Begegnung mit Bonaparte (, Swidanije s Bonapartom) ist ein historischer Roman des sowjetischen Schriftstellers Bulat Okudschawa, der von September 1979 bis Februar 1983 in Saloslowo (Dorf im Umkreis Moskaus) entstand und 1983 in den Heften 7 bis 9 (Juli bis September) der Moskauer Monatszeitschrift für Literatur Druschba narodowruss. Дружба народов (журнал) – auf Deutsch: Völkerfreundschaft erschien.Verwendete Ausgabe, S. 4, unten

Relationen Drei Erzähler Nikolai Petrowitsch Opotschinin, Generalmajor im Ruhestand, Louise Bigarre, französische Sängerin in Moskau und Barbara Wolkowa, Gutsherrin mini|500px| nähern sich einem gut bekannten Ereignis an – Napoleons Russlandfeldzug von 1812. Der Korse betrat am 24. Juni 1812 bei Kowno (Kaunas) am Ostufer der Memel russischen Boden und stieß über Smolensk nach Moskau vor. Am 19. Oktober 1812 musste sich der im Fall Russland erfolglose Eroberer aus Moskau zurückziehen. Louise Bigarre beendet ihre Erzählung an letzterem Datum. Diese französische Sängerin, die in Moskau auftritt und dort Napoleon vorsingt, hat mit den anderen beiden Erzählern, die in der knapp zweihundert Kilometer entfernten Provinz um Kaluga agieren, direkt nichts zu tun – wohl aber indirekt. Denn alle drei erzählen eigentlich nicht von Napoleon, sondern von General Opotschinins GroßneffenVerwendete Ausgabe, S. 45, 9. Z.v.o. Timofej Michailowitsch Ignatjew, Timoscha oder auch Titus gerufen. Timoscha ist ein Kämpfer, der sich als 16-jähriger Bursche an der Vertreibung des Usurpators beteiligt und dem Kaiser der Franzosen bis hinein nach Paris auf den Fersen bleibt. Bis es so weit ist, erfüllt zunächst der Anfang Dezember 1805 während der Schlacht bei Austerlitz auf einer Eisscholle des Satschaner Teiches lahmgeschossene General seinem Großneffen Timoscha einen Herzenswunsch. Der Invalide mit dem Holzbein – auf seinem Landgut in Lipenki an der Protwa residierend – schickt den Jungen, der einmal das Gut Lipenki erbenVerwendete Ausgabe, S. 45, 9. Z.v.o. soll, nach Moskau. Denn nach der Schlacht um Smolensk marschiert die Grande Armée zwar noch ein ganzes Stück von Moskau entfernt vor, nähert sich aber der Kalugaer Gegend. Nahe bei Moskau befehligt Graf Saint-Priest, ein Kampfgefährte des Generals, ein Regiment der Russischen Armee. General Opotschinin gibt seinen Großneffen gern unter die Fittiche des französischen Emigranten Saint-Priest. An Opotschinin hatte sich zudem ein guter Bekannter aus Austerlitzer Zeiten brieflich mit Erfolg gewandt. Leutnant Franz Johann Mender, ein Linzer Lehrer für Geschichte und Naturwissenschaften, war auf der Flucht vor Napoleon anno 1807 in Lipenki aufgenommen und als Hauslehrer Timoschas eingestellt worden. Der General schickt den österreichischen Leutnant, von den Russen Franz Iwanowitsch genannt, als Begleitschutz seines Großneffen in seine Moskauer Stadtwohnung. Dort trifft Mender mit Louise Bigarre zusammen.

General Opotschinin nennt Leutnant Mender den „verrückten Österreicher“Verwendete Ausgabe, S. 34, 1. Z.v.u., weil der Leutnant wähnt, Napoleon verfolge ihn bis nach Kaluga beziehungsweise Moskau. Mender hat einen Schuldkomplex: Der Österreicher hat mit seiner Kompanie norditalienische Gärten zertrampelt und ist aus solchem Paradies von Napoleon verjagt worden.

