mini|Die Marquise de Merteuil trifft sich heimlich mit ihrem Geliebten, dem Chevalier de Belleroche (10. Brief). Illustration von Charles Monnet (1796) Gefährliche Liebschaften (französisch: Les Liaisons dangereuses ou Lettres recueillies dans une société et publiées pour l’instruction de quelques autres), ein Briefroman von Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos, gilt als ein Hauptwerk der französischen Literatur des 18. Jahrhunderts und Sittengemälde des ausgehenden Ancien Régime. Der Roman erschien in Frankreich erstmals am 23. März 1782, war beim zeitgenössischen Publikum ein Skandalerfolg und erlebte bis zur Französischen Revolution mehrfache Auflagen. Bereits 1783 wurde die erste deutsche Übersetzung von Christian von Bonin publiziert, viele weitere folgten (s. Deutsche Ausgaben).
Inhalt Überblick Der Roman schildert in 175 Briefen die Geschichte zweier Intrigen: die der Marquise de Merteuil und die des Vicomte de Valmont, die sich nicht an moralische und traditionelle sexuelle Normen gebunden fühlen und einen ausschweifenden Lebenswandel führen. Die Gräfin erklärt im 81. Brief an Valmont ihre Motive im Zusammenhang mit ihrer Biographie: „Ich dachte nicht daran, zu genießen, ich wollte wissen, und das Verlangen, mich zu unterrichten, gab mir das richtige Mittel ein“, das Gespräch mit ihrem Beichtvater.Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften. Winkler Verlag München, 1959, S. 225. Das durch Beobachtung und Reflexion entwickelte Machtgefühl verbindet sich mit der Rache ihres Geschlechtes an der von hochmütigen Männern dominierten Gesellschaft: „Ich sage meine Prinzipien […] denn sie sind nicht, wie die der anderen Frauen, vom Zufall geboren, ohne Prüfung hingenommen und aus Gewohnheit befolgt: sie sind Ergebnisse meines reiflichen Nachdenkens, ich habe sie geschaffen und ich kann sagen, dass ich mein eigenes Werk bin. […] Ich muss siegen oder untergehen.“Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften. Winkler Verlag München, 1959, S. 224, 233.
Unter der Fassade der Tugendhaftigkeit spannt sie Intrigennetze und zerstört Liebesbeziehungen und das gesellschaftliche Ansehen ihrer Opfer, so auch in der Haupthandlung des Romans: Sie plant, sich an ihrem ehemaligen Liebhaber, dem Comte de Gercourt, zu rächen, weil er sie wegen einer anderen Frau verlassen hat und jetzt Cécile de Volanges, ein 15-jähriges noch jungfräuliches und naives Mädchen, das gerade die Klosterschule verlassen hat, heiraten will.
Erster Teil Für ihr diabolisches Spiel spannt sie ihren früheren Geliebten und bekannten „bon vivant“, den Vicomte de Valmont, ein und schlägt ihm vor, er solle zur Erweiterung seiner Erfolgsliste die junge Cécile verführen, doch dieser lehnt zunächst ab, da er die Herausforderung für zu leicht hält, während er die Umgarnung einer tugendhaften verheirateten Frau, La présidente de Tourvel, als echte Herausforderung ansieht, um seinen Ruf als unwiderstehlicher Don Juan zu bestätigen. Aber er will ihren Plan unterstützen, und sie verspricht ihm, wenn er ihr einen schriftlichen Nachweis von der Verführung der „Betschwester“ vorlegt, eine Nacht mit ihm zu verbringen. mini|Valmont erpresst Julie, die Kammerjungfer Mme. de Tourvels, ihm den Briefwechsel ihrer Herrin mit Mme. de Volanges zu lesen zu geben. (Brief 44). Illustration von Charles Monnet (1796) Beide versuchen nun, in getrennten Aktionen, den jungen Chevalier Danceny, Céciles Musiklehrer, der sich in seine Schülerin verliebt hat, zu einer Verführung anzustacheln und die Bereitschaft des Mädchens zu diesem Abenteuer vorzubereiten. Da Danceny anfangs zu ehrenhaft und schüchtern für eine eigene Initiative ist, schleicht sich Valmont in das Vertrauen des 20-Jährigen ein, ermuntert ihn und gibt ihm Tipps. Parallel dazu nutzt die Gräfin ihre Verwandtschaftsbeziehung, spielt die Freundin und übt so ihren Einfluss auf Cécile aus. Zugleich beruhigt sie in einem Doppelspiel deren auf die Tugendhaftigkeit ihrer Tochter bedachten Mutter. Um deren Vertrauen zu gewinnen, verrät sie ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit den ihr von Cécile anvertrauten Aufbewahrungsort der Liebesbriefe Dancenys. Dann lenkt sie dem Mädchen gegenüber den Verdacht des Verrats auf ihren Beichtvater oder die Zofe und schlägt ihr bessere Verstecke vor.
