Supervenienz (lat. von super „über“, „zusätzlich“ und venire „kommen“) ist ein philosophischer Fachbegriff, der verwendet wird, um ein hierarchisches Abhängigkeitsverhältnis zwischen zwei Mengen verschiedener Eigenschaften zu beschreiben. Er spielt insbesondere in der Metaethik und der Philosophie des Geistes eine Rolle und wird dort verwendet, um das Verhältnis von moralischen bzw. mentalen Eigenschaften zu physischen oder materiellen Eigenschaften zu beschreiben. Die Frage nach der korrekten Interpretation einer vermuteten Supervenienzbeziehung wird oft als entscheidend für die Plausibilität von Reduktionismus und Physikalismus angesehen.

Grundidee Die Grundidee des Supervenienzkonzepts lautet wie folgt: Eine Menge von Eigenschaften A superveniert genau dann auf einer Menge von Eigenschaften B, wenn es keinen Unterschied in A geben kann, ohne dass es auch einen Unterschied in B gibt.Paul Hoyningen-Huene: Reduktion und Emergenz. In: Andreas Bartels, Manfred Stöckler (Hrsg.): Wissenschaftstheorie. mentis Verlag, Paderborn, 2009, S. 180. In dieser Quelle sind die Bedeutungen der Symbole A und B genau vertauscht. Anders gesagt: B fixiert A (bei gleichem B kein Unterschied in A). Supervenienz ist dabei eine logische Abhängigkeits-, keine Kausalrelation. Supervenienz erklärt nicht, warum A von B abhängt; sie sagt nur, dass es so ist.

Ein Beispiel: Eine fotografische Aufnahme habe etwa die Eigenschaft, einen Hasen darzustellen. Diese Eigenschaft lässt sich nicht ändern, ohne die physischen Eigenschaften des Bildes zu ändern. In diesem Sinne supervenieren die darstellenden Eigenschaften auf den physischen Eigenschaften des Bildes. Umgekehrt supervenieren die physischen Eigenschaften allerdings nicht auf den darstellenden Eigenschaften, da es möglich ist, auch mit einer etwas anderen Anordnung von physischen Teilchen ein Hasenbild zu erstellen.

Der Philosoph David Lewis beschreibt dieses Verhältnis wie folgt:

A dot-matrix picture has global properties—it is symmetrical, it is cluttered, and whatnot—and yet all there is to the picture is dots and non-dots at each point of the matrix. The global properties are nothing but patterns in the dots. They supervene: no two pictures could differ in their global properties without differing, somewhere, in whether there is or there isn’t a dot.David Lewis: Reduction of Mind’, in: Guttenplan (Hg.), A Companion to the Philosophy of Mind, Oxford, Blackwell, 1994Ein aus Punkten zusammengesetztes Rasterbild hat globale Eigenschaften – es ist symmetrisch, es ist durcheinander, was auch immer – und doch besteht dieses Bild aus Punkten und Nicht-Punkten (weißen Stellen) an jedem Kreuzungspunkt des Rasters auf der Matrix. Die globalen Eigenschaften sind nichts als Muster aus Punkten. Sie supervenieren: Keine zwei Rasterbilder könnten sich in ihren globalen Eigenschaften unterscheiden, ohne sich irgendwo darin zu unterscheiden, ob an einer bestimmten Stelle des Punktrasters ein Punkt ist oder nicht.

Für die philosophische Debatte ist nun entscheidend, dass angenommen wird, dass auch moralische und mentale Eigenschaften auf physischen Eigenschaften supervenieren: Wenn zwei Situationen in physischer Hinsicht absolut identisch sind, scheinen sie sich auch in moralischer oder mentaler Hinsicht nicht unterscheiden zu können. Für die psychophysische Supervenienz sprechen moderne empirische Befunde: Bildgebende Verfahren zeigen, dass Änderungen im Bewusstsein mit Änderungen des neuronalen Geschehens einhergehen.

