mini|hochkant|Titelseite der Ausgabe von 1895 Jude the Obscure (ins Deutsche übersetzt als Juda der Unberühmte, Herzen in Aufruhr und Im Dunkeln) ist ein erstmals von 1894 bis 1895 veröffentlichter Roman des englischen Autors Thomas Hardy. Der Text beschreibt das Leben des Jude Fawley, eines englischen Provinzjungen, der nach Bildung und höheren Aufgaben strebt und diese in der Universitätsstadt Christminster zu finden hofft, letztlich jedoch vollständig scheitert. Eine wichtige Rolle spielen Themen wie gesellschaftliche Modernisierung, Religion und Geschlechterrollen am Ende des 19. Jahrhunderts. Jude the Obscure löste nach seinem Erscheinen heftige Kontroversen aus, die Hardy schließlich dazu veranlassten, keine weiteren Romane zu verfassen und sich ganz auf die Lyrik zu konzentrieren. Heute gilt er als einer von Hardys wichtigsten Texten und als bedeutendes Werk der späten Viktorianischen Literatur am Übergang zur Moderne.

Handlung mini|Photochromdruck von Oxford in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts Jude Fawley wächst als Waisenjunge in einer ländlichen Umgebung in Marygreen in Wessex auf, einer fiktiven Gegend, die der Schauplatz vieler Romane von Hardy ist. Er entwickelt eine starke Zuneigung zu seinem Lehrer Phillotson, der aber schließlich in das nicht weit entfernte Christminster zieht – eine Universitätsstadt, die in der Regel als Oxford gelesen wird. Jude plant, seinerseits nach Christminster zu ziehen, das sich für ihn zu einem Sehnsuchtsort entwickelt, einem „himmlischen Jerusalem“, das Bildung und höhere Werte verkörpert. Schon früh im Leben bringt er sich autodidaktisch Latein und Griechisch bei und liest zahlreiche Fachbücher.

Als junger Mann heiratet er Arabella Donn, eine einfache Frau, die aus seiner eigenen Heimat stammt. Die Ehe scheitert jedoch schnell, woraufhin Arabella nach Australien emigriert und Jude nach Christminster zieht in der Hoffnung, sich den Traum von der Bildung erfüllen zu können. Er wird an der Universität jedoch nicht angenommen und arbeitet schließlich als Steinmetz. In Christminster lebt auch seine Cousine Sue Bridehead, die er persönlich nicht kennt, jedoch für eine Weile aus der Ferne beobachtet. Er baut eine immer stärker werdende Verehrung für die Frau auf. Als sie sich schließlich persönlich begegnen, entwickelt sich eine intensive Beziehung zwischen den beiden, die jedoch rein platonisch ist.

Gemeinsam mit Sue besucht er seinen ehemaligen Lehrer Phillotson, den er seit den Tagen seiner Kindheit idealisiert. Phillotson lebt inzwischen selbst nicht mehr in Christminster, sondern arbeitet wiederum als Lehrer in der nahegelegenen Kleinstadt Melchester. An Jude kann er sich nicht erinnern.

Da Gerüchte über Sues Beziehung zu Jude die Runde machen, verliert sie ihre Stelle auf einem Lehrerseminar. Sie trennt sich von Jude und nimmt einen Heiratsantrag von Phillotson an, mit dem sie jedoch nicht glücklich wird. Gegen die Ratschläge seiner Freunde willigt Phillotson schließlich in eine Trennung von seiner Frau ein und erlaubt ihr, zurück zu Jude zu ziehen. Dieser unkonventionelle Schritt kostet ihn auch seinen eigenen sozialen Status.

Trotz ihrer Liebe zu Jude geht Sue nur sehr zögernd eine sexuelle Beziehung zu ihm ein, einer Heirat verweigert sie sich vollständig. Das Paar lebt schließlich in wilder Ehe mit zwei eigenen Kindern, zu denen sich noch ein drittes gesellt: Der Little Father Time genannte Junge stammt aus Judes erster Ehe mit Arabella, die ihn in die Obhut des Paares gibt. Die kleine Familie lebt in großer Armut und nicht zuletzt wegen der unklaren Eheverhältnisse auch gesellschaftlich ausgegrenzt. In einer zentralen Szene tötet Little Father Time die anderen beiden Kinder und schließlich sich selbst.

