mini|Jona Rosenfeld, Träger des Israel-Preises für Sozialarbeit 1998 Jona Michael Rosenfeld (geboren am 30. November 1922 in Karlsruhe; gestorben am 26. Dezember 2023 in Jerusalem) war ein deutsch-israelischer Sozialpädagoge und Psychoanalytiker. Er war Professor an der Paul Baerwald Schule für Sozialarbeit der Hebräischen Universität Jerusalem und hatte eine Gastprofessur an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Am Myers-JDC-Brookdale Institute begründete er das Programm Lernen vom Erfolg, das in der Folge internationale Beachtung und Anwendung fand. 1998 erhielt er am 50. Jahrestag der Staatsgründung als Erster den Israel-Preis für Sozialarbeit und damit die höchste Auszeichnung des Staates Israel.
Leben Jona Michael Rosenfeld wurde 1922 als jüngster von drei Söhnen in Deutschland geboren und wuchs zunächst in Karlsruhe auf. Sein Vater war Rechtsanwalt. Seine frühe Kindheit wurde maßgeblich durch Elisabeth Roberts, ein von seinen Eltern engagiertes Kindermädchen, beeinflusst, die durch ihre besondere Fürsorge prägend für Rosenfelds spätere Überzeugung von der Gegenseitigkeit zwischenmenschlicher Beziehungen war. Außerdem habe Elisabeth ihm Interesse an und Aufgeschlossenheit für andere Kulturen vermittelt, denn obwohl die Eltern nach Aussage Rosenfelds Zionisten waren, hatten sie sich nicht gescheut, mit Elisabeth eine Christin für die Kindererziehung einzustellen.
Nachdem Rosenfeld 1930 mit den Eltern und seinen beiden Brüdern nach Berlin umgezogen war, besuchte er die von Paula Fürst geleitete Theodor-Herzl-Schule. Sie war „eine der ersten“ Montessorischulen, wurde 1938 niedergebrannt und ihre Direktorin 1942 im Konzentrationslager ermordet. Vierundachtzigjährig nahm Rosenfeld zusammen mit 34 Mitschülern an einem Ehemaligentreffen in Berlin teil.
Im Jahr 1925 waren die Eltern nach Jerusalem gereist, weil sie der Eröffnung der Hebräischen Universität beiwohnen wollten, aber auch, weil der Vater Möglichkeiten für eine spätere Übersiedelung erkunden wollte. Die Entscheidung, Deutschland endgültig zu verlassen, fiel kurz nach Beginn des Jahres 1933, nachdem Rosenfeld mit seinen Eltern auf dem Balkon miterleben musste, wie unten auf der Straße tausende von Nazis vorbeimarschierend das Sturmsoldaten-Lied grölten: „Wenn’s Judenblut vom Messer spritzt, dann geht’s noch mal so gut“.
Kurz danach brach der Vater mit Rosenfelds Brüdern Jakob und Immanuel nach Palästina auf. Um den Haushalt aufzulösen, blieb die Mutter mit Jona zunächst noch in Berlin. Im August 1933 reisten Mutter und Sohn per Zug nach Basel und erreichten nach einer Schiffsreise von Genua aus den Hafen von Haifa am 15. September, am Vorabend des jüdischen Neujahrs.
Im Alter von 49 Jahren heiratete Rosenfeld seine Partnerin Ruti. Er hatte zwei Töchter und fünf Enkel. Rosenfeld lebte in Jerusalem. Sein Tod wurde am 28. Dezember 2023 von der Hebräischen Universität Jerusalem und der Paul Baerwald School of Social Work and Social Welfare bekanntgegeben.
Beruflicher Werdegang Nach seinem Abitur in Jerusalem erwarb Rosenfeld im Jahr 1947 seinen Abschluss in den Sozialwissenschaften und in Mental Health. Ein Jahr später beendete er 1948 erfolgreich sein Studium an der London School of Economics and Political Science und kehrte nach Israel zurück, das nach Ende des britischen Mandats für Palästina im Mai 1948 gegründet worden war und nun mitten im Unabhängigkeitskrieg stand. Unmittelbar nach seiner Ankunft wurde er in ein militärisches Durchgangslager verbracht, wo er einen Offizier überreden konnte, ihn nicht in ein Trainingslager zur Vorbereitung für Kampfhandlungen zu schicken. Stattdessen wurde sein Vorschlag angenommen, sich in der psychiatrischen Abteilung des Militärkrankenhauses in Haifa an der Behandlung traumatisierter Soldaten zu beteiligen.
