mini|Siegfried Lenz (1969) Stadtgespräch ist der Titel eines 1963als Vorabdruck in der Welt und anschließend als Buch im Verlag Hoffmann und Campe publizierten Romans von Siegfried Lenz. Erzählt wird die Geschichte einer Geiselnahme und Erschießung von 44 Bürgern einer nordischen, von ausländischen Truppen besetzten Stadt als Rache dafür, dass sich der Attentäter, der einen Anschlag auf einen General ausgeführt hat, nicht der Besatzungsmacht stellt und von Sympathisanten versteckt wird. An diesem Beispiel thematisiert der Autor die von den Bewohnern der Stadt diskutierte Frage, ob das Leben der unschuldigen Männer schwerer wiegt als das eines einzelnen Widerstandskämpfers.
Inhalt Schauplatz der Handlung ist eine von einer fremden Macht besetzte fiktive Kleinstadt an einem Fjord.Die Situation erinnert, auch durch die deutschen Namen der Soldaten, an die deutsche Besetzung Norwegens im Zweiten Weltkrieg. Vorlagen für die Romanhandlung könnten Aktionen der Widerstandsgruppen Milorg (Militær Organisasjon) und der Norwegischen Unabhängige Kompanie sein, v. a. die Vergeltungsaktion in Telavåg an der norwegischen Küste. Dort entdeckten die Besatzer, dass Einwohner des Dorfes zwei Widerstandskämpfer, Vaerum und Hvaal, versteckten. Beim Versuch, sie festzunehmen, kam es am 26. April 1942 zu einem Gefecht, bei dem Vaerum, der deutsche Geheimdienstchef Berns und sein Stellvertreter Bertram erschossen wurden. Darauf besetzen SS-Einheiten das Dorf, internierten die Frauen in einem norwegischen Lager, die Männer im KZ Sachsenhausen und zerstörten am 30. April die Wohnhäuser.
Eine Widerstandsgruppe junger Männer, die sich in den Bergen versteckt, darunter der Erzähler Tobias, verübt ein Attentat auf einen General, der auf dem Weg in die Stadt ist (1. Abschnitt). Sein Auto wird beschossen, er überlebt jedoch, schießt zurück und verletzt dabei Daniel, den Anführer der Aktivisten. Die Attentäter bringen ihn in ihr Versteck in den Bergen, der Erzähler kehrt unerkannt in die Stadt zurück und beobachtet die Reaktionen der Besatzer. Diese nehmen 44 Männer fest und fordern, dass Daniel sich ihnen stellt. Andernfalls würden die Geiseln, hauptsächlich Honoratioren der Stadt, teils Väter der Widerstandskämpfe, unter ihnen auch der Vater des Erzählers, der Arzt Erik Lund, exekutiert (2. Abschnitt). Tobias überbringt dem verwundeten Daniel, der von Petra, der Schwester Erzählers, gepflegt wird, die Nachricht.
Die Geiselnahme führt in der Stadt, unter den in einem Lagerhaus im Hafen eingesperrten Geiseln, v. a. zwischen dem Pfarrer und dem Arzt, in den Familien, zwischen Tobias und seiner Schwester Petra, und im Lager der Kämpfer zu Diskussionen über ein im Grunde unlösbares Dilemma: Wiegen die Leben der juristisch unschuldigen 44 Bürger schwerer als das eines Einzelnen oder hat die durch Daniel verkörperte Idee des Widerstands gegen die Willkür Vorrang? Ist Daniel für sein Attentat allein verantwortlich oder handelt er auch für die nicht am Widerstand beteiligten Bürger? In jedem Fall, da sind sich alle Beteiligten sicher, werden die Überlebenden mit einem Schuldgefühl belastet sein.
In der Stadt formiert sich ein Demonstrationszug zur Kommandantur und Rektor Holmsen verhandelt mit Freiherr von der Laube ergebnislos über die Freilassung der Männer (4. Abschnitt). Die Wut einzelner Demonstranten richtet sich gegen Jutta Nielsen, die Frau des Feldgendarmen, der zwar auch verhaftet wurde, aber der Zusammenarbeit mit den Besatzern beschuldigt wird. Als Ole Dagermann, der Steuermann der Fähre, sieht, wie seine Schwester Jutta geschlagen wird und wie man ihr die Milch für ihr Kind verweigert, verrät er das Versteck der Widerständler.
