mini|Jürgen Rühle (1958) Jürgen Rühle (* 5. November 1924 in Berlin; † 29. Juni 1986 in Bonn), eigentlich Theo-Jürgen Albert Rühle, war ein deutscher Schriftsteller, Journalist, Herausgeber und Fernsehredakteur. Sein zentrales Thema als Autor zahlreicher kulturpolitischer und ideologiekritischer Bücher und Schriften war die Wechselbeziehung von Schriftstellern und Diktaturen. In zahlreichen Filmen für den Westdeutschen Rundfunk (WDR) nahm er zu Fragen der Bewältigung der deutschen Vergangenheit Stellung und wandte sich „gegen das Versinken in die Geschichtslosigkeit“.Peter Dittmar: Der Geschichte bewußt. in Die Welt, Hamburg, 1. Juli 1986, S. 23. Der ÖTV-Vorsitzende Heinz Klunker nannte ihn einen streitbaren „Anti-Opportunisten und Gegen-Hierarchen“,Heinz Klunker: Nachruf auf einen Grenzgänger in Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, Hamburg, 13. Juli 1986, S. 23. der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki einen „streitbaren Chronisten“, der „eine starke Wirkung ausgeübt“ habe.Marcel Reich-Ranicki, Der streitbare Chronist in Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurt, 2. Juli 1986, S. 23.
Die frühen Jahre (1924 bis 1950) Jürgen Rühle wurde 1924 als einziges Kind von Martin Theodor Rühle und Marie Rühle, geb. Krause, in Berlin geboren und wuchs in Berlin-Moabit auf. Von 1931 bis 1935 besuchte er dort die Grundschule und im Anschluss daran die Menzel-Oberschule in Berlin-Moabit. Im Juli 1942 wurde er nach dem Abitur zur Wehrmacht eingezogen und im April 1943 an die Ostfront nach Russland versetzt. Im Juni 1944 stieg er zum Leutnant auf und erlebte 1945 das Kriegsende bei Pacov im noch deutsch besetzten Böhmen / Tschechoslowakei, wo er sich in sowjetische Kriegsgefangenschaft begeben musste.Vgl. zu dem gleichen Schicksal: Niederschrift über eine betrogene Jugend von Wolfgang Schöler, Hubert Zecherle (Hrsg.), epubli, Berlin, 2010, ISBN 978-3-86931-611-6, S. 5 ff. Er verbrachte seine Gefangenschaft zunächst in Pacov und Deutsch-Brod in Böhmen, den größten Teil aber im Arbeitseinsatz in Tscheljabinsk, einer russischen Großstadt am Ural. Dort war er ab 1947 als Dozent der Antifa-Schule tätig und gründete zudem dort Kultur- und Theatergruppen. Obwohl er dabei auch die menschenverachtende Praxis des Sowjetsystems kennen lernte, war er dennoch zunächst vom Grundgedanken des Kommunismus angetan. Nach vier Jahren wurde er entlassen und kehrte im Mai 1949 nach Berlin zurück. Dort wohnte er in den westlichen Stadtteilen Lichterfelde (1950–1955) und Moabit (1949–1950, 1955–1957), begann aber dennoch seine journalistische Tätigkeit in Berlin-Mitte (damals Ostteil) im Juli 1949 als Volontär bei der Berliner Zeitung. Am 1. April 1950 wurde er dort Redakteur und kommissarischer Leiter des Kulturressorts. An der ebenfalls in Berlin-Mitte gelegenen Humboldt-Universität studierte er parallel dazu Germanistik, Philosophie, Literatur und Theaterkritik. Damals, so sagte er später, sei er geprägt worden von den Gedanken seiner Lehrer Alfred Kantorowicz, Hans Mayer, Victor Klemperer, Richard Hamann und Wolfgang Harich.
Im September 1950 heiratete er die Journalistin und spätere Schriftstellerin und Literaturkritikerin Sabine Brandt, im August 1951 kam sein einziger Sohn Dietrich zur Welt.
