Dolly Rüdeman, auch Dolly Rudeman, (* am 3. Februar 1902 in Salatiga, Java, Niederländisch-Indien; † am 26. Januar 1980 in Amsterdam; vollständiger Name: Gustave Adolphine Wilhelmina Rüdeman) war eine niederländische Grafikerin, Plakatkünstlerin, Illustratorin und Autorin von Kinderbüchern. In den 1920er Jahren war sie die einzige Frau, die in den Niederlanden Filmplakate entwarf. Ihr wird ein bedeutender Anteil an der Entwicklung der niederländischen Plakatkunst zugeschrieben.
Leben Dolly Rüdeman wurde als zweite Tochter des Verwalters einer Zuckerfabrik in Salatiga auf Java geboren. Ihr Vater, Adolf P. Rüdemann, starb ein halbes Jahr vor ihrer Geburt. Ihre Mutter Gerardina C. van Elsbroek heiratete später in zweiter Ehe den niederländischen Armeeoffizier Karel G. R. Joosten und die Familie lebte zunächst in Batavia. Nach der Pensionierung des Stiefvaters zog die Familie im Oktober 1916 nach Den Haag. Dort besuchte Dolly zwei Jahre lang ein Gymnasium und nahm gleichzeitig Zeichenstunden. In Interviews sprach Rüdeman nie über ihre Kindheit und Jugend in Niederländisch-Indien. In ihrem Werk tauchen nur in ihrer 1927 entstandenen Plakatserie für den Dokumentarfilm Mataram des Ethnologen Tassilo Adam Anklänge an ihre Jahre in Niederländisch-Indien auf.
Im Kriegsjahr 1941 musste Dolly Rüdeman wegen alliierter Bomberangriffe Den Haag verlassen und vorübergehend nach Amsterdam ziehen. Sie kehrte bald zurück, zog aber 1944 erneut und auf Dauer nach Amsterdam. Dort lebte sie mit einer Cousine in der Beethovenstraat, wo sie auch ein Atelier unterhielt. 1944 hat sie den Angaben eines Verwandten zufolge eine jüdische Familie in ihrer Wohnung versteckt, die so die Shoah überlebte. Rüdeman lebte in der Beethovenstraat bis zu ihrem Tod mit ihrer Cousine zusammen. Sie führte einen gastfreundlichen Haushalt, kochte gerne und oft indonesische Gerichte, und obwohl sie keine Kinder hatte, waren bei ihren Weihnachtsessen und bei anderen Gelegenheiten zahlreiche Besucher anwesend. Dazu gehörten bis zu seinem Tode im Jahr 1955 Barend Lugard, mit dem sie stets freundschaftlich verbunden blieb, und zwei Freunde aus ihrer Studienzeit, der Maler Lodewijk Bruckman und sein Zwillingsbruder Karel.
Dolly Rüdeman starb am 26. Januar 1980 in Amsterdam an einem Lungenemphysem. Ihr gesamter Nachlass mit Zeichnungen und Dokumenten wurde im folgenden Jahr, nach dem Tod ihrer Cousine, entsorgt und gilt somit als verloren.
Ausbildung mini|Plakat zur internationalen Reklameschau, unbekannter Entwerfer, Berlin 1929 Nach dem Schulabschluss studierte Rüdeman fünf Jahre lang an der Koninklijke Academie van Beeldende Kunsten (deutsch Königliche Akademie der Bildenden Künste) in Den Haag Zeichnen. Obgleich beide in verschiedenen Jahrgängen studierten, war sie mit dem Grafiker und Illustrator Jan Lavies bekannt. Rüdeman schloss ihr Studium im August 1922 mit der Lehramtsprüfung ab. Sie strebte jedoch eine Tätigkeit als Reklamekünstlerin an und reiste nach Großbritannien, um bei dem Illustrator und Cartoonisten Charles Crombie Unterricht zu nehmen.
1927 hatte der französische Plakatkünstler A. M. Cassandre mit einem Plakat für den Expresszug Paris-Brüssel-Amsterdam Étoile du Nord in den Niederlanden Aufsehen erregt und eine Reihe weiterer Aufträge bedeutender niederländischer Kunden erhalten. Rüdeman war von Cassandres Arbeit beeindruckt, reiste für drei Monate nach Paris, um ihn kennenzulernen, und arbeitete zeitweise in seinem Studio. In dieser Zeit entstand Rüdemans Plakat Circus für den gleichnamigen Spielfilm (deutsch Der Zirkus) mit Charlie Chaplin. Rüdeman gab später an, dass Circus unter Cassandres Einfluss entstanden sei und dieser auch ihre weitere Arbeit beeinflusst habe. Allerdings arbeite sie unter anderen Rahmenbedingungen; während Cassandre bisweilen mehr als einen Monat lang an einem Plakat arbeitete, blieben ihr nur zwei bis drei Tage.
1929 führte eine Deutschlandreise Rüdeman zunächst nach Berlin, wo vom 10. August bis zum 8. September die internationale Reklameschau stattfand. Ihre nächste Station war die Ausstellung Das internationale Plakat in München, die vom 17. August bis zum 17. September 1929 dauerte. In der niederländischen Abteilung wurden zwölf ihrer Filmplakate neben Werken von Bart van der Leck und A. M. Cassandre gezeigt. In München hatte sie die Gelegenheit, bei dem Grafiker und Plakatkünstler Ludwig Hohlwein zu studieren. Seine Arbeitsweise, Plakate auf der Grundlage von Fotografien zu entwerfen, scheint Rüdemans Arbeitsstil ab 1929 beeinflusst zu haben.
Künstlerisches Werk Erste Arbeiten Nach der Rückkehr von ihrem Studienaufenthalt in Großbritannien eröffnete Rüdeman in Den Haag ein eigenes Studio. Zunächst fertigte sie Porträtzeichnungen und Illustrationen aller Art an und gab als Zeichenlehrerin Privatunterricht. Ihre ersten Plakate waren Ankündigungsplakate für Auftritte der Tänzerin La Argentina im Kurhaus Scheveningen im Juli 1926 und für den Maskenball Carnaval! im folgenden Monat am selben Ort. In jenen ersten Jahren arbeitete sie als Illustratorin für Zeitschriften wie Nova, Favoriet, Deze Week, die Kulturzeitschrift De Prins und die Automobilzeitschrift De Auto. Einer der Autoren von De Auto war Barend Evert Lugard (1868–1955), in früheren Jahren einer der Gründer und Inhaber von Verwey & Lugard’s Automobiel-Maatschappij. Dieses Unternehmen fertigte bis 1908 Automobile, war bis 1913 als Importeur von Fahrzeugen der Hersteller Fiat und Peugeot tätig und hatte Geschäftsbeziehungen nach Niederländisch-Indien. Ob die gemeinsamen Verbindungen nach Niederländisch-Indien für die Zusammenarbeit von Rüdeman und Lugard eine Rolle spielten, ist unklar. Jedenfalls illustrierte Rüdeman häufig Lugards Artikel, und Lugard hatte für ihre weitere Karriere entscheidende Bedeutung.
1925 wurde Barend Lugard Geschäftsführer des niederländischen Filmkonzerns Nederlandse Bioscooptrust (NBT). Anfang 1926 begann Dolly Rüdeman, für den NBT die wöchentlich erscheinenden Programmhefte zu illustrieren. Eine erste bedeutende Arbeit, für die sie öffentliche Anerkennung erhielt, war im März 1926 die Ausstattung des modernisierten Großkinos Cinema Palace am Grote Markt in Groningen. Dort entwarf sie die Wanddekoration und die Lampenschirme.
Filmplakat Potemkin Der ab dem 10. September 1926 in den niederländischen Kinos gezeigte Spielfilm Panzerkreuzer Potemkin von Sergei Eisenstein war vom Publikum bereits mit Spannung erwartet worden. In Frankreich, Großbritannien, Belgien und anderen Staaten war der Film bereits von der Zensur verboten worden, in Deutschland durfte er nur unter strengen Zensurauflagen gezeigt werden. In den Niederlanden hatten Nijmegen und Bussum auf Druck konservativer politischer Vereinigungen Aufführungsverbote erlassen. Abraham Tuschinski, der Inhaber des landesweit bedeutenden Amsterdamer Tuschinski-Theaters und weiterer Kinos in Rotterdam, weigerte sich den Film zu zeigen.
Barend Lugard entschloss sich, nachdem er den Film gesehen hatte, Panzerkreuzer Potemkin in die niederländischen Kinos zu bringen. Seinerzeit wurden Filme in den Niederlanden in den meisten Fällen mit plump gestalteten Plakaten beworben, die Plakatgestaltung galt als „den Barbaren ausgeliefert“. Oft wurden künstlerisch gestaltete ausländische Filmplakate beschafft, und deren Textzeilen mit Angaben in niederländischer Sprache überschrieben. Lugard beauftragte die völlig unbekannte Dolly Rüdeman mit dem Entwurf des Plakats für Panzerkreuzer Potemkin und ließ davon 7.500 Stück drucken. Mit der Aufführung des Films hatte Barend überwältigenden Erfolg, die angesetzte Aufführungsdauer musste wiederholt verlängert werden. Die in großer Stückzahl verbreiteten Filmplakate verschafften auch Dolly Rüdeman große Bekanntheit. Der Bürgermeister von Amsterdam verbot das Plakat vorübergehend, während das Institut für Schöne Künste in Den Haag um ein Exemplar für seine Sammlung bat.
