Das Ende von Eddy (französischer Originaltitel: En finir avec Eddy Bellegueule) ist ein autofiktionaler Roman des französischen Schriftstellers Édouard Louis (geboren als Eddy Bellegueule). Er erschien im Februar 2014 im Verlag Éditions du Seuil und wurde in einer deutschen Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel im Februar 2015 vom S. Fischer Verlag veröffentlicht. Der Soziologie studierende Ich-Erzähler beschreibt darin seine Kindheit und Jugend in der nordfranzösischen Picardie, wo er sich seiner Homosexualität in einem homophoben dörflichen Milieu bewusst wird.

Inhalt

Kindheit und Jugend Eddy Bellegueule wächst in einfachen Verhältnissen auf einem Dorf in der ländlichen, strukturschwachen Picardie in Nordfrankreich auf. Er ist das erste Kind seiner Eltern, wobei zur Familie auch noch ein Sohn und eine Tochter aus der ersten Ehe der Mutter gehören.

Der kleine Eddy erfüllt von Beginn an nicht die Männlichkeitserwartungen der dörflichen Gesellschaft und insbesondere seines Vaters. Man erwartet von einem Jungen, seine Freizeit mit Sport und Raufereien zu verbringen und später ein „Harter“ zu werden, ein Weiberheld, der sich auch mit kleinkriminellen Methoden durchsetzen kann. Eddy dagegen ist eher still, auf seine Mutter bezogen und beschäftigt sich mit „Mädchensachen“. Dies, seine schmächtige Gestalt, seine angeblich mädchenhafte Gehweise und sein Nachname (Bellegueule, auf Deutsch etwa: Schönmaul) führen dazu, dass er über seine ganze Schulzeit hinweg ein Außenseiter bleibt, der häufig außen vor gelassen, belächelt, gehänselt, verprügelt oder gedemütigt wird. Seine ersten homosexuellen Erlebnisse erfährt er mit Jungen aus der Nachbarschaft, die er für eine gewisse Zeit „jeden Tag traf, sie auszog, sie penetrierte oder von ihnen penetriert wurde“, bis die Beschäftigung der Jungen von seiner Mutter entdeckt wird. Als Eddy sich seiner Homosexualität bewusst wird, will er das verstecken und flirtet zum Schein, aber vergeblich mit Mädchen. Erst als er als guter Schüler die Zulassung zum Lycée in der Regionalhauptstadt Amiens erhält und in das zugehörige Internat zieht, kann er der dörflichen Enge und der Unterdrückung entfliehen. Dort wird er von seinen Mitschülern, die „Eddy“ für eine Verkleinerungsform halten, spontan mit „Édouard“ angeredet. Das ist somit das Ende von „Eddy“.

Milieu der Familie Louis beschreibt den Stolz des Durchhaltens, es in schlechtesten Umständen am unteren Ende des Proletariats irgendwie geschafft zu haben,„Wir waren nicht die Ärmsten. Unsere nächsten Nachbarn hatten noch weniger Geld als wir, (…) gegen sie richtete sich die Verachtung meiner Mutter und der anderen. (…) sie seien Nichtstuer, die nichts auf die Reihe kriegen und sich auf die Stütze verlassen.“ Édouard Louis, Das Ende von Eddy, 2. Aufl. Fischer 2015, S. 88 und ähnlich S. 94. (Kursiv im Original betont den Zitatcharakter der so formatierten Sätze.) und einen auch von den Frauen„In ihrer Welt galt Männlichkeit derart unangefochten als das Größte, dass sogar meine Mutter von sich selber sagte Ich lass mir nichts gefallen, ich hab schließlich Eier in der Hose.“ Édouard Louis, Das Ende von Eddy, 2. Aufl. Fischer 2015, S. 27. (Kursiv im Original betont den Zitatcharakter der so formatierten Sätze.) mitgetragenen Kult des männlichen Körpers und Charakters:„Die echten Kerle verkörperten all die im Dorf so geachteten männlichen Werte. (…) Im Dorf kam es nicht nur darauf an, selbst ein echter Kerl gewesen zu sein, sondern auch seine Söhne zu echten Kerlen zu machen. Als Vater unterstrich man seine Virilität durch seine Söhne (…).“ Édouard Louis, Das Ende von Eddy, 2. Aufl. Fischer 2015, S. 21 f. (Kursiv im Original betont den Zitatcharakter der so formatierten Sätze.) Männliche Kraft sei Quelle eines Stolzes, der sich in Brutalität„Für einen Mann war Brutalität etwas Selbstverständliches.“ Édouard Louis, Das Ende von Eddy, 2. Aufl. Fischer 2015, S. 38. und Besäufnissen auslebt und sich homophob und rassistisch von anderer Männlichkeit abgrenzt.„[Meine Mutter betonte] unsere Überlegenheit gegenüber den Arabern oder unseren bettelarmen Nachbarn immer so (…).“ Édouard Louis, Das Ende von Eddy, 2. Aufl. Fischer 2015, S. 94. Zum toxischen Männlichkeitskonzept vergleiche auch: Lars Henk, Marie Schröer, Gregor Schuhen: Erzählen von Männlichkeit und Prekariat. Eine Einleitung (siehe Literatur).