Leben als Schriftsteller (1950 bis 1962) Als Theaterkritiker und Feuilletonredakteur verfügte Rühle über ausgezeichnete Kontakte zur Schriftstellerszene Ostberlins und Intellektuellen wie Johannes R. Becher, Bert Brecht, Arnold Zweig, Ernst Bloch oder Georg Lukács. Ab Herbst 1952 arbeitete er zudem regelmäßig als Theaterkritiker für die Wochenzeitung Sonntag im Berliner Ostteil.Manfred Jäger: In Memoriam Jürgen Rühle. Deutschland Archiv, Köln, August 1986, S. 800 ff. Die Familie behielt aber trotz vieler Verlockungen der ostdeutschen Führung ihren Wohnsitz im Westteil der Stadt. Als Gegner der stalinistischen Kulturpolitik gehörte er zu den Wortführern des „Neuen Kurses“ und des „Revisionismus“. Wegen seines persönlichen und publizistischen Engagements gegen die sozialistische Kulturpolitik wurde Rühle schon seit 1951 wiederholt in der SED-Parteipresse, im SED-Zentralkomitee sowie in der Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten angegriffen.Andrea Brockmann: Erinnerungsarbeit im Fernsehen: Das Beispiel des 17. Juni 1953. Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien, 2006, ISBN 3-412-29905-7, S. 184 f. Nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 wirkte Rühle zusammen mit Johannes R. Becher, Bertolt Brecht und Ernst Bloch mit geringem Erfolg auf eine Lockerung der Zensur hin. Spätestens ab Mitte 1954 war es kaum noch möglich, schriftstellerisch frei zu schreiben. Zudem wuchs der Druck der ostdeutschen Machthaber auf Rühle, in den Ostteil der Stadt Berlin umzuziehen. Als die Lage für den unbequemen Journalisten politisch immer prekärer wurde, kündigte Rühle Ende 1954 unter einem Vorwand seine Anstellung bei der Berliner Zeitung und kehrte ab März 1955 aus Furcht vor politischer Verhaftung nicht mehr in den Ostteil Berlins zurück.Heinz Klunker: Nachruf auf einen Grenzgänger. in Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt: Hamburg, 13. Juli 1986, S. 23.
Im Westteil der Stadt schrieb er nun als freier Mitarbeiter für die Zeitschriften Der Monat (Berlin), Das Parlament (Bonn), Die Welt (Hamburg), Der Spiegel (Hamburg), Stuttgarter Zeitung, Die Zeit (Frankfurt), Forum (Wien), die Problems of Communism (Washington) und nicht zuletzt auch für die BBC in London.Jürgen Rühle gestorben in Der Tagesspiegel, Berlin, 2. Juli 1986. In dieser Zeit entstand auch sein erstes größeres Werk Das gefesselte Theater, in dem er den deutschen Lesern erstmals den Verfall des sowjetischen Theaters von seinen revolutionären Anfängen bis zur stalinistischen Anpassung beschrieb.
Aber ein Verbleib war für exponierte Gegner des ostdeutschen Regimes damals selbst im Westteil Berlins nicht sicher.Das ostdeutsche Ministerium für Staatssicherheit entführte in den 1950er Jahren im Zuge diverser Verhaftungsaktionen gegen „feindliche Agenten“ etwa 600 bis 700 Personen aus dem Westen in die DDR. Gegenüber Rühle gab es mindestens einen konkreten Entführungsversuch des ostdeutschen „Ministeriums für Staatssicherheit“. Zudem wurden ständig er und seine Familie, bis hin zum Kindergartenbesuch des Sohnes, beschattet.Akte des Ministeriums für Staatssicherheit, DDR, Kopie des BStU, Archiv-Nr. 4220/71, Band-Nr. 6; die ostdeutschen Machthaber sahen danach Rühles Wegbleiben als „RF“ (= Republikflucht) an. Er wurde ausweislich dieser Akte bis zu seinem Tod überwacht. Man hatte die vielen Schicksale wie das des aus dem Westen entführten und später in Moskau hingerichteten Walter Linse vor Augen. Am 1. November 1956 trat Rühle als hauptamtlicher Lektor in den Verlag Kiepenheuer & Witsch in Köln ein. Als Lektor betreute er unter anderem den Autor Manès Sperber und verantwortete deutsche Erstausgaben von russischen Autoren, so zum Beispiel im Jahre 1958 den Roman „Wir“ des sowjetischen Dissidenten Jewgeni Samjatin. Anfang 1958 zog die Familie auf dem Luftweg nach Köln um.
