Die International Civic and Citizenship Education Study (ICCS) ist eine international vergleichende Schulleistungsuntersuchung, die seit 2009 unter diesem Namen von der International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA) durchgeführt wird. Die Studie untersucht die politische Bildung und Demokratiebildung in den Teilnehmerländern und befragt Schülerinnen und Schüler der achten Jahrgangsstufe, Lehrkräfte und Schulleitungen. Außerdem wird das politische Wissen der Schülerinnen und Schüler getestet.
ICCS wird im Gutachten zur datengestützten Entwicklung und Steuerung in Schulen und frühkindlicher Bildung der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz als Bildungsmonitoring-Studie im Bereich politische Bildung gelistet.
Hintergrund ICCS untersucht das politische Wissen, die Einstellungen und Werte sowie die Partizipation und Partizipationsbereitschaft von 14-Jährigen.
Die erste internationale Schülervergleichsstudie auf dem Gebiet der politischen und zivilgesellschaftlichen Bildung wurde 1971 im Rahmen des IEA Six Subject Surveys durchgeführt. 1999 fand die Civic Education Study der IEA statt, an der Deutschland und 28 weitere Länder teilnahmen. Unter dem Namen ICCS wurde die Studie 2009 erstmals durchgeführt, 38 Bildungssysteme nahmen teil. 2016 wurde die Studie mit 24 Bildungssystemen durchgeführt, darunter Nordrhein-Westfalen als deutscher Benchmarking-Teilnehmer. 2022 wurde die Studie unter Beteiligung der deutschen Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein als Benchmarking-Teilnehmer erneut durchgeführt. Insgesamt nahmen 24 Bildungssysteme teil. 2027 wird ICCS erneut durchgeführt: Es nehmen 29 Bildungssysteme teil, darunter erstmals Deutschland mit einer bundesweit repräsentativen Stichprobe. Neben der Untersuchung von Achtklässlerinnen und Achtklässlern wird es in einigen Bildungssystemen auch erstmals eine Untersuchung in der elften Klasse geben.
Verantwortung der ICCS-Studie in Deutschland Die deutsche Beteiligung an der Civic Education Study 1999 wurde durch Jürgen Baumert und Detlef Oesterreich verantwortet.
Für ICCS 2016 war das nationale Studienzentrum am Arbeitsbereich „Educational Research and Schooling“ der Universität Duisburg-Essen unter der Leitung von Hermann Josef Abs angesiedelt. Bei ICCS 2022 übernahmen Hermann Josef Abs und Katrin Hahn-Laudenberg (Universität Leipzig) die Leitung des nationalen Studienzentrums. Das nationale Studienzentrum für die deutsche Teilnahme an ICCS 2027 ist an den Universitäten Münster (Katrin Hahn-Laudenberg) und Duisburg-Essen (Hermann Josef Abs) angesiedelt. Die Studie wird von einem wissenschaftlichen Konsortium aus Experten der empirischen Bildungsforschung und Psychologie begleitet.
Ziele und Inhalte Das allgemeine Ziel der IEA-Studien zur politischen und zivilgesellschaftlichen Bildung besteht darin, die Bedeutung von schulischen und außerschulischen Lerngelegenheiten für die politische Sozialisation und das politische Lernen von Jugendlichen differenziert herauszuarbeiten. Seit der Civic Education Study 1999 (CIVED) hat in Deutschland keine repräsentative, internationale-vergleichende Studie zu politischem Wissen und Einstellungen bei Schülern stattgefunden.
Die Ergebnisse von ICCS dienen u. a. dazu, Ansätze und Inhalte der politischen Bildung und Demokratiebildung zu überprüfen: Indem durchschnittlich 14-Jährige im achten Jahrgang befragt werden, kann der pädagogische Ausgangspunkt für politische Bildung in den beiden letzten Schuljahren der allgemeinen Schulpflicht näher bestimmt werden. So gehen die Ergebnisse von ICCS in Bildungsmonitoring und bildungspolitische Empfehlungen ein.
Im internationalen Rahmenkonzept von ICCS 2016 und 2022 werden vier Inhaltsbereiche unterschieden: gesellschaftliche Institutionen und Systeme, gesellschaftliche Werte, Partizipation und Identität. Die Inhaltsbereiche werden durch eine unterschiedliche Anzahl von Teilbereichen konkretisiert, die wiederum zum Teil in Aspekte unterteilt werden. Daneben können Schwerpunkte gesetzt werden: ICCS 2022 fokussierte beispielsweise die Themen Nachhaltigkeit und gesellschaftliches Engagement durch digitale Technologien, während ICCS 2027 einen Fokus auf Polarisierung setzt.
Die Inhalte von ICCS können entlang der repräsentativ befragten Akteure unterschieden werden.
So fokussiert ICCS bei Schülerinnen und Schülern
das politische Wissen und Argumentieren, Prozesse und Erfahrungen in der Schule, wie Lerngelegenheiten über politische und gesellschaftliche Themen, soziale Beziehungen mit anderen Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften, Partizipationsmöglichkeiten und zurückliegende Partizipation in der Schule und Diskriminierung, Identifikation mit verschiedenen Gruppen, mit der Schulgemeinschaft, dem Land und Europa, Einstellungen zu politischen und gesellschaftlichen Institutionen, Demokratie und Gesellschaft, sowie die Bereitschaft zu zukünftiger Partizipation in Staat und Gesellschaft.
Bei Lehrkräften stehen folgende Themen im Mittelpunkt:
Berufserfahrung, Qualifikation, Aus- und Fortbildung, Wahrnehmungen und Überzeugungen zur Schülerschaft und zum Unterrichten, wahrgenommene Unterstützung und Herausforderungen im Kontext des Unterrichtens von politischer Bildung und Demokratiebildung.
