mini|Dachschmuck eines Uma Lulik (heiliges Haus) der Naueti in Babulo mit einer symbolischen Darstellung von Lulik: weißer Stern für das Lulik selbst, grüne Tauben für das Weibliche und schwarze Büffel(hörner) für das Männliche
Lulik (veraltet lúlic, lúlique) ist auf Timor die Bezeichnung für die Energie der Natur und wird oft auch mit „heilig“ und „verboten“ übersetzt. Der Begriff beinhaltet aber auch die dazugehörige Philosophie, Moralvorstellungen und Verhaltensregeln (Tara Bandu) für die traditionelle timoresische Gesellschaft. So kann sich Lulik auf Gegenstände, Orte, topographische Begebenheiten, Gruppen von Nahrungsmitteln oder Personen, bestimmtes Wissen, Verhaltensnormen, Bauwerke und Zeiträume beziehen.Trindade, S. 1.McWilliam et al., S. 304. Es bietet Schutz, kann aber auch bei Fehlverhalten strafen.McWilliam et al., S. 305.
Trotz der zahlreichen und linguistisch sehr unterschiedlichen Ethnien kommt dieses Konzept bei allen auf Timor heimischen Gruppen vor, ebenso wie andere gemeinsame Glaubensvorstellungen in der traditionellen Religion Timors.Frédéric B. Durand: History of Timor-Leste, S. 118, ISBN 9786162151248. Die Bezeichnung kann in den Sprachen Osttimors variieren. Auf Tetum (die Lingua franca und eine Amtssprache Osttimors), Kemak und Idaté nennt man es „lulik“, auf Naueti und Mambai „luli“, auf Bunak „po“, auf Fataluku „tei“ und auf Makasae „phalun“/„falun“. Lulik hat Übereinstimmungen mit der Philosophie des Dualismus und einige Elemente und Bedeutungsinhalte ähneln dem „Tabu“ im östlichen Indonesien, Neuseeland und anderen Teilen Ozeaniens.Trindade, S. 1–3.
Als Namensteil findet sich „Lulik“ in vielen Begriffen: Uma Lulik, das heilige Haus, in dem die Reliquien und heilige Objekte (sasan lulik) aufbewahrt werden, über die der Priester (dato lulik) wacht. Im Land finden sich verschiedene heilige Berge, die foho lulik genannt werden. Sie sind heiliges Land (rai lulik), das nur ein auserwählter Kreis von Personen betreten darf. Früher wurde Lulik von der katholischen Kirche, der Kolonialmacht Portugal und der Besatzungsmacht Indonesien als „unzivilisierter Aberglaube“ abgetan und trotz seiner alltäglichen Bedeutung zu einem für Timoresen peinlichen Thema, über das zu sprechen als verpönt galt. Heute hat die Kirche allerdings die Bezeichnung „Lulik“ als Übersetzung für „heilig“ in Tetum übernommen. Obwohl fast alle Osttimoresen inzwischen katholisch sind, ist der Glaube an das Lulik und die Verehrung der Geister der Toten noch immer fest verwurzelt, auch wenn dies gerade von ausländischen Beratern als unwichtig und teilweise als rückständig und unzivilisiert angesehen wird. Die meisten Osttimoresen verstehen das Lulik-Konzept nur noch oberflächlich und auch wissenschaftlich beschäftigt man sich erst wieder damit, seit nach der Unabhängigkeit Osttimors 2002 das Interesse an den alten Glaubensvorstellungen zu wachsen begann.Trindade, S. 11.
Grundlagen mini|Ort der Verehrung: heiliger Baum und Höhle in Leohito
Eine alleinige Übersetzung von Lulik mit „Magie“ ist zu ungenau und fehlerhaft. Es ist zum einen eine spirituelle Energie, die in Orten, Objekten und Personen wohnt.Northern Illinois University: , abgerufen am 26. November 2016. Insgesamt soll Lulik aber als Philosophie den Frieden, Ruhe und Ordnung und Wohlstand in der Gesellschaft bewahren. Erreicht wird dies durch ein Gleichgewicht von Gegensätzen und Widersprüchen, zum Beispiel von materieller und spiritueller Welt. Dies erreicht man, indem man den Regeln folgt, die die Ahnen aufgestellt haben.Trindade, S. 2.
