Die Stadt Zerbst/Anhalt wurde im Zweiten Weltkrieg am 16. April 1945 von der taktischen 9th Air Force mit 116 Tonnen Spreng- und 90 Tonnen Brandbomben angegriffen. Auf das Bombardement folgte tagelanger Beschuss durch Tiefflieger und Artillerie. Die frühere kleine Residenzstadt verlor neben ihren Kulturbauten zwei Drittel ihres Wohnungsbestandes. Zerbst wurde zu 80 %, die Innenstadt fast vollständig vernichtet. Mehr als 574 (500 bis 600) Menschen starben. Es war die größte Katastrophe, die Zerbst in seiner tausendjährigen Geschichte erlebt hat.Udo Pfleghar: Brückenkopf Zerbst. Zerbst 2007. S. 104 ff Noch heute ist die Stadt durch die Bombardierung gezeichnet.MONUMENTE UNTERWEGS - FOLGE 1 Hoffnung aus Ruinen, Magazin MONUMENTE der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD), August 2023.

Zerbst vor dem 14. April 1945 mini|Zerbst 1940 Zerbst war eine kleine, frühere Residenzstadt im mitteldeutschen Anhalt, die auch „mitteldeutsches Rothenburg“ genannt wurde. Sie hatte zahlreiche repräsentative Bauten, besonders das Schloss Zerbst. Die Wohngebäude der Innenstadt waren zum großen Teil Fachwerkhäuser. Zerbst war Garnisonstadt, ab 1936 auch der Luftwaffe mit einem Fliegerhorst in der Nähe der Stadt.

Zerbst hatte vor dem Krieg etwa 23.000 Einwohner. Durch Evakuierte aus Luftkriegsregionen, wie seit 1942 dem Rheinland, dann nach den Bombardierungen von Magdeburg im Januar 1945 und von Dessau im März 1945, hatte Zerbst eine große Zahl dort obdachlos gewordener Menschen aufzunehmen. Ab Anfang des Jahres 1945 kamen auch viele Heimatvertriebene mit Trecks aus den Ostgebieten in die Region Zerbst. Alle Säle und anderen Unterkünfte waren im April überfüllt, es drängten sich in Zerbst etwa 30.000 Menschen.

In der Stadt und ihrer Umgebung befanden sich Anfang April 1945 vier- bis fünfhundert mangelhaft ausgerüstete Wehrmachtssoldaten, in der Umgebung war Flak stationiert, dazu kam der „Volkssturm“ aus Zerbst selbst. Dieser errichtete zwanzig Panzersperren aus Baumstämmen an den Stadteingängen. Ab 12. April wurden diese für Fahrzeuge zeitweise geschlossen. Die Stadtverwaltung ordnete den Verkauf vorhandener Lebensmittel an. Reserve- bzw. Notlazarette mit insgesamt zweitausend Verwundeten bestanden in der Schlossfreiheit 19, „Rephuns Garten“, im Bahnhofshotel, dem Gasthof „Zum Erbprinzen“ und den alten Kasernen in der Jüdenstraße. Am 13. April verließ die deutsche Artillerie den „Vogelherd“ in Richtung Osten. Am 14. April erfolgte die Verlegung transportfähiger Verwundeter aus der Stadt, in die Kasernenbaracken vor dem Heidetor, nach Wiesenburg und Umgebung.

Die Luftangriffe auf Zerbst Luftangriffe auf den Fliegerhorst Der Fliegerhorst der Luftwaffe bei Zerbst war seit 1937 Standort verschiedener Jagdgeschwader, im Krieg besonders für den Objektschutz der Leunawerke und der Sprengstofffabrik WASAG Reinsdorf. Ab Ende 1944 bot er Stellplätze für die neuen Strahljäger Messerschmitt Me 262.

Der erste US-Luftangriff durch acht strategische Bomber vom Typ B-24 „Liberator“ der 8th Air Force richtete sich am 29. Juni 1944 auf diesen Fliegerhorst als Ausweichziel. Die 21 Tonnen Bomben wurden über dem Rollfeld abgeworfen, Hangars und Kasernen blieben unbeschädigt. Die 3. Gruppe des Jagdgeschwaders 301 konnte weiter starten und landen.Udo Pfleghar: Brückenkopf Zerbst. Zerbst 2007. S. 50, 51

Am 10. April 1945 war erneut der Fliegerhorst Ziel eines Bombenangriffs: 75 amerikanische B-17 „Flying Fortress“ warfen 222 Tonnen Bomben auf den nördlichen Teil des Rollfeldes und benachbarte Wiesen. Hangars und Kasernen blieben unversehrt. Für Landungen von Me 262 konnte die Rollbahn nicht mehr genutzt werden, doch für andere Jagdflugzeuge.Udo Pfleghar: Brückenkopf Zerbst. Zerbst 2007. S. 54 Toni Haderer: Landung war nicht mehr möglich. Mitteldeutsche Zeitung, 10. April 2006

Am 15. April griffen mehrere US-Jagdbomber den Fliegerhorst mit Bomben und Bordwaffen an. Es gab Totalverluste und Beschädigungen von deutschen Flugzeugen.

