China Aerospace Science and Technology Corporation (, kurz 中国航天 bzw. CASC) ist der Hauptauftragnehmer für das chinesische Weltraumprogramm. Die CASC ist eine große staatliche Unternehmensgruppe, unter anderem Hersteller der Changzheng-Trägerraketen und der Beidou-Navigationssatelliten, und wurde am 1. Juli 1999 als Nachfolger der Dachgesellschaft für Raumfahrtindustrie gegründet. Der Hauptsitz der Firma befindet sich im Pekinger Stadtbezirk Haidian.
Geschichte Die Geschichte der China Aerospace Science and Technology Corporation beginnt am 6. August 1956, als Verteidigungsminister Peng Dehuai am Sitz seiner Behörde im Drei-Ehrentore-Gebäude in Peking das sogenannte „Fünfte Büro“ (第五局, Pinyin Dìwǔ Jú) unter der Leitung von Zhong Fuxiang (钟夫翔, 1911–1992) einrichtete, mit Qian Xuesen vom California Institute of Technology als Chefingenieur. Am 8. Oktober 1956 wurde dann in Peking das „5. Forschungsinstitut des Verteidigungsministeriums“ (国防部第五研究院, Pinyin Guófángbù Dìwǔ Yánjiūyuàn) gegründet. Im November 1956 begann man, das Krankenhaus 466 der Volksbefreiungsarmee sowie das Sanatorium 124 der Volksbefreiungsarmee und das Sanatorium 106 des Generalstabs, die sich auf dem Gelände des Friedhofs des Gerahmten Gelben Banners aus der Qing-Dynastie befanden, in Unterrichts- und Forschungsgebäude umzubauen.Mark Wade: Nach Fertigstellung der Einrichtung, die heute den Osthof des von CASC und CASIC gemeinsam genutzten Raumfahrtgeländes (航天大院) in der Fucheng-Str. 8 bildet, wurde am 1. März 1957 das Personal des Fünften Büros übernommen. Qian Xuesen wurde Leiter des Instituts, das sich im Weiteren mit der Entwicklung von Trägerraketen für Kernwaffen befasste. Schon seit seiner Gründung hatte das 5. Forschungsinstitut eng mit der seinerzeit in Harbin angesiedelten Militärakademie für Ingenieurwissenschaften zusammengearbeitet. Als dort 1958 eine eigene Fakultät für Raketentechnik eingerichtet wurde, wurden die Kontakte noch vertieft; bald bestand ein großer Teil der Forscher am Institut aus Harbin-Absolventen.
mini|Generalleutnant Wang Bingzhang, 1962–1965 Leiter des 5. Forschungsinstituts, 1965–1971 des 7. Ministeriums Im März 1960 übernahm auf Anordnung der Zentralen Militärkommission General Liu Yalou (刘亚楼, 1910–1965), Kommandeur der Luftstreitkräfte der Volksrepublik China und stellvertretender Verteidigungsminister, die Leitung des 5. Forschungsinstituts. Generalleutnant Wang Bingzhang (王秉璋, 1914–2005), stellvertretender Kommandeur der Luftwaffe, wurde sein Stellvertreter und Politkommissar des Instituts. Von nun an leiteten die beiden das Tagesgeschäft, während Qian Xuesen, nun zweiter Stellvertreter von General Liu, die eigentliche Forschung und Entwicklung koordinierte. Im Juni 1962 wurde Generalleutnant Wang dann zum Leiter des Instituts befördert.
