mini|hochkant|Darsteller Tobin Bell mit Jigsaw-Actionfigur (2010)
John Kramer ist ein fiktiver Serienmörder und die zentrale Figur der Saw-Filmreihe. Aufgrund der Angewohnheit, den Opfern seiner abwechslungsreichen Folterungen Puzzleteile aus der Haut zu schneiden, bekommt er von Polizei und Medien den Namen Jigsaw (englisch für ‚Puzzle‘ bzw. ‚Laubsäge‘) oder Jigsaw Killer verliehen. Dank neun Filmen (2004–2023) entwickelte er sich zu einer der bekanntesten Figuren des jüngeren Horrorfilms. Einige Sozial- und Filmwissenschaftler interpretieren Jigsaw als Metapher für Amerikas „Krieg gegen den Terror“ während der Bush-Cheney-Regierung, wohingegen andere diese Sichtweise nicht gelten lassen und die exzessive Gewalt der Filmreihe vielmehr als Selbstzweck („Torture Porn“) sehen.
Biografie John Kramer ist erfolgreicher Bauingenieur und glücklich verheiratet. Gemeinsam mit Anwalt und Partner Art Blank führt er die Urban Renewal Group, ein Immobilienunternehmen, das sich für Bedürftige engagiert. Seine Frau Jill Tuck leitet eine Entzugsklinik unter dem Motto Cherish Your Life (Schätze dein Leben). Als Jill, im siebten Monat schwanger, bei einem Überfall durch einen Patienten eine Fehlgeburt erleidet, verfällt Kramer in eine schwere Depression.Patrick Melton, Marcus Dunstan & Thomas H. Fenton: Saw IV screenplay, based on Saw by James Wan & Leigh Whannell, Lionsgate 2007 (englisch). Nachdem bei ihm auch noch ein inoperabler Gehirntumor diagnostiziert wird, versucht er sich das Leben zu nehmen, indem er mit seinem Auto über eine Klippe fährt. Wie durch ein Wunder überlebt er nahezu unversehrt und fasst daraufhin den Beschluss, von nun an andere Menschen mit seinen Methoden vom Wert des Lebens zu überzeugen.Leigh Whannell & Darren Lynn Bousman: Saw II screenplay, based on Saw by James Wan & Leigh Whannell, Lionsgate 2005 (englisch).
Kramer verwickelt seine Opfer fortan in perfide „Spiele“, wie er es selbst nennt, um ihren Lebenswillen zu testen. Erstes Opfer ist jener heroinabhängige Mann, der für den Tod seines ungeborenen Sohnes verantwortlich ist. Nachdem er mehrere Menschen in selbst konstruierten Fallen getötet und sich als Jigsaw einen Namen gemacht hat, wird er auf einen Nachahmer aufmerksam, der sich als Police Detective Mark Hoffman herausstellt. Kramer rekrutiert den auf seinen Fall angesetzten Hoffman, indem er ihn erpresst, und entwickelt mit dessen Hilfe einen Großteil seiner Fallen.Patrick Melton & Marcus Dunstan: Saw V screenplay, based on Saw by James Wan & Leigh Whannell, Lionsgate 2008 (englisch). Die drogensüchtige Amanda Young, Patientin in Jills Entzugsklinik, wird von Jigsaw einem Test unterzogen, indem sie ihren Kopf aus einer umgekehrten Bärenfalle befreien muss.James Wan & Leigh Whannell: Saw screenplay, based on Saw by James Wan & Leigh Whannell, Lionsgate 2004 (englisch). Sie überlebt und findet in John Kramer eine Art Mentor. Scheinbar überzeugt von dessen Ideologie, wird sie ebenfalls seine Gehilfin. Nachdem der gesundheitlich schwer angeschlagene Jigsaw der Polizei entkommen kann, versteckt und pflegt ihn Amanda im Keller einer von seiner Firma erbauten Fleischfabrik.Leigh Whannell: Saw III screenplay, based on Saw by James Wan & Leigh Whannell, Lionsgate 2006 (englisch). Während sich sein Zustand weiter verschlechtert, unterzieht er mithilfe seiner Komplizen immer mehr Leute den tödlichen Tests. Kurz nach einer lebensverlängernden Gehirnoperation wird er, in einem Krankenbett liegend, von einem seiner Testsubjekte mit einer Kreissäge getötet, Amanda fällt einer Schusswunde zum Opfer. Der Leichnam des 52-Jährigen wird daraufhin von FBI-Special-Agent Peter Strahm gefunden und später von Gerichtsmedizinern obduziert. Dabei finden sie in seinem Magen eine Kassette, auf der Jigsaw eine Fortsetzung seines Werkes ankündigt.
