mini|hochkant=1.2|Dorfkirche Retgendorf, 2016. mini|hochkant=1.2|Ansicht von Osten, 2016. Die evangelische Dorfkirche Retgendorf ist eine gotische Backsteinkirche im Ortsteil Retgendorf von Dobin am See im Landkreis Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern. Sie gehört zur Kirchengemeinde Zittow-Retgendorf in der Propstei Wismar im Kirchenkreis Mecklenburg der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche).
Geschichte Die am östlichen Ufer des Schweriner Sees liegende Kirche und Pfarre zu Retgendorf (Retekendorp) wurde erstmals am 28. Dezember 1241 urkundlich erwähnt.MUB I. (1863) Nr. 533. Dietrich, Bischof von Schwerin, bestätigte die Pfarre und bestimmte den Umfang und die Abgaben jenes Pfarrsprengels. Dieser umfasste die heute zu Dobin am See gehörigen Dörfer Flessenow, Schlagsdorf, Liessow, Tessin und Buchholz. Um 1350 gehörte das Kirchlehen Retgendorf der Gräfin Elisabeth von SchwerinMUB. Band X. (Schwerin 1877) Nr. 7051. und um 1370 kam die Einpfarrung des Dorfes Holdorf hinzu. Die letzte Vermehrung erfolgte 1782 durch das Dorf Rubow.
Schon Anfang des 14. Jahrhunderts saß hier das alte Geschlecht derer von Sperling. Auf Rubow und Schlagsdorf folgten weitere stattliche Güter.MUB, Band VII. (Schwerin 1872) Nr. 4791, Vgl. MUB. Band IX. (Schwerin 1875), Nr. 5823. Als sie zwischen 1560 und 1570 mit ihren Bauern in Retgendorf Streit hatten, musste die oberste Gerichtsbarkeit des Herzog Ulrich aus Güstrow schlichten. Um 1753 wechseln einige Güter ihren Besitzer, neu waren nun hier Peter Gabriel von Rosenschantz und Major Adolf Ludwig von Spörcken. 1792 erwarb der Oberhofmarschall und Kammerherr Bernhard Joachim von Bülow die Dörfer Retgendorf, Flessenow, Neu Schlagsdorf und Ventschow. Seine Grabplatte steht noch in der Retgendorfer Kirche. 1832 ging Retgendorf an Ernst Karl Christoph von Schack und 1887 an Ludwig Diestel.Friedrich Schlie: Das Kirchdorf Retgendorf. Schwerin 1898, S. 649, 650.
Baugeschichte Der Bischof Dietrich (Theoderich) von Schwerin sagt in der Urkunde vom 28. Dezember 1241, durch welche er die Pfarre dotiert, „daß er die Kirche, welche auf dem Grund und Boden der verwittweten Gräfin Audacia von Schwerin erbauet sei, geweiht habe“ (quod nos vocati ad ecclesiam in Retkendorpe dedicandam). Da der Priester noch nicht benannt war, so vermochte der Bischof die Gräfin, dass sie zur Unterhaltung des Pfarrers zwei Hufen in Retgendorf hergab, diese bestätigte der Bischof in Gegenwart des Grafen Gunzelin von Schwerin durch die erwähnte Urkunde. Die Kirche ist also ohne Zweifel im Jahre 1241 fertig und geweiht worden.Fridrich Lisch: Die Kirche zu Retgendorf und die Kapelle zu Buchholz. Vgl. MJB, 21 (1856), S. 279.
Der jetzige Backsteinbau ist kaum vor der Mitte des 14. Jahrhunderts entstanden.Georg Dehio: Retgendorf. Lkr. Parchim. 2016, S. 445. Die Kirche besteht aus einem zweijochigen Schiff mit Kreuzrippengewölben und dem nicht besonders abgesetzten einjochigen Chor mit Fünfachtelschluss.Horst Ende: Kirchen in Schwerin und Umgebung. 1989, S. 189. Die ebenfalls gewölbte, gleichzeitig entstandene Sakristei ist auf der Südseite angebaut.
Der Schweriner Archivrat Friedrich Lisch machte bei seiner Beschreibung der Kirche zu Retgendorf und der Kapelle zu Buchholz 1856 auf die sehr merkwürdige äußere Bemalung der Eichenholztür in der Haupteingangspforte mit einem großen mecklenburgischen Stierkopf aufmerksam. In den Umrissen war die im „alten Style gehaltene goldene Krone zu erkennen. Diese Verzierung ist wohl sicher ein Zeichen, daß die Kirche zur Zeit der mecklenburgischen Herrschaft, also nach dem Jahre 1359, nach dem Ankaufe der Grafschaft Schwerin durch die Herzoge von Mecklenburg erbaut worden sei, vielleicht ist die Kirche sehr bald nach dem Jahre 1359 vollendet, indem man durch Anbringen des einfachen Stierkopfes ohne andere Wappenzeichen die neue Herrschaft deutlich bezeichnen wollte“.Friedrich Lisch: Die Kirche zu Retgendorf und die Kapelle zu Buchholz. MJB, 21 (1856), S. 281.
