mini|Die Wallfahrtskirche auf dem Gartlberg Die Wallfahrtskirche Gartlberg befindet sich in Gartlberg, einem nordöstlichen Stadtteil von Pfarrkirchen in Bayern.
Sie liegt weithin sichtbar auf einem ca. 70 m höher gelegenen Plateau. Die doppeltürmige Barockkirche mit Zwiebelhauben wurde zwischen ca. 1661/62 und ca. 1668/69 von dem aus Graubünden stammenden Kirchenbauer Domeniko Christoph Zuccalli erbaut.Adolf Hochholzer: 300 Jahre Wallfahrtskirche Gartlberg, S. 15. Die beiden Stuckateure Giovanni Battista Carlone und Giovanni Paolo d’Allio, die parallel am Dom zu Passau arbeiteten, gestalteten 1689/90 im Wesentlichen den Chor.Vgl. Nikolaus Wucher: Wallfahrtskirche zur Auferstehung Christi und zur Schmerzhaften Muttergottes, S. 8 und Michael Brix: Wallfahrtskirche zur Schmerzhaften Muttergottes, S. 572f. Der weitere Innenausbau (Chor und Langhaus) zog sich allerdings noch bis 1713 hin und wurde von bayerischen Künstlern bewerkstelligt.Vgl. Nikolaus Wucher: Wallfahrtskirche zur Auferstehung Christi und zur Schmerzhaften Muttergottes, S. 8ff.
Geschichte Entstehung von Wallfahrt und Kirchenbauten auf dem Gartlberg Die heutige Gartlbergkirche verdankt ihre Entstehung im Wesentlichen drei religiös motivierten Wurzeln.
Zum einen war es in Pfarrkirchen mindestens ein halbes Jahrhundert vor der Grundsteinlegung zur Wallfahrtskirche üblich geworden, in der Karwoche ein Passionsspiel (eine „Comedie“) zu geben. 1608 nämlich berichtet eine amtliche Rechnung davon.Vgl. Adolf Hochholzer: 300 Jahre Wallfahrtskirche Gartlberg, S. 14 Aus den Gartlberg-Rechnungen des Jahres 1669 geht dann erstmals hervor, dass das Passionsspiel vom Leiden und Sterben Christi schon innerhalb des wohl kurz vorher fertiggestellten Kirchenbaus aufgeführt wurde: „In der Marterrwochen (Karwoche) hat ermelter (sic) Werckmaister und 3 Zimmerknecht 7 Aichpaumb (Eichenstämme) abgehackt und in der Khürchen auf dem Gärttlberg die Pün (Bühne) zur Comedie aufgemacht.“Adolf Hochholzer: 300 Jahre Wallfahrtskirche Gartlberg, S. 15; vgl. auch Nikolaus Wucher: Wallfahrtskirche zur Auferstehung Christi und zur Schmerzhaften Muttergottes, S. 8
Zum anderen heftete am 3. März 1659 der Pfarrkirchner Bürger und Hutmacher Wolf(gang) Schmierdorffer heimlich ein Vesperbild – die Darstellung der Schmerzhaften Mutter Gottes mit dem toten Christus auf dem Schoß – an eine Föhre, das dieser 1634 in Regensburg von einer protestantischen Familie erworben hatte. Schmierdorffer verrichtete vor dem Bildnis seine tägliche Andacht, zumal ihm seine Ehefrau Vorwürfe gemacht hatte, er vernachlässige dadurch seine Pflichten als Ernährer und Familienvater. Bald entdeckten drei Bauernmädchen das Gnadenbild und schon „an den folgenden Osterfeiertagen erlebte es einen starken Zulauf des frommen Volkes.