspektion E mit geheimen Aufgaben. Er wird ermordet.
Ernst Gennat Kriminalrat und Leiter der Inspektion A, wegen seiner Leibesfülle „Buddha“ oder auch „der volle Ernst“ genannt (historische Figur). Er hat die Mordinspektion aufgebaut und moderne Ermittlungsmethoden eingeführt, was ihn schon zu Lebzeiten zur Legende gemacht hat.
Bruno Wolter Oberkommissar bei der Inspektion E und Gereon Raths erster Chef bei der Berliner Polizei, Spitzname: „Onkel“. Er nimmt es mit den Dienstvorschriften und der Wahrheit nicht so genau.
Johann Marlow Geschäftsmann und organisierter Verbrecherboss, auch „Dr. M.“ genannt. Drahtzieher des Ringvereins Berolina, der gesetzeswidrige Geschäfte aller Art wie Rauschgifthandel oder illegale Nachtclubs betreibt. Auf seiner Gehaltsliste stehen auch Beamte der Berliner Polizei.
Karl Friedrich Zörgiebel