mini|hochkant|links|Mozarts Schwägerin Aloisia Lange als Zémire (Johann Baptist Lampi, ca. 1784). mini|hochkant|links|Das magische Bild (François-Robert Ingouf nach Pierre-Charles Ingouf, 1771).Eine vergleichbare Darstellung von Voye dem Jüngeren nach Jean Touzé zeigt Azor unmotiviert gestikulierend, eine weitere von Gramont ohne die von Marmontel erwähnte Mähne. Zémire et Azor (Zemire und Azor) ist eine Comédie-ballet in vier Akten von André-Ernest-Modeste Grétry.

Das Libretto von Jean-François Marmontel basiert auf dem Märchen La Belle et la Bête (Die Schöne und das TierDie Übersetzung Biest ist gegenüber dem französischen Sprachgebrauch zu negativ.) in der Fassung von Jeanne-Marie Leprince de Beaumont (1756)Jeanne-Marie Leprince de Beaumont: Magasin des enfans, ou Dialogues entre une sage gouvernante et plusieurs de ses élèves de la première distinction, Band 1, Londres 1756, 5. Dialog, S. 70–102 (). und der Komödie Amour pour amour (Liebe für Liebe) von Pierre-Claude Nivelle de La Chaussée (1742)Pierre-Claude Nivelle de La Chaussée: Amour pour amour, comédie. Paris 1753 ().. Eine mögliche Inspirationsquelle war die Opéra-comiqueOpéras-comiques (deutsch Singspiele) unterscheiden sich von klassischen Opern durch den gesprochenen Dialog an Stelle des gesungenen Rezitativs. Es sind keine . (David Charlton: Grétry and the growth of opéra-comique, Cambridge 1986, S. IX, 4.) La fée Urgèle (Die Fee Urgèle)Egidio Duni: La fée Urgèle, ou Ce qui plaît aux dames. Comédie en quatre actes en vers. (…) Paris (1766) (). Der Protagonist muss wie Papageno in Mozarts Zauberflöte eine alte Frau heiraten, die sich dann in eine junge verwandelt. von Egidio Duni und Charles-Simon Favart (1765).David Charlton: Grétry and the growth of opéra-comique, Cambridge 1986, S. 100; vgl. Ronald Lessens: André-Ernest-Modeste Grétry ou Le triomphe de l’Opéra-Comique (1741–1813), Paris 2007, S. 90.

Die Choreografie schuf Gaetano Vestris. Die Uraufführung fand am 9. November 1771 vor dem Hof in Fontainebleau und am folgenden 16. Dezember in der Comédie-ItalienneAuf Grund seiner Kompositionsweise wurde der in Rom ausgebildete Grétry – wie später Mozart – der italienischen Musikschule zugerechnet. in Paris statt.

Patrick Taïeb und Judith Le Blanc bezeichnen das bekanntesteRund 100 000 Treffer bei einer Suche auf Google. Bühnenstück des in Paris tätigen Wallonen Grétry als Point of no return auf dem Weg des einstigen Jahrmarktsspektakels Opéra-comique zur Respektabilität. Es verschmelze bürgerliches Trauerspiel und Feenmärchen zu einem ().Patrick Taïeb, Judith Le Blanc: Merveilleux et réalisme dans : un échange entre Diderot et Grétry. In: Dix-huitème siècle, 2011/1 (Nr. 43), S. 185–201 (), hier: S. 185, 198. Heinz Wichmann nannte Zémire et Azor das .Heinz Wichmann: Grétry und das musikalische Theater in Frankreich. Halle (Saale) 1929, S. 65.

Entstehung mini|hochkant|links|André-Ernest-Modeste Grétry (Élisabeth Vigée-Lebrun, 1785). Marmontel scheint Zémire et Azor für die Festlichkeiten geschrieben zu haben, die nach der Heirat des Dauphins (Ludwig XVI.) mit Marie-Antoinette im Herbst 1770 in Fontainebleau stattfanden.Darum wohl datiert Grétry die Uraufführung in seinen Memoiren irrtümlich auf Herbst 1770. Vgl. Mémoires ou Essai sur la musique par M(onsieur) Grétry (…) Paris/Liège 1789, S. 265 (); Mémoires, ou Essais sur la musique ; par le C(itoy)en Grétry (…) 1. Band, Paris Jahr 5 (1797), S. 226 (). Der für das Unterhaltungsprogramm zuständige Herzog von Aumont lehnte das Libretto aber ab, weil es Stoff zu einem Epigramm bieteVgl. Jean-François Marmontel: Mémoires d’un père pour servir à l’instruction de ses enfans, 3. Band, Paris, Jahr 13, 1804 (), S. 116–119. – wohl über die Ähnlichkeit des plumpen Thronfolgers mit dem Tier.