“Adolf Hochholzer: 300 Jahre Wallfahrtskirche Gartlberg, S. 10 Der Gartlberg war zu jener Zeit zwar noch ein dicht bewaldeter Hügel, besaß aber vermutlich schon den Nimbus eines „heiligen Berges“. Auf seinem Gipfel waren wohl bereits vor der Anbringung des Andachtsbildes oder kurz danach drei Kreuze errichtet worden, ein früher Beleg für eine Kalvarienberg-Anlage im damaligen barocken Bayern.Vgl. Fritz Markmiller: Ein Bildbeleg zur älteren Gestalt des Gartlbergs bei Pfarrkirchen, S. 59 Die Besucher des Passionsspiels, das vom Gründonnerstag bis Karsamstag auf dem Berg aufgeführt wurde, suchten nun auch aus Neugierde das aufgefundene Bildnis auf. Binnen Jahresfrist gingen von diesem Andachtsbild die ersten Wunderzeichen aus. Die anhebende „wilde Wallfahrt auf den Gartlberg“ betrachteten die geistliche und weltliche Obrigkeit anfänglich skeptisch.Vgl. Adolf Hochholzer: 300 Jahre Wallfahrtskirche Gartlberg, S. 11 ff. Bald wurde um die Föhre mit dem Vesperbild eine Holzkapelle gebaut und seit 1660 mit bischöflicher Erlaubnis die Messe gelesen. Der damalige Pfarrkirchner Dekan und Pfarrer berichtete an den Bischof von Passau, dass die frommen Wallfahrer bereits 200 Gulden gespendet hätten.Vgl. Adolf Hochholzer: 300 Jahre Wallfahrtskirche Gartlberg, S. 17
Schließlich begann drittens – noch im Jahr 1659 – die alteingesessene Pfarrkirchner Corpus-Christi-Bruderschaft den Bau einer Heilig-Grab-Kapelle unweit dieses wundertätigen Vesperbildes.Vgl. Adolf Hochholzer: 300 Jahre Wallfahrtskirche Gartlberg, S. 17f. Angesichts der zunehmenden Wallfahrt müssen die Überlegungen zu einem großen Kirchenbau konkrete Formen angenommen haben, denn in einer Bittschrift an das Domkapitel von Passau (zwischen 1662 und 1663) ersuchten die Pfarrkirchner um Zustimmung zu einem Kirchenneubau über der Heilig-Grab-Kapelle: „… Bei dem Wundertettigen vesper bildt am Gärttlberg alhier zu Pfarrkhürchen vnnd yber das Hl: Grab alda Zu vergrösserung der Ehr Gottes auch mehrerer Fried … ein Neues Kürchen Gebeu Zuführen …“Adolf Hochholzer: 300 Jahre Wallfahrtskirche Gartlberg, S. 19
Bereits 1660 wurden für die Wallfahrtsseelsorge Franziskaner-Patres aus dem benachbarten Eggenfelden bestellt. Sie betreuten die ab 1660 immer größer werdende Wallfahrt zum „Wunderbild“ und zur Heilig-Grab-Kapelle und dürften wohl auch die Idee dazu beigesteuert haben, die bestehende Kapelle durch einen Kirchenneubau einzuschalen. Das aktuelle Vorbild hierzu fand sich damals in Assisi, wo seit 1569 die Kirche Santa Maria degli Angeli in Bau war, die 1660 kurz vor der Vollendung stand. Sie überbaute die Portiunkula-Kapelle, in der der Ordensgründer der Franziskaner, der hl. Franziskus, verstarb. Offensichtlich beabsichtigten die Franziskaner, auf dem Gartlberg eine niederbayerische Version der Portiunkula-Kapelle zu errichten. Weitere Beispiele sind die 1631 geweihte barocke Wallfahrtskirche Sammarei im Landkreis Passau und Maria Einsiedeln im Schweizer Kanton Schwyz. Ein beredtes Zeugnis hiervon gibt im Übrigen der von den Franziskanern geförderte Portiunkula-Ablass.Vgl. ehem. Homepage des Salvatorkollegs Gartlberg