1960 erschien Rühles noch reichhaltigeres und ehrgeizigeres Buch Literatur und Revolution. Hierin beschränkte er seine Untersuchungen nicht auf die Sowjetunion, sondern erweiterte sie auf Deutschland und einige andere europäische Nationen. Beide Werke zeigten, dass Rühle ein guter Kenner der marxistischen Literatur und der Praktiken der stalinistischen Kulturpolitik war.Vgl. Marcel Reich-Ranicki: Der streitbare Chronist. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Juli 1986. Vor allem Literatur und Revolution war bis zur europäischen Öffnung 1990 einmalig hinsichtlich seiner zusammengetragenen Quellen und dadurch ein Standardwerk, das auch in spanischer (1963) und englisch-amerikanischer (1969) Fassung erschienen ist. Ebenfalls 1960 gab Rühle die Sammlung Der Prozeß beginnt über die damals neueren russischen Erzähler heraus. Sein letztes Werk, eine grundlegende Aktualisierung seines Buches Literatur und Revolution von 1960, erschien erst 1987 nach seinem Tod.
Von 1959 bis etwa 1964Ab April 1966 endeten international die Aktivitäten des CCF, als eine Artikelserie der New York Times veröffentlichte, dass dessen maßgebliche Finanzierung über Stiftungen (in Deutschland die Ford Foundation) im Wesentlichen Gelder des amerikanischen Geheimdienstes CIA waren; vgl. Frank Möller: Das Buch Witsch. Kiepenheuer& Witsch, Köln, 2014, ISBN 978-3-462-04130-9, S. 521 ff. setzte sich Rühle zusammen mit seiner Frau Sabine im „Kongress für kulturelle Freiheit“ („Congress for Cultural Freedom“, CCF) für die Freiheit politischer Gefangenen ein, insbesondere solcher in der DDR, z. B. Günter Zehm, Heinz Brandt, Walter Janka und Siegfried Ihle. Die Eheleute Rühle pflegten hier eine enge Zusammenarbeit mit Heinrich Böll, Manès Sperber, Marcel Reich-Ranicki, Wolfgang Leonhard, Friedrich Torberg, François Bondy, Carola Stern und vielen anderen.Frank Möller: Das Buch Witsch. Kiepenheuer& Witsch, Köln, 2014, ISBN 978-3-462-04130-9, S. 465 ff. Fotos von Rühle auf S. 468, 484, 493, 494.Stefan Creuzberger, Dierk Hoffmann (Hrsg.): Geistige Gefahr und Immunisierung der Gesellschaft, Witsch und die Aktivitäten der Kölner Gruppe des CCF (mit Fotos), De Gruyter, München 2014, ISBN 978-3-486-74708-9. Aus diesem Umfeld heraus waren sie auch an der Gründung der deutschen Sektion von Amnesty International beteiligt.Christina von Hodenberg: Konsens und Krise. Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit. Walsteinverlag, Göttingen 2006, ISBN 978-3-462-02981-9, S. 256.Carola Stern: Doppelleben. Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2001, ISBN 978-3-462-02981-9, S. 167 f. Die bundesdeutsche Sektion von Amnesty International wurde Ende am 28. Juli 1961 in Köln gegründet und am 25. September 1961 als erste Sektion noch unter dem Namen „Amnestie-Appell“ in das Vereinsregister eingetragen (Ende September 1962 umgeschrieben auf den neuen Namen Amnesty International).
Leben als Filmemacher (1963 bis 1985) alt=|mini|Jürgen und Sabine Rühle 1960