August Kratt (* 30. Oktober 1882 in Karlsruhe; † 7. Oktober 1969 in Radolfzell am Bodensee) war ein deutscher Kaufmann, Politischer Leiter der NSDAP und nach dem Tod von Amtsträger Josef Jöhle von 1942 bis 1945 kommissarischer Bürgermeister von Radolfzell. Im Jahr 1962 verlieh ihm die Stadt die Ehrenbürgerwürde.

Leben August Kratt gründete 1919 in Radolfzell einen kleinen Gemischtwarenladen, den er im Lauf der 20er Jahre zu einem größeren Mehrsparten-Warenhaus mit Firmensitz am Marktplatz ausbaute; es bestand dort in dritter Generation als Kommanditgesellschaft bis zur Betriebsaufgabe Anfang 2026.Natalie Reiser: Der Traum vom eigenen Kaufhaus: Das Familienunternehmen Kratt feiert erneut sein Jubiläum. In: Südkurier, 11. Oktober 2019.Vgl. die Eigendarstellung zur Firmengeschichte anlässlich des 90-jährigen Bestehens der Unternehmung 2009: , Südkurier 2009, PDF-Datei.

Zeit des Nationalsozialismus Zum 1. Mai 1933 trat Kratt der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 3.016.638)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/22850477 und saß auf Vorschlag und mit Dienstantritt von Bürgermeister Josef Jöhle ab dem 7. August 1935 im Gemeinderat („Ratsherrenkollegium“); ab 23. Oktober 1935 war er 3. Beigeordneter des Bürgermeisters.Vgl. Sebastian Hausendorf: „Eine böse Mißwirtschaft.“ Radolfzell 1933–1935. UVK, Konstanz 2013, ISBN 978-3-86764-391-7, S. 69 f. Gemäß der Deutschen Gemeindeordnung 1935 war er von einem hauptamtlichen Parteifunktionär, Adolf Schuppel, als Ratsherr berufen und von Bürgermeister Jöhle ernannt worden. mini|„Das führende Kaufhaus“, in: Adreßbuch der Stadt Radolfzell und Umgebung, 1938 mini|Das Sporthaus Kratt: „Reichszeugmeisterei-Verkaufstelle“, in: Adreßbuch der Stadt Radolfzell und Umgebung, 1938 Zum 15-jährigen Firmenjubiläum des expandierenden Unternehmens und nach größerem Umbau der Geschäftsräume erschien 1934 eine hauseigene Broschüre, die Kratts „kaufmännischen Wagemut und rastlose Arbeit“ lobte, durch die sich „aus kleinsten Anfängen das Kaufhaus Kratt (...) zum führenden Haus von Radolfzell und Umgebung“ entwickelt habe.Abgebildet in: Carmen Scheide: Gutachten August Kratt 1882 – 1969, hier im Bildmaterial, S. 50. Nach Übernahme des vormaligen Sportgeschäftes Kurt Uhl im Haus gegenüber (Hinter der Burg 2–4) übertrug August Kratt 1937 die Geschäftsführung der neuen „Sportabteilung“ seiner frisch verheirateten Tochter Erika (1914–2005) und deren Ehemann Franz Knobelspies (1908–1966).Carmen Scheide: Gutachten August Kratt 1882 – 1969, S. 10. Das fortan als „Sporthaus Kratt“ firmierende Einzelhandelsunternehmen verkaufte ab 1937 nicht nur Sportbekleidung, Koffer und Lederwaren, sondern war eine der rund 15.000 offiziellen Verkaufsstellen („braune Läden“) der Reichszeugmeisterei (RZM) für NSDAP-Uniformen und Ausstattungsgegenstände der verschiedenen Parteigliederungen und verbundenen Organisationen, darunter HJ, SA und SS.

Nach eigenen Angaben (1946) war Kratt in den Jahren 1934–1943 Block- und Zellenleiter und damit Politischer Leiter der NSDAP. Neben Jöhle und Ortsgruppenleiter Otto Gräble zählte Kratt zu den bekannten Aktivisten und Funktionsträgern der örtlichen NSDAP. Außerdem war Kratt – nach eigenen Angaben von 1933 bis 1942 – förderndes Mitglied der SS, Ortsbetriebsgemeinschaftswalter Handel der „Reichsbetriebsgemeinschaft Handel und Handwerk“ in der Deutschen Arbeitsfront (DAF), Mitglied im Reichskolonialbund, im Reichskriegerbund und in der antisemitisch ausgerichteten „Arbeitsgemeinschaft deutsch-arischer Fabrikanten der Bekleidungsindustrie e.V.“ (ADEFA).Markus Wolter: Die SS-Garnison Radolfzell 1937–1945. In: Stadt Radolfzell am Bodensee, Abteilung Stadtgeschichte (Hrsg.): Radolfzell am Bodensee – Die Chronik. Stadler, Konstanz 2017, ISBN 978-3-7977-0723-9, S. 268–303, zu August Kratt: hier S. 268 (Bild), 281 und 297 f.

