mini|hochkant|Chris Hedges (2007)

Christopher Lynn Hedges (* 18. September 1956 in St. Johnsbury) ist ein US-amerikanischer Journalist und Autor. Er veröffentlichte mehrere politische Sachbücher und war langjähriger Auslandskorrespondent der New York Times. Später war er unter anderem für Truthdig, RT America, Scheer Post und The Real News Network tätig.

Leben und Tätigkeit

Frühes Leben Hedges wurde 1956 als Sohn eines presbyterianischen Predigers geboren. Sein Vater war ein Veteran des Zweiten Weltkriegs, der sich während des Vietnamkriegs zum entschiedenen Pazifisten wandelte. Er wuchs in einer kleinen Gemeinde in Schoharie County südwestlich von Albany im US-Bundesstaat New York auf.

Aufgrund eines Begabtenstipendiums wurde Hedges in den 1960er und 1970er Jahren an der Loomis Chaffee School, eine Privatschule in Windsor, Connecticut, ausgebildet. Zu dieser Zeit entdeckte er eigenen Angaben zufolge sein Interesse an sozialen Fragen: Nachdem ihm die kläglichen Wohn- und Lebensverhältnisse, in denen das Arbeitspersonal der Schule (Küchenpersonal, Reinigungspersonal etc.) lebten, auffiel, machte er diese in einer von ihm gegründeten Schülerzeitung und in einem Vortrag vor einer Elternversammlung öffentlich, woraufhin die in Verlegenheit gebrachte Schulleitung für eine bessere Ausstattung der Wohnquartiere der Angestellten sorgte. Hedges unautorisierte Schülerzeitung wurde indessen von der Schulleitung verboten. Er schloss den Schulbesuch 1975 ab.

Nach dem Schulbesuch studierte Hedges Englisch an der Colgate University, die er 1979 mit einem Bachelor-Abschluss verließ. Für sein Postgraduierten-Studium wechselte er an die Harvard Divinity School. Dort studierte er Theologie sowie Altertumswissenschaften und Altgriechisch. Neben seinem Studium leitete er eine kleine Kirche in einem Vorort von Boston.

Journalistische Tätigkeit in Süd- und Mittelamerika in den 80er Jahren

1980 unterbrach Hedges sein Studium in Harvard für ein Jahr, um, nachdem er Interesse an journalistischer Tätigkeit entwickelt hatte, nach Cochabama in Bolivien zu gehen, um die spanische Sprache zu erlernen, um zukünftig als Journalist aus süd- und mittelamerikanischen Ländern berichten zu können. Anschließend steuerte er zunächst einige Beiträge für die Washington Post als freischaffender Journalist bei, bevor er im Auftrag des Radiosenders NPR nach Buenos Aires ging, um von dort über den damals (1982) zwischen Großbritannien und Argentinien ausgetragenen Falklandkrieg zu berichten.

1982 kehrte Hedges in die Vereinigten Staaten zurück, um seine Studien abzuschließen. 1983 schloss er sein Studium an der Harvard Divinity School mit einem Master-Abschluss ab.

Von 1983 bis 1984 berichtete Hedges als Kriegsberichterstatter für den Christian Sciene Monitor und für den Radiosender NPR aus El Salvador, Nicaragua und Guatemala. 1984 wurde er Büroleiter der Dallas Morning News für Zentralamerika. Auf diesem Posten blieb er bis 1988. Während dieser Zeit berichtete er weiterhin vorwiegend über die kriegerischen Auseinandersetzungen, die in mehreren Ländern der Region tobten, wobei er mehrfach unter Beschuss geriet. Hedges hat später offenbart, dass seine Erlebnisse als Kriegsberichterstatter in Mittelamerika – und später in Jugoslawien und im Nahen Osten – dazu führten, dass er eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt, die ihn auch Jahre später noch psychisch belastet.„Writer Shares War Stories“, in: Hartford Courant vom 21. Februar 2003. Noam Chomsky äußerte sich zu dieser Zeit anerkennend über Hedges Arbeit, indem er diesen als einen der „wenigen amerikanischen Journalisten in Zentralamerika“ bezeichnete, „die es verdienen mit dieser Bezeichnung tituliert zu werden“ („[one of the] few US journalists in Central America who merit the title“).Noam Chomsky: Turning the Tide. U.S. Intervention in Central America and the Struggle for Peace, South End Press, Boston 1985, S. 259.

Kriegsberichterstatter im Nahen und Mittleren Osten und in Jugoslawien 1990 wurde Hedges von der New York Times angeheuert. Für diese war er anschließend bis 2005 tätig. Noch 1990 ging er als Korrespondent für die Times in den Nahen Osten. 1991 berichtete er über den Ersten Golfkrieg, der als Reaktion auf die irakische Invasion von Kuwait zwischen dem Irak und den Vereinigten Staaten ausgetragen wurde. Aufsehen erregte seine Verhaftung durch die US-Armee und die Aufhebung seiner offiziellen Anerkennung als Pressevertreter durch das US-Militär: Dies war eine Reaktion auf seine Weigerung, sich in das in diesem Krieg vom US-Militär im Umgang mit Journalisten praktizierte „military pool system“ einzufügen, das darin bestand, dass Journalisten sich nicht als auf eigene Faust agierende Einzelgänger im Kriegsgebiet bewegen sollten, sondern dass diese das Kriegsgebiet ausschließlich in organisierten Trossen gemeinsam mit US-Einheiten, denen sie jeweils zugeteilt werden würden, durchqueren sollten. Hedges, der das pool system als eine Einschränkung seiner journalistischen Freiheit und Unabhängigkeit ansah, hatte sich geweigert, sich in einen solchen Tross einzufügen und sich stattdessen eigenständig (also ohne Anbindung an eine militärische Einheit) im Kriegsgebiet „herumgetrieben“. Er ignorierte nach seiner Freilassung die Aufhebung seiner Pressezulassung und berichtete weiterhin, entgegen den Vorgaben des US-Militärs, ohne Zulassung und ohne Einbindung in das pool system aus dem Kriegsgebiet für die Times. Rückendeckung erhielt sein subversives Verhalten durch den leitenden Redakteur der Times für sein Ressort R. W. Apple Jr.„Reporting America at War. Chris Hedges on Working outside the Gulf War Pool System“, Beitrag bei PBS vom 25. Juni 2020.

