Bekiviro ist eine Ritualtrommel, die in wenigen Exemplaren auf einigen vor der Nord- und Nordwestküste Madagaskars gelegenen Inseln vorkommt und im Ahnenkult der Sakalava die Macht der toten Könige repräsentiert. Die fast lebensgroße, aus einem Baumstamm gefertigte Bechertrommel wird nur bei besonderen Anlässen geschlagen und steht im Zentrum von Besessenheitsritualen zur madagassischen Ahnenverehrung. Beim Umgang mit ihr sind zahlreiche Verbote (fady) zu beachten.
Kultureller Hintergrund Die Kultur Madagaskars vereint die Einflüsse der im Verlauf der letzten zwei Jahrtausende eingewanderten Siedler, Händler und Kolonisatoren. Vermutlich erreichten in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten Seefahrer aus dem Malaiischen Archipel entweder direkt oder mit dem Umweg über die afrikanische Küste die Insel. Der malaiische Kultureinfluss blieb vor allem bei den im zentralen Hochland siedelnden Merina erhalten. In der Musik verweist die Bambusröhrenzither valiha am deutlichsten auf eine malaiische Herkunft. Einen weiteren Kultureinfluss für die gesamte Insel brachten ab dem 15. Jahrhundert zu den Bantu gehörende verschleppte Sklaven und freie Einwanderer aus Afrika. Der Norden und Nordwesten ist darüber hinaus durch arabische Seefahrer geprägt, deren Spuren ab dem 10. Jahrhundert an der Küste nachweisbar sind. In dieser Zeit begann von Sansibar ausgehend die Islamisierung der ostafrikanischen Küste. Während im 16. Jahrhundert die Bevölkerung der nördlich gelegenen Komoren mehrheitlich die neue Religion annahm, erreichte der Islam auf Madagaskar lediglich die Nordküste. Zugleich war die im Norden vorgelagerte Insel Nosy Be ab 1840 die erste Station französischer Katholiken, die von hier aus mit der Missionierung des Sakalava-Gebietes begannen.Lesley A. Sharp: The Sacrificed Generation: Youth, History, and the Colonized Mind in Madagascar. University of California Press, Berkeley 2002, S. 45. Daraus resultiert im Norden und Nordwesten eine afrikanisch, arabisch und europäisch beeinflusste Kultur und eine Musik, deren Formenreichtum größer ist als in den übrigen Landesteilen.August Schmidhofer: Madagaskar. II. In: MGG Online. Über diese Region verbreiteten sich die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vom afrikanischen Festland eingeführten Popularmusikstile in ihrer madagassischen Ausprägung, darunter soukous (in Madagaskar zu sekosy), benga (zu watcha watcha) und mbaquanga (zu zolo). Im wirtschaftlich dominierenden Norden verfügen auch kleinere Ensembles über das notwendige Instrumentarium (namentlich Elektrogitarren), während in anderen Regionen auf den Dörfern weiterhin selbstgebaute Imitationen eingesetzt werden.
Gegen die Kulturimporte und die technischen Errungenschaften der Moderne behauptet sich als konservativer Gegenpol der fest in die traditionelle Gesellschaftsordnung eingebundene Ahnenkult. Hierin nehmen die Ahnen auf die Lebenden Einfluss. Durch den ritualisierten Rückbezug auf die Ahnen stellen diese für die einzelnen Mitglieder der Gemeinschaft Identifikationsfiguren und Stabilitätsanker dar.August Schmidhofer, 1998, S. 135f.
Gesellschaftsordnung Die Sakalava formierten um 1400 einen Machtbereich unter ihrem ersten König Andrianmisara I.John Middleton: World Monarchies and Dynasties. Routledge, New York 2015, S. 818. und bildeten vom 17. Jahrhundert bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts das führende Reich auf Madagaskar. Gemäß ihrer mündlichen Überlieferung kamen die Sakalava ursprünglich aus dem Südwesten der Insel. Das Mitte des 17. Jahrhunderts unter König Andrianihaniñarivo (postumer Name, zu Lebzeiten hieß er Andriandahifotsy) entstandene Königreich Menabe wurde zum Vorbild für die spätere Gesellschaftsstruktur der Sakalava.Peter Kneitz: Im Land „dazwischen“. Die Sakalava-Königreiche von Ambongo und Mailaka (westliches Madagaskar, 17.–19. Jahrhundert). In: Anthropos, Band 103, Heft 1, 2008, S. 33–63, hier S. 39. Das Siedlungsgebiet der Sakalava entlang der West- und Nordwestküste wurde (ab 1500) bevorzugt von europäischen Seefahrern angelaufen, weshalb über sie die meisten Berichte aus vorkolonialer Zeit vorliegen. Daraus wird die Existenz eines ausgeprägten Besessenheitskults ersichtlich, den die Sakalava bis heute praktizieren und dessen kibuki-Geister in den ostafrikanischen Pepo-Kult eingegangen sind. Der Besessenheits- und Reliquienkult der Sakalava hat Parallelen bei den Bantusprechern. Die ethnologisch gut untersuchten Sakalava bieten einen anschaulichen Einblick in das Fortbestehen gesellschaftlicher Strukturen aus der Zeit der Königreiche (fanjakana).
