Die Mobile Akademie Berlin (MAB) ist ein wechselndes Ensemble aus Künstlern, Wissenschaftlern und Architekten unter der Leitung von Hannah Hurtzig und Marian Kaiser. Die MAB inszeniert international Bühnenauftritte und Versammlungsstätten des Wissens und des gesprochenen Wortes. Ihre großformatigen Installationen, Inszenierungen und Performances für bis 1000 Zuschauer operieren im Zwischenbereich von Theater, Wissenschaft und Kunst. Ihre Arbeiten basieren oft auf mehrmonatigen lokalen Recherchen, die das Wissen einer Stadt oder eines Ortes über ein bestimmtes Thema versammeln. Das bekannteste Format der MAB ist der „Markt für Nützliches Wissen und Nicht-Wissen“.
Die Mobile Akademie Berlin Seit ihrer Gründung im Jahr 1999 bei der „Internationalen Theaterakademie Ruhr“ inszeniert die MAB „Bühnenauftritte und Versammlungsstätten des Wissens und Nicht-Wissens“ in eigens entworfenen Bühnenarchitekturen und performativen Schauplätzen. Die in den 2000er und 2010er Jahren produzierten Aufführungen und Installationen der Mobilen Akademie Berlin befassen sich oft mit akademischem Wissen und Wissenschaftssprache. Sie verbinden aktuelle politische und gesellschaftliche Themen mit akademischem Diskurs und Beiträgen wechselnder Akteure und Experten aus unterschiedlichen Bereichen, wobei der Begriff der Experten vor allem darauf verweist, dass keine Schauspielerinnen auftreten, sondern Menschen aus allen Lebensbereichen auftreten. In den letzten Jahren entstanden verschiedene kollektive Lern- und Produktionsräume zur Wissensvermittlung an unterschiedlichen Orten der Welt, unter anderem in Nowosibirsk, Tel Aviv, Delhi, São Paulo und Taipeh.
In den 2010er Jahren realisierte die MAB jedes Jahr eine Produktion, die sich mit der „anwesenden Abwesenheit der Toten“ und den spätmodernen Lebenswissenschaften beschäftigte. Nachdem zunächst die Untoten ein zentrales Thema ihrer Produktionen darstellten,Die Untoten, Life Science & Pulp Fiction abgerufen am 16. Dezember 2017. waren in den folgenden Jahren stärker die Toten anwesend in den Arbeiten, z. B. in den Aufführungen zum Milieu der Toten in Wien, Hamburg und Berlin. In den letzten Jahren arbeitete die MAB zur Möglichkeit einer Entleerung europäischer Museen und Archive sowie zu Fragen der Erinnerung. Ihre aktuelle Produktion „Memory, Speak“ setzt eine Reihe von Erinnerungsprojekten fort, die im Jahr 2000 mit der Filiale für Erinnerung auf Zeit, inspiriert von Aleida Assmann, begann und unter anderem eine Reihe von Projekten in Kollaboration mit der kolumbianischen Wahrheitskommission umfassen.
Neben ihren Installationen und Performances produziert die MAB Videoarbeiten und künstlerisch-wissenschaftliche Publikationen. Einige Veranstaltungen werden nicht von der MAB selbst organisiert, sondern im Lizenz- und Copyleft-Verfahren vergeben. Die MAB nimmt alle Gespräche, die seit 1999 mit Experten aus aller Welt geführt wurden auf und speist sie in ein Online-Archiv ein. Zudem wurden verschiedene mobile Archiveinheiten entwickelt, z. B. in der Form eines russischen Kiosks, eines Flightcase oder einer Filmkulisse. Die mobilen Archiveinheiten sind sowohl Aufzeichnungs- wie Abspielmedien, in ihnen werden Ereignisse live gezeigt, aufgenommen und an anderen Orten wieder abgespielt.
Markt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen Der „Markt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen“ (bis 2020 „Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen“) fand bisher 36 Mal in über zwanzig verschiedenen Ländern statt. Jeder Schwarzmarkt präsentiert ein spezifisches Thema. Bis zu 100 vorrangig lokale Experten aus verschiedenen Bereichen und Disziplinen bieten ihr Wissen in 30-minütigen Vieraugengesprächen an Einzeltischen an. Das Publikum kann entweder Dialoge mit den Experten führen oder per sogenanntem „Markt-Radio“ über Kopfhörer in ausgewählte Gesprächen hineinhören. Zwischen intimer Unterhaltung und konzentriertem Austausch einerseits und öffentlicher Unterhaltung andererseits, soll so ein gemeinsamer Diskurs- oder Kommunikationsraum entstehen, in dem Lernen und Verlernen, Wissen und Nicht-Wissen, auf nicht-institutionellem Weg ihren Besitzer wechseln. Experten können Wissenschaftler, Handwerker, Künstler, Philosophen oder der Nachbar sein, der ein spezifisches Wissen zu dem übergreifenden Thema hat und es teilen möchte.