Nach Jigsaws Tod setzt Hoffman dessen Verbrechen zunächst fort, gerät jedoch trotz ermittelnder Funktion zunehmend selbst ins Visier der Behörden. Jill, die die ganze Zeit über von den Aktivitäten ihres Exmannes wusste, befolgt dessen letzten Willen und unterzieht Hoffman einem Test. Dieser überlebt schwer verletzt und tötet Jill. Sein Versuch, die Stadt zu verlassen, misslingt, als er von drei maskierten Männern gestoppt wird. Einer von ihnen entpuppt sich als Jigsaws geheimer dritter Assistent und ehemaliger Onkologe Dr. Gordon, der Hoffman schließlich einsperrt und seinem Schicksal überlässt.Patrick Melton & Marcus Dunstan: Saw VI screenplay, based on Saw by James Wan & Leigh Whannell, Lionsgate 2009 (englisch).Patrick Melton & Marcus Dunstan: Saw 3D screenplay, based on Saw by James Wan & Leigh Whannell, Lionsgate 2010 (englisch).
Charakteristik Motiv und Vorgehensweise Nach seinem missglückten Suizidversuch erkennt John Kramer, dem eigenen Leben einen zu geringen Wert beigemessen zu haben. Er sieht sich fortan von dieser Geringschätzung „geheilt“ und beschließt, andere Menschen auf dieselbe Weise zu „heilen“. Dafür konstruiert er in Gebäuden seiner Firma aufwendige mechanische Fallen mit Zeitschaltung. Die Opfer, die Jigsaw mithilfe seiner Handlanger entführt, bekommen ein Sedativum verabreicht und erwachen meist schlagartig in scheinbar aussichtslosen Situationen. Via Audiokassette oder Videobotschaft erfahren die Opfer oder Versuchspersonen die „Spielregeln“ und die Gründe für ihre Gefangennahme. Die von Kramers ausdrucksloser, verzerrter Stimme vorgetragenen Regeln müssen unbedingt befolgt werden, um zu bestehen. Meistens muss dafür körperliche Gewalt ertragen werden, die sich das Opfer selbst zufügt. Verliert eine Person ihr „Spiel“, hat das ausnahmslos tödliche Folgen. Der Peiniger selbst ist weder als Zuschauer noch als Mitspieler anwesend, sondern wirkt vielmehr als Schiedsrichter.Jake Huntley: “I Want to Play a Game”: How to See Saw. In: The Irish Journal of Gothic and Horror Stories 3 (2007), S. 54–63 (englisch). Jigsaw ist davon überzeugt, dass man Menschen nicht helfen kann, und vertritt die Ansicht, jeder müsse sich selbst helfen:
Jigsaws Opfer sind oft karrieristische Menschen aus Wirtschaft und Finanzwesen, aber ebenso vernachlässigende Väter, untreue Ehemänner, Drogensüchtige und Neonazis, die er für gesellschaftliche Fehlentwicklungen verantwortlich macht.James Aston & John Walliss: “I’ve never murdered anyone in my life. The decisions are up to them”: Ethical Guidance and the Turn Toward Cultural Pessimism. In: To See the Saw Movies. Essays on Torture Porn and post-9/11 Horror. S. 13–29 (englisch). Obwohl sich unter den Zielpersonen Menschen aus seiner eigenen Vergangenheit befinden, lehnt er Rache als Motiv strikt ab, wie aus einer Konversation mit Detective Mark Hoffman hervorgeht. Ein entscheidender Punkt bei seiner Argumentation als auch in der Rezeption der Figur ist, dass sich Jigsaw selbst nicht als Mörder sieht, eine Eigenschaft, die er sich mit dem Marquis de Sade teilt.Jacob Huntley: The Jigsaw Assemblage. In: To See the Saw Movies. Essays on Torture Porn and post-9/11 Horror. S. 123–138 (englisch). Er beruft sich darauf, dass er seinen Opfern die Wahl lasse, ob sie leben oder sterben möchten:
Der Sinn von Jigsaws radikalen Interventionen ist umstritten. Jacob Huntley glaubt, sie hätten letztlich das Ziel einer besser funktionierenden Gesellschaft. Seine philosophische Untermauerung dieser Utopie liege nahe an Hegels Idee der „Sittlichkeit“. Jedoch durchziehe trotz aller Authentizität einer gerechten Gesellschaft ein „verschwommenes Selbsthilfedenken“ die Methode des Serienmörders.