Zweiter Teil Während sich die beiden Protagonisten ihre Liebesaffären, z. B. die ihren mit Prévant und Belleroche, mitteilen, entwickelt sich die Verführungsgeschichte Céciles langsam weiter. Auch Valmont kommt dem Ziel seines Eroberungsprojekts nicht voran, obwohl Mme de Tourvel ihn zu lieben beginnt. Einen Rückschlag erleiden seine Bemühungen, als Céciles Mutter Mme. de Tourvel vor seinem schlechten Charakter warnt. Er rächt sich, indem er Cécile, wie von der Marquise zuerst vorgeschlagen, vergewaltigt.
Dritter Teil Valmont setzt seinen Plan, Cécile zu entjungfern, im dritten Romanteil erfolgreich um und dies hat Konsequenzen für den weiteren Handlungsverlauf. Zuerst gewinnt er als Überbringer der Briefe das Vertrauen der Verliebten, dann streut er als Berater seiner beiden „Mündel“ Misstrauen in ihre Liebesbeziehung (84. Brief). Durch eine List, die Liebesbriefe von der Mutter unbemerkt zu überbringen, erhält er Céciles Schlüssel, schleicht nachts in ihr Zimmer, erpresst sie mit der Drohung, bei ihrer Abwehr und Entdeckung ihr Einverständnis für ihr Geheimtreffen zu behaupten, zu Zärtlichkeiten und erreicht in dieser Doppelstrategie aus Druck und Liebkosungen ihre Einwilligung (96./97. Brief). mini|Valmont schleicht in das Zimmer der schlafenden Cécile (Brief 96). Illustration von Charles Monnet (1796) Nach ihrer ersten Liebesnacht gibt sich Cécile die Mitschuld an ihrer Hingabe und zeigt depressive Symptome. Ihre Mutter vermutet einen Zusammenhang mit der bevorstehenden Vermählung und will die Tochter von diesem Druck befreien und ihr dem zurzeit im Ausland weilenden Comte de Gercourt gegebenes Wort zurücknehmen. Die von ihr um Rat gebetene Gräfin warnt jedoch vor einem solchen Schritt aus gesellschaftlichen und finanziellen Gründen und beeinflusst zugleich Cécile, die Heirat als Fassade zu nutzen, um mit Geliebten ihren Spaß zu haben, und sie ermuntert sie dazu, ihre Affäre mit Valmont fortzusetzen. Cécile folgt ihrem Rat, wird schwanger und erleidet eine Fehlgeburt. Valmont verpflichtet den Chirurgen und die Zofe zur Verschwiegenheit der der Mutter gegenüber (140. Brief). Die Marquise wird misstrauisch. Ihr gefällt nicht, dass der Vicomte offenbar an der jungen Frau Gefallen findet und sich mit ihr verbunden fühlt. Außerdem scheint er durch die lange und intensive Korrespondenz Liebesgefühle für Mme. de Tourvel zu entwickeln, und sie kündigt ihm überraschend an, Danceny zu ihrem neuen Geliebten zu machen.
