rechts|310x310px mini|Münzporträt des Hadrian mini|Das Kastellplateau vom Süden aus gesehen, Lithographie von J. Kell aus dem 19. Jahrhundert mini|Ruine der mittelalterlichen Burg in der NO-Ecke des Kastells mini|Befundplan von 1937, Zustand im 3. Jahrhundert n. Chr. mini|Blick auf das Tal des Kirk Beck mini|Reste der südwestlichen Kastellumwehrung mini|Silberplatten für Cocidius aus der Principia des Kastells mini|Bauinschrift der Legio II Augusta mini|Bauinschrift der Legio II und Legio XX mini|Iupiteraltar der Cohors I Dacorum mini|Cocidiusaltar der Cohors I Nerviorum mini|Bauinschrift des Iupitertempels mini|Cocidiusaltar des Annius Victor mini|St.-Cuthbert-Kirche und Torso des Bewcastle Cross im südlichen Teil des Kastellgeländes

Fanum Cocidi war ein römisches Hilfstruppenkastell auf dem Gemeindegebiet (Parish) von Bewcastle, District Carlisle, County Cumbria, England.

Die erste dort archäologisch nachgewiesene Befestigung wurde Mitte des 2. Jahrhunderts, gleichzeitig mit dem Hadrianswall, errichtet. Zunächst als Erd- und Holzkonstruktion konzipiert, wurde es wenig später in ein Steinkastell umgebaut, das einen für diese Zeit ungewöhnlichen Grundriss hatte. Es diente als Vorfeldsicherung des Walls, wurde mehrmals umgebaut bzw. renoviert und im 4. Jahrhundert wieder aufgegeben. Eine römische Straße, der Maiden Way, verband Bewcastle mit dem Wallkastell Birdoswald. Im Mittelalter wurden innerhalb der römischen Festung eine Burg (Bewcastle) und die St.-Cuthbert-Kirche errichtet. Das Kastellareal und die Burg stehen heute unter dem Schutz von English Heritage. Eine kostenlos zu besichtigende Ausstellung – Bewcastle: Past and Present – befasst sich mit der Geschichte des Grenzlandes und des Dorfes, der Tierwelt und der Landschaft. Sie befindet sich in einem dafür adaptierten Gebäude auf dem Friedhof und ist täglich geöffnet. Die Schautafeln vor Ort beziehen sich auf das Kastell und die mittelalterliche Burg.

Name Der römische Name ist für diesen Platz nicht gesichert. William Camden und John Horsley nahmen an, dass es sich um die Station Apiatorium handelte; John Hodgson votierte für Banna. Beide Theorien sind heute jedoch eindeutig widerlegt. Fanum stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „Tempel“ oder „Schrein“. Cocidius war ein romano-britischer Kriegsgott, der auch von den im Nordbritannien stationierten römischen Soldaten verehrt wurde. Möglicherweise waren seine Darstellungen mit roter Farbe bemalt, sein Name könnte somit „der Rote“ (keltisch cocc-, walisisch coch), bedeuten. Der antike Ortsname wird nur in der Ravenna-Kosmographie des 5. Jahrhunderts als Fanocodi, zwischen den Stationen Bowness on Solway (Maia) und Brougham (Brocavum), erwähnt. Dieser Eintrag wird in der Forschung mit dem Kastell in Bewcastle gleichgesetzt, da auch von den neun bisher bekannten römischen Altären, die von dort stammen, sechs Cocidius gewidmet sind. Ob diese Interpretation tatsächlich korrekt ist, ist nur eine Vermutung, die noch nicht durch eindeutige epigraphische Funde bestätigt werden konnte.

Der heute gebräuchliche Ortsname leitet sich von búð, booth ab. Der Begriff stammt aus dem Altnordischen und bedeutet „provisorisches Gebäude“. Der Namensteil „castle“ im Ortsnamen bezieht sich vermutlich auf das römische Kastell. Auch lange Zeit nach ihrem Verfall blieben die Kastelle weithin sichtbare Landschaftsmarken und wurden im Volksmund ceaster genannt.Ravenna Nr. 155, Gough 1789, S. 200, Bruce 1867, S. 354, Rivet/Smith 1979–1982, S. 363, Birley 1961, S. 233, Green 1992, S. 62.

