mini|hochkant=1.4|Schloss Courances, Ansicht von Süden, 2014
Das Schloss Courances () in der gleichnamigen französischen Gemeinde ist eine Schlossanlage aus dem 17. Jahrhundert, die vor allem für ihren Park mit Wasserspielen, Rasen- und Waldflächen bekannt ist. Er wurde im 16. Jahrhundert unter Cosme Clausse angelegt und von nachfolgenden Schlossherren mehrfach erweitert sowie umgestaltet. Nach einer schriftlichen Aufzeichnung aus dem 18. Jahrhundert soll der Name des Anwesens von den zahlreichen Quellen und kleinen Wasserläufen () auf seinem Grundstück herrühren.
Das Schloss ist exemplarisch für den Architekturstil des Louis-treize, obwohl es sein Aussehen erst im 19. und 20. Jahrhundert erhielt. Es stand nach der Julirevolution von 1830 mehr als 40 Jahre lang leer und verfiel allmählich, ehe der gebürtige Deutsche Samuel Arthur von Haber das Anwesen erwarb und nach Entwürfen des Architekten Hippolyte Destailleur restaurieren ließ. Seine Enkelin Berthe de Ganay setzte Wiederaufbau und Instandsetzung der Anlage gemeinsam mit ihrem Mann fort. Die Nachkommen des Paars sind heute noch die Eigentümer.
Das gesamte Anwesen steht seit dem 27. Juni 1983 als klassifiziertes Kulturdenkmal () unter Denkmalschutz. Der Schlosspark ist zudem seit 2004 als Jardin remarquable () ausgezeichnet.
Geschichte
Anfänge im Mittelalter
Die Seigneurie Courances existierte schon im Mittelalter. Erstes namentlich bekanntes Mitglied einer gleichnamigen Familie war Jean de Courances, für das 13. Jahrhundert ist ein Henri de Courances, Marschall von Frankreich bezeugt. Die Familie starb gegen Ende des 14. Jahrhunderts aus. 1460 erwarb die aus Paris stammende Familie Lapite die Herrschaft und verkaufte sie 1552 mit 1500 Hektar Landbesitz für 15.000 Livres an Cosme (auch Côme) de Clausse. Dem Finanzsekretär Heinrichs II. gehörte bereits die benachbarte Herrschaft Fleury samt einem dort neugebauten Schloss. In Courances ließ er das vorhandene mittelalterliche Logis durch den Baumeister Gilles Le Breton vollständig umbauen. Auch der kleine ummauerte Garten aus dem Mittelalter wurde durch einen großzügigen Renaissancegarten ersetzt, in dem Wasser ein bestimmendes Gestaltungselement war. So ließ Clausse südwestlich des Schlosses den sogenannten Großen Kanal () anlegen, ein sehr langes und schmales Wasserbecken. Es war der zweite jemals in Frankreich gebaute Gartenkanal. Nur in Fleury gab es zu jener Zeit einen älteren. Als Cosmes 1558 starb, erbten zwei unmündige Söhne den Besitz. Die Herrschaft Fleury fiel an den älteren, während der zweitgeborene Pierre 1566 anlässlich seiner Hochzeit mit Marie Le Picard die Seigneurie Courances erhielt. Noch zu dessen Lebzeiten besuchte sie 1606 König Heinrich IV. zusammen mit dem Dauphin Ludwig und Gefolge.
Neubau im 17. Jahrhundert
mini|Schloss Courances auf einem Stich Israël Henriets, ca. 1650
Ludwig kehrte noch viermal nach Courances zurück: 1631, 1633, 1634 und 1636. Allerdings gehörte das Anwesen zu jener Zeit schon nicht mehr der Familie Clausse, sondern den Gallards, denn Pierre Cosmes Sohn François hatte keine Nachkommen und verkaufte das Schloss deshalb am 13. Juli 1622 für 124.000 Livres an Claude I. Gallard, Seigneur von Poinville und Semonville. Dieser ließ das alte Logis abreißen und ab 1624 durch ein Schloss im Stil des Louis-treize ersetzen. Die Arbeiten dazu waren 1630 beendet. Claude I. begann auch mit dem Ausbau des Schlossparks durch das Anlegen weiterer Wasserelemente und der Betonung der Sichtachse des Anwesens. Möglicherweise stammten die Pläne dazu von Jean Le Nôtre oder seinem Sohn André, jedoch ist dies nicht sicher. Als der Bauherr 1636 starb, übernahm sein Sohn Claude II. den Besitz und führte die noch nicht beendeten Arbeiten bis 1643 fort. Durch einen Stich Israël Henriets aus der Zeit um 1650 ist das Aussehen des damaligen Schlosses überliefert: Auf einer rechteckigen Schlossinsel stand ein dreigeschossiges, siebenachsiges Corps de Logis mit verputztem Mauerwerk, das an seinem West- und Südende von je einem gleichhohen Pavillon eingefasst war. Vor dem Gebäude lag im Nordosten ein Ehrenhof, der zum Wassergraben durch eine Mauer abgegrenzt war. An seiner Nord- und Ostecke standen zweigeschossige Pavillonbauten. In diesem Zustand fand es Madame de Sevigné vor, als sie das Schloss im Mai 1678 besuchte.