Aumonts Nachfolger hingegen, der Herzog von Duras, hatte keine Bedenken, die Oper für die Festlichkeiten des folgenden Jahres zu bestellen, die der Hochzeit des Grafen von Provence (Karl X.) mit Maria Theresia von Savoyen folgten.David Charlton: Grétry and the growth of opéra-comique, Cambridge 1986, S. 100.

mini|hochkant|Zémire: Marie-Thérèse Laruette (Jean-Baptiste Perronneau). Grétry war damals von einer schweren ErkrankungVgl. Mémoires, ou Essais sur la musique ; par le C(itoy)en Grétry (…) 1. Band, Paris Jahr 5 (1797), S. 215 (). genesen. In seinen Memoiren schreibt er: Mémoires, ou Essais sur la musique ; par le C(itoy)en Grétry (…) 1. Band, Paris Jahr 5 (1797), S. 221 ().

Die Partitur entstand auch sonst unter günstigen Umständen: Grétrys Geliebte Jeannette Grandon (1746–1807) hatte endlich die Bewilligung ihrer Mutter zur Hochzeit bekommen, nachdem sie dem Komponisten bereits eine Tochter geboren hatte. Und von der Comédie-Italienne erhielt er vom Oktober an als außergewöhnliche Auszeichnung ein Gehalt von 100 Livres monatlich.David Charlton: Grétry and the growth of opéra-comique. Cambridge 1986, S. 63–65.

mini|links|Azor: Jean-Baptiste Guignard, genannt Clairval.In der Rolle des Sängers Blondel in Grétrys Richard Cœur de Lion. Diderot beschrieb ihn damals wie folgt: Maurice Tourneux (Hrsg.): Correspondance littéraire, philosophique et critique (…) 9. Band, Paris 1879, S. 441 ().

In der Oper gibt es 14 ArienJe vier Arien von Azor und Ali, je drei von Zémire und Sander., vier Duette, zwei Trios und ein Quartett, verbunden durch gesprochenen Dialog, Orchesterstücke (etwa Entreactes) und Ballette.

Darsteller waren an der Uraufführung: Jean-Baptiste Guignard genannt Clairval (36, Azor)Vgl. Mémoires, ou Essais sur la musique ; par le C(itoy)en Grétry (…) 1. Band, Paris Jahr 5 (1797), S. 226–228 (); Mme de Bawr: Histoire de la musique, Audot, Paris 1823 (), S. 253/Anm. 1., Joseph Caillot (38, Sander), der Komponist Jean-Louis Laruette (40, Ali), dessen Gattin Marie-Thérèse geborene Villette (27, Zémire), Marie-Jeanne Trial geborene Milon (25, Fatmé) und Pétronille-Rosalie Beaupré (23, Lisbé).Zémire et Azor (…) Vente, Paris 1771 (); vgl. Émile Campardon: Les Comédiens du roi de la troupe italienne (…) Paris 1880, Band 1, S. 30–32, 85–95, 113–118, 277–283 (), Band 2, S. 171–175, 178 f. (); David Charlton: Grétry and the growth of opéra-comique. Cambridge 1986, S. 13 f. (Clairval schuf für Grétry 16 Rollen, Madame Laruette zehn, ihr Gatte acht und Caillot sieben.) Über Madame Laruette schrieb Rétif de la Bretonne, der Klang ihrer Stimme versetze die Seele in eine süße Trunkenheit.Rétif de la Bretonne: La mimographe ou Idées d'une honnête-femme pour la réformation du théâtre national, Amsterdam/La Haie 1770 (), S. 465.

Handlung Zémire wird vom bankrotten Vater dem stigmatisierten Außenseiter Azor geopfert bzw. bringt sich diesem selbst zum Opfer. Dank seines inneren Wertes aber gewinnt Azor das Herz der Schönen und wird in einen König (zurück)verwandelt.Vgl. David Charlton: Grétry and the growth of opéra-comique, Cambridge 1986, S. 99.

Die nachstehende Inhaltsübersicht folgt dem Libretto der Uraufführung in ParisZémire et Azor (…) Vente, Paris 1771 ()., die leicht vom HoflibrettoLetztes Stück von: Recueil des Fêtes et Spectacles donnés devant Sa Majesté à Versailles, à Choisy, & à Fontainebleau, pendant l’année 1771, (Pierre-Robert-Christophe) Ballard, (Paris) 1771 (nicht gesehen). abweicht.David Charlton: Grétry and the growth of opéra-comique, Cambridge 1986, S. 108.

1. Akt Palast mini|hochkant|Sander: Joseph Caillot (Simon-Charles Miger nach Guillaume Voiriot). Szene 1: Kaufmann Sander hat sich in Hormus nach dem Schiff erkundigt, das seinen letzten Besitz darstellt. Nun muss er es für verloren halten. Auf dem Rückweg zu seinem Landhaus wird er von einem Gewitter überrascht, das sich in der Ouverture ankündigt, und kommt in einem Wald zu einem erleuchteten, aber scheinbar unbewohnten Feenpalast. Während er dort übernachten will, ist es seinem Sklaven Ali in dem Gebäude unheimlich. Er stellt deshalb eine sehr optimistische Wetterprognose: Jean-Claude Orliac, Orchestre de chambre de la RTB, Edgar Doneux:

Arie Nr. 1.

