Kurt Bergel (* 22. August 1911 in Frankfurt am Main; † 19. März 2001 in Orange, Kalifornien) war ein aus dem Deutschen Reich emigrierter Lehrer, der nach einem Zwischenaufenthalt in England und weiteren Studien in den USA als Professor an der privaten Chapman University in Orange (Kalifornien) lehrte. Er war Experte für die Arbeit und das Leben von Albert Schweitzer und langjähriger Leiter des The Albert Schweitzer Institute an der Chapman University.
Herkunft und Ausbildung Elternhaus Kurt Bergels Vater LeopoldSoweit nachfolgend keine anderen Quellen angegeben werden, ist die Grundlage für alle biographischen Details der Familie Bergel das im Abschnitt „Quellen“ angegebene Interview von Angelika Rieber mit Kurt Bergel aus dem Jahre 1991. kam als Junge von Zürich nach Frankfurt und arbeitete sich nach einem vorzeitig beendeten Besuch der Adlerflychtschule zum Besitzer eines in Offenbach ansässigen Lederwarenhandels empor. Er stand dem Jüdischen sehr fern, heiratete dann aber Hedwig Lehmann, Tochter des orthodoxen Vorstehers der Jüdischen Gemeinde am Börneplatz, Emanuel Lehmann. Auch sie stand dem Judentum nicht sehr nahe, doch wurden bestimmte jüdische Riten in der Familie beachtet, so dass auch Sohn Kurt seine Bar-Mitzwa-Feier in der Synagoge am Börneplatz beging.
Kurt Bergel wurde in der Ulmenstraße 6 geboren, im großbürgerlich geprägten Frankfurter Westend. Nachdem der Vater in der Nazi-Zeit seine geschäftliche Tätigkeit stark einschränken und den Betrieb in Offenbach aufgeben musste, übte er seine spärlicher werdenden Geschäfte von der Wohnung aus.
Schule An Ostern 1918 startete Kurt Bergel seine Schullaufbahn an der Wöhlerschule. Dieses Gymnasium, dem eine Grundstufe vorgeschaltet war, befand sich damals ebenfalls im Frankfurter Westend und war nur wenige Minuten von der Wohnung der Familie entfernt. Bergel verbrachte an dieser Schule seine gesamte Schulzeit bis zum Abitur.
Eine von Bergels frühesten Erinnerungen an seine Schulzeit hängt mit der Endphase des Ersten Weltkriegs zusammen. Er berichtet davon, dass er auf dem Schulweg von einem Luftangriff überrascht worden sei. Vermutlich handelte es sich um den Angriff vom 12. August 1918: „Kurz nach neun Uhr morgens, fielen 30 Bomben fast zeitgleich auf die westliche Stadt. Rechts vom Opernplatz und der Goethestraße bis zum Reuterweg, links von der Feuerbachstraße bis zur Wiesenau, wurden 25 Häuser mehr oder weniger schwer beschädigt: ›Schreiend, von Entsetzen gepackt, liefen die Menschen durcheinander, suchten die nächsten Hauseingänge zu erreichen, die nicht alle geöffnet wurden, fluchten auf die Hausbesitzer. Die einschlagenden Bomben fanden Opfer genug: 12 wurden sofort getötet, 5 schwer verletzt, von denen vier noch verstorben sind. 25 kamen mit leichten Verletzungen davon.‹“, Frankfurter Neue Presse, 11. August 2014 Kurt Bergel blieb unverletzt, ein Bekannter der Familie zählte allerdings auch zu den Opfern.
