Evangelische Erwachsenenbildung bezeichnet eine Sonderform der allgemeinen Erwachsenenbildung, die sich durch besondere Inhalte, pädagogische Konzepte und Zielgruppen auszeichnet.Andreas Seiverth (Hg.): Jahrbuch Evangelische Erwachsenenbildung, Leipzig 2011 Ähnlich wie ihr katholisches Pendant (Katholische Erwachsenenbildung) fußt sie auf der jüdisch-christlichen Tradition und dabei vor allem auf der Botschaft des Evangeliums. Abweichend von katholischer Erwachsenenbildung beruht sie darüber hinaus auf der Reformation und ihrer Befreiungsbotschaft. Wie aus den unterschiedlichen Angeboten und institutionellen Formen evangelischer Erwachsenenbildung hervorgeht, stehen gesellschaftliche Themen im Mittelpunkt der Veranstaltungen, die ein Diskussionsforum bieten, aber auch Orientierungshilfen. Die Angebote zeigen weiterhin, dass mit „evangelisch“ ein ökumenischer und interkultureller Ansatz gemeint ist. mini|Akademie Tutzing
Organisationsformen evangelischer Erwachsenenbildung
Auf europäischer Länderebene bewegt sich seit der Reformation evangelische Bildungsarbeit im Wechselspiel von Kirche, Staat und Gesellschaft, wie sich vor allem am konfessionellen Religionsunterricht zeigt, aber auch im Bereich der Arbeit mit Erwachsenen. In den von der Reformation geprägten Ländern und Gesellschaften fällt auf, dass in den nachreformatorischen Jahrhunderten durch Aufklärung und Erweckung neben dem aufklärerischen der diakonische Aspekt verstärkt in den Mittelpunkt trat.Hans Peter Veraguth, EB zwischen Religion und Politik, Stuttgart 1976 Deutschland hat dabei eine Sonderrolle durch die Organisation von deutschlandweiter Kirche (EKD), Landeskirchen und Kirchenkreisen, die sich auch in der Organisation evangelischer Erwachsenenbildung widerspiegelt: Auf EKD-Ebene sammelt der Evangelische Erwachsenenbildung - Bundesverband (bis 2023 Deutsche Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung) alle Aktivitäten bundesweit, die von ihren Unterorganisationen in den Landeskirchen und auf Kirchenkreis- sowie Gemeindeebene durchgeführt werden; DEAE (1978), Die Erwachsenenbildung als ev. Aufgabe. Karlsruhe. eine ähnliche Struktur lässt sich im Bereich der Anglikanischen Kirche erkennen, wo das intergenerationelle Lernen betont wird.Church of England (Ed.) Vision for Education, London 2016 Auf europäischer Ebene waren Mitarbeitende der evangelischen Erwachsenenbildung im Protestant and Anglican Network for life-long learning (EAEE) organisiert, das sich 2024 auflöste. Auf europäischer Länderebene dagegen ist Erwachsenenbildung primär staatlich organisiert, kirchliche Aktivitäten primär auf Gemeindeebene.EAEA(Ed.): Adult Education in Europe 2014 – A Civil Society View Analog zum Deutschen Volkshochschulverband, gibt es auch in anderen Ländern Vereinigungen von Weiterbildungsorganisationen, die dadurch Synergien anstreben.European Association for the Education of Adults
Auf regionaler Ebene zeigen Stadtakademien, wie sich dieser Ansatz kommunal ausrichtet. Friedrich Keienburg: Ev. Erwachsenenbildung als Aufgabe der Ev. Akademien. In: EBW (Hg.). 1970-95: Anstöße, Ideen, Konzepte. Dortmund 1985, 20-25. Neben diesen Formen finden sich auch Vereine, die sich diesem Ansatz verpflichtet fühlen und Informations-, Gesprächs- und Teilhabeansprüche zwischen Institutionen und Individuen vermitteln. Franz-Josef Hungs, Theologische Erwachsenenbildung als Lernprozess, Mainz 1976.; Herbert Rösener: Erwachsenenbildung als Aufgabe der Kirche, Bielefeld 1972; Helmut Schelsky, „Ist die Dauerreflexion institutionalisierbar?“, ZEE 1/1957, 153-174; Hans-Peter Veraguth: „Erwachsenenbildung zwischen Religion und Politik“, Stuttgart 1976
Auf Gemeindeebene begegnet evangelische Erwachsenenbildung als transitorische, kompensatorische, komplementäre oder politische Bildung, wo es ebenfalls um adressatenorientierte Klärung individueller und gesellschaftlicher Voraussetzungen, Kontexte und Bedingungen der jeweiligen Lernsituation geht.Klaus Wegenast: Evangelische Erwachsenenbildung, in: Gottfried Adam/Rainer Lachmann (Hg.), Gemeindepädagogisches Kompendium, Göttingen 1994, 379-413