Nach dem Ende des Krieges wurde Hedges während eines Aufenthaltes in Basra, von wo er über die dortigen Verhältnisse berichten wollte, von Angehörigen der Republikanischen Garden des irakischen Staates in Haft genommen.„After the War: Journalists. A Reporter in Iraq's Hands: Amid the Fear, Parlor Games“, in: The New York Times vom 12. März 1991. Bald nach seiner Freilassung wurde er im Herbst 1991 zum Büroleiter der New York Times für den Mittleren Osten ernannt. In dieser Eigenschaft berichtete er insbesondere über Gräueltaten, die irakische Truppen 1991/1992 in den Kurdengebieten im Norden des Iraks als Reaktion auf die Aufstände begingen, die Teile der kurdischen Bevölkerung angesichts der Schwächung der Zentralregierung des Landes unter Saddam Hussein durch den Krieg mit der von den Vereinigten Staaten angeführten Koalition unternahmen. Eine Folge dieser Berichterstattung war, dass Hedges von der irakischen Regierung in eine Gruppe von Journalisten eingereiht wurde, die über die Geschehnisse im Irak berichtet hatten, auf die im Namen von Saddam Hussein Kopfgelder ausgesetzt wurden, die jedem, der einen von diesen töten würde, eine erhebliche finanzielle Belohnungen versprachen. Einige dieser Journalisten, wie zum Beispiel die deutsche Reporterin Lissy Schmidt, wurden infolgedessen von Attentätern getötet oder schwer verletzt.„Iraq accused over murder of German reporter“, in: The Independent vom 5. April 1994.

1995 wurde Hedges zum Büroleiter der New York Times für den Balkan ernannt. Er wurde in Sarajewo stationiert, wo er den Artilleriebeschuss der Stadt durch bosnisch-serbische Truppen miterlebte. Im Juli des Jahres berichtete er über das Massaker von Srebrenica. Aufsehen erregte er, als er kurz nach dem Kriegsende ein Massengrab in der Grube der Ljubija Mine ausfindig machte, in der serbische Truppen während der ethnischen Säuberungen, die sie während des Konfliktes durchgeführt hatten, mehrere tausend Leichen von von ihnen zu Tode gebrachten Männern verborgen hatten.„Bosnian Mine Is Thought to Hold Evidence of Mass Killings“, in: New York Times vom 11. Januar 1996. 1998 war Hedges der erste Reporter der zusammen mit Angehörigen der Kosovarischen Befreiungsarmee im Kosovo einrückte.„Both Sides in the Kosovo Conflict Seem Determined to Ignore Reality“, in: New York Times vom 22. Juni 1998. Im Folgejahre veröffentlichte Hedges ein Dossier in der Times, in dem er Nachweise dafür vorlegte, dass der Kommandeur der Kosovarischen Befreiungsarmee (und spätere Präsident des Kosovo) Hashim Thaçi ein halbes Dutzend andere Rebellenkommandeure durch Attentate beseitigen hatte lassen, um sich potentieller Konkurrenten zu entledigen und seine eigene Macht auszubauen bzw. zu sichern.„The Separatists: Kosovo's Rebels Accused of Executions in the Ranks“, in: New York Times vom 25. Juni 1999. Das von Hedges zusammengetragene Belastungsmaterial stellt eine der Grundlagen dar, auf denen die spätere Anklage von Thaçi als Kriegsverbrecher durch den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag sich stützte.„Kosovo President Resigns to Fight War Crimes Case in the Netherlands“, in: New York Times vom 5. November 2020.

Im Oktober 2000 beendete Hedges seine Laufbahn als aktiver Berichterstatter aus Kriegsgebieten. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde er von der New York Times nach Paris entsandt, um von dieser Ausgangsposition Europa und den Mittleren Osten bereisen zu können, um von diesen Schauplätzen über Ereignisse, die im Zusammenhang mit dem zu dieser Zeit von der amerikanischen Regierung initiierten Krieg gegen den Terror potentiell von Bedeutung waren, zu berichten.

Zusammen mit einem Team weiterer investigativer Berichterstatter der Times wurde Hedges 2002 mit dem Pulitzer-Preis für ihre Berichterstattung über den globalen Terrorismus und speziell über die, häufig als ein Terrornetzwerk angesehene, Organisation Al Qaeda ausgezeichnet.Chris Hedges auf truthdig.com Hedges Einbeziehung in die Auszeichnung wurde speziell mit einem Artikel begründet, den er im Oktober 2001 verfasst hatte, in dem er den gescheiterten Versuch von Al Quaeda, einen Sprengstoffanschlag auf die amerikanische Botschaft in Paris zu verüben, aufgearbeitet hatte.„A Nation Challenged: Police Work; The Inner Workings of a Plot to Blow Up the U.S. Embassy in Paris“, in: New York Times vom 28. Oktober 2001. Als Einzelperson wurde Hedges im selben Jahr außerdem mit dem Amnesty International Global Award for Human Rights Journalism ausgezeichnet.