Luftangriff auf die Stadt am 14. April 1945 Am 13. April hatte die US-Armee in Barby die Elbe überquert. In erbitterten Abwehrkämpfen wurde in den nächsten Tagen deren weiteres Vordringen aus dem gebildeten rechtselbischen Brückenkopf in Richtung Zerbst und darüber hinaus durch zusammengewürfelte Wehrmachteinheiten aufzuhalten versucht. Die Stadtverwaltung gab in Anbetracht der Lage den Verkauf bisher bewirtschafteter Waren, vor allem von Lebensmitteln frei.

Bisher waren in Zerbst selber, trotz 341 Fliegeralarmen (seit Juni 1940), keine Bomben gefallen. Von 18.40 bis 19.05 Uhr griffen nun zwölf US-amerikanische Jagdbomber die Stadt mit Sprengbomben und Bordwaffen an. Die aufgeschreckte Bevölkerung flüchtete in die Luftschutzkeller. Sechs Wohngebäude wurden zerstört und 12 schwer beschädigt: Schleibank, „Neues Haus“ am Markt (obere Geschosse zerstört, Keller mit Dienststellen von Polizei und Stadtspitze unversehrt), Hoheholzmarkt, Breitestein, Lange Straße, Alte Brücke, Vorstadt Ankuhn. Die Trinitatiskirche wurde schwer mitgenommen. Innerhalb weniger Minuten starben neun Menschen, neun weitere wurden verwundet. Die Kasernen wurden nicht bombardiert. Ab 22.00 Uhr erfolgte als „Störfeuer“ Artilleriebeschuss mit erheblicher Wirkung, dem zwei weitere Einwohner zum Opfer fielen. Betroffen waren Stadtmitte, Bahnhofsgegend, Stadtrand, Ankuhn. In kleinen einsitzigen Flugzeugen saßen die Artilleriebeobachter über dem Geschehen und lenkten das Feuer der Batterien.Udo Pfleghar: Brückenkopf Zerbst. Zerbst 2007. S. 93, 94

Evakuierung am 15. April Am Sonntag ab 13.00 Uhr erfolgten schriftliche und mündliche Aufforderungen der Zerbster Polizei an die Bevölkerung, vor allem alle Frauen und Kinder, möglichst rasch die innere Stadt zu verlassen. Nur für Wenige gab es Kraftfahrzeuge zur Flucht. Tausende verließen die Stadt in langen Flüchtlingszügen, aber nicht alle konnten erreicht werden (Luftschutzkeller), nicht alle wollten aus der Stadt (Viehhalter), und einsatzfähige Männer mussten bleiben – so der Volkssturm. Die umliegenden Dörfer waren bald überfüllt. Das Kreiskrankenhaus wurde nach dem Spitzberg verlegt. Die Flüchtenden wurden zum Teil von Tieffliegern angegriffen. Am Abend setzte unregelmäßiger Artilleriebeschuss ein, der auch Brände auslöste. Es wurden auch Phosphorgranaten eingesetzt.Udo Pfleghar: Brückenkopf Zerbst. Zerbst 2007. S. 97 Besonders durch den Brand des „Neuen Hauses“ war der Markt taghell erleuchtet.

Mitte April war zwischen den Alliierten die Entscheidung gefallen, dass die Einnahme der Reichshauptstadt Berlin durch die Rote Armee erfolgen sollte, und dass die Elbe die vorläufige Grenzlinie bilden sollte. Daher rückte nun die US-Armee nur sehr verhalten weiter vor und blieb auch zunächst vor Zerbst stehen.

Der schwere Luftangriff am 16. April 1945 mini|US-Bomber B-26 „Marauder“ (Plünderer) mini|US-Bomber A-26 „Invader“ (Eindringling) mini|Langstreckenbegleitjäger des Typs P-51 „Mustang“ Die folgende Schilderung lehnt sich eng an das Buch von Udo Pfleghar Brückenkopf Zerbst und an die Augenzeugenberichte in Zerbst im April 1945 an.