Dieser Stolz entsteht, indem die mentale Selbstbehauptung der Familie zur Umdeutung von äußeren Umständen in selbst bewirkte Effekte greift: So wird Armut zu einer bewussten „Entscheidung“,„(…) der Geldmangel wurde immer irgendwann zu einer Entscheidung umgedeutet.“ Eduard Louis, Das Ende von Eddy, 2. Aufl. Fischer 2015, S. 16. körperlicher Verschleiß „liegt eben in der Familie“,Eduard Louis, Das Ende von Eddy, 2. Aufl. Fischer 2015, S. 36 f. die Lust sich zu amüsieren bezahlt man eben mit einem „einfachen Leben“,Eduard Louis, Das Ende von Eddy, 2. Aufl. Fischer 2015, S. 67. die Armut der anderen ist Ergebnis der Drückebergerei.Eduard Louis, Das Ende von Eddy, 2. Aufl. Fischer 2015, S. 36 f.

Louis beobachtet, dass die Frauen des Dorfes ihren Männern durch die Weitergabe der Geschichten und Rollenbilder sekundieren, die schon von Mädchen und Jungen Unterwerfung einfordern: Noch kinderlose, weniger abhängige Frauen gelten als „lesbisch, oder ist die frigide und muss erst noch richtig eingefickt werden“,Édouard Louis, Das Ende von Eddy, 2. Aufl. Fischer 2015, S. 54 f. Das Kursive im Original kennzeichnet den Zitatcharakter der so formatierten Sätze. städtische jugendliche Kleidung gilt als Zeichen von Hurerei„Die Frauen, die vor der Schule warteten: Dass ein junges Mädchen sich so anzieht, in dem Alter schon, ungehörig ist das und die Kinder: Laura ist `ne Hure.“ Édouard Louis, Das Ende von Eddy, 2. Aufl. Fischer 2015, S. 158. (Auch hier kursiv im Original als Hervorhebung eines Zitats.) und Lern- oder Aufstiegswillen wird als Arroganz denunziert.Édouard Louis, Das Ende von Eddy, 2. Aufl. Fischer 2015, S. 178.

Kapitelstruktur Das Buch ist in drei Abschnitte gegliedert. Der erste Teil mit dem Titel Erstes Buch. Picardie hat einen Untertitel: „(Ende der 1990er – Anfang der 2000er Jahre)“, der durch diesen chronologischen Hinweis den Akzent des Abschnitts auf die autobiografischen Erzählung legt.Dirk Fuhrig: Édouard Louis: Das Ende von Eddy. „Ich suche die Wahrheit, indem ich die Wirklichkeit nachbaue“, siehe Weblinks. Nacheinander treten die Familie und das soziale Umfeld des Dorfes auf.Matthias Hennig: Abrechnung und Aufbegehren, siehe Weblinks. Die fünfzehn Kapitel haben meist einen Umfang von weniger als zehn Seiten. Die zwei, die sich mit der in der Familie und im Dorf gelebten Männlichkeit beschäftigen, sind mit ihren vierzehn bzw. fünfzehn Seiten die längsten und betonen damit das Thema.Diese Kapitel haben die Überschriften Die Rolle der Männer und Sylvain (ein Bericht). Éduard Louis, Das Ende von Eddy, Fischer 2015, S. 38 ff., 120 ff.

Der zweite Abschnitt verweist mit dem Titel Zweites Buch. Scheitern und Flucht auf die entscheidende biografische Zäsur. Der Abschnitt beginnt mit der Beschreibung der ersten homosexuellen Handlungen des jungen Eddy, der sich bisher von allem ferngehalten hatte, „was irgendwie mit Homosexualität in Verbindung gebracht werden konnte.“ Zunächst masturbieren die Jungen gemeinsam, dann wird Eddy von seinem Cousin penetriert und dabei schließlich von seiner Mutter entdeckt.Éduard Louis, Das Ende von Eddy, Fischer 2015, S. 146 ff. Während im ersten Buch das familiäre und dörfliche Milieu im Vordergrund steht, werden im Zweiten Buch die Folgen dieses unfreiwilligen Coming-out beschrieben: das Reifen der Fluchtidee, das Scheitern der vorgetäuschten Beziehungen Eddys zu zwei Mädchen und seine „Chance zum Entkommen“ durch die Empfehlung an das Lycée Madeleine-Michelis, ein Gymnasium in Amiens.