Am 16. November 1687 erfolgte die Überführung des Gnadenbildes in die neu errichtete Wallfahrtskirche. Der im Rottal weithin sichtbare barocke Kirchenbau mit zweitürmiger Westfassade erhielt am 11. Juli 1688 seine Weihe nicht nur auf die Grablegung und Auferstehung Christi, sondern auch auf die Schmerzhafte Muttergottes. Die Entstehungsgeschichte der Wallfahrt auf dem Gartlberg fand in diesem Doppelpatrozinium somit ihren folgerichtigen Abschluss.Vgl. Nikolaus Wucher: Wallfahrtskirche zur Auferstehung Christi und zur Schmerzhaften Muttergottes, S. 5
Die Wallfahrt führte in ihren Glanzzeiten über 25.000 Menschen pro Jahr auf den Gartlberg. 1802 brachte die Säkularisation sie dann fast ganz zum Erliegen. Frommen Stiftungen gelang es jedoch, die Wallfahrt durch Benefiziaten zu sichern, die seit 1748 neben der Kirche wohnten.Adolf Hochholzer: 300 Jahre Wallfahrtskirche Gartlberg, S. 15 1921 lösten die Salvatorianer sie ab. Mit ihnen wurde der Gartlberg wieder eine bedeutende Marienwallfahrtstätte. Im Sommer 2014 verließen die Salvatorianer Gartlberg. 2015 übernahm der Paulinerorden das Kloster, von dem aus drei Patres die Wallfahrtsseelsorge betreuen.Neue Ordensniederlassung in Gartlberg.
Heilige Theodora
Vor dem linken Seitenaltar befindet sich die Reliquie der heiligen Theodora.Die Heilige Märtyrerin Theodora.
Zur Baugeschichte mini|Die Wallfahrtskirche von Nordosten mit Heilig-Grab-Kapelle (im Bild links) und Sakristei nach Norden unter Pultdach Chor und Langhaus 1661 konnte der „welsche Maurermeister“ und damalige „Stadtmaurermeister von Burghausen“Nikolaus Wucher: Wallfahrtskirche zur Auferstehung Christi und zur Schmerzhaften Muttergottes, S. 7 Domenico Cristoforo Zuccalli gewonnen werden. Baubeginn dürfte etwa 1662 oder 1663 gewesen sein, zumal die oben erwähnte Bitte um Baugenehmigung in diesem Zeitraum an das Domkapitel von Passau gerichtet war. Als der einheimische Zimmerermeister Zaininger 1670 das Dach über das Langhaus und die welschen Kuppelhauben auf die beiden Westtürme aufsetzte (Höhe: 25 Meter), war der Rohbau fertiggestellt: Es handelt sich um eine einschiffige Anlage mit wenig eingezogenem, gerade schließendem Chor. Die Gesamtlänge beträgt ca. 35 Meter, die Langhausbreite (innen) ca. 10 Meter. Das erste Passionsspiel wurde bereits 1668 in der Gartlbergkirche aufgeführt.Vgl. Nikolaus Wucher: Wallfahrtskirche zur Auferstehung Christi und zur Schmerzhaften Muttergottes, S. 8 und Michael Brix: Wallfahrtskirche zur Schmerzhaften Muttergottes, S. 572 Das Herzstück des neuen Kirchenraumes, die hölzerne Heilig-Grab-Kapelle, schien sich dann allerdings für die Abhaltung der Gottesdienste als störend erwiesen zu haben.Vgl. Erich Eder: Die Entstehung der Wallfahrt zur Schmerzhaften Muttergottes auf dem Gartlberg ob Pfarrkirchen, S. 107f.
Heiliges Grab bzw. Heilig-Grab-Kapelle Um 1670 wurde die inzwischen wohl auch marode gewordene Holzkapelle im Inneren abgerissen und ab August 1677 – wiederum als Grabkapelle – neu errichtet, unmittelbar im Anschluss an den Ostchor der neuen Kirche.Vgl. Adolf Hochholzer: 300 Jahre Wallfahrtskirche Gartlberg, S. 21 Ausführender Baumeister war Carlo Antonio Carlone, der damals in Passau wirkte.