Die Organisationsstruktur des 5. Forschungsinstituts war inzwischen weiter ausdifferenziert worden. Am 16. November 1957 wurden zunächst das 1. Zweiginstitut (Raketenbau) mit Sitz im Straßenviertel Donggaodi des damaligen Stadtbezirks Nanyuan und das 2. Zweiginstitut (Elektronik) mit Sitz im heutigen Straßenviertel Yongdinglu des Stadtbezirks Haidian gegründet, am 1. September 1961 dann das 3. Zweiginstitut (Seezielflugkörper) im heutigen Straßenviertel Yungang des Stadtbezirks Fengtai, in einer Gegend, die aus historischen Gründen als „Changxindian“ bekannt war. 1963 wurde im Zuge einer Reorganisation jedem Zweiginstitut ein Raketentyp zugeteilt; das Forschungsinstitut für Feststofftriebwerke in Luzhou, Provinz Sichuan wurde dem Institut als 4. Zweiginstitut zugeteilt. Damit sah die Arbeitsteilung so aus:
1. Zweiginstitut des 5. Forschungsinstituts: Boden-Boden-Raketen der Dongfeng-Serie (东风 bzw. „Ostwind“) 2. Zweiginstitut des 5. Forschungsinstituts: Boden-Luft-Raketen der Hongqi-Serie (红旗 bzw. „Rote Fahne“) 3. Zweiginstitut des 5. Forschungsinstituts: Antischiffsraketen der Shangyou-Serie (上游 bzw. „Vorwärtsstreben“) 4. Zweiginstitut des 5. Forschungsinstituts: Festtreibstoff-Raketenmotoren
Bereits am 5. November 1960 hatten Qian Xuesen und seine Gruppe vom Kosmodrom Jiuquan aus die erste chinesische Rakete, später Dongfeng 1 genannt, gestartet. Enthält Filmaufnahmen vom Start der Rakete. Am 29. Juni 1964 folgte die Mittelstreckenrakete Dongfeng 2A, und am 16. Oktober 1964 detonierte auf dem Kernwaffentestgelände Lop Nor die erste chinesische Atombombe. Aufgabenspektrum und Personalstand waren kontinuierlich gewachsen. Daraufhin beschloss der Nationale Volkskongress am 4. Januar 1965 zum Abschluss der ersten Sitzung der dritten Legislaturperiode auf Vorschlag von Premierminister Zhou Enlai, die Raketenaktivitäten aus dem Verteidigungsministerium in ein eigenes Ministerium auszulagern. Das 5. Forschungsinstitut wurde in „Siebtes Ministerium für Maschinenbauindustrie“ (第七机械工业部, Pinyin Dì Qī Jīxiè Gōngyè Bù) umbenannt;Das Erste Ministerium war tatsächlich für Maschinenbau zuständig, beim Zweiten waren die zivilen und militärischen Nuklearaktivitäten gebündelt, das Dritte war für Luftfahrt zuständig, das Vierte für Elektronik, das Fünfte für Panzer und Artillerie, das Sechste für Schiffsbau, das Achte für Landmaschinen. Leiter der Behörde, nun als regulärer Kabinettsminister, blieb Wang Bingzhang, mit Qian Xuesen als einem seiner Stellvertreter. Als Aufgabengebiet des Ministeriums wurde nun, neben der Entwicklung von Interkontinentalraketen, erstmals Raumfahrt definiert: Es war zuständig für die wissenschaftliche Forschung, Entwicklung, Test und Herstellung von Raumflugkörpern sowie den Aus- und Neubau von Kosmodromen.
Im Mai 1982 wurde das Siebte Ministerium für Maschinenbauindustrie im Rahmen einer Kabinettsreform in „Ministerium für Raumfahrtindustrie“ (航天工业部, Pinyin Hángtiān Gōngyè Bù) umbenannt, im April 1988 folgte die Vereinigung mit dem Ministerium für Luftfahrtindustrie (dem ehemaligen Dritten Ministerium für Maschinenbauindustrie) zum „Ministerium für Luft- und Raumfahrtindustrie“ (航空航天工业部, Pinyin Hángkōng Hángtiān Gōngyè Bù). Dies war bereits eine frühe Form des heutigen Mischkonzerns CASC, wo man sich nicht nur mit zivilen und militärischen Flugzeugen, Satelliten und Raketen befasste, sondern auch mit elektrischen Haushaltsgeräten. Im Rahmen der Reform- und Öffnungspolitik hatte das vereinigte Ministerium bereits eine Abteilung für internationale Zusammenarbeit (国际合作司), die für Akademikeraustausch und die Herstellung von Geschäftskontakten mit dem Ausland zuständig war. Die chinesische Regierung hatte am 26. Oktober 1985 genehmigt, auf dem nationalen und internationalen Markt kommerzielle Satellitenstarts mit Trägerraketen der Bauart Changzheng 2 und Changzheng 3 anzubieten.
Das Ministerium für Luft- und Raumfahrtindustrie war kein Ministerium im üblichen Sinn, sondern ein, wenn auch nicht gewinnorientierter, Konzern mit über das ganze Land verteilten Fabriken und Forschungseinrichtungen. Dem wurde am 22. März 1993 auch formal Rechnung getragen, als das Ministerium per Beschluss des Nationalen Volkskongresses aufgelöst und die „Dachgesellschaft für Luftfahrtindustrie“ sowie die „Dachgesellschaft für Raumfahrtindustrie“ (中国航天工业总公司, Pinyin Zhōngguó Hángtiān Gōngyè Zǒnggōngsī) gegründet wurden. Für die organisatorischen Aspekte der Raumfahrt sowie als Ansprechpartner für ausländische Raumfahrtorganisationen wurde am 22. April 1993, ebenfalls per Beschluss des Volkskongresses, die Nationale Raumfahrtbehörde gegründet. Geleitet wurden beide Institutionen, die Dachgesellschaft für Raumfahrtindustrie und die Raumfahrtbehörde, in Personalunion von Liu Jiyuan (刘纪原, 1933–2026), einem Raketeningenieur, der 1960 gleich nach seinem Studium in Moskau beim 5. Forschungsinstitut angefangen hatte und der Einrichtung durch alle Inkarnationen treu geblieben war.
