Das heutige Gymnasium Blankenese wurde 1892 in der Frühzeit des Deutschen Kaiserreichs als Realschule für Jungen gegründet, nur 20 Jahre nach der Proklamation des preußischen Königs Wilhelm I. als Kaiser im Januar 1871. Die Geschichte der Gründung und die weitere Entwicklung der Schule ist mit Ausnahme der Zeit des Nationalsozialismus gut dokumentiert. Für einige Jahrzehnte nach 1945 in der Nachkriegszeit nannte sich die Schule Wissenschaftliche Oberschule für Jungen, für die es eine Aufnahmeprüfung gab. Heute ist das Gymnasium ein staatliches, neusprachliches Gymnasium für Jungen und Mädchen im Stadtteil Hamburg-Blankenese. Die Gebäude der Schule und die Sportanlagen befinden sich im Bereich von Kirschtenstraße, und Oesterleystraße nur ca. 500 m westlich entfernt vom S-Bahnhof Hamburg-Blankenese. Auch die Wege und Parkanlagen im benachbarten Hessepark und im Goßlers Park können für den Sportunterricht genutzt werden.

Geschichte Gründerzeit Schulgründung und Schulausbau Das heutige Gymnasium Blankenese wurde am 22. April 1892 auf Anregung und mit Zustimmung von Propst Paulsen durch eine Art Bürgerinitiative der Gemeindevertreter von Blankenese und Dockenhuden als Höhere Lehranstalt für Knaben gegründet. Die Gründung der neuen Realschule wurde am 22. August durch das damals zuständige Provinzial-Kollegium in Schleswig genehmigt. Bereits am 10. Oktober 1892 wurde die neue Realschule Blankenese in einem provisorischen Gebäude in der damaligen Parkstraße (heute „Am Kiekeberg“) eröffnet. In drei Klassen (Vorschule, Sexta, und Quinta) betreuten drei Lehrer 75 Kinder. Als Leiter der Realschule fungierte zunächst Propst Paulsen selbst. Bereits im Juli des Folgejahres 1893 wurde in der benachbarten Lindenstraße (heute Kirschtenstraße) der Grundstein zu einem neuen Schulgebäude gelegt. Der Neubau wurde im Juli 1894 bezogen, gleichzeitig mit dem Amtsbeginn von Walther Kirschten als dem neuen Direktor.Jürgen Höhling, Fabian Weber |Titel: Kurskorrekturen, Geschichte und Gegenwart des Gymnasiums Blankenese 1892–2017. Verlag:Edition Fischerhaus, Schriften zur norddeutschen Geschichte Bd. 2. Ort: Hamburg Blankenese Datum: 2017. ISBN 978-3-945465-66-0. |Seiten 60–65, 113

Die Gründung neuer Realschulen im Deutschen Reich erfolgte in einer Zeit des Neuanfangs der deutschen Politik, als unter Kaiser Wilhelm II. der neue Reichskanzler Caprivi mit einer Politik des neuen Kurses den Agrarstaat Deutschland zu einem Industriestaat umgestalten sollte. Dabei sollten aber die bisherigen Machtstrukturen erhalten bleiben und die Rolle des Militärs gestärkt werden. Im Hinblick auf eine bessere Ausbildung von Jugendlichen musste also erreicht werden, dass sich auch schulisch gut ausgebildete Schüler weiterhin den bestehenden gesellschaftlichen Ordnungen anpassen würden. Auch in Hamburg und in seinen Vororten kam es 1892–1913 im Verlauf einer langen Phase der Hochkonjunktur zu einem wirtschaftliche Aufschwung. In den zusammengelegten Gemeinden Blankenese und Dockenhuden stieg die Bevölkerungszahl von ca. 2500 auf ca. 5541. Arbeitsplätze entstanden vorwiegend in neuen technischen Berufen und die Bewerber benötigten Kenntnisse in Realien, d. h. nützliche Kenntnisse für praktische Berufe, für den gewerblichen Mittelstand, für Handel und Schifffahrt. Diese Inhalte sollten statt Latein an den neu geplanten Realschulen gelehrt werden. Dabei war ein sozialer Aufstieg nicht das Ziel der Ausbildung. Jedoch mussten diese neuen Realschulen erst gegründet werden und die passenden Lehrkräfte gefunden werden.

Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs blieb die politische Lage im Deutschen Reich labil. Der weiterhin bestehende Landadel suchte Sicherheit und Beständigkeit beim überwiegend vom preußischen Adel geführten Militär. Auch das Bürgertum, das der wachsenden Industriearbeierschaft skeptisch gegenüberstand und auch die neuen industriellen Methoden und Produkte (in Blankenese z. B. neue eiserne FischKutter) noch nicht akzeptiert hatte oder nicht finanzieren konnte, war verunsichert. In der Folge entwickelte sich im Deutschen Reich eine unübersichtliche, labile Lage, in der eine strenge Erziehung der Jugend und auch die Kontrolle der erwachsenen Bevölkerung angeraten waren. In Blankenese konnte Probst Paulsen als Pastor und als Leiter der neuen Realschule beides gewährleisten, zumal ihm in Blankenese auch Geldmittel, gestiftet von den reichen Blankeneser Kaufleuten, zur Verfügung standen. Die Finanzierung des Schulbaus und der Betrieb einer neuen Realschule für Knaben waren ohne größere Probleme gewährleistet, zumal nicht alle Kosten allein von der Gemeinde getragen werden mussten.

1894 wurde als Neubau ein roter Backsteinbau an der Oesterleystraße bezogen. 1906 bezog auch die 1890 als private Schule für höhere Töchter gegründete Schule, an der die Gemeinde Blankenese seit 1904 als Schulträger auch beteiligt war, ein neu erbautes eigenes Gebäude etwas südlich abgetrennt von der Realschule für Knaben. Beide Schulen konnten ihre in traditioneller Architektur gehaltenen Schulgebäude über beide Weltkriege bewahren. Noch heute finden sich in Fluren und Treppenhäusern der heute baulich vereinigten Schulgebäude architektonische Mischformen aus wilhelminischem Backsteinhistorismus, Jugendstil und Nachkriegsmoderne mit Buntglasfenstern, Stuckarbeiten Fliesen und Kacheln aus der Bauzeit, obwohl im Laufe der Jahre die Strukturen des Schulgebäudes nach mehrmals erfordlichen Umbauten den jeweiligen neuen Bedürfnissen immer wieder angepasst werden mussten.So fing alles an. In: abendblatt.de, 18. Juli 2017

Schulprogramme Gründerzeit Das bei der Gründung einer lateinlosen Realschule in Blankenese von Probst Paulsen vorgesehene Schulprogamm umfasste Kenntnisse und Fertigkeiten, die von den Söhnen der Eltern im Einzugsgebiet der Schule erworben werden konnten, um für einen zukünftigen praktischen Beruf oder für Tätigkeiten in Handel, Gewerbe und Schifffahrt vorbereitet zu sein. Sehr wichtig war auch, dass mit einem erfolgreichen Schulabschluss auch die Berechtigung zum freiwilligen Einjährigen Militärdienst erlangt werden konnte, anstatt einen drei- oder zweijährigen Pflichtdienst ableisten zu müssen. Außerdem hatte man dann Zugang zur Offizierslaufbahn und Aussicht auf Zugehörigkeit zu einer Berufsgruppe mit dem höchsten Sozialprestige. Der Zugang zum wertvollen Privileg des Einjährigen wurde durch die Reichs-Schulkommission vergeben, die streng darauf achtete, dass eine vaterländische Erziehung und Charakterbildung betrieben wurde.

Die Pflege der Muttersprache war vorgesehen, Kenntnisse von Fremdsprachen sollten aber nur beschränkt vermittelt werden, wenn dadurch die Schulung des Geistes gefördert wird, und wenn es berufsbedingt erforderlich war. Ein durch Bildung ermöglichter sozialer Aufstieg wurde von Paulsen mit seinem Programm nicht angestrebt. Paulsen schätzte die in Blankenese wohnenden potentiellen Schüler, die Söhne stolzer und mutiger Seefahrer, als wilde Burschen ein, die nur schwer zu bändigen waren und deren Eigenwillen nur mit straffer Zucht zu brechen sei. Sie hatten bisher, wenn überhaupt, nur Privatschulen besucht, an denen vieles erlaubt war, was an einer öffentlichen Schule nicht gedultet werden konnte. Dafür sollte der von Paulsen als erster Direktor bereits vorher nach einer langen Reise durch das Land ins Auge gefasste Walther Kirschten sorgen.