Lulik steht in Verbindung mit dem spirituellen Kosmos, dem göttlichen Schöpfer, den Geistern, den Ahnen und dem spirituellen Ursprung des Lebens. Teil des Konzepts sind die heiligen Regeln, die das Verhältnis zwischen Mensch und Natur bestimmen. Die Natur muss geschützt und respektiert werden, weswegen traditionelle Zeremonien vor der Aussaat und nach der Ernte stattfinden. Auch die Beziehungen, Rechte und Pflichten zwischen dem jüngeren und dem älteren Bruder, Ehemann und Ehefrau, brautnehmender und brautgebender Familie (fetosan-umane), Eltern und Kindern, Brüdern und Schwestern und so weiter regelt Lulik. Die sozialen Strukturen der Timoresen werden von Lulik festgelegt. Durch Lulik wird der Dualismus des Systems in der Balance gehalten und sichergestellt.Trindade, S. 2 & 3.
Das Zentrum zwischen den beiden Seiten ist dabei nicht genau definiert, existiert aber. Während ein Schwein als weiblich und ein Wasserbüffel als männlich gilt, wird das Leistenkrokodil keinem Geschlecht zugeordnet. Klare Zuordnungen von Gegenständen sind sonst üblich. Schusswaffen und Macheten gelten als männlich, Reis und Lebensmittel im Allgemeinen als weiblich. Bei den traditionellen Schmuckstücken Timors gilt das Belak, die runde Scheibe, die an einer Schnur um den Hals vor der Brust getragen wird, als männlich, die Kaibauk-Krone wird als weiblich angesehen.
Lulik, das Weibliche und das Männliche sind miteinander verbunden und ergänzen sich gegenseitig, wobei das Verhältnis zueinander asymmetrisch ist:
zentriert|400px|Die timoresische Kosmologie (nach Josh Trindade)Trindade, S. 4–5. mini|Heiliger Baum in Leohito
Lulik steht in der Hierarchie am höchsten, da es die höchsten und wichtigsten Werte der Gesellschaft beinhaltet. Es repräsentiert die spirituelle oder göttliche Welt, die unsichtbar und konzeptionell ist. Das Weibliche und das Männliche bilden gemeinsam die reale, materielle beziehungsweise physische Welt, wobei im Gegensatz zwischen physischer und spiritueller Welt die reale Welt maskulin ist, die spirituelle feminin.Trindade, S. 6. Lulik wird als der Kern und Ursprung des Lebens angesehen. Das Leben kommt also aus der spirituellen Welt, vom Schöpfer und/oder der Gottheit, die im Lulik residiert. Lulik steht für den Kosmos, die Ahnen und den moralischen Maßstab, die Kernwerte. Stellt sich jemand gegen das Lulik, bedeutet das dem Glauben nach, gegen die eigenen Wurzeln zu stehen, wodurch man verflucht wird. Dies bedeutet Unglück das ganze Leben lang, denn Lulik reguliert und bestimmt die Wechselwirkung zwischen den Elementen und Wesen in der weiblichen und männlichen Welt.Trindade, S. 5. Verstöße können Tadel, materielle Strafen und Ausgrenzung aus der Gemeinschaft nach sich ziehen. Spirituell drohen Unglück, Krankheit und Tod.
Das göttliche Wesen und Schöpfer im timoresischen Glauben wird Maromak genannt, ein Wort, das die katholische Kirche für ihre Liturgie in Tetum übernommen hat. Im Gegensatz zum christlichen Gott (Aman Maromak) ist Maromak aber nach dem alten Glauben der Timoresen weiblich. Zu ihm gesellen sich die Geister der verstorbenen Ahnen, die die reale Welt sowohl positiv als auch negativ beeinflussen können. Die zweithöchste Stellung in der Glaubenswelt der Timoresen nimmt das Weibliche ein. Die Bedeutung des Weiblichen ist so hoch, weil das Leben durch es auf die Welt kommt. Aus dem Weiblichen entspringen auch Frieden und Wohlstand. Die Bunak und Tetum Terik verwenden die weibliche Brust (Susun) als Symbol der Fruchtbarkeit, weswegen Abbildungen von Brüsten in die Türen ihrer Uma Lulik geschnitzt werden. In Liquiçá, an der Nordküste, findet man Abbildungen des Halbmondes als Dachschmuck mancher Uma Lulik. Auch die Halbmonde symbolisieren Fruchtbarkeit und Weiblichkeit und sind nicht zu verwechseln mit den stilisierten Hörnern von Wasserbüffeln, die Männlichkeit darstellen.Trindade, S. 9. Das Männliche schließlich sorgt mit seiner Stärke für Schutz und Sicherheit der anderen beiden inneren Ebenen, also auch des Ursprungs des Lebens.
