Der Bürgerkrieg in Osttimor 1975 war ein Konflikt zwischen der konservativen União Democrática Timorense UDT und der linksgerichteten FRETILIN. Die damalige Kolonie Portugiesisch-Timor wurde zu diesem Zeitpunkt auf die Unabhängigkeit vorbereitet. Da sich in Probewahlen eine Regierung unter der FRETILIN abzeichnete, versuchte die UDT am 11. August den bewaffneten Putsch. Aus den daraus folgenden dreiwöchigen Kämpfen ging die FRETILIN als Sieger vor.Frédéric B. Durand: History of Timor-Leste. ISBN 978-616-215-124-8, S. 105 f. 1500 bis 3000 Menschen kamen nach Schätzungen der Empfangs-, Wahrheits- und Versöhnungskommission von Osttimor (CAVR) durch den Konflikt ums Leben. Die Kommission registrierte außerdem 787 Todesfälle außerhalb von Gefechten infolge des Bürgerkrieges.Chapter 7.2: Unlawful Killings and Enforced Disappearances (PDF; 2,3 MB). In: „Chega!“-Report der CAVR (englisch). Die meiste Gewalt gab es in den Distrikten Liquiçá, Ermera, Ainaro, Manufahi und Manatuto.Part 3: The History of the Conflict (PDF; 1,4 MB). In: „Chega!“-Report der CAVR (englisch).

Hintergrund Nach der Nelkenrevolution in Portugal 1974 sollten das Kolonialreich aufgelöst und die Länder in die Unabhängigkeit entlassen werden. In Portugiesisch-Timor hatten sich als große Parteien die UDT und die FRETILIN entwickelt, die zunächst gemeinsam mit der portugiesischen Kolonialverwaltung zusammenarbeiteten. Daneben gab es kleine Parteien, wie die von Indonesien finanzierte und von dessen Konsulat in Dili unterstützte APODETI, die den Anschluss an das Nachbarland propagierte, aber nur geringen Rückhalt in der Bevölkerung hatte. Im Frühjahr 1975 konnte die FRETILIN sich auf eine Mehrheit der Bevölkerung in ganz Osttimor stützen. Am 13. März 1975 wurden im Rahmen des Dekolonisationsprogramms Wahlen im Distrikt Lautém durchgeführt. Ziel war es, die traditionellen Herrschersysteme zu ersetzen. Bei diesem Pilotprojekt für Lokalwahlen gab es keine Parteilisten oder -kandidaten. Die Wähler warfen einfach Kieselsteine in Körbe der Kandidaten, um ihre Stimme abzugeben. FRETILIN-nahe Kandidaten konnten sich hier klar gegen UDT-Kandidaten durchsetzen.Geoffrey C. Gunn: , Technische Universität Lissabon (PDF-Datei; 805 kB)

Während die anderen portugiesischen Kolonien nach und nach in die Unabhängigkeit entlassen wurden, verzögerte sich die Umsetzung in Osttimor. Zwischenzeitlich intrigierte der indonesische Militärgeheimdienst Bakin unter General Ali Murtopo mit der Operation Komodo (, nach dem Komodowaran) und schürte den Konflikt zwischen den verschiedenen politischen Lagern. Indonesische Offiziere besuchten dazu Portugiesisch-Timor. Im April 1975 traf eine Delegation unter Führung von Oberst Sugianto und Oberst Suharto Pitut in Dili den portugiesischen Gouverneur Mário Lemos Pires und Vertreter der Parteien FRETILIN, UDT und APODETI. Im selben Monat lud General Ali Murtopo UDT- und FRETILIN-Gesandte nach Jakarta. Direkt nach Rückkehr der Parteivertreter nach Timor traf sich die Zentralkommission der UDT und beschloss das Ende der Koalition mit der FRETILIN. Im Mai lud der indonesische Geheimdienst erneut UDT-Mitglieder zu Gesprächen ein und machte deutlich, dass Indonesien niemals eine unabhängige Regierung unter Beteiligung der als kommunistisch verschrienen FRETILIN akzeptieren würde. Die vermeintliche „kommunistische Bedrohung“ in der Zeit des Kalten Krieges und kurz nach dem Vietnamkrieg diente jenen UDT-Führern als Begründung, die Koalition mit der FRETILIN am 27. Mai 1975 zu verlassen. Am 6. Juni besetzten indonesische Truppen, getarnt als UDT-Kämpfer, die Enklave Oe-Cusse Ambeno. Die ausbleibende Reaktion Portugals bestätigte die indonesische Einschätzung, dass von der Kolonialmacht keine Interventionen mehr zu befürchten seien.