Konzeptionen evangelischer Erwachsenenbildung Betrachtet man die Konzepte evangelischer Erwachsenenbildung der letzten Jahrzehnte, steht entweder die Daseins- und Handlungsorientierung durch Bewahrung des Humanum in der Gesellschaft, Franz Henrich und Wolfgang Böhme: Erwachsenenbildung in der pluralen Gesellschaft, Düsseldorf 1978 die Sprachschule der Freiheit, Ernst Lange/Rüdiger Schloz: Schule der Freiheit, München 1980 die christliche Menschenbildung Andreas Dannemann: Das Humanum in der Erwachsenenbildung, in: Bienert, W. (Hg.): Evangelische Erwachsenenbildung, Weiden 1967 oder die Bildungsdiakonie Werner Bienert: Evangelische Erwachsenenbildung als Bildungsdiakonie - Theologische Grundlegung, in: Ders. Evangelische Erwachsenenbildung, Weiden 1967 im Mittelpunkt. Zusammenfassend beschrieb 1983 die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) Erwachsenenbildung als Lebensfunktion der Kirche und theologisch notwendige Aufgabe im Rahmen kirchlicher Bildungsverantwortung. Begründet wurde das damit, dass Erwachsenenbildung den einzelnen Menschen entweder als Medium zur Begleitung und Orientierung in der Pluralität von Lebensstilen und Wertorientierungen dienen oder zur zentralen, in der Praxis meist relativ unverbindlichen Bindung in einem optionsoffenen Lebenskonzept werden sollte. EKD (Hg.): Orientierung in zunehmender Orientierungslosigkeit, Gütersloh 1997 Auch die empirischen Studien zur Ev. Erwachsenenbildung, die sich auf die Statistiken der DEAE und ihrer Mitglieder stützen, zeigen die Vielfalt der Modelle (inklusive Kirchenmusik) auf den verschiedenen Ebenen kirchlichen Handelns auf.Volker Elsenbast/Dietlind Fischer/Albrecht Schöll|/Matthias Spenn: Evangelische Bildungsberichterstattung. Studie zur Machbarkeit. Comenius Institut 2008
Geschichte evangelischer Erwachsenenbildung Die jüngere Entwicklungsgeschichte evangelischer Erwachsenenbildung im Rahmen der allgemeinen Erwachsenenbildung Hans Tietgens (Hg.): Zugänge zur Geschichte der Erwachsenenbildung, Bad Heilbrunn/Obb. 1985 lässt sich in unterschiedliche Phasen einteilen: Karl Ahlheim: Zwischen Arbeiterbildung und Mission, Stuttgart 1982; Werner Seitter: Geschichte der Erwachsenenbildung, Bielefeld 2007 Während in der frühen Neuzeit das Erwachsenenkatechumenat – beeinflusst durch die Reformation – durch die Förderung allgemeiner religiöser Bildung (Bibelübersetzung, Katechismen) abgelöst wurde, sorgte die Aufklärung im 18. Jahrhundert für eine Säkularisierung evangelischer Bildungsarbeit. Bauern-, Arbeiter- und Handwerkervereine, Lesegesellschaften, Sonntags- und Abendschulen wurden gegründet, das Lernen somit von sozial definierten Gruppen selbst organisiert. Im Zuge der Reformbewegung in der Weimarer Republik bekam Erwachsenenbildung eine sozial-integrative Funktion, die seit den 1980er Jahren im Zuge der Alltagswende und der Rückbesinnung auf das Individuum durch eine identitätsstiftende Funktion erweitert wurde, wie sich nicht zuletzt an zahlreichen Publikationen zeigte; dadurch erwies sich evangelische Erwachsenenbildung als nicht nur kirchen- oder gemeindeorientiert, sondern wurde als Bildungsdiakonie, theologische Information, Sprachschule oder als Dialog zwischen Kirche und Welt konzipiert.Hans Peter Veraguth, EB zwischen Religion und Politik, Stuttgart 1976 Diese verschiedenen Konzepte wurden ab 1990 zunehmend integriert, indem z. B. Probleme der Geschlechtergerechtigkeit, der Interkulturalität und der Ökumene in den Mittelpunkt traten. Daneben blieb die Spannung zwischen eher volksmissionarisch-kirchlich orientierter und eher gesellschaftsbezogen-allgemeindidaktischer Ansätze virulent.Günter Strunk, Art. Erwachsenenbildung, in: TRE, Bd. 10, 1982, 180; Klaus Wegenast: Evangelische Erwachsenenbildung, in: Gottfried Adam/Rainer Lachmann (Hg.), Gemeindepädagogisches Kompendium, Göttingen 1994, 379-413.
