Die Synagogenorgel ist eine Pfeifenorgel, die für eine Synagoge gebaut wurde und liturgischen Zwecken dient. Die Synagogenorgel hielt zu Beginn des 19. Jahrhunderts Einzug in den Reformgemeinden, die orthodoxen Gemeinden lehnten sie ab. Während der Novemberpogrome 1938 wurden fast alle Synagogenorgeln in Deutschland zerstört. Die Anzahl der Synagogenorgeln liegt heute weltweit bei unter 100.

Geschichte Die ersten Synagogenorgeln sind in Prag für das Jahr 1594 und für das 17. Jahrhundert und in Venedig für das 17. Jahrhundert nachweisbar.Frühauf: Orgel und Orgelmusik in deutsch-jüdischer Kultur. 2005, S. 35–40. In Deutschland war die Einführung der Orgel erst durch die jüdische Aufklärungsbewegung der Haskala möglich. Durch die Öffnung für die christliche Gesellschaft glich sich der jüdische Gottesdienst in den reformorientierten Gemeinden dem protestantischen Gottesdienst an. Nachdem Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Synagogen die Liturgie verkürzt und der Chorgesang, der Gemeindegesang und Predigt und Gebete in der Landessprache eingeführt worden waren, hielt auch die Orgel in deutschen reformgesinnten Synagogen Einzug.Michael Gassmann: Das Symbol der Synagogenorgel. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29. Januar 2007, abgerufen am 4. Februar 2021. Allerdings blieb das Reformjudentum weitgehend auf Mitglieder der Oberschicht in mittelgroßen und größeren Städten beschränkt. Israel Jacobson ließ im Jahr 1810 für die Jacobsonschule in Seesen eine Orgel bauen. 1815 wurden in Berlin und 1816 in Kassel erstmals synagogale Lieder auf der Orgel begleitet. Für den Hamburger Israelitischen Tempel entstand 1818 die erste in einer deutschen Gemeindesynagoge stehenden Synagogenorgel.

Zu einer Verbreitung der Synagogenorgeln kam es, als die zweite deutsche Rabbinerversammlung 1845 ihren Bau gestattete. In den Folgejahren bauten führende deutsche Orgelbauer ihrer Zeit wie Buchholz, Ladegast, Sauer und Walcker & Cie. Instrumente in Berlin (private Synagoge, 1846), Hildesheim (1850), Mainz (1853), Berlin (Neue Synagoge, 1854), Mannheim (1855), Leipzig (1856).Jürgen Rodeland, Achim Seip: Beiträge zur Erfassung von Synagogenorgeln. In: Orgel International. 1991, Heft 1, S. 16. Walcker baute allein zwischen 1910 und 1914 fünf Orgeln mit über 50 Registern für deutsche Synagogen.Jürgen Rodeland, Achim Seip: Beiträge zur Erfassung von Synagogenorgeln. In: Orgel International. 1991, Heft 1, S. 19–20. Die konstruktiven Bauprinzipien unterschieden sich nicht von Kirchenorgeln. In Synagogen wie in Kirchen wurden sie in der Regel auf der Empore aufgestellt. Konnte sich eine liberale Gemeinde keine teure Orgel leisten, schaffte sie ein Harmonium an.Martin Geisz: Harmonium-Instrumente in Synagogen, S. 2. Abgerufen am 4. Februar 2021 (PDF). Die meisten Gemeinden standen der Orgel kritisch gegenüber, da sie als christliches Instrument betrachtet wurde und aus dem traditionellen Respekt gegenüber dem zerstörten Jerusalemer Tempel das Musizieren am Sabbat unterbleiben sollte. Als die Rabbinerversammlung 1869 in Leipzig die Anschaffung von Orgeln empfahl und 1871 jüdischen Organisten das Orgelspiel am Sabbat erlaubte, nahm die Verbreitung der Synagogenorgel einen weiteren Aufschwung, sodass in fast allen deutschen Großstädten Orgeln in Synagogen erklangen. Bis ins 20. Jahrhundert hinein spielten allerdings überwiegend christliche Organisten auf Synagogenorgeln. Die orthodoxen Gemeinden blieben bei ihrer kritischen Haltung gegenüber der Orgel. In mehreren Städten wie Erfurt, Frankfurt, Mainz, Worms und Zürich führte die Einführung der Orgel zur Spaltung in eine orthodoxe und eine liberale Gemeinde.Forschungsprojekt: Synagogenorgeln in Deutschland. Abgerufen am 4. Februar 2021. Teils umfangreiche synagogale Orgelmusik schrieben Louis Lewandowski, Josef Löw, Joseph Sulzer und Moritz Deutsch.

