mini|Einflussbereich des Byzantinischen Reiches und Venedigs um 720 Julianus Hypathus oder Giuliano Ipato, auch Julianus Ceparius oder Zulian Cefario, war nach der venezianischen Tradition der vierte der insgesamt fünf Magistri militum, die nach der Ermordung des Dogen Orso Ipato, in den Jahren 737 bis 742 also, die Siedlungen in der Lagune von Venedig für je ein Jahr regierten. Julianus Hypathus war als dritter dieser Magistri, wenn man dieser Tradition folgt, von 739 bis 740 oder von 740 bis 741 im Amt. Weder Geburts- noch Todesort sind bekannt. Die dazugehörigen Zeitpunkte sind ebenfalls unbekannt. Sein Vorgänger war Diodato Ipato; sein Nachfolger Johannes Fabriciacus.

Datierungsversuche und venezianische Historiographie Die traditionelle Datierung aller frühmittelalterlichen Regierungszeiten beruht weitgehend auf Festsetzungen, die auf die Chronik des Dogen Andrea Dandolo zurückgehen, und damit auf die mehr als ein halbes Jahrtausend jüngere, staatlich kontrollierte Historiographie Venedigs. Entsprechend den Auffassungen des 14. Jahrhunderts schrieb sie alle wesentlichen Leistungen den Dogen zu, während die fünf Jahre der Magistri nebulös blieben, und gleichsam als fehlgeschlagenes politisches Experiment galten.

Die Frage, ob das kurzlebige Amt eine Dominanz des oströmischen Kaiserreiches in der Lagune anzeigt, oder im Gegenteil, für eine Rebellion der dominierenden Familien in der Lagune spricht, wird seit langem diskutiert. Im Zentrum der Forschung steht dabei die nunmehr in das Jahr 739 verlegte Rückeroberung des oströmisch-byzantinischen Ravenna von den Langobarden durch eine venezianische Flotte, die damit nicht, wie in der besagten Tradition angenommen, in die Regierungszeit des Dogen Orso Ipato fällt, sondern in diejenige eines der Magistri militum. mini|Gebiete des Oströmisch-byzantinischen Reiches und des Langobardenreiches in Italien um 744 Die venezianische Historiographie, die ab dem 14. Jahrhundert ganz überwiegend auf dem Werk des Dogen Andrea Dandolo aufbaute, sah den Kampf um Ravenna vor dem Hintergrund des als ausgesprochen fundamental wahrgenommenen Bilderstreits und des „nationalen Widerstands“ der Italiener gegen die byzantinische Fremdherrschaft als zentral wahr. Dies machte aus dem venezianischen Flotteneinsatz geradezu einen Wendepunkt in der Geschichte Venedigs, wenn nicht des Mittelmeerraumes. Einerseits konnte die Republik Venedig als Retterin von Byzanz und zugleich des Papstes umgedeutet werden, der im Streit mit den byzantinischen Bilderstürmern stand. Andererseits erhielt die Stadt damit im Byzantinischen Reich erstmals Handelsprivilegien und die Herrschaft über die Adria – eine Ausrichtung, die gleichsam bereits auf Enrico Dandolo verwies, unter dessen Führung die byzantinische Hauptstadt Konstantinopel 1204 erobert wurde.