Der Markt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen folgt einem strikt getakteten dramaturgischen und administrativen Ablauf. Der Zuschauer, bzw. „der Klient“ kann zwischen mehreren Experten oder „Wissensdienstleistern“ wählen. Über jedem Experten-Tisch hängt eine Edison-Glühlampe, die aufleuchtet, wenn die Runde beginnt. Bereits beim Betreten des Markts wird den Zuschauern eine ausführliche Enzyklopädie überreicht, auf der alle Gespräche verzeichnet sind. Die Enzyklopädie dient der Information und Wissensorganisation, ist jedoch versehen mit absurden Assoziationen. Karin Harrasser spricht von einer „pataphysischen Taxonomie“.Karin Harrasser „A Personal Alphabeth. Hannah Hurtzig’s Blackmarket of Useful Knwoledge and Non-Knowledge“, in Florian Malzacher und Joanna Warsza, Empty Stages, Crowded Flats: Performativity as Curatorial Strategy, Alexander Verlag 2017. In jedem Schwarzmarkt hängt ein Schild mit dem Oswald Wiener Zitat: „Erst als ich hörte, wie Du mich verstehst, wusste ich, was ich gesagt habe.“
Wolfgang Behrens hebt in seinem Artikel „Intime Bekenntnisse eines Schwarzmarkt-Besuchers“ hervor, dass es nicht darum geht, den Besuchern „vorhandenes Wissen einzutrichtern“, sondern viel mehr darum, in sokratischem Dialog „Wissen und Nicht-Wissen aus dem jeweiligen Gesprächspartner herauszuziehen“. Bojana Cvejic weist darauf hin, dass der Schwarzmarkt ein Ort ist, an dem Wissen zugleich produziert und präsentiert wird.Bojana Cvejic „Produktion vortäuschen, halluzinieren und ausschöpfen. Der Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen“ Jenseits klassischer Repräsentationslogiken des Theaters entsteht so ein Ort, der laut Dirk Baecker die komplizierte „Ökonomie des Wissens“ inszeniert und Kommunikationsprozesse im Vollzug beobachtbar werden lässt.Dirk Baecker: Als Experte auf einem „Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen“. In: Wozu Theater? In der Reihe Recherchen 99, Theater der Zeit Hierbei würde das Theater zum Ort einer kritischen Beobachtung der Art und Weise auf, wie in der Gesellschaft Wissen kommunikativ erzeugt und verarbeitet wird und zu einer Reflexion über Öffentlichkeit. Das Theater beobachtet sich, wie auch die Zuschauer, selbst beim Beobachten.Hannah Hurtzig: Erst als ich hörte, wie du mich verstehst, wusste ich, was ich gesagt habe, in: Hermann Parzinger, Stefan Aue, Günbter Stock (Hrsg.): ArteFakte: Wissen ist Kunst – Kunst ist Wissen. Reflexionen und Praktiken wissenschaftlich-künstlerischer Begegnungen. Transcript Verlag, Bielefeld 2014. Markus Krajewski hat auf die besondere Rolle der Glühbirne auf dem Schwarzmarkt hingewiesen.Markus Krajewski: Das Geheimnis des Dilettanten. Ein Fachmann sein, 30m lang. In: Philipp Blom: Ich fürchte die Danaer, Überlegungen zum Schwarzmarkt-Thema „Die Gabe“.
Die Szenographie des Marktes spielt mit der Metapher des Archivs und referiert auf Versammlungsstätten wie den Lesesaal, die Börse, den Wartesaal. Märkte stellen in ihrer Wissensorganisation ein analoges Modell, oder analoges Gegenmodell, zu Wikipedia dar. Der Schwarzmarkt wird hier verstanden, als ein Raum des in Körpern und Personen gebundenen kulturellen Gedächtnisses, der antritt gegen ein an Datenbanken delegiertes Gedächntis. An diesem Ort wird ein Gedächtnis trainiert, das selbstständig Assoziationen produziert und knüpft und sich nicht von Speicherkapazitäten und Suchfunktionen technischer Geräte abhängig macht.