Erscheinungsbild und Symbolik mini|hochkant|Schweinemaske auf der Montreal Comiccon mini|hochkant|„Billy the Puppet“: Kostüm auf der Ottawa Comiccon
Mit der Figur Jigsaw ist eine Reihe charakteristischer optischer Merkmale verbunden, die sich vor allem das Merchandising zunutze macht. Während sich John Kramer vor seiner Transformation zu Jigsaw meist unauffällig leger kleidet, zeigt er sich als Serienmörder in einer schwarzen Robe mit rotem Saum und Kapuze gewandet, die möglicherweise bewusst an einen Inquisitor erinnern sollen.Christopher Sharrett: The Problem of Saw: “Torture Porn” and the Conservatism of Contemporary Horror Films. In: Cineaste, Winter 2009, S. 32–37. Vorschau (englisch). Um ihre Identität zu verschleiern, tragen Jigsaw und Komplizen bei der Entführung ihrer Opfer Schweinemasken mit langem, schwarzen Kunsthaar. Der Geburtstermin für Kramers Sohn Gideon war für das chinesische Jahr des Schweins geplant. Außerdem handelt es sich laut Kramer bei Schweinen um äußerst mitfühlende Tiere. Eine solche Maske ist auch auf offiziellen Postern zu Saw IV und Jigsaw zu sehen.
Markenzeichen der Filmreihe sind die Fallen, für deren Konstruktion sich Kramer seiner Kenntnisse als Bauingenieur bedient. Jacob Huntley bescheinigt ihnen eine „industrielle Ästhetik“ und spricht im Zusammenhang mit „konzeptueller Gewalt“ von Folter, die erziehen, aber nicht belehren soll. Besonders häufig seien reflektierende Strafen. So erhalten beispielsweise in Saw VI zwei Investmentbanker, die mit Raubtieren verglichen werden, die Anweisung, ein Pfund Fleisch zu opfern. Der Killer selbst hegt eine persönliche und emotionale Distanz zu seinen Opfern, die ihm Autorität verleiht.
Für die Überbringung der „Spielregeln“ und seiner Intentionen benutzt Jigsaw eine selbst entworfene Puppe namens Billy, die ursprünglich als Spielzeug für seinen Sohn gedacht war. Der Name Billy wird in keinem der Filme erwähnt, jedoch in Interviews von den Drehbuchautoren James Wan und Leigh Whannell genannt. Billy trägt einen dreiteiligen Anzug mit roter Fliege und verfügt über die mechanischen Fähigkeiten, Augen und Unterkiefer zu bewegen. Er erinnert stark an eine Bauchrednerpuppe oder Marionette und verfügt als besonderes Kennzeichen über rote Spiralen auf beiden Wangen. Billy erscheint meistens auf Video gebannt und fährt auf einem Dreirad.Dean Lockwood: Work Is Hell: Life in the Mannequin Factory. In: To See the Saw Movies. Essays on Torture Porn and post-9/11 Horror. S. 139–156 (englisch). Aus seinem Mund ertönen die berühmten und oft parodierten Zitate, mit denen Jigsaw Anfang und – bei negativem Ausgang – Ende eines „Spiels“ begleitet:
Verliert eine Person und kommt zu Tode, schneidet ihr Kramer mit einem Messer ein Puzzleteil aus der Haut, worauf sein Pseudonym zurückzuführen ist. Laut einem Essay von James Aston und John Walliss beruht seine pessimistische ethische Vision auf einer Form von Sozialdarwinismus, indem sie den Menschen unterstellt, sie hätten ihren Überlebensinstinkt – bei Darwin „Kampf ums Dasein“ – verloren. Diese Schwäche werde ihnen symbolisch aus der Haut geschnitten.
Gehilfen und Nachfolger Aston und Walliss nennen drei Möglichkeiten für das weitere Schicksal von Jigsaws Opfern. Jene, die nicht einen gewaltvollen Tod sterben oder schwer traumatisiert überleben, werden demzufolge zu sadistischen Handlangern des Serienmörders.
Einer von John Kramers ersten Assistenten ist Police Detective Mark Hoffman. Hoffman ist ein unnahbarer Einzelgänger, dessen engster sozialer Kontakt seine jüngere Schwester ist. Als diese eines Tages auf brutale Weise ermordet wird, sinnt er auf Rache und tötet ihren Mörder in einer dem bereits polizeibekannten Jigsaw-Killer nachempfundenen Konstruktion. Kramer entführt den Detective daraufhin und konfrontiert ihn mit der Tatsache, dass seine Fallen keine reinen Tötungsmaschinen seien, sondern die Möglichkeit des Überlebens böten. Aus Angst, Jigsaw könne ihn verraten, wird Hoffman zu dessen Gehilfen und assistiert ihm beim Entführen der Opfer sowie dem Aufbau der Fallen. Nach Kramers Tod legt er jedoch keinen Wert mehr auf dessen Idee und erweckt zunehmend den Eindruck, er hätte Gefallen am Töten gefunden.