Das Heidelberg College ist ein staatlich anerkanntes Privatgymnasium mit angeschlossenem Internat für Jungen und Mädchen in Heidelberg, das Mitglied im Bundesverband deutscher Privatschulen ist. 1887 wurde das Heidelberg College als englische Schule gegründet, 1906 wurden Schüler und Tradition des älteren Neuenheim College übernommen, so dass das Heidelberg College auf über 175 Jahre Schulgeschichte zurückblickt und somit die älteste nicht-kirchliche Internatsschule Baden-Württembergs ist. Das Privatgymnasium ist eine koedukative Internats- und Tagesschule, die vier Profile (Fremdsprachen, Naturwissenschaften, Kunst und Sport) und eine Ganztagsbetreuung anbietet.
Neuenheim College Geschichte des Neuenheim College In den meisten Quellen wird das Jahr 1843 als Gründungsjahr des Neuenheim College genannt, wahrscheinlich existierte aber schon vor 1814 in der Hauptstraße 84 ein kleines Pensionat für Privatschüler im Hause des Gymnasiallehrers und Direktors Karl Philipp Kayser, so dass die Anfänge rund 30 Jahre vor dem „offiziellen“ Gründungsdatum liegen. Aus diesem kleinen Pensionat des Herrn Kayser, der auch Professor für Klassische Philologie und Sekretär der Universitätsbibliothek Heidelberg war,Dagmar Drüll: Heidelberger Gelehrtenlexikon 1803–1932. Springer, Berlin 1986, ISBN 3-540-15856-1, S. 132. entstand eine kleine Schule, die als Familienbetrieb geführt wurde und internationale Anerkennung erfuhr, so dass vor allem französische, aber auch in steigender Zahl englische Schüler das Institut besuchten. Nach dem Tod Karl Philipp Kaysers übernahm die Witwe Gertrud Kayser die praktische Leitung und Repräsentation der Schule. Als sie 1843 verstarb, kam es zu organisatorischen Änderungen, die wahrscheinlich dazu führten, dass 1843 zum offiziellen Gründungsjahr wurde. Seit 1844 war Thomas Gaspey, Verfasser zahlreicher Lehrbücher, an der Schule tätig. 1856 gründete er in der Schiffgasse ein „Englisches Knabeninstitut“, mit dem das „Kaysersche Institut“ verschmolz.
1858 zog das Institut in die Schiffgasse 4 um, 1861 wurde das Schulhaus in die Bergheimer Straße 45 verlegt, wo die Schule bis 1886 verblieb. Nachdem Thomas Gaspey 1857 Privatdozent an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg wurde, übernahm sein Stellvertreter Lambeck die Organisation der Schule, der bis 1864 einen Zuwachs der Schülerzahl auf fast 70 verzeichnen konnte. Noch zu Lebzeiten Gaspeys, der 1871 überraschend in London verstarb, übernahm de facto 1870 Heinrich Klose, Sprachlehrer für Englisch und verdienter Bürger um die Entwicklung des Stadtteils Neuenheim, die Leitung der Schule. Sank aufgrund des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870/1871 die Schülerzahl auf unter 30, erhöhte sie sich wieder bis 1876 auf über 70. In diesem Jahr fand auch der Umzug nach Neuenheim in die Mönchhofstraße (zwischen Quincke- und Keplerstraße) statt. In dieser Zeit gewann der Sport für das Profil der Schule zunehmend an Bedeutung.
Ende des Jahres 1882 zog sich Klose zurück und die Schule wurde von dem gebürtigen Australier Reverend Frederick Armitage, einem wohlhabenden Mann, der in den Jahren zuvor als Sprachlehrer und Diakon in Wales und Indien tätig war, übernommen. Unter seiner Leitung bürgerte sich der Name „Neuenheim College“ ein. Das Schulleben zeichnete sich neben dem Unterricht durch sportliche Aktivitäten und Wettkämpfe sowie durch gemeinschaftliche Veranstaltungen wie zum Beispiel das „christmas dinner“ oder den „annual fancy-dress ball“ aus.
mini|Wappen des Neuenheim College Profil des Neuenheim College In der schuleigenen Werbung wurde das Neuenheim College als „größte englische Internatsschule auf dem Kontinent“ bezeichnet. Mitte der 1880er Jahre besuchten über 90 Jungen das Neuenheim College. Die Schüler wurden auf die Aufnahmeprüfungen der englischen Universitäten vorbereitet sowie für Berufs- und Militärschulen. Im Neuenheim College wurden – einzigartig auf dem Kontinent – Vorprüfungen der University of Oxford und der University of Cambridge durchgeführt.