Doch noch im 14. Jahrhundert, bevor die venezianische Historiographie durch den besagten „Flaschenhals“ der Überlieferung ging, der weitgehend vergessen ließ, was nicht in der Chronik des Andrea Dandolo stand, existierte zumindest eine Darstellung, die die Rückeroberung Ravennas zeitlich fast ein Jahrzehnt später einordnete. Die Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo aus dem späten 14. Jahrhundert, die älteste volkssprachliche Chronik Venedigs, fügt sich nicht dem Verdikt Andrea Dandolos, sondern ordnet die Rückeroberung Ravennas in die Zeit des „Iulian Ypato“ ein, nicht des Dogen Orso Ipato.Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini–1362. Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010, S. 17. „Iulian Ypato“ wiederum datiert der Verfasser nicht unmittelbar, aber er ordnet den ersten der Magistri militum explizit in das Jahr „CCCCCCCXXX“ ein, also in das Jahr 730. Dieser regierte ebenso ein Jahr, wie sein Nachfolger „Felixe“, dem wiederum „Diode Ypato“ für zwei Jahre folgt. Damit beginnt die ebenfalls einjährige Amtszeit des Julianus im Jahr 734, reicht demzufolge bis ins Jahr 735. Dort heißt es: „Meser Iulian Ypato, dicto messer Iubanico, resse per anno I; nel tempo del qual queli de Ravena veneno al dicto domandando aida per recovrar Ravena, la qual el nievo et successor de Lioprando, re de Lombardia et Romagna, haveva tolto a l’arcivescovo de quela cum tute le sue raxon; unde lo dicto meser Iulian, cum volontade de tuto el suo povolo, li mandò grande secorso de giente et aver, per la qual cossa, non passando molto tempo, quela recovrò cum grando triompho“ (S. 17). Damit liefert die Chronik nicht nur den mit Abstand längsten Text zu den fünf Magistri militum. Neben der einjährigen Herrschaftszeit erwähnt der Chronist, dass sich die Ravennaten, wohl deren Bischof, an die Venezianer um Hilfe bei der Rückeroberung der Stadt wandten. Unter Zustimmung des ganzen Volkes habe Julianus große Hilfe geschickt – unter Einsatz von Leuten und Besitz, wobei sicherlich an Männer und Schiffe zu denken ist –, und es gelang nach kurzer Zeit die triumphale Rückeroberung. Trotz dieses Erfolges lehnte Julianus eine Verlängerung seiner Amtszeit ab: „Habiando complido lo suo termene de anno I refudò la rectoria“.

Unsichere zeitliche Einordnung, Gründe für die Abschaffung des Dogenamts Wie bei seinen Vorgängern, so wichen auch bei Julianus seit jeher die Angaben über seine Regierungszeit stark voneinander ab. Die besagte Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo datiert diese Zeit in die Jahre 734 bis 735. Marco Guazzo verschweigt hingegen das Amt in seiner 1553 erschienenen Cronica gänzlich. Nach „Orso Ipato terzo doge di Venezia“, der nach ihm im Jahr 721 zum Dogen gemacht wurde und neun Jahre im Amt verbracht habe, sei Venedig sechs Jahre lang (also von 730 bis 736) ohne Dogen gewesen „reggendosi per altri magistrati,& uffici“. Die Lagune habe sich also selbst durch andere Magistrate und Ämter regiert.Marco Guazzo: Cronica di M. Marco Guazzo, ne la quale ordinatamente contiensi l’essere de gli huomini illustri antiqui e moderni, le cose e i fatti di eterna memoria degni occorsi dal principio del mondo sino a questi nostri tempi, Francesco Bindoni, Venedig 1553, f. 167v und 168r. (Digitalisat). Daraus lässt sich immerhin folgern, dass Julianus gleichfalls von 734 bis 735 Magister militum gewesen sein müsste. Michele Zappullo setzt im Jahr 1609 in seinem Sommario istorico das Wahljahr Orsos hingegen auf 724 fest, das Todesjahr auf 729,Michele Zappullo: Sommario istorico, Gio:Giacomo Carlino & Costantino Vitale, Neapel 1609, S. 316. was dem besagten Magister eine Regierungszeit von 733 bis 734 zuweisen lässt.

Doch bei der Datierung war die Unsicherheit größer, als diese vergleichsweise nahe beieinander liegenden Zeitangaben suggerieren. So schrieb 1687 Jacob von Sandrart in seinem Werk Kurtze und vermehrte Beschreibung Von Dem Ursprung / Aufnehmen / Gebiete / und Regierung der Weltberühmten Republick Venedig zwar, dass Orso 726 „erwehlet“ und nach elf Jahren ermordet worden sei, doch ergänzt er zum Todesjahr: „Dieses wird von andern in das 680. Jahr gesetzet.“Jacob von Sandrart: Kurtze und vermehrte Beschreibung Von Dem Ursprung / Aufnehmen / Gebiete / und Regierung der Weltberühmten Republick Venedig, Nürnberg 1687, S. 12 (Digitalisat, S. 12.). Diese Unsicherheit in der Datierung erscheint auch andernorts. Noch in Band 23 der von Lodovico Antonio Muratori herausgegebenen Quellenreihe Rerum Italicarum Scriptores wird berichtet, Orso sei 711 gewählt worden.RIS, Band 23, Mailand 1733, Sp. 934. Im Gegensatz dazu erwähnt schon Samuel von Pufendorf (1632–1694) das Jahr 737 als Ende von Orsos Herrschaft, womit er die weiter oben genannte traditionelle Datierung übernahm.Samuel von Pufendorf: Introduction à l’histoire générale et politique de l’Univers, Band 2, Chaterlain, Amsterdam 1732, S. 67.