Wechselnde Eigentümer im 18. Jahrhundert
mini|Schloss Courances auf einem Gemälde des 17. Jahrhunderts
Allerdings hatten sich die Schlossherren mit ihren Ausbauten und Verschönerungen finanziell übernommen. Ihre Gläubiger ließen Courances pfänden und 1677 versteigern. Das Anwesen blieb aber im Besitz der Familie, denn neuer Eigentümer wurde Galliot Gallard, der jüngere Bruder Claudes II. Ihm folgte sein Sohn François Galliot, dessen Erbtochter Anne Marguerite Catherine am 11. Dezember 1708 Nicolas Potier de Novion, den ersten Präsidenten des Parlement de Paris, heiratete und ihm den Besitz zubrachte. Bei seinem Tod im Jahr 1720 erbte der gemeinsame Sohn André das Anwesen, aber dennoch führte Andrés Mutter weiterhin die Geschäfte. Sie entschied, die Mittelachse der Schlossanlage mehr zu betonen und zu einer langen Sichtachse zu erweitern. Dafür ließ sie 1750 südwestlich hinter dem Schlossgebäude einen 225 Meter langen Spiegelteich anlegen und vor dem Gebäude Mauer und Torbau des Ehrenhofs niederlegen, um so ungehinderte Sicht auf die lange Zufahrtsallee zu haben. Ihre Enkelin Léontine-Philippine de Novion heiratete 1772 den Präsidenten der Rechnungskammer, Charles-Aymar de Nicolaÿ und brachte das Schloss an seine Familie. Zwischen 1775 und 1777 ließ das Paar Courances modernisieren und verändern, obwohl es sich nur selten dort aufhielt. Die beiden ersetzten zum Beispiel die damaligen Linden der Zufahrtsallee 1782 durch die heutigen Platanen. Während der Französischen Revolution emigrierte die Familie nach Italien, kehrte aber 1793 nach Frankreich zurück. Charles-Aymar de Nicolaÿ und sein älterer Sohn wurden daraufhin verhaftet und 1794 hingerichtet. Schloss Courances wurde beschlagnahmt und unter Zwangsverwaltung gestellt. Der jüngere Sohn Théodore entging der Guillotine nur, weil er damals noch keine 16 Jahre alt war. Léontine-Philippine de Novion erhielt Courances 1798 schließlich zurück und vermachte es ihrem Sohn, der als Legitimist nach der Julirevolution 1830 Frankreich verließ und in die Schweiz ging. Dort starb er 1871, ohne jemals in sein Heimatland zurückgekehrt zu sein.
Wiederaufbau im 19. und 20. Jahrhundert
mini|hochkant|Samuel Arthur von Haber ließ das Schloss ab 1872 wieder aufbauen.
Théodores Erben verkauften Courances an den aus Berlin stammenden Bankier Samuel Arthur von Haber. Zu jener Zeit war das Anwesen nach mehr als 40 Jahren Leerstand und Vernachlässigung stark heruntergekommen. Der neue Eigentümer begann im Oktober 1872 gemeinsam mit seinem Schwiegersohn Octave de Béhague mit einer umfassenden Restaurierung und Wiederherstellung. Mit den Plänen dafür beauftragten die beiden den Architekten Hippolyte Destailleur, der später auch mit der Restaurierung von Vaux-le-Vicomte befasst war. Nach seinen Plänen entstand eine Anlage, wie sich die Bauherren ein französisches Schloss im Stil Louis-treize seinerzeit vorstellten: mit reich verzierten Dachfenstern, Flammentöpfen, Ochsenaugen und einer neuen Ummantelung aus roten Ziegeln. Den beiden Längsfassaden wurden zwei große Freitreppen nach Vorbildern in Fontainebleau vorgesetzt. Außerdem entstand nordwestlich des Logis anstelle eines ehemaligen Wirtschaftstrakts ein neuer Gebäudeflügel mit Wohnräumen für den Schlossherrn. An seiner Westecke entstand ein neuer Pavillonbau. Haber ließ abseits des Hauptgebäudes neue Ökonomiegebäude mit Pferdeställen, Reithalle, Remisen und einer Orangerie errichten. Ihre Architektur war derjenigen des in Fontainebleau nachempfunden. Auch die Innenräume des Logis erfuhren eine umfassende Veränderung. Im Gartenbereich entschied sich Haber zwar dafür, die große Sichtachse im Stil des 18. Jahrhunderts wiederherzustellen, jedoch erhielt der Rest eine landschaftliche Gestaltung. Bei seinem Tod hinterließ er Courances seiner ältesten Enkelin Berthe, einer Tochter von Habers einzigem Kind Laura Fanny Sophie aus der Ehe mit Octave de Béhague.