Die Schulleitungen werden zu folgenden Themen befragt:
Rahmendaten zur Schule und zum Schulkontext, Voraussetzungen und Herausforderungen im Umfeld der Schule, Schülerpartizipation in der Schule, Unterstützungsmöglichkeiten und -bedarfe für politische Bildung und Demokratiebildung in der Schule.
Die Studie bietet für Studierende, pädagogische Fachkräfte, Verantwortliche im Bildungssystem sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine Gelegenheit, ihre Vorstellungen über politisches Wissen, Identitäten, Einstellungen, Partizipationsbereitschaft und Zukunftserwartungen künftiger Bürger zu reflektieren. Durch eine Bestandsaufnahme des politischen Mindsets von 14-Jährigen im internationalen Vergleich schafft ICCS eine empirische Basis für die weitere Entwicklung der politischen und zivilgesellschaftlichen Bildung in den beteiligten Ländern.
Durchführung, Auswertung und Ergebnisse Das internationale Studienzentrum von ICCS koordiniert die Vorbereitung und Durchführung der Studie. Für ICCS 2027 sitzt dieses an der Universität Bath. Die Fragebögen werden in Zusammenarbeit mit den nationalen Studienzentren der teilnehmenden Bildungssysteme erarbeitet, abgestimmt und die Formulierungen werden festgelegt. Die nationalen Studienzentren sind für die Übersetzung der Fragebögen in die in den Teilnehmerländern gesprochenen Sprachen verantwortlich. Vor der Haupterhebung der Studie erfolgt eine Pilotierung von neuen Fragen und ein internationaler Feldtest wird durchgeführt. Dieser fand für ICCS 2027 in Deutschland im Frühjahr 2026 statt.
Bei der Hauptuntersuchung werden Daten von Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Schulleitungen erhoben. Diese ist für ICCS 2027 für das Frühjahr 2027 geplant. Die repräsentative Stichprobe besteht für Deutschland bei ICCS 2027 aus 150 Schulen, bei denen dann eine achte Klasse zufällig befragt wird. Die Schülerinnen und Schüler dieser Klasse bearbeiten dabei in der Schule computergestützt zunächst Aufgaben aus dem Test zum politischen Wissen und Argumentieren. Die Aufgaben werden in verschiedenen Formaten präsentiert, z. B. als multiple-choice-Fragen und Fragen mit offenem Antwortformat. Danach beantworten die Schülerinnen und Schüler Fragen zu ihrem persönlichen Hintergrund, zu Einstellungen, Partizipationserfahrungen, Partizipation, zu Gesellschaft und Demokratie. Lehrkräfte und Schulleitungen werden digital online befragt.
Die nationalen Studienzentren der teilnehmenden Bildungssysteme sowie das internationale Studienzentrum werten die Daten für Berichte aus, die dann veröffentlicht werden. Die erhobenen Daten werden in Datensätzen gebündelt, die über das Datenrepositorium der IEA als Public Use File heruntergeladen und verwendet werden können. Die Daten von ICCS werden vielfältig in der Forschung zu politischer Bildung und Demokratiebildung genutzt.
Veröffentlichungen (Auswahl) Hermann Josef Abs: Jugendpartizipation im internationalen Vergleich. In: Schüler – Wissen für Lehrer 2014. Friedrich Verlag, 2014, S. 98–99. Hermann Josef Abs: Die Vermessung des guten Bürgers – Zur empirischen (De-) konstruktion eines Ideals. In: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation. 33. Jahrgang, Heft 3/2013, S. 267–282. Hermann-Josef Abs, Sarah Werth: Policy Approaches to Quality of Citizenship Education by European Intergovernmental Organisations. In: Reinhold Hedtke, Tatjana Zimenkova (Hrsg.): Education for Civic and Political Participation. A Critical Approach.Routledge, London 2013, S. 81–98. H. J. Abs, K. Hahn-Laudenberg K., D. Deimel, J. F. Ziemes (Hrsg.): ICCS 2022. Schulische Sozialisation und politische Bildung von 14-Jährigen im internationalen Vergleich. Münster: Waxmann, 2024. ISBN 978-3-8309-4822-3. W. Schulz, J. Ainley, J. Fraillon, B. Losito, G. Agrusti: IEA International Civic and Citizenship Education Study 2016 Assessment framework. IEA, Amsterdam 2016, ISBN 978-3-319-39357-5. W. Schulz, J. Ainley, J. Fraillon, B. Losito, G. Agrusti, V. Damiani, T. Friedman: Education for Citizenship in Times of Global Challenge. IEA International Civic and Citizenship Education Study 2022 International Report. Cham: Springer Nature, 2025. ISBN 978-3-031-65603-3. J. V. Torney, A. N. Oppenheim, R. F. Farnen: Civic Education in Ten Countries. International Studies in Evaluation VI. Almqvist & Wiksell, Uppsala 1975. J. Torney-Purta, J.-A. Amadeo, M. W. Andolina: A Conceptual Framework and Multimethod Approach for Research on Political Socialization and Civic Engagement. In: L. R. Sherrod, J. Torney-Purta, C. A. Flanagan (Hrsg.): Handbook of Research on Civic Engagement in Youth. Wiley, Hoboken, N.J. 2010.
Weblinks ICCS 2016 Projektseite sowie ausgewählte Ergebnisse IEA ICCS-Homepage ICCS 2027 nationales Studienzentrum
Einzelnachweise
Kategorie:Politische Bildung Kategorie:Empirische Sozialforschung