Vierter Teil Nach Valmonts Eroberung Céciles intensiviert er seine Bemühungen um Mme. de Tourvel. Er hat durch die Simulation tiefer existentieller Schuldgefühle über sein zügelloses Leben und seinen Rückzug aus der Gesellschaft über Pater Anselm und seiner Tante, Mme. de Rosemonde, das Mitgefühl der tugendhaften Frau, die ihm bereits brieflich ihre platonische Liebe gestanden hat, erweckt und sie zu einem Treffen überredet (125. Brief): Er stellt sie vor die Alternative „Sie besitzen oder sterben“. Ohne das Glück ihrer geistigen und körperlichen Liebe sei sein Leben sinnlos.Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften. Winkler Verlag München, 1959, S. 384. Sie fühlt sich für sein glückliches Leben verantwortlich und gibt nach: „…ich kann mein Leben nur noch insoweit ertragen, als es dazu dient, Sie glücklich zu machen. Dem weihe ich mich ganz und gar. Von diesem Ausgenblick an gebe ich mich Ihnen, und Sie sollen von mir fortan weder eine Weigerung noch ein Wort der Reue hören.“Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften. Winkler Verlag München, 1959, S. 389. Valmont teilt seinen Sieg sofort der Marquise mit - „So ist sie denn besiegt, diese stolze Frau, die zu glauben wagte, dass sie mir widerstehen könnte!“ - und fordert das Einlösen ihrer „schönen Vereinbarung“ und die Beendigung ihrer anderen Affären.Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften. Winkler Verlag München, 1959, S. 379, 389. mini|Valmont diktiert Cécile einen Brief an Danceny (95. Brief). Illustration von Charles Monnet (1796) Mme. de Merteul reagiert darauf zurückhaltend. Er habe noch kein schriftliches Geständnis seines Opfers vorgelegt und habe sich offenbar sowohl in die „Betschwester“ wie in Cécile verliebt, so dass er beide Beziehungen weiterführe und nicht, wie vereinbart abbreche. Dies sei jedoch die Voraussetzung einer Beziehung zwischen ihnen, an deren Dauerhaftigkeit sie allerdings zweifele. Valmont bricht darauf seinen Kontakt mit Mme. de Tourvel ab und stellt die Gräfin vor die Alternative, dass er „vom heutigen Tage an entweder Ihr Geliebter oder Ihr Feind sein werde.“Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften. Winkler Verlag München, 1959, S. 379, 389. Zudem durchkreuzt er ihre Absicht, Danceny zu ihrem neuen Geliebten zu machen, indem er den jungen Chevalier von der Gräfin trennt und mit Cécile zusammenbringt. Darauf spottet er über ihre Niederlage. Für die Marquise ist dies eine Kampfansage und sie übergibt dem Chevalier Valmonts Briefe über die Entjungferung Céciles, worauf der Chevalier den Rivalen zum Duell fordert (162. Brief) und ihn im Zweikampf mit dem Degen ersticht. Vor seinem Tod versöhnt sich der Vicomte mit seinem Gegner und gibt ihm die Briefe der Gräfin. Danceny reicht sie in der Gesellschaft herum und veröffentlicht einige davon, welche die Schreiberin als Intrigantin belasten.
Für alle Beteiligten endet die Intrigengeschichte tragisch: Mme. de Tourvel sucht nach einem Nervenzusammenbruch Zuflucht in einem Kloster und stirbt dort. Cécile wird Nonne. Der Chevalier verlässt das Land und geht nach Malta. Die Marquise wird gesellschaftlich geächtet, vor Gericht angeklagt, verliert ihr Vermögen und erkrankt an Pocken. Mit vernarbtem Gesicht und halb blind setzt sie sich vor dem Prozess ins Ausland ab.
Interpretation Vorwort und Vorbemerkung Laclos stellt seinem Roman in einer Herausgeberfiktion zwei Vorworte voran. Das erste ist eine (vorgebliche) Vorbemerkung des Herausgebers, der darauf hinweist, dass das Ganze nur ein Roman sei. Diese Einleitung fährt fort:
Dem folgt ein (vorgebliches) Vorwort des Sammlers der Briefe:
Die Briefe Die Handlung des Romans erschließt sich dem Leser ausschließlich durch Briefe. Der Leser nimmt damit unmittelbar am Geschilderten teil – es gibt keinen allwissenden Erzähler, der einen Überblick über Handlung und handelnde Personen hat, sondern durch die Vielzahl der Briefeschreiber werden dem Leser mehrere Perspektiven auf dasselbe Ereignis eröffnet. Dadurch erhält der Roman auch eine gewisse Form der Ironie, die auf dem unterschiedlichen Wissen der Figuren der Romanhandlung basiert. Kirsten von Hagen weist darauf hin, dass Laclos mit einem „Suspense“-Effekt arbeite, wie man ihn aus Thrillern und Kriminalgeschichten des 20. Jahrhunderts kennt. Der Leser weiß mehr als die einzelnen Charaktere und antizipiert dadurch gewisse Ereignisse. Kirsten von Hagen: Intermediale Liebschaften: Mehrfachadaptionen von Choderlos de Laclos „Les Liaisons dangereuses“. Stauffenburg Verlag, Tübingen 2000, S. 45 So kennt der Leser den Pakt zwischen dem Vicomte de Valmont und der Marquise de Merteuil und Valmonts Plan, die tugendhafte Madame de Tourvel zu verführen, und liest die Briefe mit einer gewissen Erwartungshaltung.