Der General im Ruhestand fühlt sich einsam. Nun – anno 1812 – besinnt er sich an die Zeit nach dem Schweizer Feldzug, als der Kriegsheimkehrer anno 1800 seine damals 23-jährige Gutsnachbarin Barbara Stepanowna, alias Barbara Wolkowa, auf ihrem siebzehn Werst von Lipenki entfernten Anwesen in Gubino das erste Mal aufsuchte.Verwendete Ausgabe, S. 42, 11. Z.v.u. Die junge Witwe, die als 20-Jährige eine Vernunftehe eingehen musste, ist nicht allein. Sie hat eine Tochter – die kleine Lisaweta, Lisa gerufen; nennt die Kleine ihr „Zufallskind“. Die neuerlichen Bemühungen des Invaliden im Jahr 1812 um die schöne junge Frau bleiben erfolglos. Zunächst spielt der General den Schüchternen und als er sich hervorwagt, will sie von einem Ehemann gleich mehrere Kinder. Opotschinin, der seine Lendenkraft auf der Eisscholle des Satschaner Teiches eingebüßt hat, sieht sich außerstande. Zwischen dem General und der Patriotin Barbara wird gestritten. Barbara – zwischen Zu- und Abneigung gegenüber dem General mit den grauen Locken hin- und hergerissen, fragt: Wie kann der unaufhaltsam vorrückende Napoleon in dem kauzigen General Opotschinin einen Verehrer unter den Russen vorfinden?

Von den Nebengeschichten im Roman seien zwei Handlung tragende herausgegriffen – die des Oberleutnants Prjachin und des Petersburger Staatsmannes Alexander Andrejewitsch Swetschinruss. Александр Андреевич Свечин, nicht zu verwechseln mit Alexander Andrejewitsch Swetschin (1878–1938). Timoschas Mutter Sonetschka hatte eines ihrer Güter aus dem väterlichen Erbe im Umkreis von Jaroslawl an Prjachins Vater, einen Parvenü aus Sankt Petersburg, verkauft. Oberleutnant Prjachin kommt nach der Schlacht bei Wjasma in Lipenki vorbei und wird mit seinen Dragonern vom General bewirtet. In der Moskauer Stadtwohnung des Generals pflegt später die Sängerin Louise Bigarre den im Kampf gegen Napoleon verwundeten Oberleutnant Prjachin. Und als Barbara im November 1812 nach Partisanenmanier mit einem Häuflein ihrer Bauern in ihren Wäldern angesichts der flüchtenden Grande Armée überleben will, beköstigt sie den Hunger leidenden durchziehenden Oberleutnant Prjachin auch noch. Auf dem Vormarsch bis hinein nach Paris freunden sich Timoscha und Oberleutnant Prjachin miteinander an. In der Seine-Metropole suchen die beiden Freunde Louise Bigarre auf und frischen gemeinsame Erinnerungen an den Brand von Moskau und Prjachins Krankenpflege auf.

Der Erzähler Okudschawa hat es faustdick hinter den Ohren. Die zweite Nebengeschichte, die beim unbekümmerten Lesen als unbedeutend erscheint, zwingt dann aber ihrer Relevanz wegen zum Zurückblättern. Der Lipenkier Gutsverwalter des Generals namens Pastoret zum Beispiel taucht im Hause seines Pariser Kommilitonen Swetschin wieder auf und unterhält sich dort mit Louise Bigarre. Barbara eröffnet dem Leser gegen Romanende, Swetschin sei Lisas leiblicher Vater. General Opotschinin erwähnt in seiner Erzählung den Herrn Swetschin aus Petersburg nicht. Bei Louise Bigarre taucht er in der Erzählung des Herrn WursVerwendete Ausgabe, S. 167 auf, als die Sängerin und Timoscha im brennenden Moskau auf der Suche nach einer neuen BleibeVerwendete Ausgabe, S. 170 fündig werden: Zunächst wird Swetschin als der HausherrVerwendete Ausgabe, S. 173, 5. Z.v.o., Nennung S. 175, 4. Z.v.u. eingeführt. In einem Nebenzimmer hängt das Porträt von Lisas Mutter Barbara. Timoscha kommt das Bild bekannt vor. Der ergrauende Swetschin lächelt. Als die Erzählerin den Namen das erste Mal erwähntVerwendete Ausgabe, S. 197 sowie S. 208 unten, kann der Leser beim besten Willen nicht erraten, weshalb das Herz der Erzählerin heftig pocht.Verwendete Ausgabe, S. 197 sowie S. 208, 3. Z.v.u. Barbara nennt Swetschin später ihren „flüchtigen Gatten“Verwendete Ausgabe, S. 248, 6. Z.v.o..