Jude und Sue entfremden sich zunehmend, bis sie schließlich unter dem Einfluss religiöser Ideen zu Phillotson zurückkehrt, um eine zweite Ehe mit ihm einzugehen und für ihre Schuld zu büßen. Jude seinerseits verfällt immer weiter dem Alkohol und rückt wieder näher zu seiner ersten Frau Arabella, die aus Australien zurückgekehrt ist und ihn schließlich dazu bringt, sie erneut zu heiraten. Auch diese Ehe ist jedoch nicht glücklich. Am Ende des Romans stirbt Jude allein und als gebrochener Mensch, während Arabella auf einem Volksfest auf der Suche nach Liebschaften ist.

Form und Erzählweise Der Roman hat einen auktorialen Erzähler.Jörg Drews, Stefan Horlacher: Eintrag Jude the Obscure, in: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Kindlers Literaturlexikon, Stuttgart (2009), Bd. 7, S. 88 Formell ist er in sechs verschiedene Teile gegliedert, die nach den jeweiligen Handlungsorten benannt sind: At Marygreen, At Christminster, At Melchester, At Shaston, At Aldbrickham and Elsewhere, At Christminster Again. Ihnen ist jeweils ein Motto vorangestellt. Die sechs Teile sind jeweils in kürzere, unbetitelte Kapitel untergliedert.

Untypisch für Hardy ist die außerordentlich große Rolle, die in der Erzählung der Perspektive seiner Hauptfigur Jude zukommt. Die Welt wird fast ausschließlich durch Judes Augen beschrieben. Für Penelope Vigar kommt dabei der Art und Weise, wie die Ereignisse wahrgenommen werden, eine größere Bedeutung zu als der, in der sie sich wirklich zutragen.Penelope Vigar: The Novels of Thomas Hardy: Illusion and Reality, The Athlone Press: London (1974), S. 199 Durch die Verschmelzung der Realität und der Wahrnehmung werde gleichzeitig der Kontrast zwischen diesen beiden betont sowie die Komplexität der (illusorischen) menschlichen Weltwahrnehmung herausgearbeitet.Penelope Vigar: The Novels of Thomas Hardy: Illusion and Reality, The Athlone Press: London (1974), S. 212

Der Roman ist in seiner Erzählweise von Henrik Ibsen sowie dem französischen Realismus des 19. Jahrhunderts beeinflusst. Bemerkenswert an der Figur des Jude Fawley ist dabei unter anderem, dass sie innerhalb der englischen Literatur einen der ersten Intellektuellen mit ländlichem und proletarischem Hintergrund darstellt.Jörg Drews: Eintrag Jude the Obscure, in: Kindlers Literatur Lexikon (Bd. 12), DTV: München (1974), S. 5050

In der ursprünglichen Veröffentlichung in Harper’s Magazine wurde jede der zwölf Folgen von einer Illustration des Künstlers W. Hatherell begleitet. Hardy schätzte diese Illustrationen sehr hoch und lobte sie in einem persönlichen Brief an den Urheber.Richard Little Purdy: Composition and Serialization of the Novel, in: Thomas Hardy: Jude the Obscure – A Norton Critical Edition (ed. Norman Page), Norton: New York / London (1999), S. 326

Hintergrund mini|hochkant|Thomas Hardy 1889, ein Jahr vor Beginn der Arbeiten an Jude the Obscure Jude the Obscure wurde erstmals von Dezember 1894 bis November 1895 in Harper’s Magazine abgedruckt und bestand dabei aus elf Folgen zu insgesamt 53 Kapiteln. Eine amerikanische und eine europäische Edition erschienen zeitgleich. Der Text trug zunächst den Titel The Simpletons, der aber in späteren Teilen zu Hearts Insurgent abgeändert wurde – angeblich, um eine Namensähnlichkeit zu einem anderen Roman der Epoche zu vermeiden. Hardy selbst gab an, erste Skizzen zum Roman 1887 gemacht zu haben. Mit der konkreten Arbeit habe er im Jahr 1890 begonnen. Vermutlich wurde Jude the Obscure im März 1895 fertiggestellt.Richard Little Purdy: Composition and Serialization of the Novel, in: Thomas Hardy: Jude the Obscure – A Norton Critical Edition (ed. Norman Page), Norton: New York / London (1999), S. 325 f.