Lage Das Lager befand sich 11 km nördlich des Wallkastells Birdoswald (Banna) und 26 km von Carlisle (Luguvalium) entfernt. Heute befindet es sich größtenteils auf den Weidegründen der Demesne Farm. Es stand auf einem leicht nach Südwesten abfallenden Plateau, das an der Ost-, West- und Südseite durch eine 12 Meter hohe Steilkante geschützt ist. Zusätzlich bildeten die Schleife des Kirk Beck im Süden und ein Sumpf im Südwesten ein Annäherungshindernis. Vom Plateau aus hat man einen freien Blick auf das Flusstal des Kirk Beck, der im Süden vorbeifließt. Im Westen passiert der Hall Sike das Plateau und im Osten der Bride Gill. Das Plateau ragte etwas in das Tal des Kirk Beck hinein und liegt in einem natürlichen Becken, dessen Nord-, Ost- und Südseite halbkreisförmig von einer etwas höheren, teils bewaldeten Hügelkette umgeben sind. Deshalb war der Ausblick auf 1,6 km nach Norden und Süden und 3,2 km nach Osten begrenzt. Nur der Blick nach Westen ist unverstellt und man kann 5 km weit bis zu den Höhen bei Roadhead sehen. Das Kastell beherrschte damit gewissermaßen eine topographische Sackgasse. Wie die Vorpostenkastelle von Netherby (Castra Exploratorum) und Birrens (Blatobulgium) lag es etwa einen halben Tagesmarsch nördlich des Walls. Es war über eine Römerstraße (lateinisch: via Puellarum, altenglisch: Maydengathe) erreichbar, die heute als Maiden Way bekannt ist, eine etwa 32 km lange Straße, die Kirkby Thore (Bravoniacum) mit Carvoran am Hadrianswall (Magnae) verband. Sie verlief zuerst östlich nahe dem Stanegate nach Birdoswald, von dort 11 km Richtung Norden bis Bewcastle und vielleicht noch weiter bis Liddesdale. Ob es sich dabei aber immer um dieselbe Straßentrasse handelte, ist noch umstritten. Durch sie wurde der zentrale Abschnitt der Nordgrenze mit dem römischen Fernstraßennetz verbunden. Collingwood stellte fest, dass die Straße mehr oder weniger in einer geraden Linie auf das Kastell zulief und den Kirk Beck etwa 46 Meter östlich von Byer Cottage überquerte. Danach führte sie den Hang zum Plateau hinauf, direkt zum Osttor des Lagers.Bruce 1867, S. 354. Michie 1863, S. 73, Haverfield 1895, S. 428 ff, Taylor/Biggins 2012, S. 87, Lees/Overing 2010, S. 49–50.

Forschungsgeschichte Die Signalstation Robin Hoods Butts wurde 1901 von Francis Haverfield ausgegraben. Kleinere Ausgrabungen im Kastell wurden in den Jahren zwischen 1922 und 1978 vorgenommen, bei denen vor allem die Positionen einiger interner Gebäude festgestellt wurden. Die Frühgeschichte des Lagers wurde von Eric Birley zusammengefasst. Bei der im Jahre 1937 von Ian Richmond geleiteten Ausgrabung wurden die Ost- und Südwestmauer, das Nordwesttor, die Principia, das Prätorium und ein Kasernenblock untersucht. Das Badehaus in der Praetentura des Lagers wurde teilweise zwischen 1949 und 1954 freigelegt, die NW-Ecke zwischen 1977 und 1978. Paul Austen grub 1977–1978 in der Nordwestecke des Lagers und untersuchte dort einen Teil der Verteidigungsanlagen und einige Innengebäude. Die Ausgrabungsergebnisse aus den Jahren 1949, 1954 und 1956 wurden erst 1993 veröffentlicht. In den Sommermonaten von 2000, 2002, 2003 und 2008 wurden mehrere geophysikalische Vermessungen durchgeführt. 2012 wurde südlich des Kirk Beck ein Marsch- oder Baulager entdeckt.Topping 1987, S. 298–300.