Die offizielle Wahl zum Direktor erfolgte unter gut 100 Bewerbern und sollte auf Kirschten fallen, obwohl es zwei Bewerber gab, die fachlich durch Publikationen besser qualifiziert und auch finanziell unabhängiger waren als Kirschten, der allein vom Gehalt als Schulleiter leben wollte. Der erfahrene Realschuldirekter Rieken aus Bonn wurde als Bewerber abgelehnt, weil er katholisch war und auch den Anblick des Drachenfelsens am Rhein dem Anblick des Süllbergs in Blankenese vorzog. Der ebenfalls als Realschuldirektor erfahrene Bewerber Lempert wurde abgewiesen, weil er noch drei Monate Zeit benötigte, um seine Abiturienten in Holstein durch die Prüfung zu bringen, und weil er anbot, auswärtige Schüler gegen Kost und Logis bei sich aufzunehmen, was damals durchaus üblich war, zumal auswärtige Schüler ein hohes Schulgeld zahlten. Gewählt wurde am Ende, wie von Propst Paulsen bereits erwünscht der Kandidat Kirschten, der nach mehrjährigen Studienaufenthalten in England und Frankreich gute Fremdsprachenkenntnisse, aber auch eine Einstellung gewonnen hatte, die ihn in nationalen Fragen auf das von Propst Paulsen unterstützte Motto festgelegt hatte: Alles was ich tue, ob es recht ist oder unrecht, es muss dem Wohl meines Landes dienen.

Die Bewertung des in der Folgezeit von Kirschten verfolgten Schulprogramms, lässt sich aus seiner Antrittsrede und aus den späteren Lobreden ableiten, die zu seinem Abschied im Jahr 1922 gehalten wurden. Demnach sah Kirschten die Hauptaufgabe der Schule damals nicht in der Aufklärung und Schärfung des Verstandes und auch nicht in der Vermittlung einer Fülle von nützlichen Kenntnissen, sondern in der Bildung von Charakter und Gemüt. Diese Aufgabe wurde von ihm als mühsam und schwer eingeschätzt, weil es kaum möglich sei, den Eigenwillen eines Schülers zu brechen und nur dann könne ein neuer Charakter aufgebaut werden. Dabei setzte Kirschten stark auf den Wahrheitssinn der Schüler und auf die Wissenschaft als Vermittlerin der Wahrheit. Das Falsche müsse ein Schüler als das Schlechte hassen und das, was falsch ist, solle der Schüler in der Schule erfahren und nicht durch eigenständiges Denken. Damit war Kirschten Anhänger einer autoritären Erziehung, die den schlechten Eigenwillen der Schüler brechen wollte, um die vom Lehrer vorgegebenen Ziele zu erreichen. Auch die von Kirschten als Direktor ausgewählten Lehrer waren nicht frei bei der Wahl ihrer Ziele, sondern waren im vom Kaiser Wilhelm II. aristokratisch beherrschten Deutschen Reich dem Edlen (dem Adel, der Elite), als Vorbild verpflichtet und sollten das Gemeine (gemeine Volk) meiden. Konkrete Ziele der Ausbildung sind in aus erhaltenen Reden von Paulsen und Kirschten nicht zu entnehmen. Angestrebt wurde eine christlich geprägte Ausbildung zu sittlichen, religiösen Menschen und guten Christen, zu wackeren und zuverlässigen Söhnen des Vaterlandes. Dabei wurde das Denken an den Kaiser besonders betont und als heilige, unantastbare, vaterländische, politische Notwendigkeit bezeichnet. Wie wichtig der damaligen preußischen Regierung die Schule als Einrichtung zur Beeinflussung der Jugend war, zeigt der Ausspruch des damaligen Kultusministers Bosse, als er anlässlich der Ernennung von Kirschten als Direktor den bereits vorher 1854 von Ferdinand Stiehl geäußerten Ausspruch „Wer die Schule hat, der hat die Zukunft“ leicht verändert aufnahm und formulierte „Wer die Jugend hat, besitzt die Zukunft.“

In seiner Funktion als Direktor erwies sich Kirschten als ein Mann ohne Eigenschaften, der nichts verlangte und nichts kritisierte, auch nicht sein schlechtes Gehalt. Stattdessen äußerte er gegenüber Kollegen Gemeinplätze wie: Ohne Zusammenwirken kein Erfolg, erging sich in frommen Floskeln, versprach den Eltern christliche Zucht und Sitte, und belehrte Schüler und Eltern mit Leerformeln, wie „Ohne Fleiß kein Preis“ und „Im Schweiße des Angesichts sollst du dein Brot essen.“