mini|Der Vorsitzende der Komintern Sinowjew Der Kongress der Völker des Ostens war ein multilateraler Kongress, der im September 1920 in Baku stattfand. An dem Kongress, der von der Kommunistischen Internationale (Komintern) organisiert wurde, nahmen circa 1900 Delegierte aus Ländern Asiens und Europas teil.
Hintergrund Auf Basis der Beschlüsse des Zweiten Weltkongresses der Komintern im Juli/August 1920 wurde in Die Kommunistische Internationale, der monatlich erscheinenden Zeitschrift der Komintern, die Einladung zum Kongress in Baku veröffentlicht. Der Aufruf zu dem Kongress wurde von dem Komintern-Vorsitzenden Grigori Sinowjew und 25 weiteren Mitgliedern des Exekutivkomitees unterzeichnet. Die Zusammenkunft wurde als Kongress der Arbeiter und Bauern angekündigt und es wurde dazu aufgerufen, keine Anstrengungen zu meiden, um bei dem Kongress zu erscheinen, damit möglichst viele Menschen anwesend seien. Das ursprüngliche Datum des Auftaktes des Kongresses war auf den 15. August festgelegt worden. Diese wurde aber kurz nach der Bekanntmachung auf den 1. September verschoben.
Logistisch stellte der Kongress die Organisatoren vor große Herausforderungen. Die Infrastruktur der Region war nach dem Russischen Bürgerkrieg zu weiten Teilen zerstört, sodass sich der Transport vieler Menschen schwierig gestaltete. Viele Teilnehmer reisten vom Weltkongress der Komintern in Moskau direkt nach Baku zum Kongress der Völker des Ostens. Um diese Menschen transportieren zu können, wurde für diesen Anlass ein Zug zusammengestellt, der die Delegierten von Moskau nach Baku brachte. Zudem war das sowjetische Russland zum Zeitpunkt des Kongresses Gegenstand einer britischen Blockade. Die Briten wollten die Anreise der Delegierten nach Baku mit allen Mitteln verhindern, sodass diese zu einer gefährlichen Angelegenheit wurde. Es kam zu zwei Toten und vielen Verletzten, als britische Kampfflugzeuge ein Schiff, das Delegierte vom Iran über das Kaspische Meer nach Baku bringen sollte, angriffen. Auch die Anreise über das Schwarze Meer wurde von patrouillierenden britischen Kriegsschiffen erschwert.
Am 1. September 1920 kamen knapp 1900 Delegierte in Baku zusammen, sodass der Kongress der Völker des Ostens die bis dato größte Veranstaltung war, die die 1919 gegründete Komintern ausgerichtet hatte.
Ziele Der Kongress stand unter der Losung „Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker, vereinigt euch!“. Ziele waren die Unterstützung nationaler Bewegungen in kolonisierten Staaten und die Stärkung der internationalen Arbeiterbewegung, auch in „antimperialistische[r] Stoßrichtung“.
Delegierte An dem Kongress nahmen 1891 Delegierte teil, von denen knapp 1300 als „Kommunisten“ registriert wurden. Zudem waren marxistische Revolutionäre anwesend, die für die Unabhängigkeit von Kolonien unter kommunistischer Führung kämpften.
Die ausgesprochen heterogene Zusammenstellung der Delegierten erschwerte die Organisation des Kongresses. Durch die vielen verschiedenen Sprachen wurden viele Übersetzter benötigt und zwischen Vertretern verschiedener Ethnien gab es Spannungen.
Delegierte nach Ethnie Eine Umfrage unter den Delegierten ergab folgende Zusammensetzung der Teilnehmer beim Kongress: Ethnie / GruppeAnzahl DelegierteTürken235Perser192Armenier157Russen104Georgier100Tschetschenen82Tadschiken61Kirgisen47Juden41Turkmenen35Kumyken33Lesgier25Osseten17Usbeken15Inder14Inguschen13Jamshidi12Hazara11Sart10Kabardiner9Chinesen8Kurden8Awaren7Polen5Deutsche3Ungarn3Kalmücken3Koreaner3Araber3Teke2Abchasen2Baschkiren1Ukrainer1Kroaten1Tschechen1Letten1Nicht angegeben266Nicht befragt>100
Der Kongress wurde mehrheitlich von Männern besucht, 55 weibliche Delegierte waren anwesend.