Auf dem Markt wird nicht nur Wissen, sondern auch Nichtwissen gehandelt. Nichtwissen wird jedoch im Verständnis der MAB als das Gegenteil von Wissen oder Ignoranz verstanden, sondern als Rückzugsort für alle die „Dinge, die noch nicht definiert wurden, noch nicht Teil des Kanons sind, die aber trotzdem existieren.“Handbuch Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen
Performative Installationen und inszenierte Kongresse Die performativen Installationen der Mobilen Akademie Berlin bringen häufig akademisches Wissen und wissenschaftliches Sprechen mit fiktionalen Erzählungen in theatrale Zusammenhänge. Sie erzeugen Situationen öffentlicher Intimität und zeichnen sich durch ein Verweben von Geschichte und Geschichten, Fakten und Imaginationen aus. Ein weiteres Merkmal der Aufführungen ist, dass sie sich nicht als Präsentations-, sondern als Produktionsstätten des Wissens, des Dialogs oder der Erzählung verstehen. So versuchen die aktuellen Arbeiten zur Gedächtnis- und Erinnerungskultur im deutschsprachigen Raum nicht den herrschenden Diskurs abzubilden, sondern den „Akt des Erinnerns und die Erinnerungen der Leute selbst – in all ihrer Detailliertheit, Prekarität und fulminanten Inkohärenz“ auf die Bühne zu holen. Menschen erinnern live auf der Bühne biographische Situationen.
Der Kunst- und Theaterwissenschaftler Jasper Delbecke bezeichnet die sich über mehrere Bühnen hinweg erstreckenden performativen Installationen der Mobilen Akademie in seiner Dissertation als "essayistisch". Ein gutes Beispiel für diese Art der Arbeit ist „Die Stillgestellten/Salle des Pas Perdus. Das Meer als Transitraum zwischen Leben und Tod“, in der der Zuschauer einen Parcours von sechs simultan ablaufenden Stationen durchläuft. In einer der Stationen versuchten Theoretiker mit philosophischen Mitteln über eine Verbesserung des Milieus der Toten nachzudenken. In einer anderen Station spielt die amerikanische Expertin für Black Studies Christina Sharpe mit den investigativen Journalisten Max Mönch und Alexander Lahl einen fiktiven Fall durch, in dem die unterseeischen Gebietserweiterungen im Zuge der Entscheidungen der Kommission zur Begrenzung des Festlandsockels auf die angestammten „aqua-utopischen“ Sphären der Waterbabies des „Black Atlantic“ treffen. In weiteren Stationen erzählte der Autor und DJ Thomas Meinecke die Geschichte des „Black Atlantic“ in Songs und Tracks der letzten 50 Jahre oder man konnte einem Casting und Workshop für Leichendarsteller unter der Leitung von Vaginal Davis und Susanne Sachsse beiwohnen.
Die bisher größte Veranstaltung der Mobilen Akademie zum Thema der Lebenswissenschaften fand im Mai 2010 unter dem Titel „Die Untoten – Life Sciences and Pulp Fiction“ auf Kampnagel in Hamburg statt. Der „inszenierte Kongress“ war ein Initiativprojekt der Kulturstiftung des Bundes in Kooperation mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Unter anderem nahmen Vinciane Despret, Joseph Vogl, Sander L. Gilman, Sandy Stone, Mark Ravenhill, Jae Rhim Lee, Dorothee Wenner, Klaus Theweleit, Nicole C. Karafyllis und Bruce LaBruce teil.
Die erste Installation der Mobilen Akademie Berlin (Konzept Hannah Hurtzig und Anselm Franke) war die „Filiale für Erinnerung auf Zeit“,http://www.mopo.de/hamburger-kammerspiele---filiale-fuer-erinnerung-auf-zeit----ein-interaktives-theater-projekt-dialoge-vom-keller-bis-zum-dach--19778642 die im Jahr 2000 in Hamburg aufgeführt wurde, mit u. a. Harun Farocki, Christoph Schlingensief, Alexander von Plato, Jürgen Kuttner, Angela Richter, Daniel Richter, Ulrike Poppe, Lilo Wanders, Wolfgang Ernst.
Memory, Speak! Über die Gegenwart und einige zukünftige Ereignisse, Akademie der Künste, Berlin, 2025 Triage / Alles Muss Raus, Haus der Kulturen der Welt, Berlin, 2022 Chronik einiger zukünftiger Ereignisse, Espacio Odeon, Bogotá, 2018 Das Milieu der Toten. Teil 2, The Afterlife of Slavery. Villa Elisabeth, Berlin 2017 Das Milieu der Toten. Teil 1, Der Antrag. Silent Green, Berlin 2017 Die Stillgestellten oder Salle des Pas Perdus. Kampnagel, Hamburg, 2017 Gespräche aus der Dunkelkammer. Ein Apparat zur Animation verlorener und geschwärzter Texte, Novosibrisk 2016