Themen evangelischer Erwachsenenbildung Zentrales konzeptionelles Leitprinzip evangelischer Erwachsenenbildung wie für die nichtberufliche Erwachsenenbildung insgesamt ist die Orientierung an der Lebenswelt von Individuen, Gruppen und Gesellschaften. Günter Apsel: Zum Auftrag ev. Erwachsenenbildung. In: EBW (Hg.). 1970-95: Anstöße, Ideen, Konzepte. Dortmund 1985, 26-37 Die sich daraus ergebenden Lernbedürfnisse der Menschen bestimmen die Lernangebote der Erwachsenenbildung. Institutionelle oder weltanschauliche Trägerinteressen treten demgegenüber in den Hintergrund. Daraus ergibt sich programmatisch, das neben theologisch und philosophisch orientierte Veranstaltungen auch solche treten, die sich Literatur und Kunst, pädagogischen, gesellschaftskritischen und naturwissenschaftlich-medizinischen Fragen widmen, wie der Blick auf die Programme der letzten Jahrzehnte zeigt. Geert Franzenburg: Go and do likewise, Norderstedt 2016
Methoden und Organisationsformen evangelischer Erwachsenenbildung Als lebensweltorientierte Bildung verbindet evangelische Erwachsenenbildung individuelles und soziales, vergangenheit- und zukunftsbezogenes Lernen, um selbstbestimmtes und partizipatorisches Lernen und Leben zu ermöglichen. Rolf Arnold: Lebendiges Lernen. Baltmannsweiler 1996 Dazu gehört eine entsprechende teilnehmerorientierte Kursgestaltung, in der Selbsterfahrungs- und Reflexionsphasen im Mittelpunkt stehen und die Inhalte vor allem als Impulse und Orientierungsangebote dienen. Wolfgang Bienert (Hg.): Evangelische Erwachsenenbildung. Weiden 1967; Günter Ebbrecht: Evangelische Bildung in weltbürgerlicher Verantwortung. Gütersloh 1992 Außerdem zeigt sich, dass auch sozial schwächere Gruppen, z. B. Geflüchtete, verstärkt zur Teilnahme eingeladen werden, um ihnen Partizipation am gesellschaftlichen Leben und Diskurs zu ermöglichen und auf unterschiedlichen Feldern sprachfähig zu werden. EKD (Hg.), Erwachsenenbildung als Aufgabe der Evangelischen Kirche, Gütersloh 1983 Angesichts der Unverfügbarkeit des Glaubens kommt es dabei auf ein mehrdimensionales Bildungsverständnis im Sinne einer „Glaubensbildung“ als Ein- und Nachbildung anhand europäischer Lernorte an.Eberhard Harbsmeier, Glaube und Bildung - Glaubensbildung Peter Bubmann, Glaubensbildung – Terminologische und Theoretische Annäherungen, in: Martin Friedrich/Hans Jürgen Luibl (Hg.): Glaubensbildung. Die Weitergabe des Glaubens im europäischen Protestantismus (dt. und engl.), Leipzig 2012, 48-88; Peter Bubmann, Glaubensbildung – Terminologische und Theoretische Annäherungen, in: Martin Friedrich/Hans Jürgen Luibl (Hg.): Glaubensbildung. Die Weitergabe des Glaubens im europäischen Protestantismus (dt. und engl.), Leipzig 2012, 89--
Europäische Beispiele evangelischer Erwachsenenbildung
mini|Philipp Melanchthon