Am 1. Juli 1999 wurde die Dachgesellschaft für Raumfahrtindustrie in zwei Einzelfirmen aufgespalten:
China Aerospace Machinery and Electronics Corporation, im Juli 2001 umbenannt in China Aerospace Science and Industry Corporation, kurz CASIC. Diese Firma konzentriert sich auf Kurz- und Mittelstreckenraketen einschließlich Flugabwehrraketen und Marschflugkörper, Kleinsatelliten, Feststoffraketen und Informationstechnologie. Sie ist also im Wesentlichen ein Rüstungskonzern.
China Aerospace Science and Technology Corporation, kurz CASC. Diese Firma konzentriert sich auf Interkontinentalraketen, Trägerraketen, bemannte Raumschiffe und Raumstationen, Satelliten und Tiefraumsonden. Sie ist also im Wesentlichen ein Raumfahrtkonzern.
Beide Firmen wurden 2003 in Zentral Verwaltete Unternehmen umgewandelt, unterstehen also über die Kommission zur Kontrolle und Verwaltung von Staatsvermögen (SASAC) dem Staatsrat der Volksrepublik China und gehören somit zu den derzeit (Juni 2019) 127 systemrelevanten Schlüsselunternehmen Chinas.Konsumgüterunternehmen wie Huawei oder Alibaba gelten dagegen in China als nicht systemrelevant.
Im Zuge der Professionalisierung der chinesischen Staatswirtschaft wurde die CASC am 8. Dezember 2017 mit Zustimmung der Kommission zur Kontrolle und Verwaltung von Staatsvermögen von einem Volkseigenen Betrieb (全民所有制企业) in einen Staatsbetrieb (国有独资公司) umgewandelt. Der Name wurde von CASC in CASC GmbH (中国航天科技集团有限公司) geändert (der englische Name blieb jedoch gleich, ohne „Ltd.“), das Stammkapital wurde von 11.120.690.000 Yuan auf 20 Milliarden aufgestockt. Einziger Gesellschafter ist die SASAC, Firmensitz ist weiterhin Peking, die Geschäftsfelder blieben dieselben und auch für das Personal änderte sich nichts.
Geschäftsfelder Die China Aerospace Science and Technology Corporation hat eine Reihe von untergeordneten Unternehmenseinheiten, welche eine Vielzahl von Trägerraketen, Raumflugkörpern, taktischen und strategischen Raketensystemen, Marschflugkörpern, Drohnen und Bodenausrüstung entwickeln und herstellen. Daneben produziert CASC auch eine Reihe von zivilen High-End-Produkten wie Maschinen, Chemikalien, Kommunikationsausrüstung, Transportausrüstung, Computer, medizinische Pflegeprodukte und Umweltschutzgeräte.
Die CASC ist unter anderem an folgenden Raumfahrt-Projekten beteiligt: Changzheng-Raketen Tianlian-Relaissatelliten Fengyun-Wettersatelliten Gaofen-Erdbeobachtungssatelliten Beidou-Satellitennavigationssystem Mondprogramm der Volksrepublik China Marsprogramm der Volksrepublik China Bemanntes Raumfahrtprogramm der Volksrepublik China
mini|hochkant|Wu Yansheng 2022 Ende 2021 hatte die China Aerospace Science and Technology Corporation rund 170.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, 80.000 davon jünger als 29 Jahre. 60.000 der Mitarbeiter waren Techniker und Ingenieure, 35 davon Mitglieder der Chinesischen Akademie der Wissenschaften oder der Chinesischen Akademie der Ingenieurwissenschaften. Vorstandsvorsitzender des Konzerns ist seit dem 7. Mai 2018 Wu Yansheng (吴燕生, *1963), ein Elektroingenieur aus Hubei, der schon als postgraduierter Student der Tsinghua-Universität ab September 1986 bei dem für Trägerraketen zuständigen 1. Zweiginstitut des Ministeriums für Raumfahrtindustrie in Wuhan gearbeitet hatte (wo auch seine Eltern als Raketeningenieure tätig waren) und seit seiner Promotion und dem festen Eintritt in die Firma im Februar 1989 etwa alle zwei bis drei Jahre befördert worden war. Ab 2003 und bevor er im November 2007 als Stellvertretender Generaldirektor in die Konzernspitze aufrückte war Wu Yansheng bei CASC vor allem mit der bemannten Raumfahrt und der Mondsonde Chang’e-1 befasst. Als Vorstandsvorsitzender verfolgt Wu Yansheng eine Null-Risiko-Politik (万无一失). So reiste er Mitte November 2019 eigens zum Kosmodrom Wenchang, um die Ingenieure und Techniker der Firma zu ermahnen, bei der Vorbereitung des Starts einer überarbeiteten Version der Trägerrakete Changzheng 5 möglichst langsam zu arbeiten und lieber alles mehrfach zu überprüfen.