Prominente Teilnehmer Der Kongress wurde von prominenten Kommunisten besucht: Grigori Sinowjew – Vorsitzender der Komintern, Mitglied des Politbüros der KPR Karl Radek – Mitglied des Exekutivkomitees der Komintern Béla Kun – Ungarischer Revolutionär Alfred Rosmer – Französischer Kommunist John Reed – Mitbegründer der Kommunistischen Partei der USA (CPUSA) Karl Steinhardt – Mitbegründer der Kommunistischen Partei Österreichs Sergei Kirow – von der KPR Sergo Ordschonikidse – von der KPR
Verlauf Der Kongress war in mehrere Teile gegliedert. Nach der feierlichen Eröffnung am 1. September gab es sieben Sitzungen innerhalb von acht Tagen: mini|Ein Orchester beim Kongress der Völker des Ostens
Eröffnung Die Eröffnungszeremonie begann am 1. September 1920 um 1:30 in der Nacht. Der kommunistischen Prominenz wurde ein feierlicher Empfang bereitet. Ein Orchester spielte Die Internationale, das Kampflied der Internationalen Arbeiterbewegung. Zur Eröffnung des Kongresses hielt Nariman Narimanov von der Kommunistischen Partei Aserbaidschans eine Rede. Daraufhin formulierte Grigori Sinowjew die ideologischen Grundgedanken des Kongresses in seiner Rede. Längere Reden hielten zudem Karl Radek und Béla Kun. Kürzere Ansprachen hielten auch Tom Quelch, ein kommunistischer Aktivist aus Großbritannien, Alfred Rosmer, einer der führenden Persönlichkeiten der kommunistischen Partei Frankreichs, John Reed, der Gründer der Kommunistischen Partei der USA und Karl Steinhardt, Mitbegründer der Kommunistischen Partei Österreichs.
Erste Sitzung Die Erste Sitzung wurde am 1. September durch Nariman Narimanov eröffnet. Zuerst wurde die Existenz von kommunistischen Parteien und Gruppen in aller Welt festgestellt und deren Vertreter, die bei dem Kongress anwesend waren, vorgestellt. Sinowjew wurde zum Vorsitzenden des Kongresses gewählt und Lenin, Leo Trotzki und ebenfalls Sinowjew wurden als „Vorsitzende Ehrenhalber“ bestimmt. Dann hielt Sinowjew eine ausführliche Rede zu den Themen Kommunismus weltweit, Bedeutung des Kongresses, Dekolonisation und der sogenannten Zweiten Welt. Er stellte außerdem die besondere Bedeutung der indischen und chinesischen kommunistischen Bewegungen heraus und forderte die Proklamationen eines Heiligen Krieges gegen die Anglo-Französischen Kapitalisten. Seine Rede wurde mit Applaus quittiert. Danach wurden Übersetzungen ins Persische und ins Türkische verlesen.
Zweite Sitzung Die Sitzung begann mit einer Rede von Karl Radek, der einen Bericht zur Lage der Arbeiterklasse im Osten verlas. Er forderte die Zusammenarbeit aller kommunistischen Gruppierungen und schürte den Hass auf den Kapitalismus. In dem Unterschied zwischen britischem und deutschem Kapitalismus sah er den Grund für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges und dem daraus resultierendem Leiden der Arbeiterklasse. Zudem machte er auf die enorme wirtschaftliche Schwächung der kapitalistischen Länder des Westens aufmerksam und erklärte alle siegreichen kapitalistische Länder mit Ausnahme der USA zu Verlierern des Krieges. Im Folgenden drückte er seine Unterstützung für die Aufstände der Arbeiterklasse gegen die Kolonialherren in ihren Ländern aus und betonte die Notwendigkeit eines heiligen Krieges gegen den Kapitalismus, insbesondere gegen den britischen Kapitalismus. In seinem Schlusssatz forderte er die Schaffung einer neuen Zivilisation aus dem kommunistischen Osten und den Arbeitern Europas unter dem Banner des Kommunismus. Nach einer fünfminütigen Unterbrechung wurde die Rede ins Türkische und ins Usbekische übersetzt. Dann folgte eine Rede von Dadaş Bünyadzadə von der Aserbaidschanischen kommunistischen Partei. Er ging auf einige Geschehnisse des Ersten Weltkrieges ein und sprach von der großartigen Russischen Revolution. Ein türkischer Delegierter hielt dann eine Rede über die Rolle der Türkei im Ersten Weltkrieg und die heutige politische Ausrichtung seines Staates. Der Delegierte Gaidarchanow war der nächste Redner. Er führte mehrere Beispiele an, bei denen europäische Kolonialmächte die Freiheitsbewegungen im Osten unterdrückt haben und stellte fest, dass die Völker des Ostens bereits aufgewacht seien und sich bald vom Joch des Kapitalismus befreien würden. Diese Sitzung schloss mit einigen organisatorischen Ankündigungen kurz nach Mitternacht.