Doch die Begleitmusik straft ihn Lügen: Der Sturm verstärkt sich. Als aber ein von Zauberhand gedeckter Tisch erscheint, ist Alis Furcht verflogen. Er singt:

Arie Nr. 2 bis.

Reichlicher Alkoholgenuss macht Ali schläfrig, so dass nun sein Herr vergeblich zum Aufbruch drängt.

Als Andenken an die märchenhafte Beherbergung pflückt Sander eine Rose. Seine jüngste Tochter Zémire hat sich als Mitbringsel von seiner Reise dieses Symbol der Liebe gewünscht – statt Modetand wie ihre beiden Schwestern.

Szene 2: Azor erscheint in seiner fürchterlichen Gestalt und verkündet, als Strafe für den Diebstahl der Rose müsse Sander sterben. Dieser erwidert, er hänge nicht am Leben, nur bedauere er, seine Töchter ohne Unterstützung zurücklassen zu müssen. Ali bemerkt, Azor hätte Mitleid mit den Mädchen, wenn er wüsste, wie schön diese seien. Darauf bietet Azor Sander an, ihn zu verschonen, wenn er ihm eines von ihnen überlasse. Doch Sander will lieber sterben, bittet aber, noch Abschied von den Töchtern nehmen zu dürfen. Für den Fall, dass er danach zurückkehrt, stellt ihm Azor Belohnung, für den gegenteiligen Fall Rache in Aussicht:

Arie Nr. 6.

Die Rose gibt er Sander mit. Dann lässt er ihn durch eine Wolke – die trotz großer Furcht auch Ali besteigt – nach Hause tragen. Der Entreacte imitiert das Geräusch des Fliegens.

2. Akt Landhaus Szene 1: Schauplatz ist nun das Innere von Sanders Landhaus. Dort brennt noch die Lampe, denn die Töchter haben die Nacht mit Handarbeiten zugebracht, um die Rückkehr des Vaters zu erwarten. Fatmé und Lisbé spotten über das Geschenk, um das ihn Zémire gebeten hat: Diderot bezeichnete dieses Terzett. als .Maurice Tourneux (Hrsg.): Correspondance littéraire, philosophique et critique (…) 9. Band, Paris 1879, S. S. 440 ().

mini|hochkant|Marie-Antoinette mit Rose (Élisabeth Vigée-Lebrun, 1783). Szene 2: Bei seiner Rückkehr teilt Sander den Töchtern mit, dass er alles verloren habe. Fatmé und Lisbé weinen, Zémire hingegen tröstet ihn. Sie hat romantische Vorstellungen von der Armut:

Zémire hält die Bauern für glücklich und schlägt dem Vater vor, sich auf die (unter dem Einfluss der Physiokraten zu Ansehen gelangte) Landwirtschaft zu verlegen: Ali könne pflügen, die Mädchen ernten.

Während Fatmé und Lisbé leer ausgehen, erhält Zémire ihre Rose. Sie singt darauf eine Arie, die ebenfalls das Lob Diderots erhielt, wenn er auch kritisierte, dass Madame Laruette Grétry zu Kürzungen gezwungen habeMaurice Tourneux (Hrsg.): Correspondance littéraire, philosophique et critique (…) 9. Band, Paris 1879, S. 440 ().: Sophie Karthäuser, L’Orfeo Barockorchester, Michi Gaigg:

Arie Zémires, Nr. 8.

Szene 3: Zémire spürt, dass den Vater mehr als der Verlust des Schiffes bedrückt.

Szene 4: Ali verflucht das Reisen, auf keinen Fall will er mehr fliegen.

Szenen 5: Er glaubt nicht, dass Azor Zémire töten würde. Obwohl zum Stillschweigen angehalten, will er ihr darum verraten, wie sie Sander retten kann.

Szene 6: Sander verbietet ihm weiterzuerzählen.

Szene 7: Er schreibt zu pathetischer Begleitmusik einen Abschiedsbrief.

Szene 8: Zémire will sich – wie die Titelfigur der Oper Lucile von Marmontel und Grétry (1769) – für den Vater opfern. Unter Einsatz aller verfügbaren Argumente bringt sie den widerstrebenden Ali dazu, sie noch vor Sanders Aufbruch zum Palast zu führen.Duett Zémire, Ali, Nr. 10 bis.: Mady Mesplé, Jean van Gorp, Jean-Claude Orliac, Orchestre de chambre de la RTB, Edgar Doneux

3. Akt Salon Szene 1: Nach dem Entreacte befinden wir uns im Salon Azors. Dieser gibt sich Rechenschaft über seine Situation: Eine Fee hatte ihm Schönheit verliehen. Weil er sich aber etwas darauf einbildete, schlug sie ihn mit Hässlichkeit. Diese wird er nur wieder los, wenn er ihrer ungeachtet ein junges Herz rühren kannClairvals Interpretation der nachstehenden Arie hatte besonderen Erfolg. Vgl. Mémoires, ou Essais sur la musique ; par le C(itoy)en Grétry (…) 1. Band, Paris Jahr 5 (1797), S. 227 ().:

Arie Azors, Nr. 11.