Bergel erinnerte sich auch an ein Ereignis, das sich 1921 an der Wöhlerschule ereignete: „Im Keller der Wöhler-Schule waren am Samstag, den 16. Juli 1921, 500 einsatzfähige Gewehre gefunden worden – getarnt als Gesteinsproben.“Ein Schulkeller als geheimes Waffendepot – der Waffenfund in der Wöhlerschule 1921 Einer der Drahtzieher dieser Aktion, an den sich auch Bergel noch erinnerte, war der Studienrat Dr. Jung, der nachmittags auf dem Schulhof wehrsportähnliche Übungen abhielt. Er floh zunächst, stellte sich dann aber der Frankfurter Polizei und kam vermutlich unbeschadet davon: „Freimütig gestand er, dass er die Waffen zum Schutz vor einem drohenden Putsch von Links nach Frankfurt gebracht habe. Ein derartig ‚couragiertes‘ und patriotisches Verhalten mochte der Magistrat der Stadt Frankfurt nicht mit der Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegen Jung beantworten. Die Stadtverordnetenversammlung fasste den Beschluss, eine Entscheidung darüber dem Regierungspräsidenten zu überlassen. Und damit verschwand die Affäre aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit. Es ist nicht bekannt, ob gegen Jung ein Disziplinarverfahren eingeleitet wurde.“
Trotz dieser Vorkommnisse und seiner rückblickenden Einschätzung, dass ein Rechtstrend an der Schule etwas stärker ausgeprägt war als andere politische Strömungen, war es für Bergel „im Großen und Ganzen eine gute Ausbildung, die wir dort in der Schule bekommen haben. Ich habe viel gelernt, das heißt, ich hätte mehr lernen können, wenn ich fleißiger in Naturwissenschaften gewesen wäre. Die haben mich nie interessiert. […] Dagegen war ich sehr, sehr gut in Deutsch […]. Also, es war mir ganz klar, dass ich in die deutsche Literatur beruflich gehen würde. […] Daneben hatte ich großes Interesse an Musik und arbeitete sehr ernst als Pianist und entschied mich eigentlich erst […] im Jahr, in dem ich Abitur machte, […] dass ich meine ernste Arbeit in der Musik zurückstellen sollte.“Interview von Angelika Rieber mit Professor Dr. Kurt Bergel am 30. Juni 1991 (siehe oben: Abschnitt Quellen)
Kurt Bergel machte 1930 sein Abitur.
Studium In einem Beitrag zu Lucie Schachnes Buch über das Jüdische Landschulheim Herrlingen hat er sein Studium sehr knapp zusammengefasst: „Plötzlich daran gehindert, mein Doktorat an der Frankfurter Universität zu erlangen, bestand ich schnell mein Mittelschullehrerexamen, um damit eine Lehrerlaubnis zu bekommen.“Kurt Bergel: Ein wagemutiger und bedeutender Beitrag zum jüdischen Wiederaufbau, in: Lucie Schachne: Erziehung zum geistigen Widerstand, S. 100–102 In dem Interview aus 1991 stellt er das etwas differenzierter dar.
Zunächst musste er sich über den Wunsch des Vaters hinwegsetzen, der wollte, dass sein Sohn Kaufmann werde und das väterliche Geschäft übernähme. Kurt, schon früh durch den Wunsch geprägt, sich in Frankfurt zu habilitieren, begann stattdessen ein Studium der Philosophie und der deutschen und englischen Literatur. Fünf Semester studierte er in Frankfurt, ein Semester in Berlin. Die Liste derer, die er zu seinen Lehrern zählte, ist beachtlich: Paul Tillich, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Hans Naumann (einem der Hauptakteure und Redner bei der nationalsozialistischen Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 in Frankfurt), Max Kommerell (der sich 1933 noch von den Nazis ferngehalten hatte, sich ihnen aber in den späten 1930er Jahren ebenfalls anschloss) und Martin Sommerfeld (ihm wurde 1933 aus rassistischen Gründen aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums die Lehrbefugnis entzogen).
Kurt Bergel machte keine Aussagen über seine Hochschullehrer, bekannte aber: „Die Frankfurter Universität war wunderschön.“ Noch in seiner Erinnerung fühlte er sich dort wohler, als 15 Jahre später an der University of California, Berkeley, wo er nach seinem Empfinden wesentlich weniger Anregungen erhalten hatte als in Frankfurt. An anderer Stelle sagte er: „Ich hätte nie die Absicht gehabt, Frankfurt zu verlassen. Ich wollte nicht Professor irgendwo werden, sondern in Frankfurt, weil ich die Universität gerne gehabt habe.“ Bergel, der mit Wilhelm Emrich befreundet war, nahm während seines Studiums politische Auseinandersetzungen an der Universität, obwohl ihm deren häufig antisemitischer Charakter klar war, weniger im Kontext rassistischer Bedrohungen war, als vielmehr vor dem Hintergrund eines Links-Rechts-Schemas: „Da gab es natürlich in den frühen dreißiger Jahren dauernd Zusammenstöße zwischen Rechten und Linken, und die Linken waren natürlich, wenn sie überhaupt etwas waren, oft Juden. Ich meine, es waren eine Menge, die Nichtjuden waren, die Juden, die engagiert waren, waren eben auf der Linken. Das war so ein A-priori-Statement.“
1933 musste Kurt Bergel als jüdischer Student nach seinem sechsten Semester die Universität verlassen. „Ja, da war 1933. Der Einschnitt ist unermesslich in meinem persönlichen Leben. Er könnte gar nicht größer sein. Die Tatsache, dass mein schon angedeuteter Lebensplan, Berufsplan, vollkommen unmöglich wurde, ist natürlich die Hauptsache dabei. Ich sah das sofort vollkommen ein und sah auch sofort ein, dass ich doch in der Erziehungsarbeit in einer anderen Weise verbleiben sollte.“
Kurt Bergel legte in Kassel das oben schon erwähnte Mittelschullehrerexamen ab, das es ihm erlaubte, als Lehrer an jüdischen Schulen zu unterrichten.