Im November 1895 erschien der Roman erstmals in Buchform. Zwischen dieser Textversion und der aus Harper’s Magazine bestehen dabei signifikante Unterschiede. Die Buchveröffentlichung enthielt zahlreiche aus Perspektive des ausgehenden 19. Jahrhunderts drastische Szenen, die Hardy in der ersten Veröffentlichung gestrichen hatte. Dies betraf Themen wie Sexualität und Ehemoral, aber auch Gewalt gegenüber Tieren (die ein wiederkehrendes Motiv in Jude the Obscure ist). Da Harper’s Magazine sich als familienfreundliche Zeitschrift verstand, hatte Hardy wohl den Herausgebern von sich aus angeboten, problematische Szenen aus der Serienfassung zu entfernen. Dale Kramer vermutet, dass dabei auch das unterschiedliche Publikum eine Rolle spielte: Zeitschriftenleser galten als konservativer und sittenstrenger, während Buchleser aus höheren gesellschaftlichen Schichten mit besserer Bildung stammten und die Vorstellung vorherrschte, bei ihnen könne eine bessere Beurteilungsgabe für problematische Themen vorausgesetzt werden.Dale Kramer: Hardy and readers: Jude the Obscure, in: ders. (Hrsg.): A Cambridge Companion to Thomas Hardy, Cambridge University Press: Cambridge (1999), S. 166 f.

Motive

Religion und gesellschaftliche Beschränkungen Religion und die Institution der Kirche spielen eine wichtige, aber ambivalente Rolle in Jude the Obscure. Einerseits sind die von ihnen verkörperten Ideale ein wichtiger Ankerpunkt für Jude, der sich von klein auf mit ihnen beschäftigt. Andererseits bilden sie aber auch die Grundlage der gesellschaftlichen Ausgrenzung, die er und Sue erfahren.

Dabei ist ihre offen gelebte Beziehung außerhalb der Ehe das offensichtlichste Zeichen der Nonkonformität mit den Erwartungen der Gesellschaft, in der sie leben.Maureen E. Mahon: Thomas Hardy’s Novels. A Study Guide, Heinemann: London (1976), S. 76 Von der Kirche zeichnet Jude the Obscure ein problematisches Bild – sie wird als altmodisch und unaufgeklärt dargestellt und hindert durch ihr Bestehen auf alte Lehren letztlich die Hauptfiguren daran, einen glücklicheren Lebensweg einzuschlagen.

Die gesellschaftlichen Beschränkungen, denen Jude und Sue unterworfen sind, sind aber auch nicht rein religiöser Natur. Sie gehören einem Proletariat an, das im ausgehenden 19. Jahrhundert insgesamt nur begrenzte Aufstiegschancen hatte. Obwohl ihre eigenen Schwächen letztlich zum Scheitern ihrer Ambitionen beitragen, sind die Rahmenbedingungen ihres Zeitalters ein entscheidender Hauptfaktor. Ein großer Teil der Ausgrenzung geht dabei von anderen Angehörigen der Arbeiterschicht aus, nur teilweise sind Instanzen mit höherer Autorität daran beteiligt.Maureen E. Mahon: Thomas Hardy’s Novels. A Study Guide, Heinemann: London (1976), S. 75 f.David Lodge: Jude the Obsure: Pessimism and Fictional Form, in: Dale Kramer (Hrsg.): Critical Approaches to the Fiction of Thomas Hardy, Macmillan Press: London/Basingstoke (1979), S. 193

Moderne und neuer Zeitgeist mini|hochkant|Die Kathedrale von Oxford (hier im Jahr 1899), dessen Architektur für Jude die alten Ideale verkörpert Der Konflikt zwischen alten und neuen Werten ist ein wiederkehrendes Motiv, das den ganzen Roman durchzieht. Einerseits stehen Figuren wie Jude, Sue und Phillotson in ihrer Lebensführung in starkem Widerspruch zu den konservativen Werten in ihrer Zeit – besonders, was ihr Verhältnis zur Ehe angeht. Dieser Widerspruch hat negative Folgen für ihr eigenes Leben. Andererseits ist Jude selbst aber auch in überkommenen Ideen gefangen, was sich besonders deutlich in seiner Idealisierung der Universitätsstadt Christminster zeigt. Jude bemerkt nie, dass seine eigenen Bildungsideale selbst aus einer anderen Zeit stammen und die moderne Welt von anderen Faktoren geprägt wird – eine Welt, in der mittelalterliche Glaubensmodelle und gotische Architektur nur noch Relikte sind.J. B. Bullen: Thomas Hardy. The World of his Novels, Frances Lincoln Limited (2013), S. 189