Orientiert an den englischen Public Schools wurden im allgemeinbildenden Unterricht die Fächer Deutsch, Französisch, Englisch, Latein, Mathematik und auf Wunsch Griechisch gelehrt. Im kaufmännischen Lehrgang erhielten die Schüler eine „sachkundige Unterweisung in deutscher und französischer Wirtschaftskorrespondenz“ und wurden in Buchhaltung, Stenographie und Arithmetik unterrichtet. In prüfungsvorbereitenden Kursen erlangten die Schüler die Befähigung für ihre Ausbildung bei der Armee, Marine, verschiedenen Wirtschaftsschulen und die Studienberechtigung für die Fächer Theologie, Jura und Medizin. Das Schuljahr war in Trimester aufgeteilt; während der Ferien konnten die Schüler in deutschen oder französischen Familien untergebracht werden. Der sonntägliche Gottesdienst wurde in der englischen Kirche besucht. Eine gut ausgestattete Bibliothek mit einer großen Auswahl französischer und deutscher Bände und Zeitschriften stand zur Verfügung.
Um 1900 verfügte das Neuenheim College über ein Juniorhaus, das sich in der Mönchhofstraße 30 befand und in dem die jüngeren Schüler untergebracht waren. Im Seniorhaus (damals Mönchhofstraße 27) wohnten die über 16-jährigen Schüler. Der Unterricht fand im Schulhaus statt. Es gab weiterhin einen Speisesaal, ein Labor für den Chemie- und Physikunterricht, eine Turnhalle, drei große Handballfelder und ein 120 × 120 m großes Fußball- und Cricketspielfeld.
Sport am Neuenheim College und Heidelberg College Dem Neuenheim College wie später dem Heidelberg College kamen eine große Rolle bei der Einführung und Förderung englischer Sportarten wie Rugby, Rudern, Hockey, Tennis, Fußball und Leichtathletik in Heidelberg und darüber hinaus zu. In diesen Sportarten maß man sich inner- wie außerschulisch in Wettkämpfen. So stellten vor allem die Ruderregatten ein sportliches, aber auch gesellschaftliches Ereignis dar. Exemplarisch werden folgende Ereignisse für die Bedeutung des Sports in Heidelberg und darüber hinaus genannt:
Führend war das Neuenheim College in der Leichtathletik, so wurde der Schüler W.A. Landvoigt 1899 deutscher Meister im 100-Meter-Lauf. Die Rugby-Mannschaft des Neuenheim College war die erste Rugby-Mannschaft Deutschlands, die um 1850 mit einem Spiel für Aufsehen sorgte, das von den Jugendlichen der Stadt als „Durchtragerles“ bezeichnet wurde. Der Lehrer Edward Hill Ulrich gründete mit Schülern des Neuenheim College am 9. März 1872 den Heidelberger Ruderklub (HRK).
Nachdem Hockey am Neuenheim und Heidelberg College eingeführt worden war, übernahmen es 1906 offiziell auch andere Schulen, die ehemaligen Schüler der Oberrealschule in der Kettengasse gründeten daraufhin am 15. April 1905 den Hockey-Club HC Heidelberg.
Im Zuge der Fußballweltmeisterschaft 2010 wurde in Stuttgart eine Sonderausstellung zur Geschichte des Fußballs in Baden-Württemberg gestaltet. Dem Katalog ist zu entnehmen, dass das bislang älteste überlieferte Assoziationsfußballspiel vom 17. November 1888 in Südwestdeutschland zwischen dem English Football Club Freiburg und dem Heidelberg College Football Club ausgetragen wurde und 2:2 endete.
Bedeutende ehemalige Schüler Frank Nelson (1883–1966), Politiker John Hassall (1868–1948), Illustrator Frank Peyton Skipwith (1861–1951), Architekt Vyvyan Holland (1886–1967), zweiter Sohn von Oscar Wilde, Autor und ÜbersetzerOscar Wilde: Children auf histclo.com, abgerufen am 12. Dezember 2022.