Lehrer an jüdischen Einrichtungen Kurt Bergel lässt in dem Interview offen, was seine Hinwendung zur jüdischen Erziehungsarbeit ausgelöst hat, wodurch seine so plötzliche Abkehr von einem akademischen Karrierewunsch und seine Hinwendung zur praktischen Pädagogik bewirkt wurde. Das Judentum war ihm bis 1933 relativ fremd, und er berichtet auch nichts über Kontakte zur Jüdischen Jugendbewegung, die einen solchen Schritt hätten nachvollziehbar werden lassen. Für ihn scheint es eher eine Sache der Vernunft gewesen zu sein, die sich aus dem unmittelbaren Erleben des Jahres 1933 ergab.Im August 1933 wurde im Der Morgen. Monatsschrift der Juden in Deutschland Kurt Bergels Aufsatz Unsere rationale Erziehungsaufgabe veröffentlicht. „Dieser Aufsatz war eine Art Glaubensbekenntnis, eine Ablehnung der irrationalen Naziideologie und Gegenposition, wie sie mir für eine jüdische Erziehung vorschwebte. Unter dem Eindruck dieser Arbeit und auf Grund seiner persönlichen Bekanntschaft mit mir empfahl mich Martin Buber an Hugo Rosenthal, der zu dieser Zeit geeignete Lehrkräfte für das neue Landschulheim Herrlingen suchte.“
Kurt Bergel geht in dieser Schrift von der Umschichtung aus, der durch das nationalsozialistische System erzwungenen Abkehr jüdischer Jugendlicher von einer auf akademische Bildung fokussierten Erziehung und der damit einhergehenden Hinwendung zur handwerklich-landwirtschaftlichen Ausbildung. Nach Bergel dürfe damit aber auf keinen Fall ein „plötzlicher Bruch mit einer rationalen Tradition“ einhergehenKurt Bergel: Unsere rationale Erziehungsaufgabe, denn dies hieße, die Deutungshoheit jenen zu überlassen, die menschliche Sehnsüchte mit falschen Deutungsmustern bedienten: Dem stellt er als Postulat entgegen, dass die jüdische Erziehung die Aufgabe habe, „den Sprung von einer rational weitgehend beherrschten Welt in eine Unmittelbarkeit des Seins als unvollziehbar zu enthüllen. […] Heute, da man überall vor wissenschaftlicher Objektivität als einem Abweg der Erziehung warnt und Geist überhaupt entwertet, ersteht dem Judentum eine rationale Erziehungsaufgabe, die sich jedoch selbst immer wieder ihrer Teilhaftigkeit im Erziehungsganzen bewusst werden muss.“ Für Bergel verlangt das keine Rückkehr zu einer obsoleten Gelehrtenerziehung, sondern die Hinwendung zu einer „rationalen Gesinnung“, die nicht an die Tätigkeit eines Wissenschaftlers gebunden sei, sondern sich in jeder Aussage über die Wirklichkeit beweisen müsse, „ob sie nun von einem Chaluz, einem jüdischen Kaufmann oder einem Rabbiner ausgesprochen wird“.
Für Kurt Bergels Begriff von rationaler Gesinnung ist es konstitutiv, sich mit dem Begriff der Objektivität auseinanderzusetzen und zu fragen, „ob und wie es eine Objektivität in der Betrachtung geschichtlicher Tatsachen überhaupt geben könne“. Das verlange nach einem Misstrauen gegen angeblich vorurteilsfreie Aussagen, und zu diesem Misstrauen müsse jeder Schüler erzogen werden. Mit dem schönen Satz „Es gibt eine Objektivität, die ein allzu sanftes Ruhekissen ist.“ wendet er sich dagegen, dies als Programm zur Verunsicherung abzutun, denn erst „diese Kritik an der Objektivität aus der Erkenntnis, daß man selbst in jeder Aussage an seine eigene Grundlage letztlich gebunden bleibt, gibt dem Schüler erst das Gefühl der Sicherheit, wenn er die eigene Voraussetzung selbst einmal durchschaut hat. […] Erst wenn er von seinem individuellen und gesellschaftlichen Standort aus vor allem als Jude zu fragen gelernt hat, erschließt sich ihm eine lebendige Objektivität.“
Der Begriff der „rationalen Gesinnung“ erfährt vor diesem Hintergrund seine volle Entfaltung: