mini|hochkant=1.5|Luftaufnahme Die Parforceheide zwischen dem Süden Berlins und dem Osten Potsdams ist eines der letzten größeren zusammenhängenden Waldgebiete in der Metropolregion Berlin-Brandenburg. Obwohl in Brandenburg gelegen, befindet sich ein Teil des Waldes im Eigentum des Landes Berlin. Die Grundlage hierfür schuf der Dauerwaldvertrag oder auch Jahrhundertvertrag von 1915. Ein rund 2350 Hektar umfassendes Gebiet ist seit 1997 als Landschaftsschutzgebiet Parforceheide ausgewiesen. Die Schutzverordnung verfolgt unter anderem das Ziel, „die Funktion des Gebietes als klimatische Ausgleichsfläche im Süden des Ballungsraumes Berlin“ zu bewahren. Der Name geht auf Parforcejagden zurück, für die König Friedrich Wilhelm I. 1730 im Wald das Jagdschloss Stern errichten ließ.
mini|hochkant=1.5|Pharus-Plan von 1903, Ausschnitt
Geografie und Geologie
Lage mini|Waldbestand mit 80–85 % Kiefern sowie einigen Birken Die nördliche Begrenzung der Parforceheide bildete bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts das Bäkefließ, das weitgehend im Teltowkanal aufgegangen ist. Die historische Karte von 1903 neben dem Inhaltsverzeichnis verzeichnet am oberen Bildrand noch das Bäkefließ (mit seinem alten Namen Teltefließ). Seit seinem Bau zwischen 1900 und 1906 schließt der Teltowkanal den Wald nach Norden ab, noch weiter nördlich auf der anderen Kanalseite folgen die Wälder von Dreilinden. Zwischen den Teltowkanal und den Wald schiebt sich östlich der schmale Berliner Streifen Albrechts Teerofen, der hier nach Brandenburg hineinreicht, sodass ein schmaler Waldstreifen entlang des Kanals auf Berliner Gebiet liegt.
Nach Osten wird das Waldgebiet zum einen von der weiträumigen Parklandschaft des Südwestkirchhofs Stahnsdorf und des Wilmersdorfer Waldfriedhofs Stahnsdorf abgeschlossen, deren Gebiet bis zur Anlage der Friedhöfe 1909 bzw. 1920 zur Parforceheide zählte. Zum anderen begrenzt das einzige Dorf in unmittelbarer Nachbarschaft des Waldes, Güterfelde, das ehemalige Gütergotz, die Parforceheide nach Osten. Die auf manchen Karten eingezeichnete Güterfelder Heide wird vom zuständigen Forstamt Nudow der Parforceheide zugerechnet.
Die westliche Begrenzung bildet die Straße, die Berlin mit der ehemaligen Exklave Steinstücken verbindet und die auch heute noch zu Berlin gehört.
Westlich von Steinstücken schließen sich die Potsdamer Neubaugebiete Drewitz, Am Stern und Kirchsteigfeld an; ab Stern verläuft die Westbegrenzung parallel zur Autobahn A 115. Zuvor durchschneidet die Autobahn den Wald, der mit zwei Fußgängerbrücken über der Fahrbahn verbunden ist; ein 2004 neu gebauter Rastplatz an der A 115 trägt den Namen Parforceheide. Den südlichen Abschluss findet das Waldgebiet im Schnittpunkt der Straßen Güterfelde-Philippsthal und Drewitz-Ludwigsfelde. Weitere kleinere Waldparzellen liegen außerhalb der umrissenen Begrenzung und werden hier zugunsten der Übersichtlichkeit nicht genauer spezifiziert.
mini|Geologischer Überblick des Teltow mit Parforceheide (rot eingerahmt)
Erwähnenswert ist die knapp 22 Hektar umfassende Ackerfläche Wüste Mark, die mitten in der Parforceheide liegt und bis 1988 als Exklave von einem Berliner Bauern aus Zehlendorf bewirtschaftet wurde.
Eiszeit, Sand und Kiefer Die Parforceheide gehört geologisch zur Berlin-brandenburgischen Landschaft Teltow, dessen Name auf den ursprünglichen Begriff „Telte“ für das Bäkefließ zurückgeht. Der Teltow ist eine typische Platte nördlich der Brandenburger Eisrandlage. Er entstand vor etwas mehr als 20.000 Jahren in der Weichseleiszeit. Größtenteils wird er von flachwelligen Grundmoränenflächen eingenommen. Das besondere an der Parforceheide ist, dass der für Grundmoränen typische Geschiebemergel weitgehend fehlt und deshalb ältere Ablagerungen, Schmelzwassersande aus der Vorstoßphase des Inlandeises an der Erdoberfläche anstehen. Sie sind im Durchschnitt 15 bis 20 Meter mächtig. Auf den Sanden entwickelten sich in der Nacheiszeit Braunerden, die jedoch nur eine geringe Ertragsfähigkeit aufweisen. Die für den Teltow typischen trockenen Sandböden prägen den Charakter des Waldes Parforceheide, der die nur in Ostdeutschland für grundwasserferne Waldstandorte gebräuchliche Bezeichnung „Heide“ erhielt. Mit seinem lichten Kiefernbestand bot der Wald ideale Bedingungen für das Bedürfnis von König Friedrich Wilhelm I., die für die Parforcejagd nötigen breiten Schneisen durch das Holz zu ziehen.
Geschichte
Parforcejagd und Stern mini|Historische Karte von 1780 Die Parforcejagden, die seit dem 16. und 17. Jahrhundert an den europäischen Höfen mit Leidenschaft betrieben wurden, gaben der Parforceheide den Namen. Die Jagdform erfordert möglichst ebene und freie Wege in einem möglichst lichten Wald mit wenig Unterholz, da die Reiter den Hundemeuten folgen müssen, die das Wild bis zur Erschöpfung hetzen. Diese Hetzjagd ist in Deutschland inzwischen verboten und wurde selbst in England, dem Land mit einer besonders gepflegten Jagdtradition und einer einflussreichen Jagdlobby, im Jahr 2005 untersagt. Die Jagd galt in der Parforceheide vor allem dem Schwarzwild und zu einem kleinen Teil dem Damwild. Rotwild soll es in den berlinnahen Wäldern schon damals nur noch in kleinen Beständen gegeben haben.
Die in Brandenburg vorhandenen Jagdanlagen waren für diese Jagdform nicht geeignet. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts fand der „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. mit der – seit diesem Jahr so bezeichneten – Parforceheide ein ideales Gelände und ließ zwischen 1725 und 1729 einen Raum von rund einhundert Quadratkilometern für die Parforcejagd herrichten. In rund sieben Kilometer Entfernung vom königlichen Stadtschloss entstand ein zentraler Platz, von dem sternförmig 16 schnurgerade doppelte Schneisen (Gestelle) in den Wald geschlagen wurden – mit Namen wie Priestergestell, Breites Gestell, Turmgestell oder Weg nach Kohlhasenbrück. Dieser Stern ist noch vorhanden, allerdings sind lediglich acht radial wegführende Wege beziehungsweise Straßen erhalten. Er gehört heute zum nach ihm benannten Potsdamer Ortsteil Stern. Früher gab es auch die Bezeichnung Großer Stern – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Großen Stern an der Siegessäule in Berlin.
Jagdschloss Stern
mini|Jagdschloss Stern mini|Stern am Schlossgiebel Der Schriftsteller Theodor Fontane durchwanderte 1869 die Parforceheide über den Stern bis nach Güterfelde:
Allerdings ist das Jagdschloss Stern, das der preußische Monarch 1730 im Wald bauen ließ, eher ein kleineres Landhaus denn ein Schloss. Fontane zufolge war das Haus
Ein Charakter, von dem Fontane alles andere als angetan ist, denn der Anblick der Paneele mit ihren Jagdtrophäen im Speisesaal lassen den Dichter der Mark einen „tiefe[n] und plötzliche[n] Verfall der Kunst“ beklagen, „jenseits lag die Kunst, diesseits die Barbarei.“ Das königliche Schlafzimmer erinnerte Fontane „an die Lagerstätten einer alten Schiffskajüte“ und kam ihm wie eine unheimliche Höhle vor.
Dass es sich bei dem Schlösschen um ein repräsentatives Beispiel für die „im Gegensatz zu seinen prunkliebendem Vorgänger […] spartanisch einfache Lebensführung“ des Soldatenkönigs handelt, erfahren wir von Adelheid Schendel in der 1987 von der Schlösserverwaltung herausgegebenen Broschüre Jagdschloss Stern. Danach handelt es sich um ein schlichtes holländisches Haus auf märkischem Boden. Während noch der Saal anspruchsvoll gestaltet ist, „ein wichtiges der ohnehin raren Beispiele für die Raumkunst aus der Epoche zwischen Schlüter und Knobelsdorff“, „weisen die übrigen Räume des Schlösschens die schlichte Zweckmäßigkeit holländischer Bürgerhäuser auf“. Realitätsnäher als Fontane beschreibt Adelheid Schendel auch das Bett: „Das in eine Holzwand zwischen Treppentüren eingefügte Bett im Schlafzimmer erinnert an Schiffskojen oder Bettladen in friesischen Fischer- und Seemannshäusern.“
In den 1980er Jahren erhielt das Jagdschloss eine grundlegende Sanierung, war allerdings 2005 wegen erneuter Renovierungsarbeiten wieder geschlossen. Neben dem Hauptgebäude, an dem sich das Holländische Viertel in Potsdam orientierte, blieb noch das alte Kastellanhaus erhalten, das wahrscheinlich bereits 1714 errichtet wurde. Nach Einstellung der Parforcejagden unter Friedrich II. und ihrer Wiederbelebung unter Prinz Friedrich Karl kam diese Jagdform zu Beginn des 20. Jahrhunderts endgültig zum Erliegen.
Berliner Besitz in Brandenburg
Berliner Luft – Der Dauerwaldvertrag mini|Die A 115 zerschneidet den Wald Stern und Jagdschloss liegen heute unmittelbar neben der Autobahn 115 und sind mit Sicht- und Lärmschutzblenden vom hohen Aufkommen der sechsspurigen Verkehrsader abgeschirmt. Eine ehemalige Schneise führt per Tunnel unter der Autobahn hindurch Richtung Osten in die Parforceheide, westlich schließen sich die Neubauviertel im Ortsteil „Stern“ an, die mitten in die Parforceheide hineingebaut wurden. Dass trotz der unmittelbaren Randlage zu den Großräumen Berlin und Potsdam und trotz massiver, nicht mehr wieder gut zu machender Eingriffe in das Landschaftsschutzgebiet mit Bauten wie der autobahnähnlichen Nuthe-Schnellstraße und dem Autobahnkreuz Potsdam große Teile der Waldlandschaft erhalten blieben, geht nicht zuletzt auf einen Beschluss der Berliner Stadtväter in den Jahren 1915 und 1920 bei der Gründung des Großraums Berlin zurück.
Der Dauerwaldvertrag, auch als Jahrhundertvertrag bezeichnet, den der kommunale Zweckverband Groß-Berlin 1915 mit dem Königlich-Preußischen Staat abschloss, schrieb fest, dass die Parforceheide als Luftquelle für Berlin bestehen bleiben muss. Der Zweckverband kaufte für 50 Millionen Goldmark große Waldteile, insgesamt rund 10.000 Hektar, der Förstereien Grunewald, Tegel, Grünau, Köpenick und Potsdam vom Preußischen Staat und verpflichtete sich, die erworbenen Waldflächen weder zu bebauen noch weiterzuverkaufen, sondern auf Dauer für die Bürger als Naherholungsfläche zu erhalten.
Hintergrund der Ankäufe war neben den schon zu dieser Zeit bedeutsamen ökologischen und Erholungsaspekten die Sicherung der Wasserversorgung für die rapide wachsende Bevölkerung im Großraum Berlin sowie die Eindämmung der ausufernden Bodenspekulation.
Rückgabe durch die Treuhand 1995 Teile der Parforceheide gehörten zu der angekauften Fläche, die 1920 auch formalrechtlich zum Berliner Besitz kam, als der Zweckverband in den Rechtsnachfolger Stadtgemeinde Groß-Berlin überging. Juristisch hat dieser Waldteil den Status „Privatbesitz der Berliner Forsten im Land Brandenburg“. Nach der endgültigen Deutschen Teilung und Gründung der DDR 1949 war West-Berlin von der außerhalb liegenden Parforceheide abgeschnitten. Auch Ost-Berlin verlor den Besitz an der Parforceheide, als 1952 alle außerhalb Berlins gelegenen Wälder zum Volkseigentum erklärt wurden und in die Verwaltung des Landes Brandenburg beziehungsweise des Bezirks Potsdam kamen.
mini|Alter Kopfsteinpflasterweg in der Parforceheide
Nach der Wiedervereinigung der getrennten Stadtteile und nach der Rückgabe der im Umland liegenden Waldgebiete durch die Treuhandanstalt 1995 gehört ein Teil des Waldes wieder der Stadt Berlin und wird von der Revierförsterei Dreilinden bewirtschaftet. Von rund 29.000 Hektar Berliner Gesamtwaldfläche befinden sich heute 16.000 Hektar in Berlin und 13.000 Hektar außerhalb in Brandenburg. Der Berliner Teil der Parforceheide liegt überwiegend im Gebiet zwischen Albrechts Teerofen, Kohlhasenbrück, Steinstücken und dem Südwestkirchhof Stahnsdorf, der gleichfalls Berliner Gebiet in Brandenburg ist (Besitz der Evangelischen Kirche). Daneben gibt es verstreute kleinere Berliner Flächen, wie beispielsweise am Güterfelder Haussee.
Neben dem Berliner Teil der Parforceheide und neben dem brandenburgischen Teil, für den die Revierförsterei Nudow (vormals Forsthaus Ahrensdorf) zuständig ist, gibt es als dritten Besitzer die Bundesrepublik Deutschland, die ehemalige Militärflächen der DDR in der Waldregion bei Güterfelde als Bundesforst hält.
Ökologie I: Flora und Fauna