1793 erfolgten verschiedene Reparaturen an der Kirche. 1802 wurde der Kirchturm erneuert und nach umfangreichen Restaurierungen konnte die Kirche am 25. Oktober 1857 wieder geweiht werden. Unter Pastor Sarnighauen erfolgte 1903 der Bau des neuen Pfarrhauses. Umfassende Restaurierungen in der Kirche erfolgten 1965 bis 1966 zur 600-Jahr-Feier. Von 1982 bis 1983 erfolgte die Neueindeckung des Kirchendaches. Bei der Außensanierung der Fassaden von 1985 bis 1986 wurden auch die Bleiverglasung der Fenster und der Sockelbereich mit dem Traufpflaster erneuert sowie an der Südfassade die Priesterpforte wieder hergestellt. 1991 wurde der Turm komplett saniert. 1996 zeigten sich erste Risse in den Gewölben. Eine umfassende Sicherung und Sanierung des Dachstuhls und der Gewölbe erfolgte in den Jahren 2001 bis 2004.
Äußeres Das Langhaus und der Chor des im wendischen Verband gemauerten Backsteinbau ist noch mit abgetreppten Strebepfeilern versehen worden.Friedrich Schlie: Das Kirchdorf Retgendorf. 1898, S. 650. Und das nach vorn abgewalmte Satteldach wurde mit Biberschwanzdachziegeln neu eingedeckt. An der Nord- und Südseite sowie dem Chor befinden sich je zwei schlanke zweibahnige Spitzbogenfenster. Das mittlere Chorfenster ist dreibahnig ausgeführt. An der Südseite zum Chor befindet sich die zeitgleich angebaute Sakristei mit einem Pultdach.
Die Kirche hatte an jeder Längsseite und am Turm eine Pforte als Eingangsportal. Das nördliche recht hohe Portal besitzt profilierte Gewände. Dem Pfarrhof gegenüber befindet sich die Haupteingangspforte. Das Südportal wurde zugemauert.
Der vorgesetzte, im polnischen Verband gemauerte, zweigeschossige Westturm ist mittelalterlich. Der aufgesetzte Glockenstuhl in Fachwerk entstammt dem 18. Jahrhundert. Der durch das Fachwerk ausgebildete Turmaufsatz hat einen vermutlich früher geplanten Turmbau ersetzt, da heute noch an der Westwand des Kirchenschiffes links und rechts jeweils in einer Breite von ca. einem Meter abgebrochene Ziegel zu erkennen sind, die auf ein solches Vorhaben schließen lassen.
Das nach vorn abgewalmte Satteldach wurde mit Biberschwanzdachziegeln neu eingedeckt und hat auf dem Dachfirst eine Kugel mit Wetterhahn.
Inneres
mini|hochkant|Chorraum, 2008. Das Kircheninnere wird sehr stark durch die in der Mitte des 20. Jahrhunderts durchgeführte Restaurierung mit den Fassungen des 19. Jahrhunderts geprägt. Das Schnitzwerk in der Kirche ist beachtenswert. Altar Zu Beginn des 16. Jahrhunderts entstand der Schnitzaltar als Flügelaltar, der im Mittelschrein eine figurenreiche Kreuzigungsdarstellung zeigt. In den Seitenflügeln befinden sich je ein Schnitzrelief, links die Verkündigung an Maria und rechts die Anbetung der drei Könige. Für diese Kernthemen aus dem Neuen Testament hat der Holzschnitzer auf ein großes Figurenensemble zurückgegriffen. Im Zentrum steht der leidende Jesus. Maria Magdalena umfasst flehend das Kreuz, während Maria von Johannes und der Mutter des Jakobs gestützt wird. Die Pharisäer sind da und Soldaten, die Jesus noch im Todeskampf quälen.Katja Haescher: Wie ein Wimmelbild. In: Journal eins. August 2020, S. 29. Im linken Flügel sind der Erzengel Gabriel und Maria zu sehen. Im rechten Flügel sind Joseph, Maria mit dem Jesuskind, Balthasar mit Myrrhe, Caspar mit Weihrauch und Melchior mit Gold zu sehen. Im Mittelschrein am Kreuz Jesus, links und rechts je ein Engel und ein Räuber. Im unteren Teil des Kreuzes sind folgende Figuren von links dargestellt: ein Schriftgelehrter, Maria die Mutter des Jakobus, Johannes, Maria, Marias Schwester, Maria Magdalena, Pharisäer, römischer Soldat mit der Lanze, römischer Soldat, Pharisäer, römischer Hauptmann, römischer Soldat und zwei weitere Pharisäer.