Im Camp ist Torsdag, ein Verbindungsmann aus dem Hauptquartier, eingetroffen und spricht sich gegen die Auslieferung Daniels aus (3. Abschnitt). Er beschuldigt Christoph, den Stellvertreter Daniels, des Verrats eines geplanten Bombenanschlags auf ein Depot der Besatzer, das in den Lagerhäusern seines Vaters untergebracht war und das der Sohn schützen wollte. Dabei wurden zwei Widerständler von den sie erwartenden Wächtern erschossen. Um sich zu rehabilitieren, muss Christoph einen aussichtslosen Versuch unternehmen, den Kommandanten zu töten, und der Erzähler soll ihn begleiten und kontrollieren (5. Abschnitt). Auf dem Weg in die Stadt beobachten sie entgegenkommende Soldaten. Christoph warnt seine Gruppe und die Kämpfer können fliehen. Dann führt er seinen Auftrag aus, überquert mit einem Floß den Fjord, greift die Wachposten vor der Kommandantur an und wird getötet.
Die Widerständler, die sich in der Stadt versteckt haben, diskutieren das weitere Vorgehen. Petra plädiert für die Aufgabe des Widerstandes und die Rettung der Geiseln. Tobias widerspricht ihr und schlägt eine Gegenaktion vor. Nach seinem Plan nimmt seine Gruppe sechs Wachsoldaten als Geiseln gefangen, um den Kommandanten unter Druck zu setzen und zum Nachgeben zu zwingen (6. Abschnitt). Doch Von der Laube bleibt hart und stellt Daniel ein Ultimatum von 24 Stunden, um sich zu stellen. Daniel verschwindet daraufhin aus seinem Versteck. Torsdag fürchtet seine Kapitulation und lässt ihn suchen. Tobias findet ihn zusammen mit Petra, seiner früheren Freundin, in der Schule. Sie hat inzwischen ihre Meinung geändert und verhindert, dass Daniel zur Kommandantur geht und sich verhaften lässt. Torsdag unterstützt sie darin: Die Grundsätze des Kampfes müssten eingehalten werden. So läuft am nächsten Morgen das Ultimatum ab (7. Abschnitt) und die Geiseln werden zu einem Steinbruch transportiert und dort erschossen. Als Reaktion darauf liquidieren die Widerständler die sechs gefangenen Soldaten. In einer weiteren Aktion versenkt der Steuermann Dagermann die mit Soldaten und Munition beladene Fähre. Während das Schiff mit dem Transportgut untergeht, können sich die Menschen in die Boote retten. Daniel und seine Gruppe setzen aus ihren Verstecken heraus ihre Anschläge fort. Als sich nach einiger Zeit die Besatzungstruppen aus dem Land zurückzuziehen beginnen, behindern sie durch Anschläge die Transportzüge und entwaffnen nach der Kapitulation die Soldaten in der Stadt (8. Abschnitt).
Nach dem Befreiungsjubel der Bevölkerung normalisiert sich langsam das Leben der Menschen. Petra arbeitet als Krankenschwester im Hospital. Tobias hat noch keine genauen Berufsvorstellungen. Daniel versucht sein Studium an der Universität zu beenden, bricht aber ab, kehrt in die Stadt zurück und arbeitet vorübergehend in der Hafenverwaltung und im Rathaus. Durch Fürsprache des alten Rektors Holmsen erhält er eine Hilfslehrerstelle, verliert diese jedoch wieder nach einem Zwischenfall mit dem Sohn eines der liquidierten Geiseln. Die Stimmung in der Stadt hat sich inzwischen gegen ihn gewandt. Gerüchte entstehen und verändern die noch nicht lange zurückliegende Vergangenheit: Daniel habe Christoph aus Gründen der Rivalität mit einem Selbstmordkommando beauftragt und seine Verwundung nur vorgetäuscht, um sich nicht der Kommandantur stellen zu müssen. V. a. geben die Angehörigen der Geiseln Daniel die Schuld für die Exekution: „Je länger es zurückliegt, desto weniger können wir es vergessen“.Siegfried Lenz: Stadtgespräch. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1965, S. 185. Zunehmend meidet ihn die Bevölkerung. Beim Johannisfeuer auf den Klippen beschuldigt ein alter Flößer Daniel, er habe 44 Menschen für sich sterben lassen, greift ihn an, verletzt ihn und wird bei der Auseinandersetzung von ihm erstochen (9. Abschnitt). Auf die Reaktion eines Zuschauers, jetzt sei die Reihe am einstigen Widerstandshelden, jetzt werde er bezahlen, antwortet Holmsen: „Es ist sein Unglück, dass er am Leben blieb. Wenn unsere Leute überlebt hätten, würden wir heute vielleicht sie verurteilen. Unrecht können immer nur die Überlebenden haben.“Siegfried Lenz: Stadtgespräch. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1965, S. 190. Polizisten inhaftieren Daniel, er flieht aus dem Krankenhaus des Gefängnisses und verlässt zusammen mit Petra die Stadt mit der Absicht, seine Geschichte aufzuschreiben (10. Abschnitt).