Dritte Sitzung Die Dritte Sitzung des Kongresses begann mit einer Rede von dem Delegierten Narbutabekov, einem Revolutionär aus Turkestan. Er unterstützte den Gedanken der kommunistischen Revolution in kolonisierten Ländern und legte die Lage in Turkestan dar. Eine weitere Rede hielt der Delegierte Korkmasov zum Kampf gegen den Kapitalismus im Nordkaukasus.
Vierte Sitzung Zu Beginn der vierten Sitzung wurde der zeitliche Plan für die weitere Arbeit des Kongresses bekanntgegeben. Daraufhin hielt Tom Quelch, der als Delegierter der Kommunistischen Partei Großbritanniens am Kongress teilnahm, eine Rede. In dieser bezeichnete er die britischen Kapitalisten als Feinde der britischen Arbeiterklasse und der unterdrückten Völker des Ostens. Er kritisierte den britischen Imperialismus und nannte Irland als Beispiel für die negativen Folgen britischer Herrschaft. Quelch lobte den Kongress, da dieser aus seiner Sicht beweise, dass die Völker des Ostens an der Seite der Sowjetunion für die Befreiung der Menschheit kämpfen. Als Abschluss seiner Rede forderte er: „Nieder mit dem Kapitalismus, lang lebe die Sowjetunion!“. Die Rede, die Quelch auf Englisch gehalten hatte, wurde in die türkische, russische und persische Sprache übersetzt. Als nächster Redner betrat Alfred Rosmer, ein französischer Delegierter, die Bühne. Zu Beginn seiner Rede, die er auf Französisch hielt, grüßte er den Kongress im Namen französischer Arbeiter und Bauern. Er prangerte die, aus seiner Sicht, falschen Versprechungen an, die die kapitalistischen Mächte vor dem Ersten Weltkrieg gemacht hätten, und forderte ein Ende der Unterdrückung ganzer Völker. Am Ende seiner Rede rief er die Delegierten dazu auf, das Banner der Revolution zu hissen und den heiligen Krieg gegen den Kapitalismus aufzunehmen. Als nächster Redner trat Fazli Kadyr aus Indien auf. Er erklärte, dass die indische Gesellschaft unter der britischen Kolonialherrschaft leide und auf Hilfe von der Sowjetunion hoffe, um die Unterdrückung zu beenden. Daraufhin wurde ein Brief der kommunistischen Föderation des Balkans verlesen, der von der bulgarischen, jugoslawischen, rumänischen und griechischen KP unterzeichnet war. Auf Grund von Zeitnot wurde auf die Reden der Delegierten aus den USA, Spanien, Japan, den Niederlanden und Österreich verzichtet. Im Anschluss wurden zwei Statements von türkischen Freiheitskämpfern verlesen, in denen auch die Rolle der Türkei im Ersten Weltkrieg als Verbündeter der Deutschen angesprochen wurde. In Anlehnung an die verlesenen Statements las Béla Kun eine Resolution des Präsidiums des Kongresses der Völker des Ostens vor, indem der Kongress seine Unterstützung für den Kampf gegen den Imperialismus in der Türkei erklärte. Der Resolution wurde in Abstimmung zugestimmt. Daraufhin schloss die Sitzung.
Fünfte Sitzung