Annahmen über Julianus’ Amtsführung Bis zum Ende der Republik Venedig (1797) Heinrich Kellner erklärt in seiner 1574 erschienenen Chronica das ist Warhaffte eigentliche vnd kurtze Beschreibung, aller Hertzogen zu Venedig Leben setzten die Streitparteien in Malamocco, so Kellners lakonische Begründung, „dann sie damals kein lust mer zu eim Hertzogen hatten/darumb wehleten sie in der Gemein ein Kriegsobersten/welcher das Regiment und alle Verwaltung hatt / aber diesen Befelch trug einer dann nicht lenger dann ein jar.“ Nach dem dritten „Kriegsobersten“ heißt es: „An dessen statt kam hernach Julianus Ceparius/oder wie ein theil wollen/Ipatus“ – offenbar war ihm über Julianus nichts weiter bekannt. Insgesamt kommt er zum Urteil, nach fünf Jahren habe das „unglückhafftig Ampt oder Regiment der Kriegsobersten“ geendet und so „kam die Statt wider unter das Regiment der Hertzogen“. Dabei suggeriert er, die Magistri seien nicht in der Lage gewesen, den Streit in der Lagune zu schlichten, so dass die Bewohner der drei streitenden Städte Heracleia, Iesolo und Equilio nach der Schlacht im „Canal Arco“ ihre Städte verließen und „zogen anderß wohin“.Heinrich Kellner: Chronica das ist Warhaffte eigentliche vnd kurtze Beschreibung, aller Hertzogen zu Venedig Leben, Frankfurt 1574, S. 2r–v (Digitalisat, S. 2r).

Neben der stark von der offiziösen Geschichtsschreibung dominierten Tradition lassen sich anhand der zahlreichen Codices in Venedigs Archiven und Bibliotheken anderslautende Überlieferungen belegen. Die Annahme etwa, dass die Rückeroberung Ravennas erst später stattgefunden habe, eben nicht unter Orso Ipato, sondern erst unter Julianus Hypathus, nennt bereits die Cronaca di Venezia aus der Feder des Patriarchen Giovanni Tiepolo († 1631). Nach dieser Chronik fand die Rückeroberung Ravennas im Jahr 641 unter Julianus statt.Emilio Aleo (Hrsg.): Edizione commentata della Cronaca di Venezia di Giovanni Tiepolo (XVI–XVII sec.). tesi, Bologna 2012, S. 13 zum Jahr 741 und zwar zur Zeit des „misier Zulian Cefario, benchè altri vogliono che fosse chiamado Ipato Iubanico“. Dort heißt es: „In suo tempo, essendo stà tolta Ravenna per el nevodo, et successor di Leopoldo Re di Lombardia, fù da Papa Gregorio recercado, che’l volesse dar aiuto à recuperarla, il qual misier Zulian di volontà del populo gli prestò favor, et aiuto, si che la fù recuperada, et cazzado ditto Re, et restituida à Ravegnani con grandissimo honor, et gloria di ditto misier Zulian, et di Venetiani, il qual fornido lo suo tempo lassò di governar.“ (online).

In der Historia Veneta des Alessandro Maria Vianoli von 1680,Alessandro Maria Vianoli: Historia veneta di Alessandro Maria Vianoli nobile veneto. Giacomo Herzt, Venedig 1680, S. 36 f. (Digitalisat). die ins Deutsche übersetzt unter dem Titel Der Venetianischen Hertzogen Leben / Regierung, und Absterben 1686 erschien,Alessandro Maria Vianoli: Der Venetianischen Hertzogen Leben / Regierung, und Absterben / Von dem Ersten Paulutio Anafesto an / biss auf den itzt-regierenden Marcum Antonium Justiniani, Nürnberg 1686, Übersetzung (Digitalisat). hieß der vierte Magister „Julianus Ceparius“ und nach der Übersetzung war sein Titel „Meister der Ritterschaft“. Vianoli glaubt, der „Meister“, der nach ihm im Jahr 742 aus dem Amt schied, sei „von jedermann geliebet hoch gehalten worden. Er hat sich absonderlich deß Friedens befliessen / und bey einem jeden / wegen seines müssigen und still geführten Wandels beliebt gemacht“ (S. 44).