Perspektive Der Ich-Erzähler, der Arztsohn Tobias, ist ein junges Mitglied der Widerstandsgruppe und wird vorwiegend für Botengänge und als Beobachter eingesetzt. Aus dieser Perspektive berichtet er über die Ereignisse. Er strebt zwar deren authentische Wiedergabe an, ist sich aber seines lückenhaften Informationsstndes sowie seiner subjektiven Auswahl und Darstellung bewusst. Einzelne Aktionen sind ihm nur noch nebelhaft in Erinnerung andere, wie die Erschießung der Geiseln, hat er nicht direkt miterlebt und sie sich in seiner Phantasie vorgestellt. Deshalb reflektiert er über seine Wahrnehmung, unterbricht seine Erzählung immer wieder durch Anreden an den von ihm bewunderten Freiheitskämpfer Daniel und fordert ihn dazu auf, seine Version der Geschichte zu schildern („Eine Geschichte sollte mindestens zwei Erzähler haben“). Der Roman thematisiert somit die Sujektivität der Erzähler und fragt, wie sich Geschichten im Nachhinein durch das Weitererzählen und durch unzuverlässige Erinnerungen verändern und verfälschen können.
Rezeption In den Rezensionen wird Stadtgespräch überwiegend als eines der bemühten, aber weniger gelungenen Werke des Autors bewertet. Gewürdigt wird im Allgemeinen die Wahl der Thematik, die der Autor bereits in ähnlicher Weise 1960 in seinem Hörspiel Zeit der Schuldlosenbzw. in der 1961 folgenden Theaterfassung und dem darauf basierenden Film Die Zeit der Schuldlosen von 1964. bearbeitet hat: den Antagonismus zweier moralischer Prinzipien in der Zeit des Widerstandskampfes gegen eine Diktatur mit Attentaten und Geiselhaft und der Folge eines Gewissenskonfliktes. Lenz‘ Tobias Lund habe „auf seiner schriftlichen Suche nach der verlorenen Wahrheit viel Preziosität, hohe Gesinnung und literarische Bildung bewiesen“. Er imitiere „Faulkners labyrinthischen Erzählstil“ und bediene sich „Hamsunscher Manierismen“, er schmeichele seinem „Schuld-und -Sühne-Komplex“ und lasse es auch an dem „Drang in die Tiefe“ nicht fehlen.Daniel im Sandkasten. Der Spiegel 14/1963, 2. April 1963. https://www.spiegel.de/kultur/daniel-im-sandkasten-a-21d186c3-0002-0001-0000-000045142980?context=issue
Kritisiert werden die sprachliche Ausführung und die den Handlungsverlauf immer wieder unterbrechende Konstruktion, über die Beobachtungsperspektiven und Veränderung der „Wahrheit“ zu reflektieren.
Lenz schreibe zu „weihevoll“. Seine Widerstandsgruppe gleiche einem „Verein christlicher junger Männer“, seine Realität sei die eines „Planspiels im Sandkasten“, seine Aphorismen zur Lebensweisheit seien „Platitüden“.Daniel im Sandkasten. Der Spiegel 14/1963, 2. April 1963. https://www.spiegel.de/kultur/daniel-im-sandkasten-a-21d186c3-0002-0001-0000-000045142980?context=issue