Die Grabkapelle von Carlo Antonio Carlone weist nicht nur von außen betrachtet traditionelle Formen auf, die sich für Kopien der Heiliggrabkapelle in Jerusalem herausgebildet hatten: Spitzbogenblenden mit dazwischentretenden Dreiviertelsäulchen. Sie ist ferner polygonal geschlossen. Auch das Innere, das hinter dem Hochaltar zugänglich ist, weist auf Jerusalem hin. Über einen niedrigen Vorraum gelangt man in die eigentliche Grabkammer, die man nur gebückt betreten kann.Vgl. Michael Brix: Wallfahrtskirche zur Schmerzhaften Muttergottes, S. 572 und Nikolaus Wucher: Wallfahrtskirche zur Auferstehung Christi und zur Schmerzhaften Muttergottes, S. 29
Ausstattung mini|Innenraum mini|Fresko von Carl Adam im 2. Joch vor dem Chorbogen, Mitte: Der hl. Erzengel Michael und ein Engel mit Pfeil und Bogen wehren Satan und die anderen bösen Geister ab
Chor Die Ausstattung des Chores, die Stuckierung sowie die Aufführung des Hochaltars, übernahmen 1688/89 Giovanni Battista Carlone und Giovanni Paolo d’Allio, die beide damals zeitgleich im Passauer Dom tätig waren. Im Chorgewölbe wurden in zwei Jochen je vier Gemälde „in schwerer Farbigkeit“Michael Brix: Wallfahrtskirche zur Schmerzhaften Muttergottes, S. 573 von Carl Adam 1688 ausgeführt. Sie geben die acht Bitten des Vaterunsers wieder: Die Bild-Themen im 1. Joch sind: Gottvater („Vater unser im Himmel“) Engel beten den Namen Jesu an („geheiligt werde Dein Name“) Gottvater sendet seinen Sohn zu den bittenden Menschen („Dein Reich komme“) Christus am Ölberg („Dein Wille geschehe“)
Die Bild-Themen im 2. Joch sind: Die wunderbare Brotvermehrung („unser tägliches Brot gib uns heute“) Sühnender Mensch vor Gott („vergib uns unsere Schuld“) Christus wird vom Satan versucht („führe uns nicht in Versuchung“) Erzengel Michael und ein Engel beschützen den Menschen („erlöse uns von dem Bösen“)Vgl. Nikolaus Wucher: Wallfahrtskirche zur Auferstehung Christi und zur Schmerzhaften Muttergottes, S. 13
mini|Altarblatt „Auferstehung Christi“ von Franz Ignaz Bendl Hochaltar, Altarbild, Tabernakel Der mächtige Hochaltar von Giovanni Battista Carlone und Giovanni Paolo d’Allio „nimmt die gesamte Höhe und Breite der Chorostwand ein und präsentiert sich als eindrucksvoller Viersäulenaufbau mit Sockelzone und kraftvollem Stufengebälk im Segmentbogen.“Nikolaus Wucher: Wallfahrtskirche zur Auferstehung Christi und zur Schmerzhaften Muttergottes, S. 18 Erst 1713 fügte der Münchner Stuckateur Georg Josef Paader die vier Stucksäulen ein – je zwei an den Seiten des großen Altarblattes. Gestützt beziehungsweise getragen werden sie von vier Karyatiden-Engeln. In dem engen Spalt zwischen der Choraußenwand und den Säulen ragt links die Weißstuckfigur des hl. Josef und rechts die des hl. Joachim (Vater Mariens) auf.Vgl. Nikolaus Wucher: Wallfahrtskirche zur Auferstehung Christi und zur Schmerzhaften Muttergottes, S. 18.