Anders als ihre russischen Kollegen Alexander Rodtschenko, Anton Lawinski und die Stenberg-Brüder, die im Staatsauftrag Plakate für den Film entwarfen, stellte Rüdeman nicht die Technik wie das Kriegsschiff und seine Geschütze oder heroische Figuren in den Vordergrund. Ihre Arbeit war eine Umsetzung der Treppenszene des Films, die wie kaum eine andere Filmszene in das kollektive Gedächtnis eingegangen ist. Das Bildmotiv stellt vor einem flächigen gelb und rot glühenden Hintergrund einen in groben Linien umrissenen Soldaten dar, sein Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett erhoben, und zu seinen Füßen ein sterbender Revolutionär. Der Text des Plakats besteht nur aus dem Wort POTEMKIN am unteren Rand, dessen weiße Buchstaben von oben her blutrot eingefärbt werden.
Die niederländische Tageszeitung Het Vaderland schrieb über Rüdemans Plakat für Panzerkreuzer Potemkin am 31. August 1926, dass es sehr von den üblichen Filmplakaten abweiche. Hier habe „ein Künstler“ gearbeitet, der fast mit jenen auf einer Stufe stehe, die den Film geschaffen haben. Wenige Tage später gab der Verfasser seiner Überraschung Ausdruck, dass der vermeintliche Künstler eine junge Frau aus Den Haag sei, die sich erst seit kurzem mit der Plakatkunst beschäftige. Eine niederländische Kulturjournalistin bemerkte 1926, dass die Arbeiten von Frauen meistens eine „weibliche“ Erscheinung haben, mit einem angenehmen Thema, klaren Farben und ein wenig verträumt. Kräftige Linien und Ausdrucksstärke lägen weniger in der Art der Frauen. Das Werk Rüdemans entspreche diesem Bild nicht.
Nederlandse Bioscooptrust Der Nederlandse Bioscooptrust war 1921 unter maßgeblicher Beteiligung von Loet Barnstijn als ein Zusammenschluss von Filmverleihern und Kinobetreibern gegründet worden. Der NBT bestand aus drei Abteilungen, der Filmproduktion, die vorwiegend Werbefilme produzierte, dem Filmverleih, der die bedeutenden Filme der großen Hollywood-Studios in den Niederlanden vertrieb, und dem Kinobetrieb. Der NBT besaß eine eigene Druckerei, J. Strang & Co., die die Filmplakate und anderen Werbemittel druckte und die Entwürfe in wöchentlichen Konferenzen an den NBT verkaufte.
Aufgrund des großen Erfolgs ihres Plakates Potemkin erhielt Rüdeman eine Festanstellung bei J. Strang & Co. für die Gestaltung der Filmplakate des NBT. Bereits nach kurzer Zeit galt sie als die wichtigste Plakatdesignerin des Unternehmens. Darüber hinaus wurden ihre Entwürfe häufig berücksichtigt, weil Rüdeman grundsätzlich zwei Entwürfe auf einem Druckbogen unterbrachte und den kostengünstigen Dreifarbdruck bevorzugte. Ihre Bildgestaltung wich hingegen oft von den Wünschen der Betreiber von Filmtheatern ab. Während diese entsprechend dem Massengeschmack realistische Porträts glamouröser Frauen bevorzugten, lagen Rüdeman eher kantige Darstellungen von Männern und künstlerisch wertvolle Darstellungen. Hinzu kam, dass Rüdemans Arbeit für die UFA, deren Filme in den Niederlanden außerordentlich populär waren, zu teuer war. Dennoch konnte sich Rüdeman mit der finanziellen Absicherung durch die Anstellung auf die Gestaltung von Filmplakaten konzentrieren. Im Verlauf ihrer Karriere entwarf sie Plakate für Filme mit zahlreichen bekannten Hauptdarstellern wie Marlene Dietrich, Buster Keaton, Greta Garbo, Asta Nielsen und Charlie Chaplin. Ihre Arbeiten entstanden auf der Basis von Inhaltsangaben und gelegentlich von Einzelbildern der Filme, wobei wegen des Raumbedarfs der Texte wenig Spielraum für die Gestaltung blieb und die Arbeiten unter großem Zeitdruck ausgeführt wurden. Rüdeman rückte häufig die Hauptdarsteller ins Zentrum und kombinierte deren realistische Darstellung mit einer suggestiv wirkenden Umgebung. Einige ihrer Werke, meist Plakate für Filmkomödien, zeichnen sich auch durch die karikaturenhafte Überzeichnung der Hauptdarsteller aus.