Die Einteilung in weibliche und männliche Kategorien bedeutet dabei nicht, dass sie jeweils allein Frauen beziehungsweise Männern zuzuordnen sind. Beide Geschlechter wirken in beiden Welten, weibliche und männliche Aspekte gibt es also sowohl bei der Frau als auch beim Mann. Die Zuordnung der Werte ist auch nicht statisch, sie können je nach Zusammenhang das Geschlecht wechseln. Eine Familie kann zum Beispiel sowohl als Brautgeber als auch als Brautnehmer fungieren. Einzelpersonen sind in ihrem Heimatdorf Einheimische (rai nain), außerhalb Fremde (malae). Unveränderlich allein ist als Kern allem das Lulik.
Symbolik mini|In einem Uma Lulik der Bunak in Lactos. Die weißen Sterne symbolisieren das Lulik selbst, die stilisierten Büffelhörner die Männlichkeit, die Brüste das Weibliche
An den Uma Lulik, den timoresischen Kulthäusern, die inzwischen ein nationales Symbol Osttimors sind, finden sich vor allem als Dachschmuck Abbildungen, die die verschiedenen Welten der timoresischen Kosmologie darstellen.
Sterne und die Farbe Weiß symbolisieren das Lulik selbst, das göttliche Wesen, den Schöpfer und die Geister der Ahnen. Grün und Tauben (manchmal scheinen auch andere Vögel dargestellt zu sein) stehen für das Weibliche, als Symbol für Fruchtbarkeit und Wohlstand. Schwarz und Büffelhörner repräsentieren das Männliche – Stärke, Sicherheit und Schutz. Regional kann es vorkommen, dass die Sterne nicht klar erkennbar sind oder ganz fehlen. Weitere Symbole für die drei Welten, wie Halbmonde, weibliche Brüste und Muscheln für das Weibliche kommen teilweise dazu.
Die heutige Flagge Osttimors folgt in ihrer Farbwahl und Symbolik einer sozialistischen Tradition, doch finden sich die drei Farben der timoresischen Kosmologie in den Flaggen der FALINTIL und des Conselho Nacional de Resistência Timorense (CNRT), die bei der Unabhängigkeit Osttimors als Nationalflagge im Gespräch war. Allerdings fehlt in der Beschreibung der Bedeutung der Farben der direkte Bezug zum Lulik, so dass nicht klar ist, ob hier Absicht oder Zufall eine Rolle spielten.Arquivo & Museu da Resistência Timorense: Explicação das cores da bandeira das FALINTIL por Sabalae, etwa 1994, abgerufen am 9. Dezember 2017. Letztlich griff man auf die alte Nationalflagge von 1975 zurück, die von der linksgerichteten Partei FRETILIN geschaffen wurde.Andrea K. Molnar: Died in the service of Portugal, Journal of Southeast Asian Studies, Vol. 37, No. 2 (Juni 2006), S. 335–355. Die Partei KHUNTO verwendet die drei heiligen Farben. Sie beruft sich vielfach auf die alte timoresische Kultur. Eine schwarz-weiße Kombination, also die Vereinigung weltlicher und geistlicher Macht, findet sich auch in den Flaggen der monarchistischen Parteien Klibur Oan Timor Asuwain (KOTA) und Associação Popular Monarquia Timorense (APMT) verwendet.
Heilige Objekte mini|hochkant|Büffelhörner in einem Uma Lulik in Nuno-Mogue
In der portugiesischen Kolonialzeit versuchten noch im 20. Jahrhundert Missionare die Timoresen durch Verbrennung ihnen heiliger Objekte oder ganzer Uma Luliks zu bekehren. Doch führt die Zerstörung in der Vorstellung der Bevölkerung nicht zur Trennung der Menschen von der spirituellen Kraft. Gebäude und die in ihm enthaltenen heiligen Gegenstände repräsentieren nur die gesellschaftliche Gruppe dahinter. Sie können zerstört oder gestohlen, genauso aber auch wieder erschaffen und neu beseelt werden. Letzteren Prozess nennt man aluli. Trotzdem ist die Respektlosigkeit oder die Zerstörung nicht von geringer Bedeutung. Dies konnte zwischen Gruppen einen Krieg auslösen oder dem Glauben nach zu Krankheit und Tod von Familienmitgliedern führen. Die Zerstörung steigert das (zerstörerische) Potential der Kraft des Luliks. Missionare sprachen oft von der Angst, die das Lulik unter den Timoresen verursache. Wahrscheinlich waren es aber gerade ihre Versuche der Verbreitung des Evangeliums, die diese Furcht vor der Macht des Lulik unter den Einheimischen erzeugte.Bovensiepen & Rosa, S. 25–27.