Die Fassung der mittelalterlichen Figuren wurde im 19. Jahrhundert erneuert. Sie gehören zu den besseren Schnitzwerken im Lande. Die Rückwände sind nicht bemalt worden. Vor 1850 hatte der Altartisch noch eine Platte aus poliertem Stuck, in welcher fünf bischöfliche Weihekreuze in zierlicher Form eingeritzt waren.Friedrich Lisch: Die Kirche zu Retgendorf und die Kapelle zu Buchholz. MJB, 21 (1856) S. 280. Mit der Restaurierung des 500 Jahre alten Altars wurde im Sommer 2019 durch den Restaurator Heiko Brandner aus Rostock begonnen.Heiko Brandner: Untersuchungen zur Farbfassung. 2013.Werner Mett: Alt-Restaurierung beginnt. Pastoren starten Info-Reihe zum 500 Jahre alten Kleinod in Retgendorf. SVZ Sternberg - Brüel - Warin, 17. Juni 2019.
Skulpturen Zu nennen ist weiter eine Triumphkreuzgruppe von etwa vier Metern Höhe aus dem 15. Jahrhundert mit einem erneuerten Triumphbalken im Chor, die Enden des Auflagekreuzes sind mit den Symbolen der Evangelisten verziert worden. mini|links|Kreuztragender Christus, 2016 Aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts stammt eine in der Sakristei stehende Skulptur, die den kreuztragenden Christus als eine große, ernste Figur darstellt und einst zu einer Figurengruppe gehörte. Die beiden Seitenfiguren Simon von Kyrene und ein Kriegsknecht werden in der Inventarliste von 1811LHAS 2.12-3/4 Kirchen und Schulen. Generalia. Nr. 470 Inventur 1811. noch aufgeführt, wurden wohl wegen ihrer schlechten Ausführung entfernt. Tauffünte Das älteste Stück der Ausstattung ist die kelchförmige Granitfünte aus dem 13. Jahrhundert im Chor.Georg Dehio: Retgendorf. Lkr. Parchim. 2016, S. 446. Der Taufstein kam aus der Kirche in Kirch Grambow. Das zehneckige Becken wird von einem Schaft auf leicht abgeschrägtem Fuß getragen. In der Festschrift zu 750 Jahre Retgendorf von 1991 ist zu lesen, dass die mittelalterliche Tauffünte aus Stein 1966 aus Wedendorf bei Rehna geholt wurde.Wolfgang Loukidis: Kirche Retgendorf. 1991, S. 11. Doch soll die frühromanische Tauffünte heute als Pflanzenkübel in der Vorhalle des Schloss Wedendorf stehen. Vor 1990 stand sie westlich des Schlosses im Park, ursprünglich vor dem Eingang der ersten Kirche im benachbarten Kirchdorf Kirch Grambow.Paul Martin Romberg: Die frühromanischen Tauffünten der Wenden und Obotriten. 2015, S. 104.
Ehemalige Ausstattung Im Mittelalterbestand von Altären, Altarfiguren und Einzelbildwerken des Staatlichen Museums Schwerins befinden sich noch zwei Einzelstücke aus der Retgendorfer Kirche von 1500 und 1535. Der 40 cm große aus Eichenholz um 1500 geschnitzte Christus im Elend wurde 1898 durch den Oberkirchenrat Schwerin an das Großherzogliche Museum überwiesen. Christus sitzt auf einem Felsen und auf dem Kopf eine im Zickzack geflochtene breite Krone.Kristina Hegener: Aus Mecklenburgs Kirchen und Klöstern. 2015, S. 130, Nr. 70.Staatliches Museum Schwerin, Inv. Nr. Pl. 89. Der 45 cm große Schalmei blasende Engel wurde zwischen 1530 und 1535 aus Lindenholz geschnitzt. Es ist ein schwebender Engel, der mit der Linken die Schalmei an den Mund hält. Er trägt weltliche Kleidung und eine turbanähnliche exotische Kopfbedeckung, war einst mit Flügeln ausgestattet und auf einer Stange befestigt. Er gehörte wahrscheinlich in den Mittelschrein eines Altars mit der Darstellung von Christi Geburt und Anbetung.Kristina Hegener: Aus Mecklenburgs Kirchen und Klöstern. 2015, S. 175, 176.Staatliches Museum Schwerin, Inv. Nr. Pl. 145. Eine dritte, gegen Ende des 15. Jahrhunderts aus Eichenholz geschnitzte Madonna ging 1946 während der Auslagerung von Kunstgut aus dem Schweriner Schloss verloren. Es handelt sich um ein mit gekreuzten Beinen auf der linken Hand der Mutter sitzendes Kind, das 1899 vom Großherzoglichen Museum erworben wurde.Staatliches Museum Schwerin, Inv. Nr. Pl. 5439.
Grabsteine Zwei ältere Grabsteine von 1578 und 1607 stehen vor der Wand in der Sakristei. An der Ostseite der mit dem Plessenschen Wappen und Helmzier der Familie von Plessen mit der Umschrift „ANNO DNI 1578 18 MAIJ STARFF SELICHLIGK MADALENA VAN PLESSEN DER SEELEN GOTT GNEDIG SIJ“. In den Ecken befinden sich die vier Evangelistensymbole.