Anfang des 19. Jahrhunderts gerieten die beiden Sakalava-Königreiche Menabe im Süden und Boeny (Boina) im Norden unter den Einfluss des mit Unterstützung der Engländer expandierenden Merina-Reiches. Der Küstenstreifen dazwischen wurde zur Zufluchtsregion der unabhängigen Sakalava, was zu einem wirtschaftlichen Aufschwung der bis dahin vernachlässigten Region führte. Im 19. Jahrhundert befand sich die in mehrere Kleinreiche zersplitterte Küstenregion in einem permanenten Kriegszustand mit den Merina, was zur Folge hatte, dass laut zeitgenössischen Beobachtern die Sakalava ständig Waffen trugen. Erst der französischen Kolonialarmee gelang zwischen 1896 und 1904 die Eroberung der Westküste und die Unterwerfung der Sakalava.Peter Kneitz: Im Land „dazwischen“. Die Sakalava-Königreiche von Ambongo und Mailaka (westliches Madagaskar, 17.–19. Jahrhundert). In: Anthropos, Band 103, Heft 1, 2008, S. 35, 55, 59. Seitdem bestehen die alten Herrschaftsstrukturen nur noch auf der gesellschaftlichen Ebene fort.
Die Geschichte der Sakalava ist die Geschichte der Herrscherdynastien und ihrer Zweige. Die Sakalava schöpfen aus der Vergangenheit die Legitimität und Autorität für die heutigen Institutionen. Sie bilden mit 6,2 Prozent Anteil (2010) an der Gesamtbevölkerung eine der 18 bis 20 ethnischen Gruppen des Landes.Benoit Thierry, Andrianiainasoa Rakotondratsima u. a.: Nourishing the Land, Nourishing the People: The Story of One Rural Development Project in the Deep South of Madagascar that Made a Difference. CABI, Oxfordshire 2010, S. 31, ISBN 978-1-84593-739-3. Ihre Gesellschaft setzt sich aus Clans zusammen, die über eine bestimmte Herkunftsgeschichte (tantara) mit dem königlichen Clan verbunden sind. Die Gemeinschaft wird vom lebenden Monarchen (ampanjaka) und von dessen verstorbenen Vorgängern zugleich regiert, wobei den toten Herrschern (razana ampanjaka) aufgrund ihres höheren Alters die größere Macht zukommt. Mit zunehmendem Alter wachsen Macht und Autorität. Die Zählung der Altersjahre wird mit dem Tod nicht unterbrochen, weil der Tod nur als Übergang in einen anderen Daseinsbereich gilt. Dem lebenden Monarchen, dessen Macht in der Nachfolge von den früheren Herrschern begründet liegt, kommt eine Schlüsselrolle bei der Traditionsbewahrung zu. Er fungiert als spiritueller Vermittler zur Ahnenwelt, weshalb er die Beinamen tompondrazania („Meister der Ahnen“) und tompon’ ny lambantánana („Meister der hohlen Hand“) trägt. Letzteres bezieht sich auf die Anbetungsgeste gegenüber den Ahnen.Gillian Feeley-Harnik: Divine Kingship and the Meaning of History Among the Sakalava of Madagascar. In: Man, New Series, Bd. 13, Nr. 3, September 1978, S. 402–417, hier S. 403f.