Der Einsatzbefehl für die angreifenden Bomberbesatzungen lautete: „Ziel ist die Stadt Zerbst im Planquadrat D-988830. Diese Stadt ist ein verteidigter Verkehrsknotenpunkt, laut taktischen Aufklärungsberichten sehr kampfstark hinsichtlich ihrer Einrichtungen, ihrer Vorräte und ihres Personals …“. Der Angriff vom 16. April 1945 auf Zerbst als „Communication Center“ wurde von der in Belgien stationierten taktischen 9th Air Force mit ihren zweimotorigen Bombern/Kampfflugzeugen der 9. Bomberdivision (99. Bombergeschwader) in fünf Wellen ausgeführt, nach Funken des Code-Worts „Young Girl“. Der Angriff jeder Welle (Bombardement Group) mit je 30 bis 40 Bombern wurde immer von zwei als Pfadfinder eingesetzten Maschinen eröffnet, die Zielmarkierungen (Christbäume) setzten und sofort anschließend die ersten 8 Sprengbomben abwarfen. Von insgesamt 178 beteiligten Martin B-26 „Marauder“ („Plünderer“) und Douglas A-26 „Invader“ („Eindringling“) warfen ab 10.02 Uhr (bei anfangs klarem Himmel und sehr guter Sicht) 154 Maschinen in 5 Angriffswellen innerhalb von 40 Minuten folgende Bombenlast ab (Reihenfolge: Sprengbomben, dann Sprengbomben + Brandbomben): 309 Sprengbomben (58 × 906 kg; 32 × 453 kg, 215 × 226,5 kg, 4 × 118 kg) entsprechend 116 Tonnen, und 396 Brandbomben zu je 226,5 Kilogramm, entsprechend 90 Tonnen. Die Anflug- und Angriffshöhe der Bomber lag bei etwa 4.000 Metern. Kurz vor Erreichen der Elbe war als Eskorte noch eine große Zahl von P-51 Mustang-Jägern des 29. Tactical Air Command zu der Bomberflotte gestoßen.

Bei den eingesetzten Sprengbomben handelte es sich um „Allzweck“- und Splitterbomben. Die 396 Brandbomben waren vom Typ M-17 zu je 226,5 Kilogramm. „Diese Teufelsdinger hatten eine besondere Zündereinstellung. In 1.500 Metern Höhe öffneten sich die Behälter und verstreuten Brandbomben und Phosphor-Kanister über eine weite Fläche“.Udo Pfleghar: Brückenkopf Zerbst. Zerbst 2009. S. 110 Die Brandbomben wurden von der 4. und 5. Welle in die durch vorausgegangene Sprengbomben der drei ersten Wellen aufgerissenen Gebäude geworfen. Einige Maschinen hatten mechanische Probleme mit den Abwurfanlagen und mussten sich ihrer Sprengbomben durch „Notwürfe“ entledigen oder – bei Brandbomben – sie wieder zu den Einsatzflughäfen zurückbringen.

Fliegeralarm hatte es nicht gegeben. Die Bevölkerung hastete in die Luftschutzkeller, in den Schlossgarten, oder versuchte noch, aus der Stadt zu kommen. Im Rahmen des Luftschutzes war vorbeugend die Stadtmauer an mehreren Stellen durchbrochen worden. Unter den Detonationen erbebten die Häuser und brachen zusammen. Nicht alle Luftschutzkeller hielten, Menschen wurden erdrückt und verschüttet. Als dann noch in großer Zahl die Brand- und Phosphorbomben fielen, fanden die Flammen in den abgedeckten, fensterlosen und teilzerstörten (Fachwerk-)Häusern reichlich Nahrung, die Hitze wurde unerträglich. Die Feuer vereinigten sich zu Flächenbränden, aus denen es oft kein Entrinnen gab. Menschen erstickten und verbrannten in den Kellern. Tiefflieger kreisten über ihnen und schossen, wenn sie ins Freie flüchteten und sich in die Bombentrichter kauerten. In den Kellern des „Erbprinzen“, der Reservelazarett geworden war, fanden durch einen Volltreffer von 150 Verwundeten etwa sechzig bis achtzig Soldaten den Tod – einschließlich Ärzten und Pflegepersonal. Im großen Brauereikeller der Breiten Straße 32 hatten 117 Menschen Schutz gesucht, Frauen, Kinder, Evakuierte, Flüchtlinge, Soldaten, auch 30 sowjetische Kriegsgefangene. Nach einem Volltreffer konnten nur drei der 117 gerettet werden, die meisten sind erstickt. Auch der Heidetorfriedhof, wohin viele Menschen geflüchtet waren, blieb nicht verschont. Das Schloss und andere Gebäude im Schlossgarten wurde zu ausgebrannten Ruinen. Das Franzisceum konnte durch entschlossenes Löschen gerettet werden. Noch während des Angriffs waren durch Feuerwehr, Technische Nothilfe, Rettungstrupps und Polizei dauernd Hilfeleistungen durchgeführt worden. Es fehlte Löschwasser, da die Leitungen geborsten waren. Durch die ausgedehnten Brände war die Stadt auch in der Nacht ein qualmendes Flammenmeer und leuchtete wie eine gigantische Fackel in die weite Umgebung. Es entwickelte sich ein Feuersturm. Auf den Straßen, selbst der Asphalt brannte, lagen verkohlte Leichen. Die begleitenden Mustangs machten nach dem Angriff der Bomber Jagd auf flüchtende MenschenUdo Pfleghar: Brückenkopf Zerbst. Zerbst 2007. S. 112 und die Rettungskräfte.

Die durch Rauch verhüllte Südstadt war durch technische Pannen beim Navigieren der Bomber weniger betroffen, als geplant. Die Zerbster Kasernen wurden nicht bombardiert.