Die zentrale philosophische Frage ist, wie diese Supervenienzbeziehungen verstanden werden können. Reduktionisten erklären, dass mentale Zustände auf physischen Zuständen supervenieren, da sie nichts als die physischen Zustände sind und daher auch auf diese zurückgeführt werden können. Wenn das Mentale nichts als das Physische ist, ist es auch nicht mehr rätselhaft, dass sich das Mentale nicht ändern lässt, ohne dass man zugleich das Physische ändert. Kritiker dieser Position müssen eine andere Erklärung für die Supervenienzbeziehung liefern. Von einigen Antireduktionisten – die häufig moderne panpsychistische Theorien vertreten – wird behauptet, dass die mentalen Zustände durch ein grundlegendes, psychophysisches Naturgesetz mit den neuronalen Zuständen verbunden sind, auf denen sie supervenieren.David Chalmers: The conscious Mind, Oxford, Oxford University Press, 1997, ISBN 0-19-511789-1 Andere Antireduktionisten bestreiten, dass ein Supervenienzverhältnis zwischen Mentalem und Physischem besteht.

Geschichte des Supervenienzbegriffs Frühe Verwendungsweisen Die frühste nachgewiesene Verwendung des Adjektivs „supervenient“ stammt aus dem Jahre 1594, das Nomen „Supervenienz“ ist für das Jahr 1664 dokumentiert.Jaegwon Kim: Supervenience and Mind: Selected Philosophical Essays, Cambridge University Press, Cambridge und New York, 1993, ISBN 0-521-43996-5 Auch wenn der Ausdruck Supervenienz ebenfalls recht früh in der philosophischen Debatte verwendet wurde, so etwa von Gottfried Wilhelm LeibnizGottfried Wilhelm Leibniz: in Bodermann (Hg.): Die Leibniz-Handschriften der königlichen öffentlichen Bibliothek zu Hannover, Hannover, 1895, S. 74., hatte er doch damals eine andere Bedeutung als die heutige. Bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde „Supervenienz“ eher im Sinne von „etwas Zusätzliches“ aufgefasst, heute wird darunter die oben beschriebene Beziehung zwischen Entitäten verstanden.

Eine vermittelnde Position zwischen dem historischen und dem modernen Supervenienzbegriff findet sich bei den britischen Emergentisten. Die zentrale These dieser Schule war, dass es emergente Eigenschaften gebe. Damit ist gemeint, dass Eigenschaften existieren, die sich aus einem komplexen physischen System ergeben, doch zugleich irreduzibel sind, sich also nicht durch die physischen Komponenten erklären lassen. Diese Position ist mit der These kompatibel, dass die emergenten Eigenschaften – etwa das mentale Erleben – im modernen Sinne auf den physischen Eigenschaften supervenieren. Tatsächlich findet sich auch bei den Emergentisten ein Begriff der Supervenienz, allerdings eher in der historischen Bedeutung von „etwas Zusätzliches“.Conwy Lloyd Morgan: Emergent Evolution, London, Williams & Norgate, 1923

Supervenienz in der Ethik Die moderne Verwendung des Supervenienzkonzepts hat ihren Ursprung in der metaethischen Debatte. Insbesondere George Edward Moore formulierte früh den Supervenienzgedanken, allerdings ohne den Begriff der Supervenienz zu verwenden. Moore erklärte:

[...] if a given thing possesses any kind of intrinsic value in a certain degree, then not only must that same thing posses it, under all circumstances, in the same degree, but also anything exactly like it, must, under all circumstances, posses it in exactly the same degree.George Edward Moore: Philosophical Studies, London, 1922, S. 261.[...] wenn ein gegebenes Ding irgendeine Art von intrinsischem Wert in einem gewissen Grad besitzt, dann muss nicht nur dasselbe Ding dies besitzen, unter allen Umständen, in demselben Grad, sondern auch irgendetwas exakt gleiches muss, unter allen Umständen, dies in exakt demselben Grad besitzen.

Moore formulierte hier die Grundidee des Supervenienzkonzepts: Es kann keinen wertenden oder moralischen Unterschied in den Eigenschaften eines Objektes geben, ohne dass es Unterschiede in den physischen Eigenschaften gibt. Diese Idee stand bei Moore im Kontext einer realistischen und nichtreduktiven Theorie des Moralischen. Moore ging davon aus, dass es irreduzible moralische Fakten gibt, die allerdings in einer Supervenienzbeziehung zum Physischen stehen.