Die toten Monarchen werden in einfach gestalteten Gräbern auf dem Ahnenfriedhof (mahabo) verehrt, von wo auch ihre Wirkung ausgeht. Üblicherweise befindet sich dieser Friedhof auf einer vorgelagerten Insel. Die Sozialorganisation besteht neben den Königen (ampanjaka) aus dem bürgerlichen Volk (vohitry oder vahoaka), Sklaven (andevo) und königlichen Sklaven (sambarivo). Die sambarivo, Nachfahren der während des arabischen Sklavenhandels an der ostafrikanischen Küste und bei Raubzügen der Sakalava aus Afrika verschleppten Sklaven, fungieren als Wächter der Königsgräber und bei den Zeremonien als Nachrichten überbringende Medien (Besessene, saha). In tromba genannten Zeremonien sprechen die Ahnen mit der Stimme der sambarivo über aktuelle und vergangene Geschehnisse. Weil die sambarivo verschleppt wurden, haben sie keine Ahnen und damit keine eigene Geschichte. Hieraus erklärt sich ihre niedrige Sozialstellung, trotz der sie durch ihre wesentliche Rolle bei der Ahnenverehrung dem Königtum am nächsten stehen. Es besteht ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis von den als Medien agierenden Sklaven zum lebenden Herrscher, in dessen Sinn sie die „Worte der Ahnen“ (tenin-drazana) wiederzugeben haben, und vom Herrscher zu den Medien, die mit ihren Ahnenworten seine Macht legitimieren.August Schmidhofer, 1998, S. 136f.
Bauform und Herkunft Die bekiviro ist eine aus einem Baumstamm gefertigte Bechertrommel von ungewöhnlicher Größe. Bei einem Exemplar wurde eine Gesamthöhe von 139 cm gemessen. Der Durchmesser des Korpus (loha) beträgt bei diesem Instrument 62 cm und die Korpushöhe 89 cm. Für diesen Trommeltyp und allgemein für Trommeln in Madagaskar wird das Holz des Marula-Baums (Sclerocarya birrea subsp. caffra, auch Poupartia caffra, in Madagaskar sakoa) verwendet. Mit dem halbrund geschnitzten Korpusboden ist ein konischer Fuß verbunden, der in eine Standplatte vom Durchmesser des Korpus übergeht. Die Membran besteht aus Ochsenhaut (angozy), die mit einer am Rand umlaufenden, doppelten Reihe von Holzpflöcken gespannt ist. Etwas unterhalb sind am Korpus vier kreisrunde Ringe aus Silber als Tragegriffe befestigt. Die Silberringe gaben der Trommel den Malagasy-Namen bekiviro, was „große Ohrringe“ (be kiviro, ansonsten kavina) bedeutet. Im mittleren Korpusbereich ist die Trommel mit einem eingekerbten Ornamentband verziert. Sie wird mit zwei Holzschlägeln (kobay, „Stab“) geschlagen.
mini|hochkant|Hölzerne Bechertrommel mit Nagelspannung und vier Handgriffen der Lulua in der kongolesischen Provinz Kasaï-Occidental. Während der Name bekiviro malayo-polynesischen Ursprungs ist, gehört die Trommel zur großen Gruppe der im südlichen Afrika weit verbreiteten Bechertrommeln mit Nagelspannung und wird deshalb zu den Instrumenten afrikanischer Herkunft gezählt. „Nagelspannung“ bezeichnet eine mit einer engen Nagelreihe oder mit häufig weit herausstehenden Holzdübeln befestigte Membran. Eine vergleichbare Bechertrommel ist die von den Makonde im Norden Mosambiks unter anderem beim Maskentanz mashesho gespielte singanga. Die singanga besitzt jedoch keinen Standfuß, sondern einen unten den Korpus verlängernde Holzstange, die wie eine Zahnwurzel aussieht und in den Boden gespießt wird, sodass die Trommel vom stehenden Spieler mit zwei dünnen Stäben geschlagen werden kann. Eine ungewöhnlich lange, schlanke Trommel mit Nagelspannung und Standfuß heißt bei den Makonde nnea (auch neya).Gerhard Kubik: Ostafrika. Musikgeschichte in Bildern. (Band 1: Musikethnologie, Lieferung 10) Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1982, S. 184, 186. Verwandt hiermit sind einfellige Sanduhrtrommeln, deren Membran mit einer Nagelreihe befestigt ist und die vom stehenden Musiker zwischen den Beinen gehalten werden, etwa die ngoma fumbwa der Wagogo in der Dodoma-Region von Tansania.Gerhard Kubik, 1982, S. 140. In Mosambik gibt es weitere, mit der bekiviro vergleichbare Trommeln, die aber wesentlich kleiner sind.