mini|Leonora Baroni auf einem Porträt von Fabio Della Cornia. Scuola Edile di Perugia Eleonora Baroni oder Leonora Baroni, auch Lionora Baroni (* Dezember 1611 in Mantua; † 6. April 1670 in Rom) war eine italienische Sängerin (Sopran), Musikerin und Komponistin. Sie spielte auch Theorbe und Viola da gamba, auf denen sie sich selber zum Gesang begleitete.

Biografie Leonora Baroni war die Tochter der berühmten Sängerin Adriana Basile und des kalabresischen Adligen Muzio Baroni. Ihr Onkel war der Dichter und Literat Giambattista Basile. Sie erhielt ihren Vornamen zu Ehren der Eleonora de' Medici, Gemahlin des Herzogs von Mantua Vincenzo I. Gonzaga, und wurde nach ihrer Mutter Adriana auch l’Adrianella oder l’Adrianetta (= kleine Adriana) genannt. Ihre erste musikalische Ausbildung erhielt sie vermutlich von ihrer Mutter.

Leonora wuchs zunächst in der kultivierten Atmosphäre des Hofes zu Mantua auf und nahm außerdem an verschiedenen (Konzert-)Reisen ihrer Mutter teil, teilweise im Gefolge des Gonzaga-Hofes. 1624 übersiedelte die Familie Baroni zurück nach Neapel, der Heimat Adrianas. Dort fiel Leonora bereits in ihrer Jugend durch ihre schöne Stimme und Musikalität auf.

1630 reiste sie zusammen mit Adriana nach Genua, wo Fürst Mattias de' Medici, in einem Brief vom 23. April an seinen Bruder Gian Carlo berichtet, er habe „…Adriana und ihr Töchterlein… Tausend Galanterien von Canzonetten“ singen gehört „…und besonders eine, wo immer ein ZizìVermutlich lautmalerisch wie das deutsche „scht“ oder „pscht“, als Aufforderung leise zu sein (Anm. d. Übers.). vorkommt, und die einer Handvoll schöner Damen besonders gut gefallen hat…“. Wenige Tage später erreichten sie Florenz, wo sie am 3. und am 7. Mai vor der Großherzogin Maria Maddalena d'Austria „diverse arie“ sangen.Das berichtet der Florentiner Cesare Tinghi (in A. Solerti: Musica, Ballo e Drammatica alla Corte medicea dal 1600 al 1637, Florenz, S. 196 & 224). Hier nach:

Ab 1633 lebte die Familie Baroni in Rom unter der Protektion des Kardinals Antonio Barberini. Ihre Mutter gab u. a. in ihrem eigenen Haus Konzerte, bei denen Leonora mit ihr im Duett und zusammen mit ihrer 9 Jahre jüngeren Schwester Caterina auch im Terzett sang. Man nannte sie alle drei auch die „Adrianen“ (ital. Adriane). Leonora komponierte auch und schrieb Verse, und sie verkehrte in den aristokratischen und intellektuellen Kreisen Roms, wie der Accademia degli Umoristi. Der englische Dichter Milton lernte sie bei seinem römischen Aufenthalt 1638–1639 kennen und widmete ihr mehrere lateinische Epigramme unter dem Titel Ad Leanoram Romae canentem.Estelle Haan: From Academia to Amicitia: Milton's Latin writings and the Italian academies, Philadelphia, American Philosophical Society, 1998 (ISBN 0871698862), (ISBN 9780871698865), S. 99–117.Anna Jameson: Memoirs of the loves of the poets: Biographical sketches of women celebrated in ancient and modern poetry, Ticknor and Fields, Boston 1866, S. 249 ff.

Ihr Ruhm als Sängerin war so groß, dass man ihr 1639 eine ganze Anthologie widmete, mit Dichtungen von Autoren wie Fulvius Testi, Francesco Bracciolini, Lelio Guidiccioni und Claudio Achillini.Vincenzo Costazuti (Hrsg.): Applausi poetici alle glorie della signora Leonora Baroni, Rom, 1639. Auch der französische Gambist André Maugars hörte Leonora 1639 in Rom und schrieb am 1. Oktober:

Leonora Baroni heiratete am 27. Mai 1640 Giulio Cesare Castellani, den persönlichen Sekretär des Kardinals Francesco Barberini. Im Februar 1644 reisten sie nach Paris auf Einladung der Königinmutter und Regentin Anna von Österreich und des Kardinals Mazarin, möglicherweise ausgelöst durch André Maugars’ positive Beschreibung. Am französischen Hof war der italienische Gesangsstil und der „stile recitativo“ noch relativ unbekannt, und so waren die Reaktionen der Höflinge zunächst ambivalent. Der italienische Abt Agostino Scaglia berichtete in einem Brief vom März/April 1645 an die Regentin Christina von Savoyen, dass sich alle einig waren, dass Leonoras Stimme exzellent sei, aber dass sie „… besser fürs Theater und die Kirche geeignet sei, als für die Kammer,d.h. ihre Stimme war relativ groß und voluminös. und dass ihre italienische Manier schwierig anzuhören sei; aber sofort wurde widersprochen, die Königin habe gesagt, dass man nicht besser singen könne“.„Che ella abbia voce eccellente non v'è chi non l'accordi; alcuni la dissero al principio più propria del teatro e della chiesa, che della stanza, e che la maniera sua italiana riuscisse all'orecchio dura: opposizioni che cessarono subito che la Regina ebbe detto, che non si poteva cantar meglio…“. Dies schrieb der italienische Abt Agostino Scaglia in einem Brief vom März/April 1645 an „Madama Reale Cristina di Francia“, die Regentin von Savoien (In: A. Ademollo: I primi fasti della musica italiana a Parigi (1645/1662), Mailand 1884, S. 12–14). Hier nach Liliana Pannella: „BARONI, Eleonora (Leonora, Lionora), detta anche l'Adrianella o l'Adrianetta“. In: Dizionario Biografico degli Italiani, Vol. VI (1964), Rom: Istituto della Enciclopedia Italiana, 1965, online: https://www.treccani.it/enciclopedia/baroni-eleonora-detta-anche-l-adrianella-o-l-adrianetta_(Dizionario-Biografico),/ (gesehen am 15. Oktober 2017)

Leonora gehörte also zu den ersten italienischen Musikern, die den neuen Gesangsstil der italienischen Oper in Frankreich bekannt machten, zusammen mit dem Komponisten Marco Marazzoli, dem Sopran-Kastraten Atto Melani und seinem Bruder Jacopo Melani,Joachim Steinheuer: Melani. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Zweite Ausgabe, Personenteil, Band 11 (Lesage – Menuhin). Bärenreiter/Metzler, Kassel u. a. 2004, ISBN 3-7618-1121-7, Sp. 1496–1502, hier 1498. und noch vor Luigi Rossi und Marc’Antonio Pasqualini, die erst 1646/1647 nach Paris kamen. Leonora wurde von der Königinmutter mit zahlreichen Geschenken bedacht, blieb jedoch nur ein Jahr. Im April 1645 war sie bereits auf der Rückreise nach Rom, wo sie bis zu ihrem Tode lebte.Alessandro Ademollo, I primi fasti della musica italiana a Parigi: (1645-1662), Mailand, R. Stabilimento Musicale Ricordi, 1884.

Hier verkehrte sie weiterhin in höchsten Kreisen und führte auch nach dem Tode ihres Gatten am 4. Januar 1662 einen Salon in ihrem Haus. Besonders innig verbunden war sie mit Kardinal Giulio Rospigliosi und dessen Familie. Daher war es ein besonderes Glück für sie, als Giulio 1667 zum Papst gewählt wurde und als Clemens IX. den Papstthron bestieg (1667–1669). Der Gesandte der Republik Genua Ferdinando Poggi erwähnte „Lionora“ häufig in seinen Aufzeichnungen, und am 23. März 1669 berichtet er: „…es gab eine musikalische Aufführung (rappresentazione in musica), wo alle Rospigliosi kamen… Lionora sang… diese war immer die Favoritin des Papstes … und ist es jetzt mehr denn je, und wer irgendeine Gnade von ihm möchte, wendet sich an sie“.A. Ademollo: La Leonora di Milton e di Clemente IX, Mailand 1885, S. 13–14. Hier nach:

Clemens IX. starb nur kurze Zeit später, und auch Leonora Basile starb mit 58 Jahren am 6. April 1670. Sie wurde neben ihrem Ehemann in der Kirche Santa Maria della Scala in Rom begraben.

Von ihren Kompositionen hat sich nach heutigem Wissensstand leider nichts erhalten.

Quellen Alessandro Ademollo: La bell'Adriana ed altre virtuose del suo tempo alla corte di Mantova : contributo di documenti per la storia della musica in Italia nel primo quarto del Seicento. S. Lapi, Città di Castello 1888. Baroni, Leonora. In: Großes Sängerlexikon, 2000, S. 1293f. Anke Charton: Artikel „Leonora Baroni“. In: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hrsg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 24. April 2018 Erin Headley: Booklettext zur CD: Le Canterine Romane – Cantatas by Luigi Rossi, Tragicomedia unter Leitung von Stephen Stubbs, erschienen bei Teldec (Das alte Werk), 1993.

Joachim Steinheuer: Melani. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Zweite Ausgabe, Personenteil, Band 11 (Lesage – Menuhin). Bärenreiter/Metzler, Kassel u. a. 2004, ISBN 3-7618-1121-7, Sp. 1496–1502.

Weblinks

Anke Charton: Artikel „Leonora Baroni“. In: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hrsg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 24. April 2018

Einzelnachweise

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