Am 25. Juli trafen die UDT-Führer Domingos de Oliveira und João Viegas Carrascalão erneut Vertreter des Bakin. Hier erklärte General Murtopo den Osttimoresen, dass die FRETILIN für den 15. August die gewaltsame Machtergreifung plane und wenn nicht Maßnahmen ergriffen würden, die FRETILIN aus dem Weg zu räumen, würde Indonesien in Osttimor einmarschieren. Würde die UDT aber in ihrem „Hinterhof“ aufräumen, würde Indonesien Osttimors Recht auf Selbstbestimmung anerkennen. Angesichts dieser Drohung und der zu erwartenden Niederlage bei freien Wahlen entschied man sich in der UDT zum Putsch (Operaçao Sakonar).Nations Encyclopedia: East Timor – History, abgerufen am 4. November 2017. Zwar warnte El Tari, der indonesische Gouverneur in Kupang Carrascalão auf seinem Rückweg von Jakarta, dass die Annexion Osttimors bereits beschlossene Sache sei, jedoch wollte man Indonesien jeden Vorwand für einen Einmarsch nehmen. Das damalige Mitglied des Zentralkomitees der FRETILIN (CCF) und spätere Premierminister Osttimors Marí Alkatiri erklärte im Rückblick auf die Ereignisse:Monika Schlicher: Osttimor stellt sich seiner Vergangenheit, missio-hilft.de, abgerufen am 28. Januar 2019.

Verlauf UDT-Mitglieder unter João Carrascalão entschieden sich aufgrund der vermeintlichen Bedrohung zu einem revolutionären, anti-kommunistischen Schritt ().

Am 11. August holten sich UDT-Mitglieder Waffen von der Polizei und erklärten die Machtübernahme. Sie besetzten den See- und den Flughafen, den staatlichen Rundfunksender, Rádio Marconi, das Telefonamt, das zentrale Kraftwerk und das Wasserreservoir. Nur die Funkstation der Marine blieb in der Hand der Kolonialregierung.Academia de Marinha: Timor 1973 / 75 – Recordações de um Marinheiro, Juli 2012, abgerufen am 15. Oktober 2018. Dann übergab man der portugiesischen Verwaltung eine Forderungsliste. Die UDT betonte, der Einsatz diene nur dem Entfernen von extremistischen Elementen, um ein Eingreifen Indonesiens zu verhindern. Von Dili aus dehnten sich die bewaffnetem Aktionen auf die ganze Kolonie aus. 80 Mitglieder der FRETILIN wurden von der UDT in ihrem Hauptquartier in der Rua de Palapaço gefangen gehalten, unter ihnen Xanana Gusmão, der spätere erste Präsident Osttimors nach der indonesischen Besatzung. Ein weiteres Dutzend FRETILIN-Anhänger wurde ermordet, wie etwa José Lobato, der jüngere Bruder von Nicolau Lobato.Frédéric B. Durand: Three centuries of violence and struggle in East Timor (1726–2008). (PDF; 243 kB) Online Encyclopedia of Mass Violence, (online), 7. Juni 2011, Zugriff am 28. Mai 2012, Insgesamt mehrere hundert politische Gegner hielt die UDT in der gesamten Kolonie gefangen. Viele Gefangene kamen unter nicht geklärten Umständen ums Leben. Die meisten Mitglieder des Zentralkomitees der FRETILIN konnte aber nach Aileu, südlich von Dili, entkommen. Die UDT hatte zunächst weniger als 200 Mann zur Verfügung, doch Gouverneur Pires unternahm nichts, obwohl ihm mehr als 1700 Soldaten zur Verfügung standen.

Am 13. August bildete die UDT mit Sympathisanten aus der portugiesischen Kolonialarmee die Bewegung zur Einheit und Unabhängigkeit von Timor-Dili (). Sie plante die Auflösung aller pro-Unabhängigkeitsparteien und Integration ihrer Mitglieder in die MUITD. In den ersten Tagen nach dem Putsch konnte die UDT den Polizeichef Rui Alberto Maggiolo Gouveia und verschiedene Einheiten des Militärs, wie die Kompanien in Baucau und Lospalos für sich gewinnen. UDT-Präsident Francisco Lopes da Cruz wurde von den UDT-Führern João Viegas Carrascalão und Domingos de Oliveira verhaftet, da man ihn der Zusammenarbeit mit Indonesien verdächtigte.Rodney Stafford Nixon: , S. 106, abgerufen am 10. Oktober 2018. Später bestätigte sich der Verdacht.Hamish McDonald: Instigator of civil war later reconciled with his foes, Sydney Morning Herald, 9. März 2012.