Fast der gesamte Instrumentenbestand wurde in der sogenannten Reichspogromnacht 1938 vernichtet. In den knapp 130 Jahren konnte sich kaum eine spezifisch jüdische Orgelmusik ausprägen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Deutschland nur in Einzelfällen Synagogenorgeln gebaut. Heute gibt es in Deutschland nur noch Synagogenorgeln in der Frankfurter Westend-Synagoge und in der Synagoge Saarbrücken, die beide 1950 gebaut wurden, sowie in der Synagoge Rykestraße (Berlin). In der Bielefelder Synagoge, einer ehemaligen Kirche, wurde die bestehende Orgel übernommen.Paul-Gerhardt-Kirche | Synagoge „Beit Tikwa“ Bielefeld. Abgerufen am 4. Februar 2021. Eine Orgel aus Berlin steht seit 2011 in der Villa Seligmann in Hannover. In Europa finden sich die meisten Synagogenorgeln in Tschechien (16 Werke). Außerhalb Europas gibt es nur noch in den USA eine größere Anzahl von Synagogenorgeln (etwa 50 Instrumente).Jürgen Rodeland, Achim Seip: Beiträge zur Erfassung von Synagogenorgeln. In: Orgel International. 1991, Heft 1, S. 20.

Bestehende Synagogenorgeln (Auswahl) Ort Staat Gebäude Bild Orgelbauer Jahr Man. Reg. Bemerkungen Arad Rumänien Alte Synagoge()Anton Dangl 1864 II/P 17 Baltimore USA Baltimore Hebrew CongregationEintrag in der Pipe Organ Database, abgerufen am 14. Mai 2022M. P. Möller 1951 II/P 26 Opus 8290 Berlin Deutschland Synagoge Rykestraße()W. Sauer Orgelbau 1960er I/P 7 Positiv op. 1735 Berlin Deutschland Synagoge Pestalozzistraße() Digitalorgel Bielefeld Deutschland Neue Synagoge Beit Tikwa() II/P Die bestehende Paul-Gerhardt-Kirche wurde 2008 zur Synagoge Beit Tikwa umgebaut und die bestehende Orgel übernommen. Die jüdische Gemeinde nutzt die Orgel regelmäßig für Gottesdienste. Budapest Ungarn Große Synagoge() zentriert|160x160pxJehmlich 1996 IV/P 63 Neubau; viermanualiger Spieltisch der Orgel des 19. Jahrhunderts in der Villa Seligmann erhalten Cottbus Deutschland Synagoge()W. Sauer Orgelbau 1960er I/P 7 Die Schlosskirche wurde 2015 zur Synagoge umgewidmet und die bestehende Orgel übernommen. Frankfurt am Main Deutschland Westend-Synagoge() zentriert|160x160pxE. F. Walcker & Cie. 1950 III/P 36 La Chaux-de-Fonds Schweiz Synagoge()Orgelbau Kuhn 1910 II/P 10 renovierungsbedürftig und gegenwärtig nicht in Gebrauch London Vereinigtes Königreich West London Synagoge() Harrison & Harrison 1908 IV/P 55 elektropneumatische Schleiflade; 2007 Restaurierung Los Angeles USA Congregation Sinai Synagogue() Harris & Co. 1909 II/P 11 Luxemburg (Stadt) Luxemburg Synagoge() Georges Haupt 1952 II/P 21 Nancy Frankreich Synagoge()Edmond Alexandre Roethinger 1948 II/P 11 New York City USA Central Synagogue() zentriert|160x160px Casavant Frères 2002 IV/P 46 New York City USA Central Synagogue() Casavant Frères 2001 III/P 9 Chororgel Paris Frankreich Grande Synagogue() Merklin 1875 II/P 26 Paris Frankreich Synagoge der Rue Notre-Dame-de-Nazareth()Cavaillé-Coll 1852 II/P 11 Paris Frankreich Synagoge Buffault() zentriert|160x160px unbekannt 1970 II/P 13 Die romantische Orgel wurde 1970 aus Teilen zweier historischer Orgeln (Abbey und Cavaillé-Coll) erbaut. Eine Besonderheit ist die sehr niedrige Aufstellung in den tribünenartigen Rängen der Empore, sodass das Instrument von unten faktisch unsichtbar ist. Paris Frankreich Synagoge des Tournelles() unbekannt Pittsburgh USA Temple Rodef Shalom() zentriert|160x160px Kimball & Co. 1907 IV/P 51 Prag Tschechien Jerusalemsynagoge() zentriert|160x160pxEmanuel Štepán Petr Prag Tschechien Spanische Synagoge() zentriert|160x160pxKarel Schiffner 1870 II/P 20 Reims Frankreich Synagoge() zentriert|160x160pxAugustin Brisset 1901 II/P 14 2013 Restaurierung Rom Italien Große Synagoge() Gebr. Rieger 1904 II/P 17 2011 restauriert. Saarbrücken Deutschland Synagoge Saarbrücken()Edmond Alexandre Roethinger 1950 II/P 19 Syracuse (New York) USA Temple Concord() zentriert|160x160px Tellers Organ Company 1965 III/P 33 Szeged Ungarn Neue Synagoge zentriert|160x160pxCarl Leopold Wegenstein 1903 II/P 21 2000/2001 Restaurierung Versailles Frankreich Synagoge()Aristide Cavaillé-Coll 1887 I/P 5 später auf III/P/16 erweitert

Ehemalige Synagogenorgeln (Auswahl)