1954 schloss Rosenfeld sein Soziologiestudium an der Hebräischen Universität Jerusalem mit einem Bachelor ab und wurde 1962 an der Universität von Chicago promoviert. Ein Jahr zuvor war er Senior Teacher geworden. Weitere Stationen seines beruflichen Werdegangs waren 1967 die Position eines Senior Lecturer, 1973 wurde er Associate Professor und 1986 ordentlicher Professor. Im Jahr 1991 wurde er emeritiert.
Auch nach seiner Emeritierung blieb Rosenfeld der Idee von sozialer Inklusion verpflichtet und bis ins hohe Alter beruflich aktiv.
Wirken In seinem 2016 erschienenen Buch From exclusion to reciprocity beschrieb Rosenfeld, welch großen Einfluss sein eigenes Erleben als Außenseiter auf seine spätere Arbeit hatte. Als Außenseiter erlebte er sich mit seiner jüdischen Herkunft im erstarkenden Nazi-Deutschland, aber auch als Kind zionistischer Eltern im entstehenden israelischen Staat. Er sah es als folgerichtig, wenn er sich schließlich auch als Sozialpädagoge Arbeitsfelder erschloss, die nicht im Mainstream lagen.
Rosenfeld legte Wert darauf, als Sozialpädagoge die Welt nicht zu erklären, sondern sie zu ändern. Dabei berief er sich auf seinen Freund Israel Katz:
Zu Beginn seiner beruflichen Karriere war Rosenfeld als Sozialarbeiter am Lasker Zentrum für psychische Gesundheit und Kindererziehung der Hadassah Medical Organisation in Jerusalem und auch an der dortigen Child Guidance Clinic tätig. Er ist Gründer verschiedener Organisationen in Israel. Dazu gehören der Nationale Rat der Schulen für Soziale Arbeit, die Vereinigung der Sozialarbeiter und der Nationale Rat des Kindes.
Die Aufgaben, die sich Rosenfeld im Laufe seiner Karriere stellten, ließen ihn in verschiedenen beruflichen Feldern zu einem Pionier werden. Er war der erste ordentliche Professor an der Paul Berwald Schule für Sozialarbeit an der Hebräischen Universität Jerusalem und wurde gelegentlich als „Vater der israelischen Sozialarbeits-Ausbildung“ bezeichnet. Darüber hinaus war Rosenfeld der erste Offizier für psychische Gesundheit in der israelischen Armee. 1998 wurde er am 50. Jahrestag der Gründung des Staates Israel als Erster für seine Forschungen mit dem Israel-Preis für Sozialarbeit ausgezeichnet, der 1953 gestiftet wurde und als höchste staatliche Auszeichnung gilt.
Ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit widmete sich der Arbeit mit Holocaust-Überlebenden und er engagierte sich bei der Kinder- und Jugend-Alijah. Rosenfeld baute Partnerschaften mit verschiedenen Organisationen auf, die sich um benachteiligte Familien bemühen. Seine Forschungsinteressen richteten sich auf vernachlässigte Kinder und ihre Familien, auf extreme Armut und auf die Frage, wie Hilfsorganisationen ihr Angebot verbessern können, damit Eltern lernen, wie die Erziehung ihrer Kinder gut genug („good enough parenting“) werden kann. Ein entsprechendes Forschungsprojekt entstand an der University of North Carolina at Chapel Hill. Darüber hinaus entwickelte er zusammen mit dem Erziehungsministerium Israels ein Programm, das in 55 Highschools aufgelegt wurde und die schulische Entwicklung der Kinder verbessern sollte – „Learning from Success: Transforming Schools into Learning Organizations“.
Rosenfelds Arbeit wurde vom Gesundheits-, Bildungs- und Wohlfahrtsministerium der Vereinigten Staaten gesponsert und auf einer Konferenz der Vereinten Nationen vorgestellt. Dadurch kam er in Kontakt mit der Bewegung ATD Vierte Welt, der er sich anschloss. ATD steht dabei für All Together in Dignity (im Deutschen wiedergegeben als Gemeinsam für die Würde aller).
Das Interesse Rosenfelds, die Lage von Menschen, die ausgeschlossen und in Armut leben müssen, zu verbessern, hatte zur Folge, dass er sein psychoanalytisches Wissen zwar für das praktisch-sozialpädagogische Handeln zu nutzen wusste, seinen Arbeitsschwerpunkt aber nie in der rein psychoanalytisch-therapeutischen Tätigkeit suchte. „Es kann besser werden, wenn sowohl Lernen als auch Großzügigkeit gegenwärtig sind“, war eine tiefe Überzeugung, die ihn durch all seine Projekte trug.
Universität Von 1974 bis 1979 war Rosenfeld Dekan der Paul Baerwald School an der Hebräischen Universität Jerusalem. Er blieb dort als Professor bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1991.