Am 16. August rief die UDT zur Vertreibung aller Kommunisten aus dem Territorium auf, auch „jener im Büro des portugiesischen Gouverneurs“. Sie forderte die Aufhebung des Dekrets 7/75, mit der der Zeitplan für die Entlassung Portugiesisch-Timors in die Unabhängigkeit bis 1978 festgelegt wurde und die Wiederaufnahme von Verhandlungen über die Unabhängigkeit der Kolonie. Am 17. August wurden Major Mota, Chef des Büros für politische Angelegenheiten, und Major Jónatas nach Lissabon zurückgeschickt. Die beiden Vertreter der Movimento das Forças Armadas (MFA) wurden beschuldigt, der kommunistische Flügel in der Kolonialregierung zu sein.

Die FRETILIN zog sich zunächst in ihre Hochburg in Aileu zurück. Hier befand sich auch das Trainingszentrums der Armee (Centro de Instrução). Der Partei gelang es in wenigen Tagen, die Mehrheit der vom Putsch geschockten Bevölkerung zu mobilisieren. Die meisten Timoresen, die Dienst in der portugiesischen Armee verrichteten, desertierten und schlossen sich der am 20. August gegründeten Forças Armadas de Libertação Nacional de Timor-Leste FALINTIL () an, dem militärischen Arm der FRETILIN. Die UDT erhielt Zulauf aus der Polizei und nur wenigen Armeeeinheiten. Schließlich standen etwa 1.500 UDT-Anhänger 2.000 Kämpfern der FRETILIN gegenüber. Beide Parteien hatten sich mit Waffen aus Militärbeständen ausgerüstet. So setzte die FRETILIN auch 81-mm-Mörser ein.José Luís Leiria Pinto: Timor 1973/75 – Recordações de um Marinheiro, Academia de Marinha, Juli 2012, S. 26, abgerufen am 15. Oktober 2018.

Am 20. August besetzten FALINTIL-Kämpfer das portugiesische Militärhauptquartier in Taibesi und nahmen die portugiesischen Soldaten gefangen, darunter auch der stellvertretende Oberbefehlshaber der Truppen auf Timor. In Dili kam es zu Straßenkämpfen zwischen UDT und FRETILIN. In Teilen der Stadt legte die UDT zur Verteidigung Häuser in Brand. Allerdings waren die Fronten sehr verworren. Während in Same APODETI und UDT gegen die FRETILIN kämpften, waren FRETILIN und UDT in Atsabe Verbündete gegen die APODETI und in Dili FRETILIN und APODETI gegen die UDT. Am 27. August übernahm die FRETILIN die Kontrolle über Dili. Die UDT-Führung zog sich zunächst zum Flughafen und Anfang September nach Vila de Liquiçá im Westen zurück. Da man auch hier einen Angriff befürchtete, brachte man am 7. September Gefangene und tausende Zivilisten nach Maubara, während Lopes da Cruz in Indonesien um Hilfe bei der Evakuierung der UDT-Anhänger bat. Nach drei Tagen Beschuss mit Mörsern nahm die FRETILIN am 15. September Vila de Liquiçá ein. João Viegas Carrascalão floh zusammen mit den lokalen UDT-Führern Gaspar Correia da Silva Nunes und Adelino Tinoco mit einem kleinen Boot von Morae aus nach Westtimor.

Bis Mitte September beherrschte die FRETILIN den Großteil der Kolonie. Gouverneur Pires hatte in der Nacht vom 26. zum 27. August die letzten portugiesischen Verwaltungs- und Militärangehörigen auf die Dili vorgelagerte Insel Atauro evakuiert. Grund dafür war ein Telegramm aus Lissabon, das vor der Gefahr einer Geiselnahme warnte und zur Flucht auf die sichere Insel riet. Mehr als 1700 Zivilisten wurden im August mit Schiffen nach Darwin gebracht. Von Atauro aus versuchte Pires erfolglos, zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln. Von der FRETILIN wurde er gedrängt, zurückzukehren und die Entkolonialisierung voranzutreiben, aber er bestand darauf, auf Anweisungen aus Lissabon zu warten. Er wollte auf diese Weise einen Guerillakrieg gegen die portugiesische Regierung in Osttimor vermeiden. Allerdings erreichte Pires erst Anfang Oktober Unterstützung aus dem Mutterland in Form der Korvette Afonso Cerqueira. UN-Generalsekretär Kurt Waldheim rief erfolglos die Konfliktparteien zum Waffenstillstand auf.