Fundspektrum Im Umfeld des Kastells konnten weiters neun Altäre geborgen werden. Fünf waren dem germanischen Kriegsgott Cocidius gewidmet und ein weiterer seiner romanisierten Personifikation, dem Mars Cocidius. Nur einer war dem Mars Belatucadrus, zwei dem Iupiter Optimus Maximus geweiht. Zu den bemerkenswertesten Funden zählen die Votivgaben für den Gott Cocidius. Es handelt sich dabei um zwei, 89 × 113 und 57 × 79 cm große Silberplatten aus dem 3. Jahrhundert, die 1937 im Kellerraum unter dem Fahnenheiligtum der Principia gefunden wurden. Auf einer ist der Gott in einer Art Schrein, mit einem Speer in der rechten und einem Schild in seiner linken Hand, auf der anderen nur mit einem Speer dargestellt. In beiden waren auch Inschriften, Deo Cocidio und D(e)o Coc(i)dịo Av(e)ntinus f(ecit), eingeprägt. Die Platten befinden sich heute im Tullie House Museum. Sie wurden aus der Fundschicht des vierten Jahrhunderts, vermengt mit Artefakten aus dem dritten Jahrhundert, geborgen. Beifunde waren der Steinsockel einer Kaiserstatue, Fragmente von zwei bronzenen Buchstaben, das Bruchstück eines eisernen Donnerkeils von einer Kaiserstatue, sieben Eisenhülsen auf Eichenholzschäften für die Aufstellung von Feldzeichen oder Fahnen, eine eiserne Pfeilspitze und ein Schaftfragment aus Bronze. Weitere in der Nähe des Kastells gefundene römische Objekte umfassen eine gut erhaltene samische Schale (Form 37), die 1934 entdeckt wurde, und Keramikfragmente. Die Münzfunde wurden im Zuge der Ausgrabungen von 1937 (insgesamt fünfzehn Stück, einschließlich zwei unleserlichen) und 1977 (neun Stück), sowie weitere sechs Stück aus den Grabungen zwischen 1922 und 1962 gemacht. Von den 28 datierbaren Münzen wurden sechs in der Zeit der letzten Kaiser des gallischen Sonderreiches (Imperium Galliarum), Tetricus I. und Tetricus II. geprägt, plus vier weiteren aus der Mitte des 3. Jahrhunderts. Die Schlussmünze stammt aus den frühen 4. Jahrhundert und könnte ein Indiz dafür sein, dass das Kastell bis in diese Zeitperiode von den Römern besetzt war.Silberplatten: RIB 986, RIB 987, Shotter 1990, S. 49–50, Taylor/Biggins 2012, S. 82.

Entwicklung Vorrömische Zeit Das Plateau von Bewcastle dürfte schon seit der Bronzezeit besiedelt gewesen sein. Nahe der mittelalterlichen Burg und 800 Meter östlich von Woodhead wurden die Reste von Rundhütten (Steinkreise) beobachtet. Die Stätte dürfte also lange vor den Römern bekannt und, wie schon der Ortsname annehmen lässt, das Zentrum des Cocidiuskultes gewesen sein, das von den einheimischen Stämmen zur Zelebrierung religiöser Riten und Andachten aufgesucht wurde. An keinem Ort in Britannien wurden ähnlich viele Widmungen an diese Gottheit gefunden.

1. bis 2. Jahrhundert Der Maiden Way lief direkt an Bewcastle vorbei und war wohl eine der wenigen antiken Routen in den Norden, die auch mit Ochsenkarren passiert werden konnten, noch bevor die Römer um ungefähr 79 n. Chr. in diese Gegend vorstießen. Vielleicht stand hier einst ein Hillfort, das für das römische Kastell wiederverwendet wurde. Der Platz bot nebenbei auch eine gute Wasserversorgung, Baumaterial wie Holz, Steine und Sand war in der näheren Umgebung reichlich vorhanden. Im Jahre 122 befahl Kaiser Hadrian, im Norden Britanniens eine Sperrmauer, verstärkt durch Wachtürme und Kastelle, vom Tyne bis zum Solway-Firth zu errichten, um die britischen Provinzen vor den ständigen Einfällen der nördlichen Barbarenstämme zu schützen. Der Wall wurde größtenteils durch Soldaten der drei in Britannien stationierten Legionen und der Classis Britannica errichtet. Fünf Kastelle (zwei davon sollten zusätzlich das Stammesgebiet der verbündeten Briganten sichern) lagen als Vorposten nördlich des Hadrianswalles, um rechtzeitig vor Unruhen und möglichen Angriffen auf die Mauer zu warnen. Während des zweiten Jahrhunderts ging die größte Bedrohung von den Stämmen der Novantae und Selgovae aus, die im heutigen Dumfries und Galloway siedelten. Der Außenposten in Bewcastle sollte wohl einen natürlichen Geländeeinschnitt bzw. einen potentiellen Anmarschweg zum Hadrianswall kontrollieren, aber wohl keine überregionale Verkehrsverbindung. Es gibt bislang keinen archäologischen oder schriftlichen Beweis, dass sich der Maiden Way über Bewcastle hinaus fortsetzte. Man nimmt an, dass die Cohors I Aelia Dacorum zuerst ein Holz-Erde-Kastell (mindestens eines seiner Tore und die Principia waren aber von Anfang an aus Stein) errichtete. Während der Besetzung des Antoninuswalls wurde es 142 aufgegeben, nach Aufgabe des Walls aber um 163 wieder besetzt und in ein Steinlager umgebaut. In Bewcastle aufgefundene Bauinschriften weisen darauf hin, dass Vexillationen von allen drei in Britannien stationierten Legionen entweder am Bau oder der Renovierung von Gebäuden des neuen Kastells beteiligt waren.

3. bis 4. Jahrhundert