mini|ADEFA-Logo mit „Gütesiegel“ (1937) Die zum Zweck der systematischen „Arisierung“ dieses Wirtschaftszweiges 1933 gegründete, auf Selbstverpflichtung beruhende ADEFA verbot ihren etwa 500 Mitgliedern (Stand 1938) jeglichen Geschäftsverkehr mit jüdischen Produktions- und Handelsbetrieben. ADEFA-Mitglieder warben bereits ab dem Judenboykott im April 1933 mit einem in die Ware eingenähten Logo und „Gütesiegel“ – „aus arischer Hand“ – und versuchten so, das antijüdische Gesellschaftsklima für eigene ökonomische Interessen auszunutzen.Vgl. Dokumentation zum Thema „Arisierung“, Adefa und zur Adefa-Mitgliedschaft von August Kratt. Als im Rahmen der Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben 1938 das Textilgeschäft von Wilhelm Levi in Überlingen aufgelöst und abgewickelt wurde, fungierte August Kratt als erster Schätzer des an „arische“ Branchenkollegen Levis zu veräußernden Warenlagers;Vgl. Oswald Burger: Stolpersteine für Familie Levi, unter: www.dskos.de (Gedenkstättenkuratorium Oberschwaben). die Industrie- und Handelskammer Konstanz unter Bürgermeister Josef Jöhle hatte dessen Beigeordneten als „Branchenkenner“ hierzu vorgeschlagen.Carmen Scheide: Gutachten August Kratt 1882 – 1969. Hier das Kapitel Antisemitismus, S. 28 ff.

mini|„Dem ersten Kurgast im Marine Kurheim Radolfzell“, Konteradmiral Hans-Udo von Tresckow, mit geprägtem Stadtsiegel und Unterschrift des komm. Bürgermeisters August Kratt; signiertes Buch von Ludwig Finckh, 1944.

August Kratt führte – ab 1939 erster Beigeordneter und Stellvertreter („Bürgermeister I.V.“) – die Amtsgeschäfte des am 25. September 1942 nach Krankheit gestorbenen Bürgermeisters Josef Jöhle ab 23. Oktober 1942 bis zum Kriegsende 1945 kommissarisch fort. Die Stadt Radolfzell war mit dem Einzug eines Bataillons der SS-VT „Germania“ seit 1937 eine von insgesamt neun SS-Garnisonsstädten im Deutschen Reich.Markus Wolter: Die SS-Garnison Radolfzell 1937–1945. In: Stadt Radolfzell am Bodensee, Abteilung Stadtgeschichte (Hrsg.): Radolfzell am Bodensee – Die Chronik. Stadler, Konstanz 2017, ISBN 978-3-7977-0723-9, S. 281. Das unter Bürgermeister Jöhle etablierte gute Einvernehmen mit der Waffen-SS, Kasernen-Kommandantur und Waffen-SS-Unterführerschule und deren Belange war unter Kratt gewährleistet. Zu Beginn seiner Amtszeit war der von Häftlingen des Dachauer KZ-Außenkommandos Radolfzell errichtete SS-Schießstand im Radolfzeller Stadtwald gerade in Betrieb genommen worden.Markus Wolter: Die SS-Garnison Radolfzell 1937–1945. In: Stadt Radolfzell am Bodensee, Abteilung Stadtgeschichte (Hrsg.): Radolfzell am Bodensee – Die Chronik. Stadler, Konstanz 2017, ISBN 978-3-7977-0723-9, hier das Kapitel Dachau in Radolfzell – Das KZ-'Außenkommando' 1941-1945, S. 288–294.

Im Sinne Jöhles übernahm Kratt außerdem die Redaktion der von seinem Vorgänger seit 1940 herausgegebenen und jeweils eingeleiteten Feldpostbriefe für Front und Heimat, mit denen die Stadtverwaltung die Verbindung von Heimatfront und Frontsoldaten propagandistisch zu stärken gedachte.Carmen Scheide: Gutachten August Kratt 1882 – 1969, hier S. 20 ff.