Daneben war Rosenfeld langjährig Honorarprofessor der Alice Salomon Hochschule in Berlin. Dort hatte er Anfang der 1990er Jahre die Initiative Lernen vom Erfolg auf den Weg gebracht. Sie wurde lange Zeit „zu einem wichtigen Fachaustausch für Fachkräfte aus der Stadt und aus Deutschland“, schlief dann ein und startete 2013 einen Neubeginn – mitinitiiert von Reinhart Wolff.
Lernen vom Erfolg (LFS) Rosenfeld war von Anbeginn seines Berufslebens davon überzeugt, dass Menschen nicht nur aus ihren Fehlern lernen könnten, sondern und ganz besonders auch von ihren Erfolgen. Diese, in seinen Anfängen eher ungewöhnliche Überzeugung mündete in die Entwicklung eines Programms, das er Lernen vom Erfolg (LFS, für Learning from Success) nannte. Seine Studien zu diesem Thema nahm er in den späten 1960er Jahren auf. Sein Programm wurde in der Folgezeit von vielen staatlichen, aber auch von Freiwilligenorganisationen und Selbsthilfeprojekten übernommen. Zugleich wurde es auch in der ATD Vierte Welt eingeführt.
Rosenfeld entwickelte eine Ausbildung für sogenannte Lernbegleiter (learning companions), die nicht zwingend, aber oft im Grundberuf Sozialpädagogen sind. Er schulte Organisationen – ehrenamtlich tätige NGOs ebenso wie Regierungsorganisationen –, damit diese befähigt würden, eigene Programme zu entwickeln, die auf ihren je spezifischen Bedarf zugeschnitten sind. Beispielsweise entwarf er einen speziellen Kurs für die israelischen Streitkräfte, um ihre Ausbildungsabteilung in die Lage zu versetzen, geeignete Trainingsprogramme zu erstellen. Daneben erarbeitete er Programme für Schulen, damit sich auch schwächeren Schülern Aufstiegschancen eröffnen.
Rosenfelds Programm Lernen vom Erfolg (LFS) sollte nicht mit dem behavioristischen Konzept Lernen am Erfolg verwechselt werden. Während die Bezeichnung Lernen am Erfolg im Rahmen der Lerntheorien entwickelt wurde, bedient sich das Konzept Lernen vom Erfolg psychoanalytischer Grundannahmen. Das Besondere dabei sind die sozialen Rollen, die für alle Beteiligten bereit liegen. Sowohl die Helfer als auch die Hilfesuchenden nehmen im Wege der „Gegenseitigkeit von Beziehungen“, wie Rosenfeld sie verstand, die Rolle derer ein, die Hilfe erhalten und zugleich gewähren. Das ermöglicht eine Begegnung auf Augenhöhe und beseitigt mögliche Überlegenheitsgefühle der Helfer und Unterlegenheitsgefühle der Hilfesuchenden.
Die ersten Ideen zu diesem Programm entwickelte Rosenfeld in den frühen Jahren seines beruflichen Schaffens, als er fünf Jahre lang in einem sogenannten Well-Baby Center arbeitete. Dort schulte er Krankenschwestern und konnte beobachten, wie erstgebärende Mütter um so eher zu einer ganz eigenen Art von Mütterlichkeit und Säuglingspflege finden konnten, je mehr es den betreuenden Krankenschwestern gelang, sich von starren Vorgaben für die Pflege zu lösen und „professionelle Autonomie“ zu erwerben. Auf diese Weise fanden beide Seiten Zugang zu selbstbestimmtem Lernen.
Anfang der 1990er Jahre wurde Rosenfeld Mitglied des 1974 in Jerusalem gegründeten Myers-JDC-Brookdale Institutes (MJB). Dabei handelt es sich um eine NGO, die sich sozialwissenschaftlicher Forschung in verschiedenen Praxisfeldern verpflichtet fühlt und Organisationen dabei unterstützt, ihre Zielgruppen bestmöglich und auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse zu fördern. Nach seinem Beitritt gründete Rosenfeld 1991 an diesem Institut eine eigene Abteilung für Lernen vom Erfolg.
Im Rahmen dieses Programms wird Handlungswissen ebenso vermittelt wie ihre theoretischen Grundlagen und Know-how zur Einflussnahme auf politische Entscheidungen. Dies erschien Rosenfeld besonders wichtig, weil er der Überzeugung war, dass Sozialer Arbeit der Erfolg versagt bleiben muss, wenn sie sich nicht zugleich auch politisch einmischt und Einfluss auf Entscheidungen nimmt.