Berthe hatte 1887 den Marquis Jean de Ganay geheiratet. Gemeinsam mit ihrem Mann veranstaltete sie wie schon ihre Eltern und ihr Großvater große Empfänge, Jagdgesellschaften und Festivitäten auf dem Schloss. Zu den Gästen gehörten unter anderem der englische König Eduard VII., Marcel Proust, Aristide Briand, Marie Bonaparte, Paul Valéry und Louise de Vilmorin. Außerdem stellte das Paar im Garten wieder den Zustand des 18. Jahrhunderts her. Als Vorlage dienten dabei alte Darstellungen und Pläne. Fachlich wurden sie dabei von dem Landschaftsarchitekten Henri Duchêne und seinem Sohn Achille unterstützt. Der Vater war von 1899 bis zu seinem Tod im Jahr 1902 in Courances tätig, danach war Achille Duchêne bis 1914 mit der Rekonstruktion des Schlossparks befasst. Dabei wurden alte Wasserbecken wiederhergestellt und die landschaftlich gestalteten Partien durch neue Bassins wie ein hufeisenförmiges und ein halbmondförmiges Becken sowie Kastanienpflanzungen in Quinconce-Anordnung ersetzt. Auch die beiden barocken Broderie-Parterres auf der Schlossinsel an der Rückseite des Gebäudes gehen auf Achille Duchêne zurück. Sie entstanden 1908 nach einem alten Entwurf von Antoine-Joseph Dezallier d’Argenville. Berthe de Ganay beschränkte sich aber nicht nur auf die Wiederherstellung des alten Zustands, sondern entwickelte den Schlossgarten weiter, indem sie einen japanischen Garten anlegen ließ. Diesen überarbeitete sie in den 1920er Jahren gemeinsam mit der englischen Gartenarchitektin und Schülerin von Gertrude Jekyll, Kitty Lloyd Jones. Zuvor hatte Schloss Courances während des gesamten Ersten Weltkriegs als Lazarett gedient.
Nachkriegszeit bis heute
Während des Zweiten Weltkriegs wurde die gesamte Anlage schwer mitgenommen. Von 1940 bis 1944 nutzten 1500 Mann der deutschen Luftwaffe das Anwesen als Stützpunkt. Die Sprengung eines Munitionsdepots bei ihrem Abzug verwüstete einen Teil des Schlossgeländes. Nachfolgende amerikanische Soldaten nutzten die Wirtschaftsgebäude bis 1946 als Straflager. Während dieser Zeit verschwand fast die gesamte Inneneinrichtung des Hauptgebäudes. Die Explosion eines zweiten Munitionsdepots in der Nähe des Schlosses verursachte zusätzliche Schäden. Nachdem die Amerikaner Courances verlassen hatten, folgte eine dritte Besetzung: Marschall Bernard Montgomery quartierte sich bis 1955 im Schloss ein. Erst danach konnten die Eigentümer, Berthes Enkel Jean-Louis de Ganay und seine Frau Philippine de Noailles, wieder über ihr Schloss verfügen. Das hatte sie aber nicht davon abgehalten, das 1948 zum eingeschriebenen Kulturdenkmal () deklarierte Anwesen seit jenem Jahr nach und nach wieder instand zu setzen und die kriegsbedingten Schäden und Veränderungen zu beseitigen. Dazu zählten zum Beispiel das Entfernen von Betonbauten im Garten, die Neuaussaat der Rasenflächen und die Neupflanzung von Bäumen und Sträuchern. Verloren gegangene Laubengänge wurden dabei durch Buchsbaumhecken ersetzt. Philippine de Noailles widmete sich der Wiederherstellung des heruntergekommenen japanischen Gartens. Auch am Schlossgebäude gab es einen großen Bedarf an Reparaturen. Bei seiner Instandsetzung ließ Jean-Louis de Ganay Anbauten und Zutaten der Restaurierung vom Ende des 19. Jahrhunderts beseitigen und die alte Dachform wiederherstellen. Die Ziegelfassade des Gebäudes ließ er aber unangetastet, weil er davon ausging, dass sie original war. Ein Architekt hatte die Wiederherstellungskosten nach Kriegsende auf 88 Millionen Francs geschätzt, wovon der französische Staat 7,7 Millionen Francs übernehmen wollte.