Nach eigenen Angaben wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ Ende März 1945 von Gauleiter Robert Wagner seines Amtes enthoben, wurde Kratt zum 1. April 1945 durch den vormaligen NSDAP-Kreisleiter von Saverne, Rainer (René) Schlegel ersetzt. Nach Schlegels Flucht am 21. April 1945 soll sich Kratt, eigenen Angaben zufolge, aus Verantwortungsbewusstsein selbst wieder in das Bürgermeisteramt eingesetzt haben; dagegen ist anzunehmen, dass sich durch Schlegels Einsetzung an Kratts Status als erster Beigeordneter nichts geändert hatte und er nach Schlegels Flucht als dessen Vertreter automatisch wieder kommissarisch amtierender Bürgermeister wurde.Wiki-Seite zur NS-Geschichte Radolfzells; Dokumentation zu Rainer Schlegel (2026). mini|Erinnerungstafel (1995) an die Bewahrung der Stadt vor ihrer Zerstörung am 25. April 1945 – u. a. mit Nennung und Würdigung von August Kratt; Münsterbrunnen, Radolfzell, 2017 Beim Einmarsch der französischen Streitkräfte am 25. April 1945 soll er die „kampflose Übergabe“ ermöglicht haben, indem er im Postamt von Radolfzell die telefonischen Unterhandlungen mit Waffen-SS, Wehrmacht und der anrückenden 1ere Armée maßgeblich führte und gegen den zuvor ausgerufenen Verteidigungsbefehl das Hissen von weißen Fahnen anordnete. Für diese unkritische Selbstdarstellung, die in ein lokalgeschichtliches Narrativ über die Ereignisse des 25. April 1945 eingegangen ist, gibt es keine unabhängigen Belege.Vgl. Markus Wolter: Die SS-Garnison Radolfzell 1937–1945. In: Stadt Radolfzell am Bodensee, Abteilung Stadtgeschichte (Hrsg.): Radolfzell am Bodensee – Die Chronik. Stadler, Konstanz 2017, ISBN 978-3-7977-0723-9, S. 297 f.Vgl. Wiki-Seite zur NS-Geschichte Radolfzells; Dokumentation zu August Kratts Rolle bei der „kampflosen Übergabe“ der Stadt Radolfzell am 25. April 1945. Dennoch wird er auf einer Gedenktafel zum fünfzigjährigen Jubiläum am 25. April 1995, die sich an der Mauer am Münster an der Seetorstraße befindet, entsprechend gewürdigt (siehe Abb.).Richard Deiss: Stadtretter und Stadtbewahrer. 77 Denkmale für Bewahrer, Retter und Wohltäter von Städten. Isny, 2025. S. 84 (m. Abb. d. Tafel) Noch 1997 schreibt die Frankfurter Historikerin Ursula Krause-Schmitt im Heimatgeschichtlichen Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945, August Kratt und Erwin Berger hätten mit den Franzosen über eine gewaltfreie Übergabe verhandelt.Ursula Krause-Schmitt: Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945, Bd. 5/2: Baden-Württemberg II, Regierungsbezirke Freiburg und Tübingen. Verlag für Akademische Schriften VAS, Frankfurt-Hockenheim 1997, S. 61.

August Kratt war mit dem Kriegsverdienstkreuz (1939) (KVK) (ohne Schwerter) ausgezeichnet,Natalie Reiser: Der Traum vom eigenen Kaufhaus. Das Familienunternehmen Kratt feiert erneut sein Jubiläum. In: Südkurier, 11. Oktober 2019. laut Stiftungsverordnung verliehen „für besondere Verdienste bei der Durchführung von sonstigen Kriegsaufgaben, bei denen ein Einsatz unter feindlicher Waffenwirkung nicht vorlag.“ Das Datum und die nähere Begründung der Verleihung sind nicht bekannt und auch nicht, ob es sich um ein KVK I. oder II. Klasse handelte.

Entnazifizierung und Ehrenbürgerschaft Im April 1946 verfügte die französische Militärverwaltung die Beschlagnahme des Kaufhauses Kratt nebst Warenlager und Wohnhaus der Familie bzw. im Kaufhaus die Einrichtung eines Économat des armées zur Versorgung der französischen Besatzungstruppen in der Stadt. Bis zur Freigabe 1955 verblieb Kratt lediglich ein kleiner Verkaufsraum zur eigenen Nutzung. Am Ende eines mehrjährigen Spruchkammerverfahrens wurde Kratt als ehemaliger Funktionsträger und Politischer Leiter der NSDAP als „Aktivist“ beurteilt und der Gruppe der „Minderbelasteten“ zugeordnet. Die deutsche Spruchkammer verhängte 1948 als „Sühnemaßnahmen“ eine Geldstrafe von 5.000 Reichsmark sowie den Verlust der Wählbarkeit und des Rechts, sich weiter politisch zu betätigen oder Mitglied einer Partei zu werden. Ein erstes Spruchkammerurteil von 1947, gegen das Kratt mit rechtsanwaltlicher Unterstützung von Theopont Diez in Revision gegangen war, hatte ein schärferes Strafmaß verhängt: „Beschlagnahme von 80 Prozent des gesamten Vermögens, für 10 Jahre Verbot, eine leitende oder selbständige Tätigkeit auszuüben, für 10 Jahre Entzug des Führerscheins, falls vorhanden, Verbot des Haltens von Kraftfahrzeugen.“Veröffentlicht im Radolfzeller Amtsblatt, Nr. 37, 15. November 1947.