Vier Schreiber Leicht verdauliche Kost ist die Lektüre nicht. Der Duktus Okudschawas hat es in sich. So muss der Leser beispielsweise besonders in der ersten Romanhälfte die Sprünge der Erzähler auf der Zeitachse mitmachen. General Opotschinin auf dem Landgut Lipenki „Notizen aus dem Privatleben des Generalmajors im Ruhestand N. Opotschinin, weiland Kommandeurs des Moskauer Musketierregiments“ Zu Kriegszeiten galt der General als Haudegen – nicht nur im Kampf gegen Napoleon. „… einen Beleidiger darf man nicht in Frieden ziehen lassen“, so sprach er und erschoss einen russischen Fähnrich im Duell. Wenn der „zusammenhangslos“Verwendete Ausgabe, S. 25, 12. Z.v.u. schreibende General den Leutnant Mender einen „verrückten Österreicher“ nennt (siehe oben), so könnte er einerseits selbst als verrückter Russe genommen werden. Denn der Napoleon verehrende 55-jährige invalide General bereitet die Bewirtung des wahrscheinlich durch Lipenki ziehenden Eroberers in allen Einzelheiten vor. Andererseits gilt die ganze liebevolle Fürsorge des alternden Opotschinin seinem Großneffen Timoscha. Der Junge wächst ohne Mutter auf. Der Vater, Bataillonskommandeur Major Ignatjew, war bereits an jenem unseligen Dezembertag anno 1805, der dem General das Holzbein aus frischer deutscher Linde bescherte, im Kampf gegen Napoleon gefallen. Timoscha, so der General, habe die schwermütigen Augen vom Vater geerbt. Opotschinin beobachtet den aufflammenden Patriotismus Timoschas. Der junge Bursche ohrfeigt den Lipenkier Bauernbürgermeister der, während Russland anscheinend im Sterben liegt, einen Bauern auspeitschen lässt.

Der General hat einen Gutsverwalter namens Pastoret eingestellt. Opotschinin muss sich anhören, wie Pastoret die russische Sklaverei verbal geißelt. Die Peitsche für die Bauern, so der General, sei immer noch besser als die Guillotine.

Louise Bigarre in Moskau „Die traurigen Erinnerungen der Louise Bigarre an Vergangenes“ Als am tonangebenden Kaiserlichen Theater Petersburg die Stimme der inzwischen 24-jährigen Louise, die seit sechs Jahren in Russland lebt, auf einmal für unzureichend befunden wird, versucht sie an lustigeren Moskauer Bühnen mit Romanzen in mittleren Tonlagen ihr Glück. Als dann im unglücklichen Jahr 1812 Moskau brennt, zieht Louise aus ihrem Holzhaus in der Powarskaja-Straße in das Steinhaus ihres Nachbarn General Opotschinin um und lebt darin mit Leutnant Mender sowie Timoscha in Eintracht. Die zurückweichende russische Armee zieht durch die Stadt. Vergeblich fordert Moskauer Polizei die drei Hausinsassen zum Verlassen der Stadt auf. Das polizeiliche Argument: Alles Feuerlöschgerät wurde abtransportiert. Louise versorgt im Hause die Wunde des Oberleutnants Prjachin. Der Offizier, am Arbat von einem Betrunkenen mit einem Fischspeer verwundet – zuvor als Unterhändler zwischen den Fronten unterwegs gewesen – will Bonaparte an der Stadtgrenze gesehen haben.

Zunächst muss mit dem Verwundeten auf einem Fuhrwerk in die fürstliche Orangerie umgezogen werden Timoscha erzählt von seinem gütigen Großonkel; nennt den General einen Phantasten. Französische Offiziere quartieren sich ein; essen mit ihren Dienern den vier Ausharrenden die Vorräte weg. Immerhin – die Post arbeitet noch. Timoscha erreicht ein Brief aus Lipenki. Der General wurde von Franzosen mit dem Säbel erschlagen. Opotschinin hatte die Bezeichnung „lahmer Affe“ nicht hingenommen. Timoscha weint. Mender sitzt totenbleich daneben.

Napoleon verlässt den brennenden Kreml. Herr Mender fällt russischen Soldaten in die Hände, die nach Brandstiftern fahnden. Gefragt, ob er ein Brandstifter sei, erwidert der Österreicher lachend: „Im philosophischen Sinne ja“Verwendete Ausgabe, S. 168 Mitte und wird für seine Antwort erschossen. Auf der weiteren Flucht vor Plünderern und der Gluthitze des brennenden Moskau kommen Louise, Timoscha und Prjachin im Steinhaus des Herrn Swetschin unter. Timoscha geht nach Wsechswjatskoje zu den Kosaken.

Als Napoleon abzieht, bleibt Louise in der Stadt, gibt sich als Französin, die ihre Landsleute verurteilt, zu erkennen, wird von den empörten Russen umringt und bewusstlos geschlagen.

Barbara Wolkowa auf dem Landgut Gubino Die Erinnerungen der Barbara Wolkowa im vorgerückten Alter