Eine andere Interpretation wurde von Richard Mervyn Hare angeboten, der den Supervenienzbegriff in die moralphilosophische Debatte einbrachte.Richard Mervyn Hare: The Language of Morals, London, 1954 Zwar ging auch Hare davon aus, dass moralische Beschreibungen auf physischen Beschreibungen supervenieren. Er erklärte jedoch, dass es in der Welt keine objektiven moralischen Fakten gebe, in der Weise, wie physische Fakten existieren. Eine solche anti-realistische Theorie des Moralischen muss nicht die Supervenienzbeziehung zwischen moralischen und physischen Eigenschaften erklären, da es demzufolge moralische Eigenschaften gar nicht wirklich gibt. Heute wird eine anti-realistische, metaethische Position etwa von Simon Blackburn vertreten, der argumentiert, dass nur im Rahmen einer anti-realistischen Theorie die Supervenienzverhältnisse verständlich seien.Simon Blackburn: The Supervenienceargument against moral Realism in: Southern Journal of Philosophy, 1992, S. 13–38.

Supervenienz in der Philosophie des Geistes Auch in der Philosophie des Geistes wurde der Supervenienzbegriff zunächst verwendet, um eine nichtreduktive Theorie des Mentalen zu beschreiben. Donald Davidson nutzte das Supervenienzkonzept erstmals in seinem 1970 erschienenen Aufsatz Mental Events. Dieser Aufsatz bildet das Fundament für Davidsons Theorie des anomalen Monismus. Nach dieser Theorie sind einzelne mentale Ereignisse (Token) mit einzelnen neuronalen Ereignissen identisch. Allerdings ist keine Klasse von mentalen Ereignissen (Typen, etwa Kopfschmerzen oder Freude) mit einer Klasse von neuronalen Ereignissen identisch. Die fehlende Übereinstimmung der Klassen verhindert nach Davidson eine Reduktion des Mentalen auf das Physische. Dennoch lässt sich nach Davidson eine Beziehung durch den Supervenienzbegriff angeben:

Although the position I describe denies that there are psychophysical laws, it is consistent with the view that mental characteristics are in some sense dependent or supervenient, on physical characteristics. Such supervenience might be taken to mean that there cannot be two events alike in all physical respects but differing in some mental respects [...]. Dependence or supervenience of this kind does not entail reducibility through law or definition [...].Donald Davidson: Essays on Actions and Events, Oxford University Press, Oxford, 1980, ISBN 0-19-924627-0, S. 214.Obwohl die von mir beschriebene Position verneint, dass es psychophysische Gesetze gibt, ist sie doch konsistent mit der Annahme, dass mentale Charakteristiken in einem gewissen Sinne abhängig oder supervenient gegenüber physischen Charakteristiken sind. Eine solche Supervenienz kann durch die These beschrieben werden, dass keine zwei Ereignisse in allen physischen Aspekten gleich, aber in ihren mentalen Aspekten verschieden sein können [...]. Abhängigkeit oder Supervenienz dieser Art enthält nicht Reduzierbarkeit durch ein Gesetz oder eine Definition [...].

Davidsons Verwendung des Supervenienzbegriffs hatte in der Philosophie des Geistes eine starke Wirkung. Sie versprach eine Analyse der psychophysischen Beziehungen, ohne einen unplausiblen Reduktionismus zu implizieren. Jaegwon Kim hat einflussreiche Interpretationen dieses Supervenienzbegriffs geliefert, gewann jedoch bald eine skeptische Distanz. Kim argumentiert, dass die Supervenienz nicht die psychophysischen Verhältnisse erklären könne, sondern selbst nach einer Erklärung verlange. Zwar könne man mit der Supervenienz eine Antwort auf die Frage liefern, in welcher Beziehung Mentales und Physisches stehen. Allerdings müsse man sich die Frage gefallen lassen, was für eine Art von Beziehung das Supervenienzverhältnis darstellt. Auch könne man fragen, warum denn das Mentale auf dem Physischen superveniere. Kim schließt, dass mit der Rede von Supervenienz nicht das Leib-Seele-Problem gelöst, sondern formuliert sei: „Mind-body-supervenience, therefore, does not state a solution to the mind-body-problem; rather it states the problem itself.“„Geist-Körper-Supervenienz gibt daher nicht eine Lösung für das Geist-Körper-Problem ab; vielmehr gibt sie das Problem selbst an.“ (Jaegwon Kim: Supervenience and Mind: Selected Philosophical Essays, Cambridge University Press, Cambridge und New York, 1993, ISBN 0-521-43996-5, S. 167f.)

Erklärungen für Supervenienz