Heidelberg College mini|Gründer Catty und Holzberg
Das Ende des Neuenheim College und der Aufstieg des Heidelberg College mini|Heidelberg College um 1900 Der Grund, warum im Jahr 1887 drei Lehrer des Neuenheim College, Albert Holzberg, A.B. Catty und Walter Lawrence, in der Neuneheimer Landstraße eine eigene Schule gründeten, kann nicht mehr abschließend geklärt werden. Der Unterricht begann mit drei Lehrern und vier Schülern, jedoch stieg die Schülerzahl bereits im ersten Jahr auf 22 an. Die Mehrzahl der Schüler kam aus England und es wurde großen Wert auf die Ausbildung in Deutsch und Französisch gelegt. Die Schule bereitete auf die Aufnahmeprüfungen englischer Universitäten und der Militärakademien vor. Aufgrund steigender Schülerzahl wurde in der Neuenheimer Landstraße 1888 das Schulgebäude Nr. 16 um einen Speisesaal erweitert, 1890 wurde Haus Nr. 24 erworben. In diesem „Senior Haus“ wohnten die älteren Internatsschüler und im Erdgeschoss wurden die Naturwissenschaften Physik und Chemie untergebracht. 1898 wurde auf der Westseite des Anwesens Nr. 16 ein Anbau errichtet, um Unterrichtsräume, Turnhalle und Bootskeller zur Verfügung zu stellen. Im Jahr 1900 wurde die „Villa Bergfried“ in der Neuenheimer Landstraße 22 erworben. Dort wohnte die Familie Holzberg mit ausgewählten Schülern, wie den damaligen Infanten von Spanien, Louis-Ferdinand d’Orléans und Alphonse d’Orléans und dem thailändischen Königssohn Rangsit Prayurasakdi.
Für 1000 Goldmark übernahm 1906 das Heidelberg College die übrigen Schüler des Neuenheim College sowie dessen Tradition. Bis zum Ersten Weltkrieg war es eine englische Schule mit internationalem Ansehen. Im Jahr 1906 wurde das Heidelberg College von einem Inspektor der Londoner Universität überprüft. Dieser legte dem „Army Council“ einen so wohlwollenden Bericht vor, dass das Heidelberg College die einzige Schule außerhalb Großbritanniens war, die Schulabgangszertifikate für die British Army ausstellen durfte. Zum 25-jährigen Bestehen bekam Albert Holzberg das „Ritterkreuz erster Klasse des Zähringer Löwenordens“ vom Großherzog von Baden.
Erster Weltkrieg, Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg Mit Kriegsausbruch 1914 wurde die Arbeit der letzten 27 Jahre fast gänzlich zerstört. Die englischen Lehrer und Schüler mussten das Land verlassen, wer es nicht rechtzeitig schaffte, wurde in Ruhleben bei Berlin interniert. Die Anteile A.B. Cattys wurden beschlagnahmt, Albert Holzberg musste sie öffentlich ersteigern, was nur durch den Verkauf der Villa Bergfried finanziert werden konnte. Während des Krieges diente die Schule als Lazarett, ein provisorischer Operationssaal befand sich im Waschraum der Turnhalle. Nach dem Krieg begann der Unterricht 1917 mit sieben Schülern, nun aber nicht mehr als englische Schule, sondern als Realgymnasium mit Internatsschülern aus Deutschland. Ab 1919 wurde das Heidelberg College aufgrund der hinzukommenden gymnasialen Oberstufe zu einer Vollanstalt, jedoch wurden bis 1940 die Abiturprüfungen extern an staatlichen Schulen abgelegt.
1933 musste die Schule in „Dr. Albert Holzbergs höhere Lehr- und Erziehungsanstalt“ umbenannt werden, 1940 wurde der linientreue Schulleiter Fahlbusch eingesetzt und das Heidelberg College bekam die staatliche Anerkennung. Die Abiturzeugnisse trugen nun den Titel „Albert Holzberg Schule Private Oberschule für Jungen Heidelberg“. Im Jahr 1944 zog die staatliche Heimschule Mosbach in die Gebäude. Im Mai 1945 kam auch dieser Schulbetrieb zum Erliegen.
Nachkriegszeit und Wiederbeginn 1957