Der dritte Abschnitt, der fünfseitige Epilog, schildert die Abreise aus dem Dorf und die Ankunft Eddys im neuen Domizil, dem Gymnasium in Amiens. Die lyrische Auflösung des Schriftbildes bis hin zu Ein- und Zweiwortzeilen signalisiert optisch die Befreiung des Erzählers und das Ende von Eddy: Sein Name wird von seinen Schulkameraden zunächst als Rufname für Édouard missverstanden und hinterlässt bei ihnen wegen des für sie ungewöhnlichen Personennamens einen positiven Eindruck: „Mann, Eddy Bellegeule, so ein Wahnsinnsname.“Éduard Louis, Das Ende von Eddy, Fischer 2015, S. 203. Das Kursive im Original kennzeichnet den Zitatcharakter der so formatierten Sätze. Der Übersetzer erläutert in seiner Vorbemerkung: „Der Familienname des Protagonisten und zugleich der Geburtsname des Autors, Bellegeule (‚Schönmaul‘) ist in der nordfranzösischen Picardie nicht ganz selten und erregt durch seine sprechende Bedeutung Aufmerksamkeit.“ Auf den Durchbruch zu dieser positiven Konnotation spielt Louis mit einem Zitat von Marguerite Duras am Anfang des Buches im Anschluss an die Widmung an: „Zum ersten Mal wird beim Aussprechen meines Namens niemand [ausgrenzend] benannt.“

Sprache „All das wird in einem kühlen Ton von einem Ich-Erzähler berichtet, der so wirkt, als sei er zwar dabei, aber nicht wirklich anwesend gewesen. Es ist ein Ton posttraumatischer Narkose.“Daniel Schreiber: „Das Ende von Eddy“. Brutal ist das Dorfleben, siehe Weblinks. Als Erzähltempus wird durchgehend das Präteritum verwendet, das durch den „Erinnerungsschnitt“ der Nicht-Gegenwart den Erzähler „gleichsam eine Zeitlang vom Zwang der Situation [befreit].“Johannes Erben, Deutsche Grammatik. Ein Leitfaden, Fischer 1968, ISBN 3-436-01137-1, S. 57.

„Nach eigenem Bekunden hat Édouard Louis 15 oder 16 Fassungen gebraucht, um die richtige Tonalität für seinen Roman zu finden.“Franziska Wolffheim: Homophobie in der Provinz. Ein Herz, verschlossen wie eine Auster, siehe Weblinks. Drei Sprachebenen unterscheiden sich in Schriftbild und Wortwahl:Louis: „Mir war es wichtig, die jeweilige Sprachebene richtig zu treffen.“ Dirk Fuhrig: Édouard Louis: Das Ende von Eddy. „Ich suche die Wahrheit, indem ich die Wirklichkeit nachbaue“, siehe Weblinks. Zur Sprache siehe auch Matthias Hennig: Abrechnung und Aufbegehren sowie Tina Rausch: Édouard Louis & Didier Eribon: Rückkehr zur engagierten Literatur? Siehe Weblinks. Von den im engeren Sinn autofiktional erzählenden Sequenzen heben sich die häufigen und bisweilen umfangreichen kursiv gesetzten Zitate ab, die beim Bericht der Großmutter über den kleinkriminellen Cousin Sylvain und den mit ihm verbundenen Familienstolz den Umfang mehrerer Seiten erreichen.Éduard Louis, Das Ende von Eddy, Fischer 2015, S. 120 ff. Diese Sequenz über Sylvain hat auf Bayraktar (siehe Weblinks) den „stärksten Eindruck“ hinterlassen. Ein längeres Kursiv-Zitat auch S. 111. Neben die Autofiktion tritt damit als Intention des Erzählers die Dokumentation des sich in der Sprache präsentierenden Habitus der Familie, den er auf einer dritten Ebene in soziologischen Termini reflektiert.„Die wenigen kurzen soziologischen Exkurse sind dem Soziologiestudenten nachzusehen.“ Gudrun Hamböck: Erstlingsroman von Édouard Louis. Das Ende von Eddy, siehe Weblinks. Der Erzähler spricht beispielsweise in einer für die Erzählung und die Zitate sonst nicht verwendete Diktion von "Kohärenz", der „Logik“ der „Lebenspraxis“ und den sie durchziehenden „Diskursen“. Éduard Louis, Das Ende von Eddy, Fischer 2015, S. 69.

Gattung Dem Autor war es wichtig, dass das Buch im Paratext, der den Titel ergänzenden Gattungsangabe, als Roman bezeichnet wird: „Ich wollte unbedingt, dass „Roman“ auf dem Titel steht, weil ich nicht finde, dass ein Roman zwangsläufig immer fiktional sein muss. Vielleicht hat man das früher gedacht – aber umso besser, wenn man das dann eben ändert. Ein ,Roman‘ ist für mich eine ,Konstruktion‘, mit der ich mich meinem eigenen Leben angenähert habe.“